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Die Grossverdiener ziehen davon

Von Iwan Städler, 14. November 2015 10 Kommentare »
Spitzenverdiener versteuern in den Kantonen Zug und Schwyz doppelt so viel wie noch vor fünfzehn Jahren. Bei den Wenigverdienern hingegen stagnieren die Einkommen.

Ein Blick in die Steuerstatistik zeigt: Während sich bei den unteren und mittleren Einkommen relativ wenig bewegt hat, ging oben die Post ab. Am extremsten lässt sich dies in den Kantonen Zug und Schwyz beobachten. Wer dort zum bestverdienenden Prozent gehört, versteuert inzwischen mehr als 700 000 respektive 670 000 Franken pro Jahr.

Dies hat eine Analyse der Steuerdaten durch die Forscher Raphaël Parchet (Uni Lugano) und Marius Brülhart (Uni Lausanne) ergeben. Die neusten Zahlen stützen sich auf Steuerveranlagungen von 2012 und wurden von der Eidgenössischen Steuerverwaltung kürzlich ins Internet gestellt. Aktuellere Daten gibt es nicht, da das Bereinigen der Steuererklärungen bekanntlich Zeit braucht.

Vergleicht man die Zahlen mit jenen früherer Jahre, so fällt vor allem die unterschiedliche Dynamik der verschiedenen Einkommensklassen auf. Während sich die Wenigverdiener in den letzten 15 Jahren nur um 13 Prozent steigern konnten, legten die Spitzenverdiener gesamtschweizerisch um 38 Prozent zu. Dies bei einer Teuerung von 11 Prozent.

Auch die Kantone haben sich sehr unterschiedlich entwickelt. Das verdeutlicht unsere Grafik, welche die Veränderung der steuerbaren Einkommen zwischen 1997 und 2012 für fünf verschiedene Einkommensstufen illustriert.

Hier klicken, um die Vollbildansicht zu öffnen.

Wenigverdiener: Um den Verlauf der Einkommen von Wenigverdienern aufzuzeigen, ziehen wir das sogenannte 25. Perzentil heran. Dies sind jene Werte, bei welchen ein Viertel aller Steuerpflichtigen des jeweiligen Kantons darunterliegt und drei Viertel darüber.
Mittelverdiener: Hier stützen wir uns auf den Median – also auf jenes mittlere Einkommen, bei welchem die Hälfte der Steuerpflichtigen darüberliegt und die andere Hälfte darunter. Man spricht auch vom 50. Perzentil.
Gutverdiener: Ein Zehntel aller Steuerpflichtigen liegt über diesen Einkommen, 90 Prozent darunter. Es handelt sich also um das 90. Perzentil.
Sehrgutverdiener: 5 Prozent versteuern mehr, 95 Prozent weniger als im 95. Perzentil ausgewiesen.
Spitzenverdiener: Die Einkommen des 99. Perzentils werden von einem Prozent aller Steuerpflichtigen überboten. Die übrigen liegen darunter.

Der Übersichtlichkeit halber sind die Werte von 1997 und 2012 direkt miteinander verbunden, ohne die Entwicklung in den Jahren dazwischen detailliert aufzuzeigen. So lässt sich die Einkommenssituation in den verschiedenen Kantonen auf einen Blick erfassen: Je höher die Kurve liegt, desto mehr versteuern die Einwohner. Und je steiler die Linie verläuft, desto stärker sind die Einkommen in den letzten 15 Jahren gestiegen.

Markant sind die Unterschiede vor allem bei den Spitzenverdienern. Hier zogen Zug und Schwyz regelrecht davon. Zwischen 1997 und 2012 haben sich die dortigen Spitzeneinkommen verdoppelt respektive fast verdreifacht. Stark steigern konnten sich auch die Kantone Genf und Obwalden, die einen Anstieg um 78 respektive 65 Prozent verzeichnen. Die Einführung einer sogenannten Flat Rate Tax in Obwalden erzielte also die beabsichtigte Wirkung: Die tiefen Steuern haben viele Grossverdiener angezogen. Dasselbe gilt natürlich für Zug und Schwyz.

Der Kanton Zürich kann derweil auf ein durchschnittliches Einkommenswachstum zurückblicken. Er liegt jetzt bei den Spitzenverdienern an sechster Stelle. Bern konnte sich nur um 17 Prozent steigern und rutschte auf den fünftletzten Platz zurück. Ganz unten rangiert der Kanton Uri – hinter dem Wallis und dem Jura.

Superverdiener mit 13 Millionen

Gerne hätten wir auch die Einkommensentwicklung des bestverdienenden Zehntausendstels dargestellt. Doch das hätte unsere Grafik gesprengt. In Genf versteuern diese Superverdiener nämlich mehr als 13 Millionen Franken – nach allen Abzügen, wohlverstanden.

Halb so hoch ist das Einkommen der Superverdiener in Basel mit mehr als 6,5 Millionen Franken. Wie hoch es in Zug und Schwyz ist, gibt die Eidgenössische Steuerverwaltung nicht bekannt. Denn dort umfasst das bestverdienendste Zehntausendstel weniger als zehn Steuerpflichtige. Man könnte also Rückschlüsse auf die Einkommen einzelner Superverdiener ziehen.

Gesamtschweizerisch vermochte diese Gruppe in den letzten fünfzehn Jahren um 67 Prozent zuzulegen. Deutlich weniger spektakulär entwickelten sich – wie bereits erwähnt – die Einkommen der Wenigverdiener. Einzig Genf hat hier einen markanten Anstieg zu verzeichnen. 1997 deklarierten dort noch mehr als ein Viertel aller Steuerpflichtigen kein steuerbares Einkommen, weshalb das 25. Perzentil bei null Franken lag. Unterdessen ist es auf 18 000 Franken gestiegen. Damit hat Genf das Wallis überholt, das nun mit 6100 Franken das Schlusslicht bei den Wenigverdienern bildet. Ganz oben auf der Skala steht auch hier der Kanton Zug mit 29 900 Franken – gefolgt vom Aargau und Nidwalden. Zürich rangiert auf Platz 6, Bern auf Platz 20.

Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Median, also beim mittleren Einkommen. Hier liegt Zug mit 56 500 Franken vor Basel-Land und Zürich. Derweil versteuert der Mittelstand im Jura, im Tessin und im Wallis am wenigsten.

Unter den Gemeinden weist das freiburgische Greng das höchste Medianeinkommen aus. Ein Grossteil der 170 Einwohner wohnt dort fürstlich auf dem Schlossareal. Überhaupt fällt auf, dass acht der zehn Gemeinden mit den höchsten Medianeinkommen in der Westschweiz liegen. Hinzu gesellen sich das zürcherische Uitikon-Waldegg und Pfeffingen im Kanton Basel-Land.

Das höchste Durchschnittseinkommen erzielt dagegen mit 773 364 Franken die Waadtländer Gemeinde Vaux-sur-Morges. Dafür verantwortlich ist ein einziger Mann: Roche-Vizepräsident André Hofmann. Er sorgt mit seinem Supereinkommen für rund 90 Prozent der Steuereinnahmen seiner Gemeinde. Vaux-sur-Morges weist auch den höchsten Gini-Koeffizienten aus. Das heisst: In keiner anderen Schweizer Gemeinde ist das Einkommen ungleicher verteilt. Liegt der Gini-Koeffizient bei 1, verdient einer alles und die anderen nichts. Liegt der Wert bei 0, verdienen alle gleich viel. Vaux-sur-Morges kommt auf 0,939.

Am gleichmässigsten verteilt sind die Einkommen derweil in den drei Berner Gemeinden Scheunen, Rebévelier und Meienried. Gesamtschweizerisch stieg der Gini-Koeffizient zwischen 1997 und 2012 von 0,473 auf 0,493, was das Abheben der oberen Einkommen widerspiegelt.

“Über Steuern wird viel umverteilt”

Der Chefökonom des Gewerkschaftsbunds, Daniel Lampart, sieht sich durch die Zahlen bestätigt. Er moniert seit längerem, die Einkommensschere sei in der Schweiz stark aufgegangen. Lampart führt dies insbesondere auf hohe Bonuszahlungen zurück. Er plädiert für einen Verzicht auf solche Bonussysteme und verlangt stattdessen generelle Lohnerhöhungen. Auch will er in allen Branchen Mindestlöhne einführen und Steuerreduktionen für hohe Einkommen rückgängig machen.

Frédéric Pittet vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse sieht dagegen keinen politischen Handlungsbedarf. Es sei zwar richtig, dass der Einkommensanteil des bestverdienenden Zehntels zugenommen habe. “Doch über Steuern wird viel umverteilt”, relativiert Pittet. Entsprechend würden heute die Besserverdienenden einen deutlich höheren Anteil an die Steuereinnahmen leisten als noch zur Jahrtausendwende.

Alles in allem, findet der Steuerexperte von Economiesuisse, sei die Einkommensverteilung relativ konstant geblieben – selbst wenn die Bestverdienenden stärker zugelegt hätten als der Mittelstand und die Wenigverdiener. Im internationalen Vergleich weise die Schweiz denn auch eine relativ gleichmässige Verteilung auf, so Pittet. “Dadurch ist der Umverteilungsbedarf kleiner als in anderen Ländern.”

10 Kommentare zu “Die Grossverdiener ziehen davon”

  1. Gregor Hoffmann sagt:

    Schade, dass hier punkto Zahlen ein falsches Bild vermittelt wird. Warum schreibt der Autor in keinem Satz, dass es sich um das steuerbare Einkommen handelt. Leute, die das nicht wissen, suchen sich auf der Grafik die falsche Kategorie aus. Schade für die ganze Arbeit.

  2. Die Tageszeitungen strotzen zunehmend vor sinnleeren, inhaltslosen Kommentaren. Statt Hintergründe über die in der Verfassung verankerten, jedoch längst verratenen Werte, Tugenden, und die Abdrift in die Dekadenz und geistige Verblödung, unserer, dem Mammon verfallenen Gesellschaft im Westen (der Osten holt auf…) wiederholen sie mantramässig auch in diesem Artikel blöde wertlose Statistiken über Wenigverdiener, Mittelverdiener, Spitzenverdiener, Steuerparadies. Das bringt keine Erkenntnis! Wir wissen längst, wie der animalische Mensch handelt! Journalisten, erkennt endlich, dass ihr mit von der Konkurrenz klonierten Themen und Texten einst eure hohe Reputation verschachert habt.

  3. Gerhard sagt:

    “Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht.” Beziehungsweise, bis der soziale Frieden explodiert. Auch die Leidensfähigkeit der äusserst duldsamen Schweizer ist nicht unerschöpflich.

  4. Joe Amberg sagt:

    …und SVP/FDP/”Bern” etc. verbreiten gebetsmühlenartig weiterhin die Lüge dass sich die Einkommens- und Vermögensschere NICHT permanent weiter öffnet…

  5. Leo Niederberger sagt:

    Sehr interessant, diejenigen die Geld haben sind wegen dem auch nicht gluecklicher,
    und es verunfallen auf der Welt sehr viele Elite Mitglieder
    und Banker springen aus den Fenstern.

  6. Eduard J. Belser sagt:

    Diese Umverteilung nach oben und auf wenige ist die logische Folge konsequenten des FDP/SVP-Dschihads gegen die Normalverdienenden in diesem Land. Aber einmal mehr haben das in den Eidgenössischen Wahlen 2015 zu wenige begriffen und es fanden sich wieder genügend der dümmsten Kälber, die ihre Metzger selber wählen.

  7. Pascal Meister sagt:

    Die Statistik ist zwar rechnerisch korrekt, aber sagt über die Einkommensentwicklung schlicht nichts aus. Denn dazu müssten dieselben Menschen jeweils enthalten sein. Wenn Vielverdiener aus dem Ausland und der übrigen Schweiz nach Zug und Schwyz ziehen und Geringverdiener wegziehen, dann hat deswegen kein Mensch mehr verdient! Man müsste zB anonymisiert 1000 Gutverdiener zufällig herauspicken und davon das Einkommen jener vergleichen, die im gleichen Kanton geblieben sind.

  8. N. Kamber sagt:

    Da die Steuern und Gebühren bei der Mittelklasse erhöht werden (z.B. Erhöhung der MWSt, Einführung von stets neuen Gebühren, Erhöhung der Einkommenssteuern um Unternehmenssteuerreduktion zu finanzieren), während sie gleichzeitig bei der Oberklasse reduziert wird (z.B. Reduktion der Besteuerung von Dividenden und Unternehmen, Abschaffung von Erbschaftssteuern, Einführung der Flat-tax, Ausbau der Pauschalbesteuerung etc.) findet eine zusätzliche Umverteilung von unten nach oben statt.

    • Martin Muheim sagt:

      Trotzdem werden unsere rechten Parteien nicht Müde zu behaupten, die Einkommens – und Vermögensschere öffne sich nicht weiter.

      • Greub Heinz sagt:

        Ich möchte jedem Schweizer der nicht zufrieden ist mit seinem Einkommen raten, sich in Wirtschaftsangelegenheiten
        z.B. Bilanzen und Geschäftsberichte lesen weiterzubilden. Danach bei seiner Bank ein kostenloses Börsenprogramm herunterladen. Sodann zuerst 1-2 Jahre mit einem virtuellen Portefeuille und 10 CH-Bluechipsaktien jeden Tag 15′ Zeit investieren, um sich mit der Sache vertraut zu machen. Vor 15 Jahren bin ich voll eingestiegen und habe bis heute als Laie eine durchschnittliche Rendite vor Steuern von 6,39% auf dem eingesetzten Kapital erwirtschaftet. Das entspricht ca. den Zahlen was Pensionskassen ausweisen, mit ihrem Heer von Anlageberatern und ihren Zinsfressenden…