Mein erster Streit mit Siri

Der Zauber der Dinge kehrt zurück.

Das Ding anzuschreien, bringt meist nicht viel. Foto: iStock, Montage: Nathalie Blaser

Als Konsument hat man ständig mit Dingen zu tun, meine Damen und Herren. Darinnen besteht ja überhaupt das Wesen des Materialismus. Besonders das urbane Leben in der Spätmoderne ist geprägt von Lebensstilen, die sich aus dem Konsum von Dingen, Räumen und Ereignissen zusammensetzen. Das Ding als Ding bietet dem Menschen einen erprobten taktilen und sinnhaften Zugriff auf die Welt, es sichert ihm Handlungsmöglichkeiten und eine relative Konsistenz und Beständigkeit seiner physischen Umwelt. Damit soll gesagt werden: In einer zunehmend unsicheren Welt garantieren die Dinge mit ihrem Ding-Sein die Berechenbarkeit eines Handlungskontextes. Idealerweise. In der Theorie. In der Praxis ist es so: Die Dinge funktionieren nicht immer.

Das Ding antwortet

Das war schon immer so. Darinnen wiederum besteht die Tücke des Objekts. Was macht man dann, als Konsument? Man kann reklamieren. Oder das Ding anschreien. Ich glaube an die beseelte Tücke (und auch Güte) des Objekts. Dann kann es schon mal vorkommen, dass ich einen Fahrkartenautomaten anschreie oder einem Nasenhaarschneider drohe.

Neu ist: Das Ding antwortet. Damit wird kulturanthropologisch die nächste Stufe erklommen: Dem Objekt wohnt nicht nur eine Widerständigkeit inne, an der der Mensch lernen oder scheitern kann; es wehrt sich auch, wenn man es zusammenstaucht. Wenn Sie mich fragen, wird hier eine ganz neue ontologische Kategorie begründet, die in der Fantasie zwischen Lebendem und Maschinellem angesiedelt ist. Auf diese Weise ist die Spätmoderne doch noch nicht gänzlich entzaubert. Lassen Sie mich als Beispiel folgenden Dialog mit meinem Telefon anführen:

Ich: Are you crazy?

Siri: I’m doing my best, Philipp.

Ich: Sorry.

Siri: It’s all good, Philipp.

2 Kommentare zu «Mein erster Streit mit Siri»

  • Meinrad sagt:

    Zuviel Zärtlichkeit zu den Dingen ist nicht angebracht, da dabei vergessen geht, dass sich das im Grunde gewollte Widersprechen aus dem angegangenen Ding auslagert, sich aufstaut und zu Frustrationen führt. Seltsam ist nur, dass sich Siri auf den Anwurf hin nicht wehrt. Dieses Nicht-Widersprechen von Siri als Algorithmus (Ding) ist so besehen tatsächlich eine neue Färbung der Ontologie, wie diese zumindest Hegel in seiner Logik beschrieb. Aber ich denke, Hegel würde sich über das Ganze gesehen darob nicht gross kümmern, da er, soweit ich sehe, einer der letzten Philosophen war, die Lebendes und Maschinelles erlebnisbezogen noch nicht unterschied: Das Erlebnis ist ganz und gar Geist.

  • Ano nym sagt:

    Dass das Ding antwortet ist ja das eine. Dass es dazu die Antworten und Fragen vercloudisiert und wohl auf alle Ewigkeit speichert ist das andere…

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