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Köppels Wangen, Blochers Lippen

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 12. Januar 2012

Was sagt das Gesicht über den Charakter aus? Die Gesichterleserin Tatjana Strobel lehrt, wie man Menschen durchschauen kann.

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Wer wünschte sich nicht, andere Menschen durchschauen zu können? Nachdem ein Unbekannter in ihrem Gesicht gelesen hatte wie in einem offenen Buch, gab Tatjana Strobel ihre Chefstelle in der Kosmetikbranche auf und reiste nach Indien, «um diese uralte Kunst zu erlernen». Heute gehört die 40-Jährige zu den Gefragtesten ihres Fachs. Ihr Buch «Ich weiss, wer du bist» findet reissenden Absatz.

Frau Strobel, wie oft hat sich Ihr Buch «Ich weiss, wer du bist» in den neun Monaten seit Erscheinen verkauft?
TATJANA STROBEL: Ich kenne die definitiven Zahlen von 2011 noch nicht, aber wir dürften die 100’000er-Marke überschritten haben.

Die Physiognomik entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage, dennoch verkauft sich Ihr Buch über das «Geheimnis, Gesichter zu lesen», in so kurzer Zeit 100’000-mal – wie erklären Sie sich das?
(Lacht laut) Ich weiss nicht, warum mein Verlag und meine Agenturen so skeptisch waren – bei dieser spannenden Materie müsste man vieles falsch machen, um mit einem Buch keinen Erfolg zu haben.

Vermutlich haben Sie die Sehnsucht der Menschen nach einfachen Antworten angesprochen. Wer Mühe hat mit Komplexität wünscht sich einfache Techniken, die ihm erlauben, Menschen zu durchschauen und sie in Schubladen zu stecken.
Einverstanden, es gibt ein verbreitetes Bedürfnis, sich selber und andere schnell und auf einfache Art und Weise zu erkennen. Es geht mir allerdings nie darum, jemanden zu demaskieren und blosszustellen. Mein Hauptantrieb ist, zu verstehen, warum andere Menschen so sind, wie sie sind, und was das für meine Kommunikation mit dieser Person bedeutet. Da kommt es nicht nur darauf an, die 330 Merkmale des Kopfs richtig zu deuten, sondern auch auf die Interpretation der Mimik, der Stimme, der Körpersprache, der allgemeinen Erscheinung. Wir alle machen uns in den ersten 90 Sekunden ein Bild von unserem Gegenüber – je besser wir diesen Prozess verstehen, desto weniger Fehleinschätzungen unterlaufen uns und desto sicherer werden wir in der Interaktion mit dem Gegenüber.

Die Kehrseite ist, dass die Physiognomie immer wieder missbraucht wurde, um Menschen mit bestimmten Schädelformen oder ganze Bevölkerungsgruppen zu diskriminieren. Stört Sie das nicht?
Pädophile nutzen das Internet, um sich mit Kindern zu verabreden, Terroristen, um Anschläge vorzubereiten – sollen wir deswegen das Internet verbieten? Ich biete nicht Hand dazu, Leute zu stigmatisieren oder zu manipulieren. Ich will mithelfen, dass viele Leute ihre Menschenkenntnis erweitern.

Sie schreiben derzeit in Indien ein Buch über Partnerschaft. Was zeichnet stabile Beziehungen aus?
Je ähnlicher sich die beiden Partner sind, desto grösser sind die Chancen, dass sie über längere Zeit eine stabile Beziehung führen. Es ist empirisch belegt, dass Partner mit ähnlichen Wertevorstellungen besser zusammenpassen. Studien des britischen Psychologen David Perett haben zudem gezeigt, dass wir unbewusst einen Partner suchen, der uns wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Legt man Probanden Fotos von möglichen Partnern vor und baut in eines davon wesentliche Gesichtszüge des Probanden ein, wählt dieser mit hoher Wahrscheinlichkeit sich selber aus. Optische Ähnlichkeit ist also durchaus ein Erfolgsfaktor. Ähnliches stellt man fest, wenn man untersucht, wer aus welchem Grund welches Haustier anschafft.

Sie hatten zunächst in der Kosmetikbranche Karriere gemacht – wie wurden Sie zur Expertin für Physiognomie und Körpersprache?
Ich stehe seit 20 Jahren in engem Kontakt mit Menschen. Neben dem Studium der Sozialpädagogik hatte ich als Kellnerin und in der Promotion gearbeitet, später war ich im Vertrieb sehr erfolgreich, schliesslich war ich für alle Schweizer Filialen und Mitarbeiter des Kosmetikkonzerns Marionnaud verantwortlich. Schon immer habe ich mich für alles interessiert, was mit Menschenkenntnis zu tun hat: Ich bildete mich weiter in Neurolinguistischem Programmieren, in Structogram-Training, in Körpersprache nach Samy Molcho, in Transaktionsanalyse und so weiter. Eines Tages trat an einem Kundenevent ein Gesichterleser auf. Zuerst dachte ich: Was für ein Humbug. Dann traf es mich wie ein Blitz.

Was hat Sie so beeindruckt?
Dieser Mensch konnte nichts über mich wissen, aber er las in meinem Gesicht wie in einem offenen Buch. Er sagte mir, dass ich es nicht länger als zwei Jahre an einem Ort aushalte, dass ich sehr neugierig und hoffnungslos optimistisch bin. Ich war sprachlos, was nicht oft vorkommt, und schloss die ganze Nacht kein Auge.

Was raubte Ihnen den Schlaf? Sie hatten ja nur Dinge erfahren, die Sie im Grunde schon wussten.
Alles, was ich in den Jahren zuvor gelernt hatte, bekam in dem Moment einen Sinn. Plötzlich hielt ich den roten Faden für mein Leben in der Hand. Jahrelang hatte ich von der Selbständigkeit geträumt, aber aus Angst nichts unternommen. Ich verdiente ja auch unheimlich viel Geld in meiner Angestelltenfunktion, fuhr einen BMW X5 und lebte in einer 300-Quadratmeter-Loftwohnung. Nach dem Erlebnis mit dem Gesichterleser kündigte ich meinen Kaderjob, bezog in einer WG ein 14-Quadratmeter-Zimmer und reiste nach Indien und Sri Lanka, um die uralte Kunst des Gesichterlesens von Grund auf zu lernen. Meine Freunde hielten mich für komplett verrückt, ich selber hatte keine Zweifel, dass dies der richtige Weg war.

Der kommerzielle Erfolg liess auch diesmal nicht lange auf sich warten. Auf Ihrer Homepage sind die Daten der diversen Referate und Schulungen inklusive Kreuzfahrt nach Indien in der Rubrik «Tatjana on tour» aufgelistet. Das klingt ein wenig nach einem Pop-Star auf Tournee…
(Lacht) Ich sehe mich nicht als Pop-Star, aber ich habe eine gute PR-Agentur und ein gesundes Selbstwertgefühl. Gleichzeitig bin ich wahrscheinlich der selbstkritischste Mensch auf dieser Welt. Es geht mir nicht in erster Linie darum, mit Büchern und Seminaren viel Geld zu verdienen. Es ist meine Berufung, viele Leute zu erreichen und dafür zu sorgen, dass sie aus der Ego-Falle herauskommen und sich wieder für ihre Mitmenschen interessieren. Ich habe Kundenberater gecoacht, die wussten nach einem einstündigen Gespräch nicht einmal, welche Augenfarbe ihr Gesprächspartner hatte oder was für Kleider er trug – so sehr waren sie mit sich beschäftigt. Solcher Narzissmus ist Gift für alle Beziehungen.

Sie waren letztes Jahr in unzähligen Fernsehsendungen zu Gast, bekommen dem Vernehmen nach bald eine eigene Sendung. Wo soll das alles hinführen? Gibt es einen Masterplan für Ihre Karriere?
Ich will weiterhin Bücher schreiben, mindestens eines pro Jahr; bis ans Lebensende sollen es 60 Bücher sein. Ansonsten schaue ich, was mir zugetragen wird, was sich ergibt, wenn ich dem Wink des Schicksals folge. Wohin das führen soll? Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Solange ich solche Glücksmomente erlebe bei der Arbeit und so viel Energie spüre wie jetzt, ist alles stimmig.

Kontakt und Seminartermine:
www.tatjanastrobel.ch
info@ts-headworks.de

Literatur:
Tatjana Strobel: Ich weiss, wer du bist. Das Geheimnis, Gesichter zu lesen. Droemer Knaur Verlag. 208 Seiten. 8.99 Euro.


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