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«Wer nie etwas probiert, gibt dem Glück keine Chance»

Mathias Morgenthaler am Freitag den 9. Dezember 2011
Yves Bangerter

Yves Bangerter

Andere wandern kurz vor der Pensionierung aus, Yves Bangerter kündigte in seinem 30. Lebensjahr den gut dotierten Job in Zürich und kaufte sich ein Flugticket nach Santiago de Chile. Dass er nebst Sonne, Strand und Surfgelegenheiten auch rasch den perfekten Beruf finden würde, ahnte er damals nicht. Heute, knapp zwei Jahre später, möchte er nicht mehr tauschen. Download der PDF-Datei
Herr Bangerter, Sie haben vor knapp zwei Jahren ohne Not Ihre Stelle in Zürich gekündigt und ein Flugticket nach Santiago de Chile gelöst. Mussten Sie fliehen?
YVES BANGERTER: (Lacht) Wenn es eine Flucht war, dann war sie von langer Hand geplant. Im Ernst: Ich bin schon mit meinen Eltern viel gereist und habe so meine Liebe zu fremden Kulturen und Sprachen entdeckt. Während des Gymnasiums absolvierte ich ein Austauschjahr in St. Louis, USA. Ein Erasmusjahr während des Studiums brachte mich auf die französischen Insel La Réunion, später kamen weitere Reisen und Sprachaufenthalte dazu. Als ich dann nach dem Studium in Zürich bei einer international tätigen IT-Firma arbeitete, hoffte ich darauf, für diese Firma ins Ausland gehen zu können. Leider zeichnete sich keine Gelegenheit ab, und als ich auf die dreissig zuging, sagte ich mir: «Jetzt musst du gehen, sonst schlägst du hier Wurzeln und richtest es dir gemütlich ein mit deinem schönen Schweizer Gehalt.»

Fällen Sie immer Bauchentscheide bei so wichtigen Fragen?
Wenn man als Schweizer seine Stelle kündigt und ein Projekt im Ausland in Angriff nimmt, geht man kein sehr hohes Risiko ein. Ich spürte einfach, dass die Zeit reif war. Also ging ich am 2. Januar 2010 zu meinem Chef ins Büro und kündigte. Dann kaufte ich ein Flugticket nach Santiago de Chile, ohne zu wissen, was ich dort arbeiten werde – «into the wild» sozusagen. Ich sehnte mich einfach nach Sonne, Meer, Surfen und einer neuen beruflichen Herausforderung in unvertrauter Umgebung.

Und Sie flogen nach Chile ohne zu wissen, was sie dort arbeiten werden?
So war es geplant, ja. Natürlich erzählte ich im Kollegenkreis von meinem Entscheid, und so erhielt ich im Februar von einer Kollegin via Mail die Nachricht, eine Sprachreiseagentur in Chile suche Verstärkung. Zwei Schweizer hatten Yalea Sprachreisen gegründet, um weltweit Sprachaufenthalte anzubieten. Noch vor meinem Abflug traf ich den Geschäftsführer in der Schweiz und wir einigten uns darauf, dass ich ein halbes Jahr für das Unternehmen in Chile arbeiten würde. So hatte ich wider Erwarten doch schon einen Job, als ich Ende März 2010 den gebuchten Flug antrat.

Wie rasch fanden Sie sich zurecht in der neuen Umgebung?
Die letzten Wochen in der Schweiz waren turbulent. Einen Monat vor dem Flug wurde Chile von einem der heftigsten Erdbeben erschüttert – ein Steilpass für meine Kollegen, die ohnehin fanden, ich sei verrückt, einfach so die Zelte abzubrechen in der Schweiz. Ich ging dann relativ unvorbereitet nach Chile, fand mich aber dank meinen Spanisch-Kenntnissen und der Hilfe meines neuen Arbeitgebers vor Ort rasch zurecht. Als ich nach sechs Monaten wie geplant für ein paar Wochen in die Schweiz zurückkehrte, war mir jedenfalls klar: Mich zieht es wieder nach Santiago. Da ich bei Yalea in die Geschäftsleitung aufsteigen konnte, war es auch beruflich reizvoll für mich.

Unterscheidet sich die Arbeitswelt in Chile fundamental von jener in der Schweiz?
Chile hat neben Brasilien sicher den höchsten Standard in Südamerika, die Firmen sind gut aufgestellt, die meisten Angestellten sind ehrgeizig und fleissig. Auffallend sind die sehr hierarchischen Strukturen. In einem chilenischen Unternehmen geht keiner, so lange der Chef noch da ist, jeder Entscheid braucht den Segen von ganz oben. Als ich in Santiago in eine neue Wohnung zog, wollte ich in einem Supermarkt ein paar Plastiktüten holen für meine Kleider. Ich rannte in vier Läden an, niemand wollte das Risiko eingehen, mir ohne Erlaubnis von oben etwas rauszugeben. Im fünften Anlauf gelang das Unterfangen – der Warenhauschef persönlich gab grünes Licht.

Warum sitzt Yalea Sprachreisen mit den rund 20 Angestellten eigentlich in Santiago de Chile und bearbeitet den Schweizer Markt von dort aus?
Die Schweiz ist zwar unser grösster Markt, aber da wir anfänglich nur Spanisch-Sprachaufenthalte anboten, war es entscheidend, dass wir die Destination perfekt kennen. Wir organisieren die Aufenthalte sehr individuell, kümmern uns um Visa, Flüge, Unterkunft, Freizeitgestaltung, Notfallbetreuung –wie ein gutes Reisebüro. Dazu kommt, dass die Lohn- und Lebenskosten in Chile deutlich tiefer sind in der Schweiz, die Auswahl an qualifizierten Mitarbeitern aber ähnlich gross ist. Wir bieten inzwischen acht Sprachen und über 100 Destinationen an, ein Grossteil der Dienstleistungen erbringen wir via Internet. 60 Fachlehrer betreuen mittels Online-Training unsere Kunden – E-Learning wird immer wichtiger für die Vor- und Nachbereitung von Sprachaufenthalten.

Sind Sie auch im chilenischen Markt tätig?
Ja, Englisch-Kurse sind hier sehr gefragt. Eine Sekretärin, die Englisch beherrscht, verdient rasch einmal doppelt so viel wie ihre Kollegin ohne entsprechende Kenntnisse. Weil die USA und Europa wichtige Handelspartner von Chile sind, ist Englisch ab einer gewissen Hierarchiestufe unentbehrlich. Einen Standortvorteil habe ich übrigens vergessen: Da wir zeitlich gegenüber Mitteleuropa vier bis sechs Stunden zurückversetzt sind, können uns Schweizer Kunden bis 22 Uhr erreichen. Das ist in diesem hart umkämpften Schweizer-Sprachaufenthalt-Markt nicht ganz unwichtig.

Das klingt so, als würden Sie nicht so bald wieder in die Schweiz zurückkehren.
Ich geniesse es sehr, hier mit jungen Kollegen ein Unternehmen aufzubauen und täglich vier Sprachen zu sprechen. Ein bis zwei Monate pro Jahr bin ich in der Schweiz, um Partner, Kunden, Familie und Freunde zu besuchen. Man kann ein Business nicht ausschliesslich übers Internet betreiben. Mein Lebensmittelpunkt ist aber vorderhand in Chile. Mein Bruder und ich haben uns sogar ein Stück Land am Strand gekauft. Vielleicht bauen wir hier einen sanften Surftourismus auf, kombiniert mit kulinarischen Angeboten. Ich sehe hier jeden Tag Möglichkeiten, ein neues Geschäft zu lancieren.

Wie hat sich Ihr Blick auf die Schweiz verändert in den knapp zwei Jahren?
Wenn ich sehe, wie chaotisch sich die Leute hier in die Selbständigkeit stürzen, wundere ich mich schon, wie sicherheitsbesessen wir in der Schweiz sind. Wir realisieren gar nicht, welch immense Startvorteile wir haben – uns stehen alle Türen offen, wir können alles ausprobieren, ohne viel zu riskieren. Viele zögern so lange, bis drei andere ihre Idee umgesetzt haben. Wer nie etwas probiert, gibt dem Glück keine Chance, es gut mit ihm zu meinen. Ich glaube, manchmal wissen wir Schweizer gar nicht genau, wovor wir uns eigentlich fürchten. Selbst wenn man etwas wagt und es nicht hinhaut, hat man viel gelernt und erfahren.

Kontakt und Information:
www.yalea.com/sprachreisen
yves@yalea.com

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Ein Kommentar zu “«Wer nie etwas probiert, gibt dem Glück keine Chance»”

  1. Günter sagt:

    mir gefällt seine einstellung! hoffentlich eine ermutigung für andere. wünsche viel freude und erfolg.