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«Warum küren wir nicht die 300 freigiebigsten Unternehmer?»

Mathias Morgenthaler am Montag den 5. Dezember 2011
Christoph Meili

Christoph Meili

Die Schweiz stehe heute zu stark für Banken, Berge und Schokolade statt für Innovation und Exzellenz, sagt Christoph Meili, Geschäftsführer der Innovationsgesellschaft und Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen. Es wäre dringend nötig, dass die Schweiz sich auf ihre Stärken besinne. Speziell in der Nanotechnologie ortet Meili grosses Potenzial.


Herr Meili, Sie waren Gymnasiallehrer für Biologie und Chemie, heute sind Sie Unternehmensberater und Geschäftsführer der Innovationsgesellschaft in St. Gallen. Was machen Sie da genau?
CHRISTOPH MEILI: Ich bin nach meiner Dissertation an der HSG eher zufällig zum Risikomanagement gekommen. Da es wenig Ingenieure in Chefetagen gibt, tun sich viele Manager schwer mit technologischen Fragestellungen. Das hat Auswirkungen aufs Innovations- und Risikomanagement. Gerade beim Thema Risiko ziehen die meisten Manager rasch den Schwanz ein. Das ist fatal, weil Risiko- und Innovationsmanagement untrennbar miteinander verbunden sind. Unser Beratungsansatz umfasst deshalb immer Chancen- und Risikoaspekte. Wir beschäftigen uns vor allem mit neuen Technologien die ein grosses Zukunftspotenzial haben wie z.B. Cleantech oder Nanotechnologie.

Heute reden alle von den unbegrenzten Möglichkeiten der Nanotechnologie.
Zurecht, denn die Nanotechnologie ist für die Schweiz eminent wichtig. Umso wichtiger ist es, dass die Chancen und Risiken professionell gemanagt werden, damit keine Abwehrhaltung in der Bevölkerung entsteht wie beispielsweise bei der Gentechnologie.

Dieser Tage informierte die EMPA, sie habe dank Nanotechnologie eine goldbeschichtete waschbare Krawatte entwickelt, die für 7500 Franken erstanden werden könne. Darauf hat niemand wirklich gewartet.
(Lacht) Nein, das ist mehr eine Spielerei. Aber es gibt sehr viele wichtige Anwendungsbereiche. Dank Nanotechnologie gibt es heute Fassadenanstriche, die nicht wie die herkömmlichen Produkte nach zehn bis 15 Jahren grau-schwarz werden infolge Pilzbefalls. Textilien, die mit Nanosilber versehen sind, sind antimikrobakteriell und nehmen daher den Schweissgeruch kaum an. Auch in der Rüstungsindustrie, in der Medizin und Kosmetik, in der Elektronik und in Speichermedien bringt die Nanotechnologie messbare Vorteile.

Aber die Risiken sind noch wenig erforscht. Nano-Partikel sind so klein, dass niemand weiss, wo sie hingelangen und was sie dort anrichten.
Bis vor kurzem gab es keine handfeste Definition des Begriffs Nanomaterial. Nun hat die EU-Kommission festgelegt, dass Stoffe, die zu mindestens 50 Prozent aus Bestandteilen mit einer Grösse zwischen 1 und 100 Nanometern bestehen, in die Kategorie Nanomaterialien fallen. Zum Vergleich: Der Durchmesser eines menschlichen Haars entspricht 50’000 Nanometern. Was die Risiken angeht, so gibt es umso mehr Ängste, je näher die Anwendung am Körper ist. Kosmetika mit Nanotechnologie gelten als unbedenklich, die gesunde, unverletzte Haut ist eine gute Barriere. Heikel ist es, wenn freie Nanopartikel eingeatmet werden und in Blut und Zellen gelangen. Wir wissen nicht genau, was sie dort bewirken. Weiter wird derzeit untersucht, was zum Beispiel kleinste Silberpartikel, die ins Abwasser gelangen, für Auswirkungen haben aufs Ökosystem.

Ist das Risikomanagement, wie es Ihnen vorschwebt? Erst versetzt man Textilien, Lack und Sonnencrèmes mit Nanotechnologie, später untersucht man, wie schädlich das für Mensch und Umwelt ist.
Wichtig ist, dass der Schutz von Gesundheit und Umwelt gewährleistet ist und, dass die Konsumenten aufgeklärt sind. In diesen Punkten sind wir in der Schweiz relativ weit. So hat das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie uns beauftragt, eine gesamtschweizerische Wissens- und Bildungsplattform zur Mikro- und Nanotechnologie für Berufsfach- und Mittelschulen sowie Höhere Fachschulen zu entwickeln. Schon an Sekundarschulen wird das Thema aufgegriffen.

Wird die Nanotechnologie in der Schweiz zum Wirtschaftsmotor?
Wir stehen im internationalen Vergleich gut da. Ich bin überzeugt, dass die Nanotechnologie ähnlich wie die Cleantech-Branche von grosser Wichtigkeit sein wird für die Konkurrenzfähigkeit des Denk- und Werkplatzes Schweiz. Ich habe kürzlich miterlebt, wie Jan Egbert Sturm, der Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH, vor 400 Mitgliedern der Industrie- und Handelskammer St. Gallen seinen düsteren Ausblick präsentierte. Die vielen Unternehmer sassen wie paralysiert auf ihren Stühlen, es war richtig deprimierend. In solchen Zeiten ist es eminent wichtig, dass wir uns auf unserer Stärken besinnen.

Zum Beispiel?
Wir sind Weltmeister in Sachen Patentanmeldungen, was unter anderem damit zu tun hat, dass viele Hochschulen sehr anwendungsorientiert forschen und eng mit der Wirtschaft zusammenarbeiten. IBM hat im Sommer ein Kooperationszentrum Nanotechnologie mit der ETH Zürich ins Leben gerufen, es gibt weitere gute Kooperationsprojekte. Was mir Sorgen macht ist die Tatsache, dass in der Schweiz die Investitionen in Bildung und Forschung gekappt oder zumindest zurückgefahren werden, während sich der internationale Wettbewerb spürbar verschärft. Da stellt sich die Frage, ob nach der Produktion nun auch Forschung und Entwicklung im grossen Stil ins Ausland verlagert werden.

Wie lässt sich das vermeiden?
Durch gute Rahmenbedingungen, mutige Entscheide und eine klare Strategie. Wenn die Luft in den Exportmärkten für uns dünner wird, müssen wir uns etwas einfallen lassen. Ein Ansatz ist, dass wir die Schweiz konsequent als Zentrum für Innovation, Exzellenz und Qualität positionieren. Noch steht die Marke Schweiz eher für Banken, Berge und Schokolade als für Innovation und Exzellenz – ich träume davon, dass die Schweiz in einigen Jahren mit der Glühlampe assoziiert wird, dem Symbol für Innovation und Technologieführerschaft. Vom unter Spardruck stehenden Staat können wir hier keine Wunderdinge erwarten. Es braucht deshalb private Investoren, welche die Innovation vorantreiben.

Menschen wie Branco Weiss, der als Mäzen mehrere Universitäten und unzählige Projekte unterstützt hat?
Ja, er ist ein leuchtendes Beispiel für einen visionären Unternehmer und Wirtschaftsförderer. Wissen Sie, was meine Vision ist? Dass in der Schweiz demnächst nicht mehr wie bisher die 300 Reichsten gekürt werden, sondern die 300 innovativsten und freigiebigsten Unternehmer. Warum nicht einen «Gold-People-Fund» ins Leben rufen? Eine Initiative von Leuten, die mit Geld und Visionen über die Grenzen der eigenen Firmen hinaus etwas bewegen wollen für dieses Land.

Kontakt und Information:
www.innovationsgesellschaft.ch
christoph.meili@unisg.ch

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Ein Kommentar zu “«Warum küren wir nicht die 300 freigiebigsten Unternehmer?»”

  1. Rinaldo Haenggi sagt:

    Endlich ein wirtschaftfuehrer der die richtigen Prioritaeten sieht . Wir tun gut daran Leute wie Herr Meili zu unterstuetzen