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«Es gibt wirksamere Dopingmittel als Kaffee oder Red Bull»

Mathias Morgenthaler am Freitag den 11. November 2011
Sven Gabor Janszky

Sven Gabor Janszky

Wie werden wir im Jahr 2020 leben und welche Wirtschaftszweige stillen dann unsere Bedürfnisse? Der Trendforscher Sven Gabor Janszky spricht Woche für Woche vor Entscheidungsträgern über solche Themen. Manchmal verteilt er dabei leistungsfördernde Cocktails in kleinen Ampullen. Janszky ist überzeugt: Gehirndoping wird bald zum Alltag gehören. Download der PDF-Datei 
Herr Janszky, Sie bezeichnen sich als «Deutschlands innovativsten Trendforscher», in Zürich am Swiss Leadership Forum wurden Sie sogar als «einer der weltweit bedeutendsten Trendforscher» begrüsst. Woher wissen Sie so genau, dass Sie besser sind als Ihre Berufskollegen?
SVEN GABOR JANSZKY: (Lacht) Das mit der weltweiten Bedeutung haben sich die Organisatoren hier in Zürich ausgedacht, dafür kann ich nichts. Die Bezeichnung «Deutschlands innovativster Trendforscher» habe ich in einer Zeitung gelesen und – weil sie mir ganz gut gefiel – übernommen. Es gibt natürlich keine offiziellen Ranglisten. Die Trendforschung hat im deutschsprachigen Raum vor rund 25 Jahren den Durchbruch geschafft. Die Pioniere der ersten Stunde, Matthias Horx, Peter Wippermann, Horst Opaschowski und David Bosshart, sind heute nicht mehr so dominant, es gibt also ein offenes Feld für junge Trendforscher, die etwas zu sagen haben.

Worin besteht eigentlich der Nutzen der Trendforschung? Böse Zungen behaupten, ein Trendforscher blättere Zeitschriften durch und verkünde dann die regelmässig wiederkehrenden Themen als neue Megatrends.
Der schlechte Ruf beruht weitgehend auf einem Missverständnis. Manche Leute hoffen, dass wir ihnen die Zukunft vorhersagen. Diese Hoffnungen muss ich enttäuschen. Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, Menschen zu inspirieren.

Geht es ein bisschen konkreter? Wie arbeiten Sie?
Ich analysiere mit meinem Team, in welche Technologien die wichtigsten Unternehmen investieren. Damit beschreiten wir den konservativen Weg, das hat nichts mit Science Fiction zu tun. Folgenschwere Innovationen kommen ja nicht in die Welt, weil sie gut sind für die Gesellschaft, sondern weil sie von grossen Unternehmen getrieben werden. Sprachsteuerung für Mobiltelefon zum Beispiel gibt es schon seit Ewigkeiten, aber wenn Apple nun voll auf diese Karte setzt, wird sich das sehr rasch in unserem Alltag etablieren. Wir erstellen aufgrund der Investitionsentscheide der grossen Player Prognosen, wie sich ein Markt verändern wird, wenn keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten. Unsere Kunden erfahren von uns, wie sich ihr Umfeld ohne ihr Zutun wandeln wird, und weiter, wie sie sinnvolle Massnahmen ergreifen können. Daher sprach ich von Inspiration.

Konkret heisst das: Hätte Nokia auf Sie gehört, hätten die Finnen den Anschluss im Mobiltelefonie-Markt nicht verpasst?
Das Beispiel Nokia zeigt, wie schnell man als Marktleader in Bedrängnis kommt, wenn man eine wichtige Welle verpasst – in diesem Fall die schnell wachsende Bedeutung von «Touch Screens». Ich bin allerdings der Meinung, dass Nokia viel stärker ist, als die Medien uns glauben lassen. Das Konsortium Nokia/Microsoft/Skype ist eines der meist unterschätzten Technologieunternehmen; es ist gut möglich, dass sie bei der nächsten Welle wieder ganz vorne dabei sind. Für grosse Unternehmen ist es eminent wichtig, keinen Trend zu verschlafen. Oder wie der Chef-Trendforscher des Volkswagen-Konzerns neulich zu mir sagte: «Wir müssen unsere Führungskräfte lehren, in verschiedenen Zukünften zu denken.»

Ihr jüngstes Buch trägt den Titel «2020 – so leben wir in der Zukunft». Das klingt nun doch verdächtig nach Glaskugel und Zeitreise.
Ich fasse darin zusammen, was ich aus den jährlichen Treffen mit den wichtigsten Innovationsmanagern ableiten kann. Grosse Veränderungen stehen uns insbesondere dort bevor, wo Branchen verschmelzen – etwa im Gesundheitswesen oder in der Informationstechnologie. Unser Gesundheitswesen ist heute primär ein kuratives System: Die Menschen werden krank, dann werden sie mit Medikamenten behandelt und hoffentlich geheilt. Dieser Ansatz wird 2020 nicht mehr im Vordergrund stehen. Derzeit werden Milliarden in die Entwicklung von Wirkstoffen gepumpt, die uns leistungsfähiger und weniger anfällig für Krankheiten machen sollen. Mehr und mehr setzt sich das Bewusstsein durch: Unser Körper ist keine feste Grösse, sondern es ist möglich und sogar notwendig, ihn laufend zu optimieren. Was sich heute in den Wachstumsraten der Schönheitschirurgie bereits andeutet, ist erst der Anfang. Wenn die Körperoptimierung zur dringlichen Aufgabe wird, dann gehören Body- und Hirndoping bald zum Alltag.

Sie haben während Ihres Referats am Swiss Leadership Forum Müsterchen verteilt, die sich zum Gehirndoping eignen: Eine Ampulle «Activebrain», welche die Wirkstoffe Taurin, Guarana, Ginseng, L-Carnitin und Mate sowie einen Vitamincocktail enthält, und Schokolade zum Inhalieren, die direkt vom Mund ins Gehirn geht, ohne die Hüfte zu beeinträchtigen. Greifen Sie vor Ihren Referaten selber zum Doping?
Gegenfrage: Trinken Sie manchmal Kaffee, wenn Sie sich müde fühlen? Eben! Wir dopen uns schon heute, aber es gibt wirksamere Mittel als Kaffee oder Red Bull. Ich habe tatsächlich meine Mittelchen, auf die ich zurückgreifen kann, wenn ich darauf angewiesen bin, dass das Gehirn schneller und besser arbeitet. Dank dem Fortschritt der bildgebenden Verfahren in der Neurologie wissen wir, dass unser Gehirn bei anspruchsvollen Denk- und Lernprozessen verstärkt den Botenstoff Dopamin ausschüttet. Im Umkehrschluss gilt: Wer die Dopaminproduktion ankurbeln kann, steigert die Leistungsfähigkeit des Gehirns markant. In der Zeitschrift «Nature» sind die Ergebnisse publiziert – und dort kann man auch nachlesen, dass rund ein Fünftel der College-Studenten in den USA schon heute auf Gehirndoping setzt, um besser lernen zu können. Drei Viertel der Studenten möchten Gehirndoping einsetzen, sofern keine negativen Nebenwirkungen zu befürchten sind. Mangels Langzeitstudien ist darüber noch nichts bekannt.

Mit anderen Worten: Gehirndoping wird zur Massenbewegung?
Ja, und zwar als Bestandteil der normalen Nahrung. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schätzt, dass bereits 2015 die Hälfte unserer Nahrungsmittel «Functional Food» sein wird – also Produkte, die uns versprechen, wir würden durch den Konsum schöner, gesünder oder leistungsfähiger. Es gibt heute einen starken Trend in Richtung biologisch-ökologische Nahrungsmittel, dieser wird sich eher abschwächen. Die Ausweitung des Body- und Brain-Dopings dagegen wird die Ernährungs- und Getränkebranche ebenso tiefgreifend verändern wie die Medizin, Pharma- und Kosmetikbranche sowie Fitness- und Reiseanbieter.

Information und Kontakt:
www.2bahead.com

Fortsetzung des Interviews
in einer Woche an dieser Stelle.

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8 Kommentare zu “«Es gibt wirksamere Dopingmittel als Kaffee oder Red Bull»”

  1. Stadelman Reto sagt:

    Mhm, nun ja… Es gibt meiner Meinung nach Grenzen und zwar nicht nur ethische, die gegen “Gehirndopping” sprechen. Und das ist die Evolution. Jedes Gehirn entwickelt sich anderst. Wenn wir diesen Vorteil des “Verschiedenseins” durch Mittelchen etc. aufgeben, halte ich es für nicht unwahrscheinlich, dass der Mensch sich nur noch “gesteuert” Entwickelt. Und eine gesteuerte Entwicklung ist wohl wie eine K.I. Also eben nicht wirklich intelligent und fehlerhaft. Die Natur kann damit nicht übertroffen werden. Daher halte ich diese Entwicklung für nicht ungefährlich. Mal ganz abgsehen davon, dass icn NICHT WILL das ein anderer mit Mittelchen das gleiche erreicht wie ich von Natur aus. Und umgekehrt auch nicht. Ich will einzigartig bleiben und nicht durch Mittelchen den Normvorstellungen der Gesellschaft angepasst werden. Beim Körper sehe ich das aber etwas anderst. Dieser ist ein “Werkzeug” das man tatsächlich verbessern können sollte. Aber jedem seine Meinung.

  2. langford reginald sagt:

    Das beste Doping ist Motivation. Wenn die nicht da ist, können mir die “Mittelchen” gestohlen bleiben. Was zum Teufel sind das eigentlich für “Mittelchen”, von denen ständig die Rede ist? Will uns da einer etwas verkaufen…?

  3. Gianin May sagt:

    Und das alles wird nur gemacht um ein bereits gescheitertes System künstlich am Leben zu erhalten. Leistung, Leistung, Leistung und wenn die nicht mehr gebracht wird, sollst Du so schnell wie möglich sterben.

  4. Jörg Jäger sagt:

    Am 28. November gibt es eine interessante Veranstaltung im Alten Rathaus zu Hannover: Hirn-Doping in der Gesellschaft
    Leistungssteigerung im Alltag: Gefährlich, unmoralisch, aber erlaubt?” Näheres unter: http://www.kas.de/hannover/de/events/48176/

  5. Bernd sagt:

    Oh ja, es gibt wirksamere legale Dopingmittel als Kaffee oder Red Bull und es sind die ersten davon schon auf dem Markt. Allmählich zeigt sich, dass wir in unserer Leistungsgesellschaft an unsere Leistungsgrenzen stoßen und da werden leistungssteigernde Mittel immer mehr nachgefragt und das nicht nur im Beruf sondern auch immer mehr in der Freizeit. Wie sehr selbst Freizeitsportler danach suchen sieht man an dieser Frage:
    http://www.gutefrage.net/frage/kennt-ihr-leistungssteigernde-geheimtipp-mittel-fuer-sport-legal

  6. Man sollte als Trendforscher die wissenschaftliche Literatur lesen und nicht nur populären Trends aufsitzen. In der von Herrn Janszky verteilten Ampulle ” Active Brain” sind Mode-Substanzen aufgeführt, die ohne nachgewiesene Wirkung für die Leistungssteigerung des Gehirns sind, wie z.B. Taurin oder Carnitin, die gar nicht erst im Gehirn ankommen geschweige denn dort eine Wirkung entfalten können, Nur weil diese in Red-Bull oder in Power-Bars drin sind, heisst das noch lange nicht, dass Ihre ausgelobte Wirkung auch wissenschaftlich belegt ist, Die European Food Safety Agency (EFSA) will jetzt diesem Tun einen Riegel schieben und nur noch Health Claims und Auslobungen von Substanzen erlauben, die wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen worden sind. Dazu gehören zum jetzigen Zeitpunkt weder Taurin noch Carnitin noch viele andere Stoffe und entsprechend viele Auslobungen auf Packungen müssen zurückgezogen werden. Falls der Zukunfts-Experte nichts Besseres in der Hinterhand hat als diese alten Ladehüter, müssen wir noch lange auf das gewünschte Hirndoping warten. Aber der Herr Jansky kann in weiser Voraussicht schon jetzt vielversprechend davon reden und ins Leere artikulieren.

  7. Manfred Krug sagt:

    Mittlerweile gibt es relativ effektive Gehirndoping-Mittel. Mit den Wirkstoffen Ritalin oder Modafinil kann man schon jetzt seine kognitiven Fähigkeiten verbessern. Es würde sich zwar um einen Off-Label-Use handeln, gegen die gelegentliche Einnahme spricht meiner Meinung nach nicht viel. Zum Beispiel könnte man leistungssteigernde Mittel vor besonders anspruchsvollen intellektuell fordernden Situationen einnehmen.
    Solange jedoch die Nebenwirkungen nicht gänzlich erforschrt sind, sollte man dies mit Vorsicht genießen.

  8. Hier ein Interview mit einem der Autoren der erwähnten “Nature”-Studie aus der Sonntags-Zeitung. Es zeigt wohl vor allem, dass es in diesen Fragen keine einfachen Antworten gibt.

    © SonntagsZeitung; 01.02.2009

    «Diese Pillen machen nicht gescheiter»

    Der US-Hirnforscher Michael Gazzaniga über die Freigabe von Hirn-Stimulanzien wie Ritalin oder Modafinil
    Von Nik Walter

    Hirndoping ist an Unis ein grosses Thema. In den USA putscht sich jeder fünfte Student beim Lernen oder vor Prüfungen mit Medikamenten wie Ritalin, Modafinil oder einem Amphetamin-Kombipräparat auf, wie letztes Jahr eine Umfrage des Wissenschaftsmagazins «Nature» ergab. Auch in der Schweiz werden diese Mittel von Gesunden zur Leistungssteigerung geschluckt – allerdings existieren hierzu keine Zahlen.

    Kürzlich haben nun sieben renommierte Wissenschaftler, ebenfalls in «Nature», eine Debatte angestossen mit dem Ziel, den Einsatz dieser Medikamente zur Leistungssteigerung unter bestimmten Bedingungen zu erlauben. Die SonntagsZeitung hat mit einem der Autoren, dem Hirnforscher Michael Gazzaniga, gesprochen.

    Herr Gazzaniga, nach Ihrem gestrigen Flug von Los Angeles nach Zürich haben Sie bestimmt einen Jetlag. Nehmen Sie eine Pille, um wach zu sein?

    Ich konnte wunderbar schlafen auf dem Flug und war daher gestern Abend gar nicht müde. Um einschlafen zu können, benutzte ich ein Schlafmittel. Das hilft mir immer gegen den Jetlag.

    Und heute Morgen haben Sie keine Wachmacherpille wie etwa Modafinil genommen?

    Nein, kein Modafinil. Ich habe aber nichts dagegen, wenn jemand das Mittel schluckt.

    Sie und sechs andere Wissenschaftler forderten kürzlich in «Nature» die Freigabe von Hirn-Stimulanzien wie Ritalin oder Modafinil für gesunde Erwachsene. Weshalb?

    Ich befürchte, dass die Erforschung neuer Medikamente, die den Gedächtnisschwund und die Vergesslichkeit bei Senioren bremsen können, eingeschränkt wird. Und zwar, weil die Medikamente von jüngeren gesunden Menschen zu einem anderen Zweck (Off-Label-Gebrauch), nämlich zur geistigen Leistungssteigerung eingenommen werden. Schauen Sie, die Vergesslichkeit im Alter ist ein so grosses Problem, dass wir auf diesem Gebiet dringend richtige Fortschritte benötigen.

    Die Entwicklung neuer Medikamente für Senioren mit Gedächtnisproblemen und der illegale Gebrauch der Mittel durch junge Erwachsene sind doch zwei Paar Schuhe.

    Es ist gar keine Frage, die Mittel werden missbraucht. Auch, weil die Leute denken, sie könnten damit ihre Intelligenz steigern. Doch der Begriff «Hirn-Verbesserer» (Neuro-Enhancer) für Medikamente wie Ritalin oder Modafinil ist eine Fehlbezeichnung. Sie machen nicht gescheiter, ich nenne sie lieber Aufmerksamkeitsverstärker. Sie helfen, sich auf eine bestimmte Aufgabe besser konzentrieren zu können.

    Gibt es eigentlich Belege dafür, dass Ritalin, Modafinil oder Amphetamine tatsächlich die Leistung verbessern?

    Das ist eine sehr gute Frage. Es gibt ein paar Daten zu Ritalin und Modafinil, die sind aber nicht überzeugend. Ich glaube eher, dass der Gebrauch dieser Mittel heute einfach zum College-Leben gehört, weil herumerzählt wird, man könne damit die Prüfungsleistungen verbessern. Wir sollten daher unbedingt herausfinden, wie und wie gut diese Medikamente wirklich wirken.

    Sind Medikamente in Entwicklung, die tatsächlich gescheiter machen?

    Ich glaube nicht.

    Sie beschreiben in Ihrem Buch «The ethical brain» ein «fürchterliches Szenario»: Demzufolge könnten neue Medikamente so stark wirken, dass wir nicht mehr vergessen können.

    Ja, diese Möglichkeit besteht. Wir wissen heute, dass Unfälle oder traumatische Ereignisse im Hirn eingraviert werden können und schon der kleinste Auslöser die Erinnerungen an das Ereignis wieder in aller Deutlichkeit aufleben lässt.

    Ihr Artikel in «Nature» löste heftige Kritik aus. Ein deutscher Medizinpsychologe nannte Ihren Vorschlag skandalös.

    Was ist daran skandalös? Dass man diese Medikamente an gesunde Personen verteilen soll? Das sagten wir gar nicht.

    Ein Hauptkritikpunkt lautet: Im Gegensatz zu Lernen, Ernährung, Schlaf oder Sport sind Medikamente eine unnatürliche Form der geistigen Leistungssteigerung.

    Die Menschen benutzen eine ganze Reihe unnatürlicher Mittel, um Leistungen zu verbessern. Denken Sie nur an die Brille. Auf allen Ebenen wird betrogen, sei das beim Sport oder bei der geistigen Leistungsfähigkeit. In meinem Buch unterscheide ich klar zwischen den beiden. Ein Sportler, der zum Beispiel Steroide nimmt, ist für mich klar ein Betrüger.

    Es ist doch vergleichbar, ob man Hirndoping zur geistigen oder Steroide zur körperlichen Leistungssteigerung nimmt.

    Das stimmt schon. Vielleicht liege ich total falsch, aber ich sehe trotzdem einen Unterschied. Beim (Team)-Sport geht es darum, eine Gruppe zu betrügen, bei den Hirn-Stimulanzien geht es nur darum, die eigene Leistungsfähigkeit zu stärken.

    Meist betrügen Einzelsportler.

    Ja, aber es geht mir um den sozialen Kontext. Die kognitiven Leistungssteigerer können zwar auch einen sozialen Effekt haben, aber erst dann, wenn beispielsweise ganz viele Studenten die Mittel vor einer Prüfung nehmen und so das Durchschnittsergebnis erhöhen. Aber dazu braucht es eine riesige Zahl von Studenten. Die Testresultate sind heute bei weitem noch nicht verzerrt.

    Wie steht es um die Sicherheit von Medikamenten wie Ritalin oder Modafinil?

    Eine grosse Studie des «National Institute of Mental Health» kam zum Schluss, dass Ritalin kaum Nebenwirkungen hat, es erhöht einzig den Blutdruck ein wenig. Zudem wird Ritalin nun schon seit 40 Jahren verschrieben. Modafinil scheint aber noch besser zu sein in Bezug auf Nebenwirkungen.

    Soll man deshalb Ritalin und Modafinil für gesunde Erwachsene freigeben?

    Nein. Ein Arzt muss von Fall zu Fall entscheiden, ob er das Mittel verschreiben will oder nicht.

    Keine rezeptfreie Abgabe?

    Auf keinen Fall. Das ist Sache des Arztes, aber wenn jemand unter besonders grossem Leistungsdruck steht, sollte der Arzt so ein Mittel verschreiben dürfen.

    Ein weiterer Kritikpunkt ist die Fairness. Wenn nicht alle Zugang zu den Mitteln haben, dann verschaffen sich einige einen Vorteil. Die Hirn-Aufputscher werden so zum Privileg der Reichen und Eliten.

    Das glaube ich einfach nicht. Die Verfügbarkeit von Medikamenten verblüfft mich immer wieder. Alles ist überall erhältlich.

    Wenn viele Studenten diese Medikamente schlucken, dann üben sie einen Zwang aus auf jene, die keine Mittel nehmen.

    Ich glaube nicht, dass das ein echtes Problem ist. Ich habe sechs Kinder, und das war nie ein Thema bei uns. Man darf nie vergessen, dass diese Medikamente die Intelligenz nicht steigern.

    Wie sieht es aus, wenn Medikamente auf den Markt kommen, die tatsächlich gescheiter machen, und dann die Hälfte einer Klasse diese Mittel nehmen? Dann wird es Zwänge geben.

    Diese Möglichkeit besteht, und deshalb haben wir ja auch den Artikel geschrieben und auf dieses Problem hingewiesen.

    Wann gibt es die erste Intelligenz-Pille für Gesunde?

    Zuerst muss man ein solches Medikament finden. Ich glaube, das dauert noch sehr lange, sicher mehr als zehn Jahre. Wir realisieren gerade, wie kompliziert die Genetik der Intelligenz ist. Vor drei, vier Jahren sagte Francis Collins, der Leiter des Human-Genomprojekts, in zehn Jahren könne man Embryonen auswählen, aus denen sich Kinder mit einem höheren IQ entwickeln. Doch das wird schlicht nicht geschehen. Sie können das beruhigt von der Liste der Dinge streichen, um die man sich sorgen muss.

    Neuro-Ethiker Gazzaniga, 69: «Auf allen Ebenen wird betrogen, sei das beim Sport oder bei der geistigen Leistungsfähigkeit»

    Hirnforscher und Ethik-Beirat des US-Präsidenten

    Michael Gazzaniga, 69, lehrt und forscht am Sage Center for the Study of the Mind an der University of California in Santa Barbara. Seine Forschung hat grundlegend zu einem besseren Verständnis der Funktionen der beiden Hirnhälften beigetragen. Seit 2002 ist Gazzaniga Mitglied des Bioethik-Rats des US-Präsidenten. Diese Woche erklärte er der vereinten Wirtschaftselite am WEF in Davos, wie unser Hirn bei finanziellen Entscheiden funktioniert.