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«Mani Matter hat viele Söhne, aber keine Töchter»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 15. Oktober 2011
Lisa Catena alias Tippmamsell

Lisa Catena alias Tippmamsell

Ihren Traum von der Ballettkarriere musste Lisa Catena mit 21 Jahren begraben. Zehn Jahre und einige Umwege später erfreut die Berner Liedermacherin mit ihrem neuen Album «Tippmamsell» das Publikum. Dass sie nicht von der Musik leben kann, sondern noch einen Brotjob im Büro macht, sieht die 31-Jährige nicht als Belastung, sondern als Inspirationsquelle. Interview als PDF-Datei

Sie sind seit kurzem mit dem neuen Programm «Tippmamsell» auf Tournee – ist das eine ironische Auseinandersetzung mit Ihrer eigenen Karriere?
LISA CATENA: Zumindest eine Parodie auf meinen Broterwerb. Ich bin dort gelandet, wo ich nie hinwollte: in einem Büro. Also habe ich begonnen, mich künstlerisch mit dem komischen Kosmos auseinanderzusetzen. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass mich der Büroalltag mit Korrespondenz, Administration, Vorstandssitzungen und dergleichen inspiriert.

Auf der CD posieren Sie als Tippmamsell mit alter Schreibmaschine – keine sehr emanzipierte Frauengestalt.
Ich habe eine grosse Schwäche für schöne alte Schreibmaschinen; es kostet mich einige Disziplin, nicht zu viele davon anzuschaffen. Zudem ist es sehr wohl eine Emanzipationsgeschichte: Ich habe über viele Umwege, über den Tanz und die Musik, zum Wort gefunden. Das Schreiben ist heute meine Hauptleidenschaft, das Wort steht im Zentrum. Musik habe ich nur studiert, um meine Song-Ideen umsetzen zu können.

Immerhin waren Sie früher Sängerin und Gitarristin in Punk Bands.
(Lacht) Das gehört wohl auch zu den ergiebigen Umwegen in meinem Leben. Ich bin ja eigentlich gar keine Sängerin, meine Art zu singen ist sehr nahe am gesprochenen Wort. Ich brauche die Gitarre, um Geschichten zu erzählen. Schon früher bewunderte ich nie die virtuosen Sänger, sondern die besten Geschichtenerzähler wie Serge Gainsbourg oder Tom Waits.

Braucht es die Bühne, wenn der Text im Vordergrund steht?
O ja, denn ich liebe dieses Unmittelbare: dass man am Morgen ein Lied schreiben und es am gleichen Abend vor Publikum ausprobieren kann. Die Reaktion des Publikums macht das Lied erst komplett. In dieser Hinsicht bin ich durch und durch Sängerin. Ich brauche die Bühne, weil ich meine Exzentrik, meine Exaltiertheit nur dort entdecken kann. Ich lebe andere Facetten meiner Persönlichkeit auf der Bühne – und das tut gut. So wie manche Kabarettisten das Gelächter auf der Bühne brauchen, um der Melancholie nicht zu viel Raum zu überlassen. (Überlegt) Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir das antue, denn am Anfang hatte ich Angst vor der Bühne, noch heute kostet es mich Überwindung. Aber die innere Notwendigkeit war immer stärker.

Wie schreiben Sie Ihre Lieder?
Ich denke mir keine Geschichten aus, sondern finde Geschichten – sie sind ja alle schon da, wenn man aufmerksam durch den Alltag geht. Manche fallen mir im Büro zu, andere im Zug, beim Telefonieren, beim Kochen. Wichtig ist, dass ich auf Empfang bleibe. Deshalb schreibe ich jeden Tag unmittelbar nach dem Aufstehen die ersten Sätze nieder, so bin ich im Schreibmodus und parat, wenn etwas auftaucht.

Auf Ihrer letzten CD «Hinderzimmer» besingen Sie ausführlich vertrackte Beziehungen zwischen Frau und Mann, das neue Album kommt ohne Liebeslieder aus. Ist das nicht schlecht fürs Geschäft?
Vor ein paar Jahren drehte sich in meinen Texten tatsächlich viel um komplizierte Beziehungen. Mit der Zeit ist mein Interesse daran erloschen, heute interessieren mich Alltagssituationen mehr. Ich mag es, mit meinen Liedern die Leute zu pieksen und sie dazu zu bringen, sich selber ihre Gedanken zu machen. Das unterscheidet den Künstler vom Politiker, dessen Job darin besteht, die komplexe Realität auf ein paar Schlagworte zu reduzieren und diese seiner Klientel einzubläuen. Ich möchte nie jemandem sagen, was er zu denken hat. Viel schöner ist es, mit Poesie, Witz und manchmal ein wenig Bosheit zu irritieren.

Ursprünglich peilten Sie eine Tanzkarriere an. War diese Erfahrung prägend für ihre weitere Laufbahn?
Wenn man fünf bis acht Stunden pro Tag trainiert und dauernd im Spiegel sieht, was noch nicht gut ist, entwickelt man früh Disziplin und Härte sich selbst gegenüber. Mit 21 Jahren versagte mein Körper als Arbeitsinstrument. Ich musste meine Träume begraben und fand mich plötzlich ausrangiert und auf dem Abstellgleis wieder. Diese Erfahrung machen die meisten Menschen erst 40 oder 50 Jahre später. Heute bin ich dankbar, früh gelernt zu haben, Höhenflüge und Abstürze zu verdauen. Dazu gehört auch, dass Disziplin für mich keinen negativen Beigeschmack hat. Schreiben ist ein Handwerk, und das verlangt viel Übung.

Sie sind – böse formuliert – eine Teilzeit-Künstlerin und arbeiten 60 Prozent als Geschäftsführerin des Berufsverbands «action swiss music». Hadern Sie nie mit dieser Situation?
Für mein künstlerisches Schaffen ist es nicht schlecht, wenn ich ein paar Tage etwas Anderes mache – neue Geschichten finde ich nicht in meiner Wohnung oder im Übungsraum. Zudem befinde ich mich in guter Gesellschaft. Praktisch alle Liedermacher hatten einen Brotjob neben der Bühne, auch Mani Matter. Weil sich die Musik bei mir gerade gut entwickelt, kann ich es mir nun leisten, auf November den Brotjob von 60 auf 40 Prozent zu reduzieren. Und ich werde mich nicht mehr länger als Geschäftsführerin in gewerkschaftlicher Tätigkeit aufreiben, sondern bei der Schweizerischen Interpretengenossenschaft die dankbare Aufgabe übernehmen, den Musikern Entschädigungen aus den Leistungsschutzrechten zu verteilen.

Aber insgeheim denkt man doch: Was ich mache, ist so gut, dass ich davon leben können müsste.
Ich erhebe nicht den Anspruch, dass jemand mir die Verwirklichung meiner Leidenschaften finanziert. Diejenigen, die im Kleinkunstbereich von ihrer Kunst leben, sind sehr lange im Geschäft und sehr gut. Ich mache das erst seit drei Jahren und bin ganz zufrieden mit dem Erreichten. Gleichzeitig habe ich genug sportlichen Ehrgeiz, um noch einmal einen grossen Schritt weiterkommen zu wollen. Es geht mir dabei nicht nur um die Anzahl Konzerte und CD-Verkäufe. In den letzten drei Jahren habe ich herausgefunden, wie ich meinen eigenen Humor auf die Bühne bringen kann. Das war nicht einfach, denn es gibt in der Schweiz kaum weibliche Vorbilder im Bereich Liedermacherei und Satire. Mani Matter hat viele Söhne, aber keine Töchter.

Wenn alles möglich wäre – was möchten Sie noch erreichen?
Vielleicht ein Theaterstück schreiben oder einmal eng mit einem begnadeten Texter zusammenarbeiten. Frank Ramond zum Beispiel ist ein Phänomen: Er schrieb Stars wie Udo Lindenberg Lieder auf den Leib und machte Sängerinnen wie Annett Louisan durch seine Texte berühmt. Reizvoll wäre auch, einem der grossen Berner Mundartsänger ein würdiges Alterswerk zu schreiben. Mal schauen, was kommt, ich fand ja immer auf Umwegen zu meiner Berufung. Mir scheint, als seien die Umwege ziemlich aus der Mode gekommen – ich verdanke ihnen viel, und freue mich auf den nächsten.

Information und Kontakt:

www.lisacatena.ch

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