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«Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 4. August 2011
Martin Bertsch

Martin Bertsch

Wer im Berufsleben einen Rückschlag verkraften muss, kann mit der Vergangenheit hadern oder den Blick nach vorne richten. Der Coach und Trainer Martin Bertsch unterstützt seine Kunden dabei, starke Visionen zu entwickeln und diese Schritt für Schritt zu realisieren. In seinem Visionshaus bringt er Erfolgsteams zusammen, nun arbeitet er an der weltweiten Vernetzung. Download der PDF-Datei 

Herr Bertsch, Sie betreiben ein Visionshaus und eine Visionsschmiede und organisieren Visionstagungen. Ist Ihnen entgangen, dass Helmut Schmidt festgehalten hat, für Menschen mit Visionen sei der Arzt die einzig richtige Adresse?
MARTIN BERTSCH: Nein, ich kenne diesen Spruch natürlich, aber ich sehe es genau umgekehrt: Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Visionslosigkeit steht am Anfang vieler Krankheiten – gerade Depressionen und Burnouts sind oft darauf zurückzuführen. Eine starke Vision ist hingegen ein «Burn-in-Faktor», sie beflügelt uns, gibt uns Schub, fokussiert unsere Kräfte und schützt uns vor dem Ausbrennen. Eine Vision verleiht dem Leben Sinn. Und Sinn erzeugt Stärke.

Wie kam es dazu, dass Sie sich auf das Thema Visionen spezialisierten?
Als Coach und Case Manager hatte ich immer wieder mit Menschen zu tun, die nach Rückschlägen ins Erwerbsleben zurückzukehren versuchten. Manche von ihnen waren in sehr schwierigen Situationen: Job weg, Frau weg, alles tut weh – was kann man da tun? Ich half diesen Klienten, sich ganz auf die Frage zu konzentrieren: «Wo will ich hin?» Das braucht Disziplin, denn es ist in solchen Momenten naheliegend, sich exzessiv mit den vielen Problemen zu beschäftigen. Wenn man es aber schafft, den Blick nach vorne zu richten und aus sich heraus einen Entwurf für die Zukunft zu schaffen, erwächst daraus eine enorme Tatkraft. Man identifiziert sich dann nicht länger mit seinen Problemen, sondern konzentriert sich auf den Fixstern, der einen leitet.

Ist das nicht ein wirklichkeitsfremdes Vorgehen? Wer zu sehr auf seine Vision fixiert ist, verliert die Welt aus den Augen.
Es braucht nach meiner Erfahrung beides: den Fixstern, der die Richtung vorgibt, und die Offenheit, seine Vision auch immer wieder anzupassen. Visionen sind nichts Statisches, sondern etwas, was sich dynamisch entfaltet. Es gibt ja einige Bücher und Filme über das Gesetz der Anziehungskraft, die alle auf der Überzeugung beruhen, dass die Gedanken und Gefühle eines Menschen reale Begebenheiten anziehen, respektive erzeugen. Der bekannteste ist sicher «The Secret». Es ist ein Teil der Visionsarbeit, Sehnsüchte und Zielvorstellungen zu klären, und es kann hilfreich sein, dies zu visualisieren. Entscheidend ist aber, seine Vision zu leben. Mein Ansatz fokussiert darauf, Visionen durch das Tun direkt umzusetzen. Das bringt auch Veränderung mit sich, die Menschen gehen dabei in ihre Widerstände hinein und überwinden ihre blockierenden Ängste.

Wie gehen Sie konkret vor?
Es ist wichtig, dass Menschen in Umbruchphasen aus ihrer eigenen Quelle schöpfen. Ich frage meine Kunden oft: «Wo würdest du in ein paar Jahren beruflich stehen, wenn du alle Möglichkeiten der Welt hättest?» Herr M. äusserte als Berufsvision: «Autorennfahrer». Anstatt die Hände zu verwerfen und an die Vernunft zu appellieren, nahm ich dieses Zielbild ernst und fragte nach: «Was macht Dir an Autorennen Spass, was ist der Treiber?» In diesem Fall war es das Element der Kraft, nicht die Schnelligkeit, der Wettkampf oder der Glamour. Als Baggerfahrer konnte er dann auf seine Weise die Pferdestärken bändigen und den Wesenskern seiner Vision verwirklichen.

Sie haben auf private Kosten das Projekt Visionshaus Ringgenberg realisiert. Was war massgebend: Eine Vision, ein Businessplan oder eine spontane Aktion?
Ich nähre meine Projekte nicht aus einer sicheren Finanzquelle, sondern aus meiner Passion heraus. Die Worte von Shitu U Thant, dem birmanischen Generalsekretär der Uno in den Sechzigerjahren, beeindrucken mich sehr. Er sagte: «Entscheidungen haben sich nicht mehr nach vorhandenen Mitteln zu richten, sondern die Mittel werden durch Entscheidungen geschaffen.» Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sehr viel möglich ist, auch wenn man anfänglich kein Geld hat. Als meine Frau arbeitslos und mit unserem zweiten Kind schwanger war und ich als Student nur ein geringes Einkommen erzielte, sah ich auf einer Halbinsel mein Traumhaus und wusste im gleichen Moment: Da werden wir wohnen. Objektiv betrachtet war die Sache aussichtslos, aber innerlich war ich entschieden. Ein paar Tage später kam eine Studienkollegin auf mich zu und erzählte mir, sie habe eine grosse Erbschaft gemacht und wolle das Geld nicht auf einem Bankkonto ruhen lassen. Sie lieh uns das Geld und heiratete später den Mann, der uns beim Umbau der Ruine half.

Also doch: Ein starker Wunsch verändert die Realität.
Es war nicht nur ein Wunsch, sondern ich bin meiner Passion gefolgt. Nun haben wir das Haus verkauft und den Erlös in den Bau des Visionshaus Ringgenberg investiert. Im Moment wird es vor allem als Ferienhaus und für externe Kurse genutzt. In fünf bis zehn Jahren soll es ein richtiges Visionshaus sein, wo permanent Menschen in heterogenen Gruppen an ihren Visionen und der Umsetzung derselben arbeiten. Wir leben ja die meiste Zeit in sehr homogenen Gruppen. Es ist eindrücklich zu sehen, wie effizient bunt zusammengewürfelte Gruppen arbeiten, wenn sie eine positive Grundhaltung teilen. Ab einer gewissen Gruppengrösse findet jeder Teilnehmer andere, die ihm ganz konkret weiterhelfen können. Die Werbetexterin in der persönlichen Krise findet die Therapeutin, die ihrerseits Hilfe beim Texten des Flyers braucht. Solche und ähnliche Beispiele erzeugen eine enorme Effizienz und sind für alle Beteiligten eine starke Ermutigung. Diese Dynamik ist die Grundlage der Erfolgsteams. Ich bin sicher: Die Welt sähe ganz anders aus, wenn jeder so ein Erfolgsteam hinter sich hätte. Wir kreieren nun eine Internetplattform zu diesem Thema, damit sich Menschen in der ganzen Welt austauschen und unterstützen können.

Es gibt Facebook, Xing, LinkedIn…haben Sie da mit einem privat lancierten Angebot eine Chance?
In Business-Netzwerken tummeln sich viele Leute, die hauptsächlich Aufträge suchen oder sich profilieren wollen. Bei unserem Netzwerk wird sich alles um die Frage drehen: «Wo will ich hin?» Bei den Mitglieder-Profilen steht nicht der Status, der aktuelle Job oder der Leistungsausweis im Vordergrund, sondern nur die Vision. Wer etwas realisieren will, findet hier Menschen, die ihn dabei unterstützen. Erfolgsteam-Kurse, Visionstreffs und die jährliche Visionstagung fördern zudem direkte Begegnungen.
Kontakt und Information:
www.visionsschmiede.ch
m.bertsch@visionsschmiede.ch

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3 Kommentare zu “«Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen»”

  1. Alain Burky sagt:

    Ich habe kein Vertrauen – in “Visionitis”.
    In Kunst und Forschung mag sie (durch Zufall und Zeit) gute Ergenisse liefern.
    Fuer die Probleme des taegl. Lebens bevorzuge ich die “kritisch-rationale” Problemloesung.
    “Les petites fuges” – OUI
    “Weltflucht” – NON

  2. Heidi sagt:

    Endlich ein Beitrag, der nach vorne geht!
    Und mir gefällt das Wort Fixstern! eine richtig schöne Vision, eine, die auch noch ganz vielen anderen Menschen dient und der ganzen Welt Mehrwert bringen wird, hält mich davon ab, mich in Entmutigung zu verstecken. Statt meinen Tag damit zu verbringen, sinnlos den “Fehler” in andern zu finden oder stundenlang über das “Elend in der Welt” ….. zu lamentieren und weiterhin hinabziehende Energie in die Welt zu bringen, ziehe es vor, daran zu glauben, dass wir uns als Spezies aktiv entwickeln können, lernen können, nach vorne zu schauen und dafür zu sorgen, dass wir selber echt positiv leben und vor allem auch so HANDELN!
    Nicht morgen oder übermorgen, jetzt. und ganz praktisch, wo ich mich auch gerade finde. Je mehr ich andere unterstütze, sei es nur, jemandem mit den Tramtickets zu helfen, umso beschwingter fühle mîch mich selber und umso leichter finde ich meine eigenen Lösungen, die dann auch mir wieder weiterhelfen. Und das gibt mir wieder Schwung für das Nachste ( und den Nächsten!) und so weiter. 🙂

  3. Da werde ich mit bestimmtheit Martin Bertsch unterstützen, meine Vision ist definiert, herumschrauben kann man IMMER , duch die Richtung oder eben der Fixstern und die Passion muuuus von INNEN kommen.

    Was wärde die Welt ohne Querdenker und die, die Leuchtürme, oder eben in meinem Fall solare Bergkristalle als Landmark der Innovationen realisieren möchten und werden, statt AKW Kühltürme.