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Schwierig wurde es erst, als ich wieder in der Schweiz war

Mathias Morgenthaler am Montag den 25. Juli 2011
Paul Metzener

Paul Metzener

Nach einem Lawinenunfall entschied sich der Architekt und Ökonom Paul Metzener, seine Karriere in der Privatwirtschaft aufzugeben und sich in Hilfsprojekten zu engagieren. Sein erster Einsatz führte ihn nach Haiti, wo er nach drei Monaten mit ansehen musste, wie ein Erdbeben Tod und Verwüstung brachte. Der 49-Jährige tat sich danach schwer, in der Schweiz wieder Fuss zu fassen.

Interview als PDF-Datei

Herr Metzener, Sie waren 25 Jahre lang erfolgreich in der Privatwirtschaft tätig und haben Ihre Karriere dann an den Nagel gehängt. Was ist passiert?

PAUL METZENER: Vor fünf Jahren bin ich auf einer Skitour von einem Schneebrett verschüttet worden. Ein Kollege konnte mich zum Glück rasch wieder ausgraben, aber die Nahtoderfahrung hat bei mir Spuren hinterlassen. Ich absolvierte zwar weiterhin meine Zwölf-Stunden-Tage als Bauchef einer grossen Versicherung, aber ich stellte mir immer öfter die Frage: «Willst du wirklich so weiter machen?» Meine Frau sagte mir, ich wirke nervös und gestresst. Nach einiger Zeit hörte ich auf mein Bauchgefühl und gestand mir ein: Es braucht eine einschneidende Veränderung.

Wie sah diese aus?

Ich bewarb mich beim Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH). Sofort merkte ich: Hier wird reiche Berufs- und Lebenserfahrung geschätzt. In der Privatwirtschaft hatte ich bei älteren Kollegen gesehen, wie der eine oder andere plötzlich sanft aufs Abstellgleis geschoben wurde.

Wie haben Sie Ihren ersten Auslandeinsatz erlebt?

Im September 2009 trat ich meinen ersten Einsatz in Haiti an. Ich sollte während eines halben Jahres die humanitäre Hilfe kennenlernen. Einen Drittel der Zeit kümmerte ich mich um Finanzen und Personalführung, zwei Drittel um Projekte wie Milchpulververteilung in Schulen und Kinderheimen. Es war sehr spannend für mich, in einem derart armen Land, in dem eigentlich gar nichts funktioniert, einzusteigen. Ich lernte enorm viel über wahre Armut. Aus der Ferne machen wir uns ein komplett falsches Bild. Es hat mich beeindruckt, wie diese Menschen, die täglich ums Überleben kämpfen, trotz allem sehr fröhlich sind. Ich habe vermutlich nie in meinem Leben so viel gelacht und so viele komische Situationen erlebt wie in den ersten drei Monaten in Port-au-Prince.

Am 12. Januar 2010 brachte ein gewaltiges Erdbeben grosses Leid über das Land. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?

(Schweigt) Noch heute bekomme ich Hühnerhaut, wenn ich darauf angesprochen werde. Ich hatte Besuch von einem Berner Kollegen. Am Montag verteilten wir im Hafen 30 Tonnen Milchpulver. Am Dienstag Nachmittag machten wir einen Ausflug. Wir hatten erwogen, die Kathedrale in Port-au-Prince zu besichtigen, fuhren dann aber auf einen Hügel oberhalb der Stadt. Von dort oben sahen wir, was das Erdbeben anrichtete. Die Kathedrale wurde komplett zerstört. Ich hatte keine Zeit, mir zu überlegen, was dies alles für die 3-Millionen-Einwohner-Stadt bedeutete. Wir fuhren hinunter ins Büro, das intakt geblieben war, und sahen verletzte Kinder auf dem Schulhausplatz liegen. Sie waren aus dem zweiten Stock gesprungen. Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht helfen konnte. Via Satellitentelefon verständigte ich das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten.

Wie haben Sie es geschafft, in dieser Situation kühlen Kopf zu bewahren und zu funktionieren?

Indem ich mich auf das konzentrierte, was ich tun konnte. Natürlich war es schrecklich, all die eingestürzten Gebäude, all die verletzten Menschen, die vielen Toten am Rand der Strassen. Aber dank der schnellen Reaktion der Schweiz und anderer Staaten konnte ich sofort mit Ärzten und Katastrophenhelfern zusammenarbeiten. Ich erlebte meine Arbeit als hilfreich, das gab mir Kraft. Die erste Hilfsgüterverteilung war für mich ein Schlüsselerlebnis. Wir konnten nur 500 von mehreren tausend Menschen etwas abgeben. Trotzdem spürte ich eine grosse Dankbarkeit. Menschen, die nichts erhalten hatten, umarmten mich. So ist es kein Problem, wochenlang sieben Tage durchzuarbeiten. Als ich nach dem halben Jahr zurückkehrte, war meine Frau darauf gefasst, einen abgekämpften Mann in Empfang zu nehmen. Sie sagte mir später, sie sei völlig perplex gewesen, dass ich so voller Energie auf sie zugekommen sei. (Schweigt) Richtig schwierig wurde es eigentlich erst, als ich wieder in der Schweiz war.

Das klingt paradox.

Ich weiss. Alle dachten, ich hätte schon viel früher zurückkehren wollen und sei froh, endlich in der sicheren Schweiz zu sein. Meine Wahrnehmung war anders. Hier fühlte ich mich komplett unverstanden. Wo immer ich hinging, tauchten in meinem Kopf Bilder aus Haiti auf, die sich vor die Schweizer Realität schoben. Wenn mich jemand nach meinen Erlebnissen fragte, tauchte ich wieder ganz in diese Welt ein. Davon zu erzählen, kostete mich Kraft, ich exponierte mich, gab Gefühle preis. Für viele Gesprächspartner war es aber nicht mehr als Small Talk. Sie antworteten mit ein paar Vorurteilen gegenüber Schwarzen und kamen im nächsten Atemzug auf Fussball oder Fernsehserien zu sprechen. Für mich war es eine Zeit grosser Einsamkeit. Ich zog mich zurück, fühlte mich unverstanden. Später sagten mir Berufskollegen, die Ähnliches erlebt hatten: «Schütze dich. Es ist sinnlos, viel zu erzählen.» Seither rede ich meistens über ein paar Sachen, von denen ich weiss, dass sie gut ankommen.

War es auch ein Belastungstest für Ihre Ehe?

Ja, trotz ihrer Unterstützung war es eine grosse Herausforderung nach 20 Ehejahren. Ein Grund, warum ich meine Karriere beendet hatte, war ja, dass ich mehr Zeit für mich und für unsere Partnerschaft haben wollte. Vorher hatte ich in meinem Kaderjob zwar gutes Geld verdient, aber fast keine Zeit zum Leben. Jetzt arbeite ich nur noch halb so viel und verdiene maximal einen Viertel – und es fühlt sich viel besser an. Glücklicherweise konnte mich meine Frau bei meinem Libanon-Einsatz zwei Wochen besuchen. Seither versteht sie viel besser, was ich tue und warum die Umstellung schwierig ist.

Haben Sie während Ihrer Schweiz-Aufenthalte nie ein schlechtes Gewissen, wie gut Sie es sich gehen lassen?

Nein, ich geniesse die Zeit hier – ich hatte ja auch egoistische Gründe, mich für diese Arbeits- und Lebensform zu entscheiden. Ich habe kein Helfersyndrom und ich opfere mich nicht auf bis zur Selbstaufgabe, sondern ich möchte meine Erfahrung und meine Schaffenskraft temporär weniger Privilegierten zur Verfügung stellen. Das fühlt sich für mich richtig an. Gleichwohl frage ich mich von Zeit zu Zeit, ob ich nicht noch mehr tun könnte oder müsste. Ich versuche, bewusster zu leben, viel zu lernen und der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Und ich muss manchmal lachen über unser Sicherheitsbedürfnis hier in der Schweiz. Kürzlich hatte ich Krankenkassen- und Versicherungsvertreter bei mir im Haus. Es ist nicht ganz einfach, das alles ernst zu nehmen, wenn man gerade aus Haiti oder dem Libanon zurückgekehrt ist.

Kontakt:

paul.metzener@bluewin.ch

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9 Kommentare zu “Schwierig wurde es erst, als ich wieder in der Schweiz war”

  1. gut, dass es solche Menschen gibt!

  2. Angela Nussbaumer sagt:

    Danke, Herr Morgenthaler, für diesen Beitrag, das Interview mit einem Menschen wie Herrn Metzener. Ich wünschte, alle Kader (-lohnbezüger!) müssten für mindestens ein halbes Jahr einen so überwältigenden Katastropheneinsatz leisten, bevor sie ihre Boni bekämen. Vielleicht würde die Welt dann wieder etwas normaler, etwas bescheidener, etwas menschlicher, realer.

  3. A. Rueegg sagt:

    ich lebe seit 14 jahren in namibia und obwohl dieses land nicht zu den aermsten laendern afrikas gehoert, gibt es auch hier viel armut, man muss sie nur sehen.
    jedesmal, wenn ich in der schweiz bin, erschreckt es mich, ueber welche kleinigkeiten sich die menschen aufregen und ausrasten koennen. ich empfinde die hektik erschlagend, dazu verbissene geschichtszuege usw.
    meine tochter, die seit dem tod meines mannes 2005 auch hier lebt und ich engagieren uns im kleinen. vor allem helfen wir kindern, damit sie eine gute schulbildung geniessen koennen, damit sie eine zukunftsperspektive haben. auch frauen unterstuetzen wir, denn sie tragen meistens die hauptlast. meine tochter hat eine gute ausbildung genossen und ihr eigenes kleines geschaeft, auch ihr geht es gut.
    ich bin mir jeden tag bewusst, dass ich zu den privilegierten gehoere, auch wenn ich sehr bescheiden lebe, ich habe ein dach ueber dem kopf, habe regelmaessig zu essen. ich muss mir keine sorgen machen, mehr brauche ich nicht. Ich finde es toll, dass es solche menschen gibt wie sie.

  4. Ueli Suter sagt:

    Ich durfte waehrend Jahren mit Paul Metzener in der Swissair (avireal) zusammen arbeiten und bin nicht ueberrascht dass er diesen Karrierewechsel gemacht hat! Dennoch “Chapeau Paul!”

    Schoen gibt es in unserer Gesellschaft noch andere Massstaebe fuer Erfolg und Zufriedenheit als das Bankkonto oder die Position in einer Unternehmung – Paul und allen anderen die Aehnliches tun – ALLLES GUTE

  5. Jens Pönisch sagt:

    Finde ich super , das es solche Menschen gibt. Habe auch gerade meine Firma verkauft und kann die Geschichte nur bestätigen.Habe auch aus den selben Gründen , auf mein Bauchgefühl gehört und zusammen mit meiner Frau ,die Entscheidung getroffen. Werde mir sicher mal die Hilfsprojekte im Internet genauer anschauen. Vielen Dank für den interessanten Beitrag

  6. André Dünner sagt:

    Hut ab Herr Metzener, und all jenen die auf die selbe Art und Weise, oder auf andere – Menschen durch ihr Wissen helfen aus Notzuständen wieder herauszufinden. Diese zu überbrücken helfen.

    Dem was oben von Frau Nussbaumer erwähnt wurde kann ich nur zustimmen. Es würde vielen die Augen öffnen die den Mund gross aufreissen und dick Bonis, und ähnliches abkassieren. Schlupflöcher für das angehäufte Vermögen finden als auch ausschöpfen. Das Leben ist wirklich mehr!

    Seit einigen Jahren mit meiner Frau in Peru lebend, hier hat es 50% der Bevölkerung die unterhalb der Armutsgrenze leben, war lange eine schwer zu ertragende Tatsache. Wenn wir ab und zu in die Schweiz kommen, fallen allererst die bedrückten, manchmal harten Gesichtszüge der Menschen auf. Heute kommt es nicht mehr darauf an wo einer geboren wurde, noch welcher Rasse er angehört und wieviel Geld er “sein Eigen” nennt. Oder in welcher Nobelgegend des Landes er seinen Wohnsitz hat. Eigentlich kam es nie darauf an. Bestimmend ist – was tut dieser für seinen Nächsten mit dem was er hat.

    Wieviel Leid könnte dadurch schlicht von der Welt genommen werden. Ihnen allen meine aufrichtigste Dankbarkeit, jenen allen die anderen Menschen und Lebewesen schlechthin helfen.

    Danke auch der Redaktion für die Publizierung eines solch wirklich wertvollen Artikels.

  7. Martina sagt:

    Super Artikel, vielen Dank!

    Ich kann Herr Metzener sehr gut verstehen und wie schwierig es fuer ihn zurueck in der Schweiz sein musste. Auf jeden Fall bewundere ich seinen Mut zur Veraenderung!

    Ich bin 26ig und arbeite selber auch im Ausland (Asien) und bin viel gereist. Durch die vielen Erfahungen und Eindruecke habe ich mich innerlich veraendert und es faellt mir immer schwerer, meine Freunde in der Schweiz und ihre Ansichten von einem guten Leben nachzuvollziehen. Ich habe auch aufgehoert mich gross mitzuteilen, da ich oft nicht auf Verstaendnis oder wirklich offene Ohren gestossen bin.

    Wichtig ist, dass man einfach ein paar wirklich gute Freunde hat, welche aehnliches machen oder leben. Bei denen ist auch wirkliches Interesse da und Verstaendnis.

    Ich wuensche Herrn Metzener auf jeden Fall weiterhin viel Kraft, Erfolg und lustige Momente!

  8. Matthias sagt:

    Mein Respekt!

  9. WalterO sagt:

    wie heisst es so schön ..Geben ist (macht )seliger als Nehmen.

    Auf jeden Fall bewundere ich Menschen , welche sich für andere Menschen einsetzen .

    Vielen Dank