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«Ich unternehme kleine Weltreisen in die Nachbarschaft»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 30. Juni 2011
Barbara Camenzind, Schatzsucherin

Barbara Camenzind, Schatzsucherin

Sie hat einen Beamtenjob, den sie als Traumberuf empfindet: Barbara Camenzind ist als Schatzsucherin im Auftrag der Stadt Rorschach unterwegs. Um immaterielle Schätze bergen zu können, musste sie erst einmal lernen, ihr Tempo zu verlangsamen. «Zu oft übersehen wir das Naheliegende und schenken den Menschen in unserer Umgebung zu wenig Wertschätzung», sagt die 37-jährige Opernsängerin.Frau Camenzind, Sie arbeiten in Rorschach als Schatzsucherin – wie ernst nehmen Sie selber diese Funktion?
BARBARA CAMENZIND: Manche glauben ja, die Rorschacher Schatzsucherin sei ein Zeitungswitz, aber mich und mein Amt gibt es tatsächlich. Es ist ein Beamtenjob und gleichzeitig mein Traumberuf: Die Stadt Rorschach bezahlt mich mit einem 10-Prozent-Pensum dafür, als eine Art positive Detektivin immaterielle Schätze wie zündende Ideen, besondere Kompetenzen und Talente der Rorschacher Bevölkerung aufzuspüren, zu bergen und durch Publikation im St. Galler Tagblatt ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Das klingt jetzt ein wenig wie auswendig gelernt. Was heisst das konkret?
Was ich gesagt habe, stand ungefähr so in der Stellenausschreibung und in meiner Ernennungsurkunde. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Jemand erzählte mir in der Beiz, sein Nachbar sei ein seltsamer Kauz, bei dem brenne immer bis tief in die Nacht das Licht, es sei unklar, was der die ganze Zeit mache. Ich meldete mich als Schatzsucherin bei besagter Person und lernte einen äusserst liebenswerten und interessanten 93-jährigen Mann kennen. Franz Jacobi, ehemaliger Geschäftsführer der Klavierbaufirma Sabel, hatte sich ein Berufsleben lang um den Wohlklang in den Tasteninstrumenten gekümmert. Im Alter fand er zum Glück des Schreibens. Durch meinen Besuch und das Portrait, das ich verfasste, erfuhr Rorschach, dass das nicht einfach ein schräger Vogel, sondern ein veritabler Dichter ist. Viele Menschen schauen neidisch oder argwöhnisch über den Gartenhag, das gilt für Rorschach wie für alle Orte dieser Welt. Zu meiner Aufgabe gehört es, mit positiven Geschichten hier Gegensteuer zu geben.

Man könnte das auch als Schönfärberei oder simples Standortmarketing bezeichnen.
Ich will nicht die Probleme verleugnen, sondern das Positive verstärken. In Rorschach gibt es keine Industrie mehr, die Bevölkerung ist von 14’000 auf 9000 Einwohner geschrumpft, der Anteil der Bewohner mit Migrationshintergrund ist stark angestiegen, viele schöne alte Häuser sind abgerissen worden. Das alles sind Tatsachen, die ich nicht bestreite. Was mich interessiert, ist das Potenzial der Menschen, die hier leben. Ich unternehme kleine Weltreisen in die Nähe, in die Nachbarschaft. Oft übersehen wir das Naheliegende, blicken achtlos über das scheinbar Vertraute hinweg, schenken Menschen in unserer Umgebung keine Aufmerksamkeit, keine Wertschätzung. Ich fungiere hier als Vorhang-Aufzieherin, die eine Bühne schafft für die Szenerien des Alltags.

Wie finden Sie verborgene Schätze?
Ich erhalte viele Hinweise aus der Bevölkerung. Und ich gehe als Flaneurin mit offenen Augen durch die Gassen. Ich bin sogar zur Beizengängerin geworden, seit ich das Amt Anfang Jahr angetreten habe. Wenn man die Fühler ausstreckt, kommt man leicht zu den wunderbarsten Geschichten. Meine knapp dreijährige Tochter ist mir dabei eine grosse Hilfe. Wenn ich mit ihr unterwegs bin, kann ich gar nicht anders, als alle paar Schritte stehen bleiben. Sie zeigt mir viele kleine Schätze und hilft mir, mit fast allen Leuten problemlos ins Gespräch zu kommen. Früher musste in meinem Leben alles schnell gehen. Zeitverzögert unterwegs zu sein, ist für mich deshalb eine grosse Herausforderung – und eine noch grössere Chance. Meine Tochter und mein Jagdhund haben mich in dieser Hinsicht viel gelehrt. Sie tragen deshalb vollkommen zu Recht die Titel Schatzsucherkind und Schatzsucherhund.

Wie wurden Sie eigentlich Schatzsucherin? Haben Sie sich beworben?
Nein, ich wurde in das Amt berufen, habe die Berufung angenommen und rasch gemerkt, dass es ein Traumberuf ist. Um die ganze Wahrheit zu sagen: Die Stelle wurde 2009 erstmals besetzt. Ich spielte damals schon Schatzsucherin, ohne dafür einen Auftrag zu haben. Ich heftete mich klammheimlich und in Eigenregie dem offiziellen Schatzsucher Richard Lehner an die Fersen und wurde so zu einer Art Stadtfüchsin von Rorschach. Da ich über die synästhetische Wahrnehmung verfüge, übersetzt mein Hirn Farben und Formen in Töne. So übertrug ich einen Teil der Schätze, die Richard Lehner geborgen hatte, in Klangbilder und stellte fest: Rorschach klingt wunderbar!

Wie kamen Sie auf die Idee, ohne Auftrag durch die Stadt zu ziehen? Die meisten Menschen sind zu beschäftigt, um so etwas zu tun.
Ich bin nach einem längeren Engagement als Opernsängerin in Innsbruck vor drei Jahren wider Willen wieder in Rorschach gestrandet. Wegen einer plötzlichen Erkrankung verlor ich alle Engagements und musste zudem um das Leben meiner noch ungeborenen Tochter fürchten. Ich fühlte mich nutzlos und ziemlich verloren. Ich meldete mich für den Masterlehrgang in Sozialmanagement an der Fachhochschule für soziale Arbeit an und kam mit dem Buchprojekt «Stadt als Bühne – Szenische Eingriffe in einen Stadtkörper» von Mark Riklin und Selina Ingold in Berührung. Mir wurde schlagartig bewusst, dass man eine Stadt nicht nur durch bauliche Massnahmen gestalten kann. Eine Stadt zur Bühne zu erklären und mit dem Schatzsucher eine Art Schule der Wahrnehmung zu betreiben, diese Geschichte hat mich magisch angezogen – wohl auch deshalb, weil ich selber die geliebte Bühne unfreiwillig verlassen musste.

Sie haben nun die Hälfte Ihrer Amtszeit erreicht. Welche Ziele möchten Sie noch erreichen in den nächsten sechs Monaten?
Je tiefer ich in die Aufgabe eintauche, desto spannender wird es. Eines meiner Ziele ist, noch mehr Frauen zu erreichen – bis jetzt gibt es ein Übergewicht an männlichen Schätzen. Zudem möchte ich in allen Schichten Schätze orten und heben, nicht primär im Sektor der gut Ausgebildeten. Mein Hauptziel bleibt aber, viele Geschichten zu erzählen, die Resonanz finden. Gute Geschichten haben eine magische Wirkung: Sie verwandeln den Schreibenden, den Lesenden und den Beschriebenen. Auch deswegen schreibe ich wahnsinnig gern.

Kontakt und Information:
barbara_camenzind@bluewin.ch
http://schatzsucher.rorschach.ch/

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