Beruf + Berufung ist umgezogen. Neu finden Sie die wöchentlich erscheinenden Interviews hier. Viel Lesevergnügen!
Logo

«Ich bin kein Guru, ich bin einfach eine Stimme von aussen»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 24. Februar 2011
Saul Miller

Saul Miller

Wenn Manager vor wichtigen Entscheidungen stehen oder Sportler um Titel kämpfen, ziehen sie gerne Saul Miller bei. In den letzten zwei Wochen arbeitete der kanadische Psychologe mit den Spielern des SC Bern. «Unter Druck neigen wir dazu, uns zu verkrampfen und das Falsche zu tun», sagt Miller. Er erläutert, wie man Emotionen managen und gut mit sich selber sein kann. Interview als PDF-Datei
Herr Miller, Sie arbeiten in dieser Saison zum zweiten Mal mit dem SC Bern zusammen, um dem Team vor den Play-offs die erforderliche mentale Stärke zu vermitteln. Was ist Ihr Eindruck nach knapp zwei Wochen: Wird der SC Bern auch dieses Jahr Schweizer Meister?
SAUL MILLER:
Wenn ich in der Garderobe mit dem Team arbeite, dann sehe ich sehr viel Talent und Leidenschaft. Das Team ist gut gecoacht und nach wie vor hungrig. Bern hat sicher gute Chancen, aber es gibt andere starke Teams wie Davos oder Kloten. Eine Erfolgsgarantie gibt es nie.

Anders gefragt: Wenn der SC Bern erneut Meister wird, welchen Anteil haben Sie am Erfolg?
Ich stehe nicht auf dem Eis und nicht an der Bande, mein Einfluss ist also gering.

Jetzt stapeln Sie tief. Wenn zwei Gegner im Sport leistungsmässig nahe beieinander liegen, gibt die mentale Stärke oft den Ausschlag. Es gibt Experten, die sagen: Zu 80 Prozent entscheiden sich solche Partien im Kopf.
Ich will dieser Lesart nicht widersprechen. Aber es entspricht nicht meiner Art, mich selber als Matchwinner darzustellen. Im letzten Jahr habe ich sehr erfolgreich mit einem amerikanischen Football-Team zusammengearbeitet. Der Team-Manager hatte wohl das Gefühl, er müsse mich vor dem Abheben bewahren. Er sagte zu mir: «Wenn ich eines Tages in einer Zeitung lese, du seist der Grund für unsere Erfolge, dann entlasse ich dich noch am gleichen Tag.»

Letztes Jahr waren Sie für den SCB-Coach Larry Huras so wichtig, dass er für die Vormittage vor dem dritten und siebten Spiel gegen Servette eine Video-Konferenz mit Ihnen organisierte. Wird Ihnen das nicht manchmal unheimlich? Die Schweizer Hockeyprofis brauchen vor wichtigen Spielen einen Guru, der aus dem fernen Kanada zu ihnen spricht.
(Lacht) Ich bin kein Guru, ich bin einfach eine Stimme von aussen – in diesem Fall halt aus dem fernen Kanada, weil ich nicht wochenlang in Bern bleiben kann. Ich halte es nicht für ein Zeichen der Schwäche, wenn man in entscheidenden Situationen Experten ins Boot nimmt. Wenn wir unter Druck sind, neigen wir dazu, uns zu verkrampfen und das Falsche zu tun. Wir fallen in alte Muster zurück und brauchen daher jemanden, der uns daran erinnert, wie wir produktiv mit solchen Situationen umgehen: wie wir den Druck in Energie verwandeln. Der Druck auf den Schultern der Spieler des SC Bern ist gross; letztes Jahr war er besonders gross, weil das Team vorher zwei Mal in Folge schon in den Viertelfinals gescheitert war. Da ist es entscheidend, die ganze Aufmerksamkeit und Energie darauf zu kanalisieren, was zu tun ist. Wenn man sich hierbei nicht auf eingeübte Techniken stützen kann, lässt man der Angst und den Gedanken ans Scheitern zu viel Raum.

Sie arbeiten seit Jahrzehnten mit Spitzensportlern und Managern zusammen. Arbeiten Sie mit beiden Gruppen gleich?
Es gibt sehr viele Parallelen. Die wichtigste Herausforderung bleibt, fokussiert zu sein und die Emotionen so zu managen, dass man unter Druck am Tag X die Bestleistung abrufen kann. Der Sport ist deshalb ein wunderbares Betätigungsfeld, weil Erfolg und Misserfolg so rasch und unzweifelhaft sichtbar werden. Viele Manager interessieren sich brennend dafür, wie ich mit Spitzensportlern und Sportteams arbeite.

Welche Themen standen bei Ihrer Arbeit mit den SCB-Spielern in den letzten Tagen im Vordergrund?
Es gibt die Teamarbeit und die Einzelarbeit. Wenn man oft gewinnt und den Meistertitel im Rücken hat, besteht die Gefahr, dass die Intensität sinkt, dass man überheblich wird. Manche Spieler möchten wichtigere Rollen übernehmen, andere lesen zu oft in der Zeitung, wie gut sie sind, und werden genügsam. Entscheidend ist, dass jeder eine klare Vorstellung von seiner Rolle hat und fest entschlossen ist, in dieser Rolle das Beste aus seinen Möglichkeiten herauszuholen. Es braucht ein positives, gefestigtes Selbstbild – für jeden Spieler und für das Team. Das erleichtert auch die Verarbeitung von Niederlagen. Wenn man mental gefestigt ist, kann man schlechte Spiele abhaken und sich sagen: «Das war nicht ich, das waren nicht wir. Beim nächsten Mal werden wir wieder unser wahres Gesicht zeigen.»

Was machen Sie selber, wenn Sie sich gestresst fühlen? Kommt das überhaupt vor?
Ja, gerade diese Woche hatte ich Stress, weil ich etwas Schlechtes gegessen hatte und dadurch einen Tag ausfiel. Das Allerwichtigste ist für mich die Atmung. Wenn ich zu sehr unter Druck bin und mich nicht mehr gut fühle, dann nehme ich mir einen Moment Zeit, mich ganz auf meine Atmung zu konzentrieren. Dahinter steht die elementare Aufgabe, sich selber Wertschätzung zu geben. Wir erhalten ein Leben lang viele negative Feedbacks – das beginnt schon in der Kindheit, wenn uns Eltern und Lehrer pausenlos sagen, was wir nicht tun dürfen, was wir falsch machen. Umso wichtiger ist es, Bestätigung zu bekommen. Man kann diese von anderen einfordern, aber das kostet viel Energie und macht leicht abhängig. Der sicherste Weg ist, gut zu sich selber zu sein. Ich habe früh damit angefangen, mir selber nette Dinge zu sagen. Diese Affirmationen geben mir viel Gelassenheit.

Hilft es auch im Sport?
Ja. Es gibt zwei elementare menschliche Emotionen: Liebe und Angst. Wenn wir unsicher sind, handeln wir aus der Angst heraus. Wir sind angespannt, verkrampfen uns – und bleiben weit unter unseren Möglichkeiten. Für Sportler und Führungskräfte kommt es darauf an, den Wettkampf zu lieben; nicht den Sieg, den kann jeder lieben.

Ist Ihre eigene mentale Stärke unerschütterlich?
Nein, das würde ich nie behaupten. Aber ich habe mir durch die psychologischen Studien, durch Meditation, Yoga und Kampfkunst ein gutes Rüstzeug erworben. Das erlaubt mir, meine Möglichkeiten auszuschöpfen und andere auf diesem Weg effektiv zu begleiten. (Lacht) Aber wenn Sie meine Frau fragen würden, dann würde die Ihnen wohl sagen, ich sei noch immer ein blutiger Anfänger. Ein Punkt ist mir noch wichtig: Was wir hier besprechen, ist keine reine Kopfsache. Die Verantwortung für sich und seine Gedanken zu übernehmen und sich mental auf das zu konzentrieren, was man erreichen will, ist ein wichtiger erster Schritt. Die Power kommt aber nicht aus dem Kopf, sondern vom Herz und aus dem Bauch.

Kontakt und Information:
www.saulmiller.com

Literatur:
Saul Miller: Why Teams win. 9 keys to success in business, sports and beyond. / Performance under Pressure. Gaining the mental edge in business and sport.

« Zur Übersicht

Ein Kommentar zu “«Ich bin kein Guru, ich bin einfach eine Stimme von aussen»”

  1. Ach, das hat jetzt mal richtig Spaß gemacht, dieses Interview zu lesen! Jemand der so mit Affirmationen umgeht und ihren Wert erkennt, damit arbeitet und tatsächlich Veränderungen – ja, und auch offenbar viele Siege für andere – bewirkt, das finde ich ganz wunderbar. Vor allem weil es ein bisschen in Mode gekommen ist, Affirmationen als unseriös hinzustellen.
    Mit Yoga und Atemübungen lassen sich Affirmationen optimal einsetzen und entwickeln große Kraft, Vielen Dank für das Interview, in dem dies aus einer so prominenten und anerkannten Ecke bestätigt wird!