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«Es hilft, wenn man nicht zu viel von der Sache versteht»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 22. Dezember 2018
Christian Hirsig war schon als Schüler mehr an spannenden Projekten als an guten Noten interessiert.

Christian Hirsig war schon als Schüler mehr an spannenden Projekten als an guten Noten interessiert.

«Mit einer guten Portion Naivität» packt Christian Hirsig Dinge an, von denen andere lieber die Finger lassen. Vor zwei Jahren hat der 38-jährige Berner Unternehmer Powercoders lanciert, eine Programmierschule für Flüchtlinge. 2019 wird das Projekt in der Schweiz ausgebaut, zudem möchte Hirsig eine Schule in Istanbul eröffnen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Hirsig, Sie haben schon unzählige Firmen gegründet und Projekte lanciert. Wie kamen Sie vor drei Jahren auf die Idee, eine Programmierschule für Flüchtlinge zu starten?

CHRISTIAN HIRSIG: Es war wie bei all meinen Projekten: Die Idee hatte ich nicht selbst, sie wurde von aussen an mich herangetragen. Gute Ideen liegen ja in der Luft, es braucht einfach Leute, die sich der Sache annehmen, die mehr Chancen sehen als Gefahren. Da ist es manchmal ganz hilfreich, wenn man nicht zu viel von der Sache versteht. Ich bin kein Asylexperte und kein Programmiercrack, aber mir war klar, dass Integration am besten über den Arbeitsmarkt gelingt und dass angesichts des Fachkräftemangels in IT-Berufen auch die Wirtschaft ein Interesse an einem solchen Projekt haben würde.

Wie starteten Sie mit Powercoders?

2016 wurde ich vom US-Aussenministerium mit 44 anderen jungen Europäern zu einem Innovationsworkshop eingeladen. Dort lernte ich Dita und Cornelia kennen. Dita, eine Tschechin, beschäftigte sich mit dem Aufbau einer Programmierschule für Frauen, Cornelia, eine Österreicherin, erzählte von einem Koch- und Cateringprojekt mit Flüchtlingen. Im Halbernst sagte Dita zu mir: «Du könntest das kombinieren und eine Programmierschule für Flüchtlinge gründen.» Zurück in der Schweiz, redete ich mit ein paar Leuten, einem Kollegen, der gerade seinen Zivildienst in der Asylunterkunft in Büren absolvierte, einigen IT-Spezialisten, Personalverantwortlichen, einer Stiftung und einer Bank – und plötzlich entwickelte sich eine solche Eigendynamik, dass es nur noch um das Wie ging und nicht mehr um das Ob. Ich holte eine Sozialarbeiterin mit indischen Wurzeln und einen Programmierlehrer an Bord, und Anfang 2017 begann im Effinger-Coworking in Bern der erste Lehrgang.

Inzwischen haben 51 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und weiteren Ländern die 13-wöchige Programmierschule durchlaufen. Wie geht es für sie weiter nach der Ausbildung?

Es war eindrücklich, zu sehen, wie breit das Projekt mitgetragen wurde – alle politischen Lager von ganz links bis ganz rechts finden es gut, die einen mehr aus sozialen Überlegungen, die anderen, weil es hilft, Sozialgelder zu sparen. Wichtige Akteure wie das Staatssekretariat für Migration und die Kantone tragen das Projekt heute mit. Entscheidend ist, dass von den 51 Absolventen in Bern, Zürich und Lausanne alle einen Praktikumsplatz gefunden haben. Da werden sie sechs bis zwölf Monate lang von einem Jobcoach begleitet. Unser Ziel ist, dass mindestens 80 Prozent fünf Jahre nach Abschluss unserer Schulung eine Festanstellung in der IT haben. Manche finden direkt einen Job, andere absolvieren erst noch eine Lehre oder ein Studium. 2019 werden die bisherigen temporären Schulstandorte nun durch zwei nationale Powercoders-Ausbildungszentren in Zürich und Lausanne abgelöst. So wollen wir 100 Ausbildungsplätze pro Jahr anbieten.

Ist damit Ihre Aufgabe erfüllt und Sie können sich neuen Projekten zuwenden?

Christian Hirsig möchte die Programmierschule für Flüchtlinge bald auch in Istanbul und anderen Grossstädten lancieren.

Von den ersten 51 Absolventen haben alle einen Praktikumsplatz gefunden.

Nein, ich möchte noch einen Schritt weitergehen mit Powercoders. Im Frühling 2017 führte ich ein langes Gespräch mit Hussam Allaham, einem Syrer, der unseren ersten Kurs absolviert hatte. Er fand unser Projekt gut, wollte aber darauf hinarbeiten, solche Ausbildungen näher an den Krisenherden anzubieten. «Wir Syrer verlieren eine ganze Generation», sagte Hussam, nicht alle hätten das Glück, in der Schweiz eine Chance zu bekommen. So suchen wir seit einiger Zeit nach geeigneten Städten, in denen es viele Flüchtlinge und eine starke IT-Industrie hat. Aktuell prüfen wir, ob wir in Istanbul eine Schule eröffnen können – diese Stadt, in der zwei Millionen Syrer leben, wäre ein guter Ort für ein Leuchtturmprojekt dieser Art der Jobintegration. Eine andere Mitarbeiterin mit indisch-italienischen Wurzeln hat in London eine Masterarbeit über Powercoders und das englische Projekt «Code your Future» geschrieben. Sie prüft derzeit, in welchen Städten in Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika wir Powercoders noch anbieten könnten. Das Programm steht und funktioniert, es braucht nur ein wenig finanzielle Starthilfe von Privatpersonen, Stiftungen oder Regierungsorganisationen und lokale Programmverantwortliche.

Fragen Sie sich bei solchen Dimensionen nie, ob Sie dem gewachsen sind?

Ich ticke einfach so, dass ich bei einem starken Projekt die Risiken nicht sehe und mit einer guten Portion Naivität an solche Dinge herangehe. Vermutlich ist das genetisch bedingt. Mein deutscher Grossvater hat einen Teil des Deutschen Paketdiensts aufgebaut, mein Schweizer Grossvater war Metallbauer und Unternehmer, mein Vater übernahm das Geschäft und übergab es meiner Schwester, mein Bruder ist Gastrounternehmer – wir haben alle einen starken Freiheitsdrang. Ich wäre ein furchtbarer Angestellter, das möchte ich keinem Chef zumuten. Das Schlimmste für mich ist nicht das Risiko, sondern wenn mir jemand sagt: «So läuft es hier nun einmal, das musst du akzeptieren.»

Waren Sie auch ein schwieriger Schüler?

Mein Interesse am Schulstoff war sehr überschaubar und die Noten meistens knapp genügend. Mit zwölf organisierte ich als erstes unternehmerisches Projekt ein Fussballturnier an der Schule in Belp. Mir kam es ganz natürlich vor, Sony fürs Sponsoring anzufragen. Tatsächlich rief jemand von Sony zurück, meine Mutter war am Apparat und wurde nach ihrem Mann gefragt – worauf sie sagte, sie sei geschieden, das müsse ein Irrtum sein. Jedenfalls hatte ich Sony am Ende an Bord. Diese kindliche Euphorie habe ich mir bis heute erhalten. Prägend war später sicher auch mein Jahr Highschool in Nebraska. Dort machte ich erste Gehversuche im Programmieren – und vor allem wuchs dort mein Vertrauen, dass ich mich überall zurechtfinden kann, unabhängig von Ausbildung, Netzwerk oder Job. Die erste Woche habe ich nur geweint auf dieser Farm «in the middle of nowhere», dann begann ich, meine Unabhängigkeit und diese weite Welt zu geniessen.

Sie schlossen dann in der Schweiz die Wirtschaftsmittelschule ab, studierten an der Uni St. Gallen und gründeten nach einer Stelle bei der Post die erste eigene Firma. Was haben Sie dabei gelernt?

Zuerst lernte ich, dass ich mich in Konzernstrukturen viel zu sehr aufreiben würde. Das Projekt «Webstamp», das ich bei der Post mitverantworten durfte, machte Spass, aber die Rahmenbedingungen ermüdeten mich. Dann gründete ich mit Reto Aebersold die Firma Atizo, eine Plattform zur Generierung von Ideen. Die ersten drei Jahre waren wunderbar, wir wuchsen rasch und brachten starke Innovationen in den Markt wie zum Beispiel einen neuartigen Reissverschluss für Mammut-Jacken. Dann machten wir den Fehler, ohne funktionierendes Businessmodell Investoren ins Boot zu holen. Aber das Positive überwog. Durch den Verkauf meiner Firmenanteile im Jahr 2014 konnte ich es mir erlauben, im Folgejahr keinen Job anzunehmen. Ich gründete mit meiner Frau eine Firma, und wir gönnten uns Reisen und viel Zeit mit unserem damals einjährigen Sohn. Wenn ich ein einziges Jahr nochmals erleben dürfte, würde ich eindeutig 2015 auswählen.

Danach haben Sie nebst Powercoders ein eigenes Bier und ein Gastroformat lanciert, Sie führen Veranstaltungen durch, beraten Firmen – brauchts bald die nächste Auszeit?

Nein, ich merke inzwischen früher, wann ich Dinge loslassen muss und wie ich Prioritäten setzen kann. Die höchste Priorität hat die Familie. Mein Vater war leider praktisch nie zu Hause, weil er als Unternehmer so viel arbeitete. Mir ist es wichtig, das anders zu machen. Deshalb messe ich mich in erster Linie daran, ob ich pro Woche 11 von 14 Morgen- und Abendessen mit meiner Frau und den beiden Söhnen geniesse. Und ein Tag ist fix als Papitag reserviert.

Kontakt und Information:

www.powercoders.org oder chris@pacific-catch.ch

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