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«Ich brauchte nie grosse Sicherheiten oder viel Anerkennung»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 1. Dezember 2018
Ray Popoola: «Viele Menschen nutzen nur einen Bruchteil der Möglichkeiten ihres Gehirns.»

Ray Popoola: «Viele Menschen nutzen nur einen Bruchteil der Möglichkeiten ihres Gehirns.»

In die Sekundarschule hat es Ray Popoola in jungen Jahren nicht geschafft, danach verlief seine Karriere aber umso steiler. Nach 10 Jahren bei zwei Grossbanken machte sich der gelernte Elektromonteur als Mentalcoach selbstständig. Kürzlich ermöglichte der 47-Jährige einem Klienten durch Hypnose eine Operation ohne jede Narkose.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Popoola, Sie haben kürzlich am Schweizer Fernsehen für Nervenkitzel gesorgt. Ein Klient von Ihnen wurde unter Hypnose am Handgelenk operiert, ohne Narkose oder Schmerzmittel. Vollbringen Sie Wunder als Hypnosecoach?

RAY POPOOLA: Nein, keineswegs, diesen Eindruck wollte ich auch nicht erwecken. Mir ging es darum, in einem seriösen Rahmen zu zeigen, wozu unser Gehirn fähig ist, wenn wir das ganze Potenzial ausschöpfen. Jeder Mensch hat ein Hirn, aber viele nutzen nur einen Bruchteil der Möglichkeiten. Ich habe mich in den letzten zehn Jahren intensiv mit Mentalcoaching beschäftigt und unterstütze Spitzensportler und ambitionierte Führungspersonen dabei, ihre Ziele zu erreichen. Weil ich ein neugieriger Mensch bin und gut mit neuen Herausforderungen umgehen kann, hat mich das Experiment gereizt.

Der Patient, der ohne Narkose operiert wurde, war davor mehrmals bei Ihnen und hat sich in Selbsthypnose geübt vor dem Eingriff. Waren Sie sicher, dass das Experiment gelingt?

Ich war sehr zuversichtlich, aber es hätte auch schiefgehen können. Wir hatten mit dem Schweizer Fernsehen vereinbart, dass die Sendung so oder so ausgestrahlt wird. Wir taten unser Möglichstes, ein stabiles Setting aufzubauen, tauschten uns vor der Operation auch mehrmals mit dem Ärzteteam des Spitals in Luzern aus. Aber Sicherheit gibt es keine. Die Anwesenheit des Kamerateams war ein ebenso grosser Stressfaktor wie die Operation an sich – und gleichzeitig ein Anreiz, zu beweisen, was mit mentaler Stärke und Fokussierung möglich ist. Im Übrigen war es ja nicht der erste chirurgische Eingriff ohne Narkose, das wurde im Ausland und auch in der Schweiz schon mehrfach gemacht, wenn auch mit weniger medialer Aufmerksamkeit. Uns war es wichtig, ein anderes Bild der Hypnose zu vermitteln. Es gab und gibt viele Anfeindungen, aber auch polarisierende Darstellungen von Showhypnose. Wenn Menschen in Hypnose wie ein Brett daliegen oder unmögliche Dinge essen und tun, trägt das wenig zu einem differenzierten Verständnis der Methode bei.

Welches Bild möchten Sie denn vermitteln?

Hypnose ist kein Wundermittel. Wenn Sie auf der Website eines Hypnosetherapeuten 30 Symptome aufgelistet finden von Kinderwunsch bis Reizdarm, bei denen Hypnose garantiert helfen soll, ist das in meinen Augen ein Grund, einen weiten Bogen um diese Praxis zu machen. Hypnose ist ein Werkzeug im grossen Gebiet des Mentalcoachings, das Veränderungsprozesse unterstützen kann. Aber wenn ich einen Klienten in tiefe Trance versetze und er später mit einem Lächeln meine Praxis verlässt, heisst das noch lange nicht, dass sein Problem gelöst ist. Wir haben uns so daran gewöhnt, alles kaufen und konsumieren zu können. Aber Persönlichkeitsentwicklung funktioniert nicht so, dass Sie heute einen Termin vereinbaren, morgen vorbeikommen und übermorgen wie verwandelt sind.

Sondern?

Kern des hypnotischen Prozesses ist die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf inneres Erleben. Das kann heissen, dass ich meine Klienten bitte, ihre Augen zu schliessen und sich in einen Zustand der Entspannung zu versetzen. Oder ich helfe ihnen dabei, zu erkennen, was für Selbstgespräche sie im Verlauf des Tages führen, und einen Teil davon bewusst zu steuern. Dadurch verändert sich mittelfristig ihre Wahrnehmung, ihr Erleben und ihr Handeln. Weiter ist es wichtig, dass wir in der Lage sind, Reaktionen unseres Körpers wahrzunehmen und zu deuten. Es geht also primär darum, den Umgang mit uns selber und mit anderen zu verfeinern, statt von uns zu verlangen, dass wir wie Maschinen funktionieren.

Apropos Maschinen: Sie sind gelernter Elektromonteur. Wann haben Sie begonnen, sich für mentale Stärke zu interessieren?

Kürzlich hörte ich von Jugendfreunden, mich habe schon als Teenager die Frage umgetrieben, wie das Gehirn funktioniert und was es alles ermöglicht. Aber was weiss man schon in jungen Jahren über seine Fähigkeiten und Interessen? Die Realität war die, dass ich nach dem Umzug von Deutschland in die Schweiz die Sekundarschule nicht schaffte und mit einem Realschulabschluss eingeschränkt war in der Berufswahl. So lernte ich Elektromonteur, eine solide manuelle Ausbildung, die mich lehrte, dass man einen Schritt nach dem anderen sorgfältig ausführen muss – diese Tugend hilft mir heute als Coach. Ich merkte aber bald, dass es für mich auf diesem Beruf nur sehr überschaubare Perspektiven gab; mein Vorgesetzter sagte mir ganz direkt, mehr als seinen Chefsessel könne ich da nicht anpeilen.

Und Sie hatten da schon grössere Ambitionen?

Ja, ich baute neben der Lehre eine eigene Kampfkunstschule auf und war so als 20-Jähriger der jüngste Schulleiter der Schweiz. Mir kam es immer sehr natürlich vor, einfach zu tun, worauf ich Lust hatte – und dann rasch dazuzulernen. Woher diese Haltung kommt, weiss ich nicht, ob das meine deutsch-nigerianischen Wurzeln sind oder ein angeborenes Selbstvertrauen. Ich brauchte jedenfalls nie grosse Sicherheiten oder viel Anerkennung, um mir etwas zu erlauben. Und es brauchte sehr viel, um mich aus der Ruhe zu bringen. Allerdings merkte ich auch, dass ich noch viel lernen musste, um etwas zu erreichen. So machte ich erst die Berufsmatur und bildete mich später zum Wirtschaftsinformatiker, Betriebsökonomen und Executive MBA in England weiter.

Zwischen 1998 und 2008 haben Sie als Quereinsteiger bei den Grossbanken UBS und CS Karriere gemacht. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Das waren ja die Boomjahre, also sah ich zunächst primär unbegrenzte Möglichkeiten, zu wachsen und zu lernen. Ich wusste: Wer sich hier ins Zeug legt, kann sich entwickeln und erhält interessante Projekte. Allerdings sah ich auch, woran Projekte kranken und wie schwierig Zusammenarbeit ist, wenn alle drei bis sechs Monate eine neue Reorganisation anrollt. Bei der UBS spürte ich trotzdem eine starke Unternehmenskultur, bei der CS dann stärker die angelsächsische «Hire and Fire»-Mentalität. Und ich tat mich schwer mit gigantischen Bürogebäuden, wo jeden Morgen 6000 Leute reinkamen und jeden Abend wieder 6000 nach Hause gingen. In dieser Grossraumbüro-Atmosphäre habe ich mich einfach nicht mehr wohlgefühlt. So entschied ich 2008 nach zehn Jahren im Banking, dass ich den Fokus vermehrt auf individuelle Arbeit mit Menschen richten wollte.

Damals waren Mentalcoaching und Hypnosetherapie noch weniger verbreitet als heute.

Das ist so – ich landete ohne viel Mühe sofort in den vordersten Rängen bei der Google-Suche. Heute boomt nicht nur die Hypnose, sondern auch der gesamte Coaching-Markt, sogar Apotheker nennen sich gerne Gesundheitscoach. Die Eintrittsbarriere in dieses Berufsfeld ist tief, der Titel ist nicht geschützt und es gibt entsprechend viele Schnellbleiche-Angebote. Das führt dazu, dass böse Zungen sagen, wer sich im Business nicht durchsetze oder viele Probleme mit sich rumschleppe, könne immer noch Coach werden. Wir sind da im deutschsprachigen Raum aber auch eitel. Viele Manager oder Spitzensportler, die mit Coaches ihre Leistung verbessern, reden gar nicht oder nur ungern darüber. Im angelsächsischen Kulturraum ist die Haltung, dass man nicht alles allein machen muss und mit Unterstützung besser vorankommt, weiter verbreitet. Da fragt man besonders erfolgreiche Leute auch mal direkt: «Who is your shrink?», also sinngemäss: «Welcher Psychiater macht dich so stark?» Auch in der Schweiz sind viele Psychotherapeuten für drei bis vier Wochen ausgebucht, aber offiziell geht niemand dorthin.

Mit welchen Themen kommen Sportlerinnen oder Manager zu Ihnen?

Oft geht es darum, wie Stress besser reguliert werden und wie man unter Druck Spitzenleistungen erreichen kann. Auch die Schattenseiten des Erwartungsdrucks schauen wir an, die Versagensängste, Schlafstörungen, Ruhelosigkeit. Wenn jemand erstmals aufs Podest kommt oder ein Manager eine neue, medial exponierte Funktion übernimmt, wird er mit ganz neuen Anforderungen konfrontiert. Er kann auch ohne Coach lernen, sich da zu behaupten, aber mit einem Profi an der Seite lernt er schneller, wie er sein Energielevel steuern, sich durch Rituale stabilisieren und durch erprobte Techniken entspannen und fokussieren kann. Wichtig ist in meinen Augen, dass ein Coach zwar fordernd ist und Klartext spricht, aber gleichzeitig seine eigenen Grenzen kennt und demütig bleibt. Wenn einer das Gefühl hat, er könne jedem in allen Fällen helfen, richtet er früher oder später möglicherweise grossen Schaden an.

Kontakt und Information:

www.raypopoola.com oder mail@raypopoola.com

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