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«Ich lebe seit Jahrzehnten mit der Angst, dass mir nichts mehr einfällt»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 17. November 2018
Alex Capus, Schriftsteller und Betreiber der Galicia Bar in Olten. Foto: Ayse Yavas

Alex Capus, Schriftsteller und Betreiber der Galicia Bar in Olten. Foto: Ayse Yavas

Schreiben ist für Alex Capus nicht nur ein Handwerk, sondern immer ein Wagnis mit offenem Ausgang. Er schöpfe nicht aus dem Vollen, sagt der Oltner Schriftsteller, und der heitere Tonfall seiner Bücher sei hart erarbeitet. Als Antrieb dient dem 57-Jährigen auch die «duckmäuserische Bravheit» vieler Schweizer.

Interview: Mathias Morgenthaler und Viviane Vonlanthen

Herr Capus, Sie sind aktuell auf Lesereise mit Ihrem neuen Roman «Königskinder». Wie wichtig ist Ihnen die Resonanz auf Ihre Bücher?

ALEX CAPUS: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich mache das nur für mich, und es kümmere mich nicht, wie ein Buch aufgenommen wird. Der Applaus ist das Brot des Künstlers, und ich will geliebt werden wie jeder Künstler. Auch wer gehasst werden will, will im Grunde geliebt werden. Ich bin in der glücklichen Lage, dass viele meiner Bücher zahlreichen Menschen gefallen – solange ein Buch niemanden bewegt, ist es nicht fertig geschrieben.

Wird man überhaupt je fertig mit einem Text?

Eigentlich nicht – zum Glück gibt mir der Verlag jeweils eine Deadline. Zunächst stellt sich ja die Frage, wie man mit etwas Neuem beginnt. Es hilft noch gar nicht so viel, wenn man ein Thema hat, über das man schreiben will. Wichtig ist der Anfang, die ersten Sätze, welche die Tonart vorgeben für die ganze Geschichte. Ist man erst einmal eingetaucht in den Sound, schreibt es sich leichter. Aber in dem Moment, in dem ich ENDE unter die letzte Seite schreibe, beginnt die Arbeit noch mal von vorn – dann kommt die schöne Zeit der Überarbeitung. Die erste Fassung ist nie gut, es gibt immer viel zu verbessern und wegzulassen, bis der Text seine schlichte Schönheit bekommt. Ich erkenne Schwächen am besten, wenn ich mir den Text vorlese. Und ich bin unermüdlich darin, Texte zu überarbeiten; wenn der Verlag mir das Manuskript nicht irgendwann wegnähme, würde ich vermutlich nie damit aufhören. Aber es ist gut, dass es den Abgabetermin gibt, man kann Texte auch kaputt optimieren.

Ziehen Sie andere Menschen zurate während des Schreibens?
Nein, das mache ich mit mir selbst aus. Den ersten Entwurf schreibe ich von Hand in ein Heft – das ist intimer als am Computer, und ich weiss dann, dass der Text auch wirklich bei mir bleibt. Wenn ich am Computer arbeite, schauen mir gefühlt schon der Lektor und der Herr Bucheli von der NZZ über die Schulter. Meine Familie weiss jeweils nicht, woran ich arbeite, aber meine Frau hat ein Vetorecht, bevor das Manuskript an den Verlag geht. Ich finde nicht, dass Literatur alles darf, es soll sich durch meine Bücher niemand direkt blossgestellt fühlen.

Welches ist das schönste Kompliment, das man Ihnen für Ihre Arbeit machen kann?

Manchmal ist die faire Kritik die beste Rückmeldung – ich kann mich eigentlich an keine negative Rezension erinnern, die ich nicht mit genügend zeitlicher Distanz hätte nachvollziehen können. Aber wenn ein Buch frisch herausgekommen ist, schütze ich mich vor zu grossem Lob und vor zu strenger Kritik, weil beides wenig hilft in dem Moment. Es würde mich nur emotional aus dem Gleichgewicht bringen. Das schönste Kompliment ist, wenn mir jemand sagt: «Ich weiss genau, wovon du sprichst. Ich habe es noch nie so gesehen, aber genau so ist es.» Wenn ich also jemanden zur Wahrheit verführen kann.

Arbeiten Sie schon an einem neuen Roman, während Sie mit dem gerade erschienenen auf Lesereise sind?

Nein. Ich bin keiner dieser Schriftsteller, die gefühlt immer zu wenig Zeit haben, ihre vielen Ideen zu Papier zu bringen. Ich schöpfe nicht aus dem Vollen. Ich lebe seit Jahrzehnten mit der Angst, dass mir nichts mehr einfällt, dass ich eines Tages sagen muss: Das wars! Das, was am Ende hoffentlich heiter und leicht daherkommt, ist mit viel Aufwand und Konzentration erarbeitet worden. Derzeit habe ich keine Ahnung, worüber ich als Nächstes schreiben könnte. Ich hoffe, dass im Frühling oder spätestens im Sommer etwas aufblubbert.

Das heisst: Sie sind sich Ihres Könnens nie ganz sicher.

Die Luft ist bei mir immer dünn, und es gibt keine Gewissheit. Das Handwerk des Schreibens, das kann man lernen und lehren, wie das ja auch gemacht wird am Literaturinstitut seit einiger Zeit. Alles andere bleibt eine persönliche Aufgabe, ein Wagnis. Entscheidend ist nicht das handwerkliche Können, sondern der tiefe Antrieb, viel zu lesen, viel zu schreiben, viel zu lernen, den unverwechselbaren Klang der eigenen Stimme zu entwickeln. Das braucht einen Funken in der Seele – und den hat nicht jeder.

Braucht es auch etwas, gegen das man anschreiben will?

Vermutlich schon – bei mir ist das wohl eine anarchische, rebellische Kraft. In Frankreich ist es einfacher, die zu entfalten; da ist der Staat so stark, dass es Bürgerpflicht ist, immer wieder aufzubegehren. In der Schweiz ist der Staat so bürgernah und schwach, es funktioniert alles so tadellos, dass man kaum weiss, wogegen man rebellieren soll. Am besten wohl gegen diese duckmäuserische Bravheit, die sich «faute de mieux» bloss noch über ein wenig Moos an der Bordsteinkante aufregt, oder darüber, dass ich bei Rot über die Strasse gehe statt ein Vorbild zu sein für alle Schulkinder. Ich will aber kein Vorbild sein – oder höchstens ein schlechtes, das braucht es nämlich auch. Ich bin in den 70er-Jahren sozialisiert worden, bin in Jeans und ohne Helm Motorrad und Ski gefahren. Heute sind die Kinder auf der Piste eingepackt, dass sie mit 120 km/h stürzen könnten. Die Schweiz ist wirklich ein Epizentrum der Wohlanständigkeit, da bringe ich gern eine Portion gallische Lust am Diskurs und Dissens ein.

Ihr 27-jähriger Sohn braut nebenan das Bier, das Sie hier in der Galicia Bar ausschenken…

…er verkauft es mir und auch anderen Kunden, ist also unabhängig von mir. Der 18-Jährige steht hier als Barkeeper hinter dem Tresen, der 16-Jährige kommt manchmal nach dem Ausgang vorbei und auch die jüngeren beiden wuseln oft herum. Ich geniesse das sehr, dass sie sich hier wohlfühlen. Aber was war die Frage?

Hegt einer der Söhne ebenfalls literarische Ambitionen?

Nein, bisher nicht, und ich bin nicht unglücklich, wenn das so bleibt. Wenn ein Sohn in die Fussstapfen des Vaters tritt, ist er entweder besser als dieser oder schlechter – und beides ist schwierig.

Teil 1 des Interviews  ist vor einer Woche an dieser Stelle erschienen.

Das neue Buch: Alex Capus: Königskinder. Hanser-Verlag 2018.

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