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«Der IQ ist nachweislich der beste Indikator für Erfolg»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 29. September 2018
Guido Scherpenhuyzen, Gründer von IQmeets.biz, der ersten Personalvermittlung für Hochbegabte.

Guido Scherpenhuyzen, Gründer von IQmeets.biz, der ersten Personalvermittlung für Hochbegabte.

Wie finden sich Menschen mit einem sehr hohen Intelligenzquotienten in der Arbeitswelt zurecht? Guido Scherpenhuyzen weiss, dass ein hoher IQ für viele mehr Fluch als Segen bedeutet. Er hat deshalb die erste Personalvermittlung gegründet, die nur hochbegabte Kandidaten vermittelt. Der 53-Jährige will damit ungenutztes Potenzial freilegen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Scherpenhuyzen, wie hoch ist Ihr IQ?
GUIDO SCHERPENHUYZEN: (Holt tief Luft) Er liegt bei etwa 140. Der IQ verändert sich leicht mit dem Alter, und es gibt verschiedene Tests, die nicht die exakt gleichen Ergebnisse liefern. Aber die 140 sind in etwa der Mittelwert bei mir.

Von 260 Menschen hat statistisch einer einen IQ von 140 oder mehr. Ist das ein Fluch oder ein Segen?
Vermutlich beides. Ich weiss erst seit letztem Dezember, dass mein IQ ausserordentlich hoch ist. Es ist wohl bezeichnend, dass ich den ersten Test heimlich gemacht und auch danach nur einen kleinen Kreis über das Resultat informiert habe. Aber für mich persönlich war es ein Aha-Erlebnis. Ich begriff plötzlich, warum ich mich oft gelangweilt habe, weshalb mich so vieles genervt hat, gerade in beruflichen Stationen. Es ging mir schlicht zu langsam. In der Folge wollte ich verstehen, wie es anderen Hochbegabten erging. Ich startete eine Umfrage und schrieb über Mensa, eine internationale Vereinigung von Menschen mit hohem IQ, 816 Mitglieder in der Schweiz an und erhielt 431 Rückmeldungen. Auffallend war: Im beruflichen Umfeld dieser Menschen wusste fast niemand von ihrer Hochbegabung, und die meisten hatten das Gefühl, mit angezogener Handbremse unterwegs zu sein, ihre Fähigkeiten nicht voll einsetzen zu können.

Warum verstecken diese Leute ihre besonderen Fähigkeiten?
Weil sie nicht anecken oder Ablehnung provozieren wollen. Viele Hochbegabte halten sich zurück, passen sich an, weil sie weder arrogant noch als Streber rüberkommen wollen. Ein offen kommunizierter hoher Intelligenzquotient kann als Provokation wahrgenommen werden, die Reaktionen hervorruft wie «Und ich bin doof, oder was?». Aber es ist weder für die Wirtschaft noch für die Einzelnen eine gute Lösung, wenn die besonders smarten Leute so tun, als hätten sie keine speziellen Fähigkeiten.

Sie neigen nicht zu übertriebener Bescheidenheit und schmücken Ihre Mail-Signatur mit Ihrer Foto und dem Vermerk «Hochbegabt».
Ja, das provoziert die unterschiedlichsten Reaktionen. Ich habe mich entschieden, meinen Kopf hinzuhalten und dem Thema ein Gesicht zu geben. Ich will das Tabu brechen und mithelfen, dass diese Hochbegabten ihre PS auf die Strasse bringen statt Durchschnitt vorzuspielen und zunehmend frustriert zu werden. Hochbegabung ist in der Arbeitswelt mit vielen Vorurteilen belastet. Personalabteilungen relativieren gerne den IQ, weil sie ihn nicht verstehen. Sie achten bei der Selektion mehr auf Fachwissen und Sympathie. Und Vorgesetzte empfinden Hochbegabte oft als Bedrohung, mobben sie aus Angst vor dem Vergleich oder – in seltenen Fällen – überhöhen sie als Genies, die zaubern und jedes Problem lösen können.

Seit rund 100 Jahren ist bekannt, dass es nebst der kognitiven auch soziale, oder – wie Daniel Goleman es 1995 beschrieb – emotionale Intelligenz braucht für Erfolg im Leben und Beruf. Ist es da zeitgemäss, einen hohen IQ pauschal mit «Hochbegabung» gleichzusetzen?
Nicht ich, sondern die Psychologie definiert einen weit überdurchschnittlichen Intellekt, genau genommen die top 2 Prozent der Bevölkerung, als Hochbegabung. Der IQ ist nachweislich und wissenschaftlich belegt der beste Indikator für Erfolg und Innovation. Ein hoher IQ erlaubt rascheres Lernen und ein besseres Verständnis von komplexen Zusammenhängen. Vielleicht erleichtert eine Metapher das Verständnis: Wenn Menschen mit einem sehr tiefen IQ die Welt in Schwarz-Weiss sähen, brächten es durchschnittlich Intelligente auf HD-Qualität, und Hochbegabte hätten das Erlebnis einer Wahrnehmung mit der 3-D-Virtual-Reality-Brille. Aber natürlich beschreibt der IQ keinen Menschen vollständig, es gibt introvertierte und extrovertierte Hochbegabte, erfolglose und sehr erfolgreiche.

Wie fällt Ihre eigene Karrierebilanz aus? Sie haben trotz Hochbegabung keinen Studienabschluss und haben mit 52 Jahren Ihre Stelle in einer Geschäftsleitung verloren.
Ja, ich wurde gefeuert, und aus meiner persönlichen Sicht hatte das auch mit meiner damals unerkannten Intelligenz zu tun. Ich konnte mich einfach nicht anpassen. Als junger Mensch habe ich oft die Stelle gewechselt, weil mich die aufkommende Routine gelangweilt hat. Was den akademischen Abschluss betrifft: Ich hatte schon immer meine liebe Mühe, Dinge einfach auswendig zu lernen, die mich nicht interessierten oder für mich keinen Sinn ergaben. Ich will den Sachen auf den Grund gehen. Aus diesem Grund war ich auch kein besonders guter Schüler, aber als ich Chemielaborant lernte an der ETH und dort die grosse Bibliothek entdeckte, fühlte ich mich wie im Paradies. Nun absolviere ich einen MBA-Abschluss, weil das ein anerkanntes Gütesiegel für Managementkompetenz ist. Aber ehrlich gesagt stehen mir oft die Haare zu Berge, was da abgefragt und gemessen wird. Was sagt es über mein Denkvermögen aus, ob ich Malik zitieren kann oder nicht?

Nun sind Sie Unternehmer geworden und haben mit einem befreundeten Personalvermittler im Juli IQmeets.biz lanciert, die erste Personalvermittlung mit ausschliesslich hochbegabten Kandidaten. Wie entwickelt sich die Nachfrage in dieser Nische?
Wir haben innert kürzester Zeit über 100 Kandidatenprofile erhalten von top qualifizierten Hochbegabten, die latent oder aktiv auf Stellensuche sind und sich ein Umfeld wünschen, in dem ihre besonderen Fähigkeiten zum Tragen kommen. Auf Arbeitgeberseite besteht grundsätzlich ebenfalls Interesse an einem Pool von Hochbegabten. Meine Aufgabe ist es nun, die Entscheider auf Geschäftsleitungsebene vom Nutzen hochbegabter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu überzeugen. Wer an echter Innovation und rascher Optimierung interessiert ist, tut gut daran, sich Hochbegabte an Bord zu holen und ihnen einen grossen Entfaltungsraum zu geben. Oder die Hochbegabten, die schon im Unternehmen tätig sind, zu identifizieren und zu fördern. Beides bieten wir als erste und einzige im Markt an.

Und Sie haben keine Bedenken, mit diesem elitären Ansatz Schiffbruch zu erleiden?
Jede Gründung und jede unternehmerische Aktivität ist ein Wagnis. Zudem ist es in der Schweiz vielleicht besonders wichtig, bescheiden zu sein, nicht aufzufallen. Ich nehme gerne in Kauf, dass das Thema polarisiert und auch negative Reaktionen auslöst. Die Enttabuisierung und breite Information zum Thema Hochbegabung ist für mich auch ein persönliches Anliegen. Nun widme ich mich diesem Herzensthema und hoffe, das komme nicht nur mir zugute, sondern auch den Hochbegabten und der Innovationskraft der Schweizer Unternehmen.

Kontakt und Information: www.IQmeets.biz oder guido@iqmeets.biz

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