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«Als ich in China ankam, fühlte ich mich wie ein 3-Jähriger»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 22. September 2018

 

Lucas Rondez, der frühere UBS-Banker, spricht heute fliessend Mandarin.

Lucas Rondez, der frühere UBS-Banker, spricht heute fliessend Mandarin.

Im Alter von 22 Jahren packte Lucas Rondez seine Koffer und reiste in die chinesische Millionen-Stadt Hangzhou. Heute ist Rondez eine wichtige Ansprechperson für europäische Unternehmen, die in China Fuss fassen wollen. Manchmal wundert sich der 35-jährige Schweizer über die Vorsicht seiner Landsleute.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Rondez, Sie leben und arbeiten in der chinesischen Stadt Hangzhou, die knapp 10 Millionen Einwohner hat. Welches sind die grössten Unterschiede zum Leben in der Schweiz?
LUCAS RONDEZ: Das Wohlstandsniveau ist hier in Hangzhou sicher noch tiefer als in der Schweiz, entsprechend gross ist der Hunger, ein Business aufzubauen. Das zeigt sich auch daran, dass die Menschen deutlich mehr arbeiten als in der Schweiz. Statt «9 to 5»-Bürotagen gilt hier die 9-9-6-Faustregel: Gearbeitet wird von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, an mindestens sechs Tagen pro Woche. Und wenn sich Leute ausserhalb der Arbeit treffen, sprechen sie oft über Geschäftsmöglichkeiten. Es gibt auch praktisch keine Bettler, sogar die sozial Benachteiligten finden einen Weg, ein kleines Business zu machen. Bettler hätten zudem ein ernsthaftes Problem, weil es hier praktisch kein Bargeld mehr gibt und auch keine Kreditkarten. Ich wickle all meine Zahlungen mit dem Mobiltelefon ab.

Sie sind im jurassischen Dorf Bassecourt aufgewachsen. Hat Sie schon in jungen Jahren das Fernweh gepackt?
Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Eltern machten ihren Job, sind kaum gereist, weil mein Vater nicht fliegen wollte. Mitgegeben haben Sie mir eine grundsätzliche Neugier aufs Leben und das beruhigende Gefühl, dass sie mich unabhängig von meinen Entscheidungen unterstützen. Ich absolvierte nach der Schule die kaufmännische Lehre bei der UBS, arbeitete erst in Delsberg, dann in Genf. Asien zog mich schon in dieser Zeit magisch an, weil ich so wenig wusste über diese Kultur und es hiess, dort entwickelten sich die Märkte der Zukunft. So bat ich meinen Arbeitgeber, mich nach China zu schicken, fand damit aber kein Gehör. Ich entschied mich, das auf eigene Faust zu wagen. Die einengenden Strukturen bei der Schweizer Grossbank hatten mich ohnehin ermüdet. Ich liebte Herausforderungen, wollte etwas aufbauen und hatte als 22-Jähriger nichts zu verlieren.

Das ist nun 13 Jahre her. Was bleibt in Erinnerung von den ersten Tagen in der fremden Grossstadt?
Der Anfang war schwierig. Ich verstand kein Wort, kaum jemand redete Englisch – ich kam mir vor wie ein 3-jähriges Kind, das keinen Schritt allein machen kann. Doch ähnlich wie ein Kind hatte ich eine sehr hohe Motivation, schnell zu lernen: Ich baute mir ein Netzwerk auf, lernte Mandarin – zunächst in sehr theorielastigen Kursen, später viel besser im Alltag – reiste viel und fand mich bald gut zurecht im Alltag. Und eines Tages lernte ich einen Banker kennen, der sich als Vize-Präsident der Bank von Hangzhou entpuppte und mir die Chance gab, dort die Private-Banking-Abteilung aufzubauen. Nach gut sechs Jahren in der Bankbranche fühlte ich mich genügend gut integriert und vernetzt, um den Sprung ins Unternehmertum zu wagen. Ich hatte schon in jungen Jahren gewusst, dass ich später einmal etwas Eigenes aufbauen wollte, und nirgendwo war die Start-up-Kultur so ausgeprägt wie in China.

Sie lancierten als Erstes eine Mobile-App für Ausländer, die in China Fuss fassen wollten.
Genau, ich bot das an, was ich selber gebraucht hätte sechs Jahre zuvor – eine elektronische Hilfe für alltägliche Dinge wie Tickets kaufen, telefonieren, Bahn fahren inklusive einer Kommunikationsplattform. Ich machte viele Fehler bei der Entwicklung dieses Angebots für Privatkunden und lernte entsprechend viel für meine heutige Tätigkeit, die sich an Geschäftskunden richtet. Seit 2017 eröffne ich ausländischen Start-ups und KMU einen Zugang zum Ökosystem hier.

Was heisst das konkret?
China ist beispielsweise für Schweizer Unternehmen doppelt interessant: Einerseits finden sie hier einen Absatzmarkt für ihre Produkte, der grösser ist als in ganz Europa, regulatorisch aber viel weniger kompliziert. Zum anderen erhalten sie Zugang zu Investoren. Es gibt hier – inklusive der Regierung – viele Investoren, die nach guten Anlagemöglichkeiten suchen. Wir bieten in diesen Bereichen unabhängige Beratung an und betreiben einen Investmentfonds mit 15 Mitarbeitern, der sich direkt an Firmen beteiligt oder kapitalsuchende Unternehmen mit finanzstarken Investoren zusammenbringt.

Wie präsent sind Schweizer Unternehmen in Ihrer Region, in der auch der grosse IT-Konzern Alibaba angesiedelt ist?
Die grossen Schweizer Player und spezialisierte Unternehmen aus der Medizinaltechnologie und Halbleiterindustrie sind hier gut vertreten, ebenso die Schweizer Post, die kürzlich wieder mit einer Delegation vor Ort war, um ihr Drohnenprojekt voranzutreiben und sich über die neusten technologischen Entwicklungen ins Bild zu setzen. Es ist ja längst nicht mehr so, dass die Chinesen kopieren, was in Europa und den USA entwickelt wird. Gerade in den Sparten Automation und künstliche Intelligenz ist China führend in der Innovation. Die Schweiz belegt in Innovationsranglisten immer noch die vordersten Ränge, aber ich bin mir nicht sicher, ob das noch lange so bleibt. Ich sehe erstaunlich wenig Schweizer Start-up-Unternehmer in China, und ich stellte anlässlich eines längeren Schweiz-Besuchs fest, dass die Schweizer Start-ups oft keine internationale Perspektive haben, während die Konkurrenz in Israel, Afrika, England oder den USA sehr global denkt und rasch die Welt erobern will. Ich konnte zum Beispiel in den Sommerwochen in der Schweiz fast keine Meetings abmachen, weil offenbar während Wochen alle in den Ferien waren. Das wäre hier in China nicht denkbar.

Das klingt, als würden Sie das chinesische Wirtschaftswunder idealisieren und beispielsweise ignorieren, dass es in China keine Demokratie gibt und die Regierung die Kommunikation zensuriert und die Bürger überwacht.
Ich weise nur darauf hin, dass chinesische Unternehmer sehr opportunistisch sind: Sie passen sich enorm rasch an die Verhältnisse an, suchen den Vorteil in jeder Situation, nutzen Gelegenheiten für Geschäfte. Schweizer agieren im Vergleich sehr bedächtig und vorsichtig sowie detailversessen. Sie gehen nicht voraus, sondern kommen erst, wenn andere das Terrain vorbereitet haben. Das führt dazu, dass manche Deals an der unterschiedlichen Mentalität scheitern. Die chinesische Regierung kurbelt die Wirtschaft an, indem sie enorm in Innovation und Megatrends wie Big Data, künstliche Intelligenz und Smart Citys investiert. So werden in horrendem Tempo neue Technologien entwickelt. Die treibenden Kräfte sind private Unternehmen, die vom Staat unterstützt werden. Muss man sich vor der Überwachung fürchten? Heute ist China eines der mächtigsten Länder der Welt mit der niedrigsten Kriminalitätsrate und kaum betroffen von Terrorangriffen. Die technologische Überwachung kann die Sicherheit verbessern, entscheidend ist, dass der Umgang mit den persönlichen Daten reglementiert ist. Ich traue China zu, dass es hier Lösungen findet, die der Wirtschaft und den Bürgern dienen.

Kontakt und Information: www.nihub.co oder lucas@nihub.co

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