Logo

«Gesundheit ist das höchste Gut, aber kein Konsumgut»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 1. September 2018
Janna Scharfenberg wirkt als Ärztin und Gesundheitscoach ausserhalb der traditionellen Strukturen. Foto: Alysa Aeschbacher

Janna Scharfenberg wirkt als Ärztin und Gesundheitscoach ausserhalb der traditionellen Strukturen. Foto: Alysa Aeschbacher

Als Janna Scharfenberg während ihres Medizinstudiums erste Praktika in Arztpraxen und Spitälern absolvierte, erschrak sie, wie sehr alles auf Reparatur ausgerichtet war und wie wenig Zeit mit den Patienten blieb. So fasste die heute 32-Jährige den Entschluss, sich als Expertin für Gesundheit, Ernährung und Bewegung selbstständig zu machen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Scharfenberg, Sie haben zehn Jahre in Ihre medizinische Ausbildung investiert, aber dann auf eine Karriere als Ärztin verzichtet…
JANNA SCHARFENBERG: …so sehe ich das nicht – man kann ja nicht nur im Angestelltenverhältnis Karriere machen, sondern erst recht, indem man etwas Eigenes aufbaut, das eine persönliche Handschrift trägt.

Aber es ist doch eher ungewöhnlich, dass sich eine Ärztin so kurz nach der Promotion in die Selbstständigkeit verabschiedet. Was hat Sie dazu veranlasst?
Da muss ich ein wenig ausholen. Ich habe mich schon in jungen Jahren für den menschlichen Körper, seine Organe, seine Funktionsweise interessiert. Und weil ich viel Sport trieb, war auch Ernährung ein wichtiges Thema. Nach dem Abitur lag es für mich auf der Hand, Medizin zu studieren, um später etwas dazu beitragen zu können, dass Menschen gesund bleiben. Dass ich drei Jahre auf meine Zulassung warten musste, schreckte mich nicht ab. Die ersten drei Jahre Studium waren sehr interessant und weit mehr praxisorientiert, als ich mir erträumt hatte. Doch während der ersten Praktika in Hausarztpraxen und Spitälern begann ich zu zweifeln: Alles war sehr stark auf Reparaturmedizin ausgerichtet, es ging darum, Therapien für Symptome zu finden. Ob die tieferliegende Ursache gefunden wurde und wie es um die Selbstverantwortung der Patienten stand, war kaum je ein Thema. Ich wunderte mich, dass wichtige Aspekte wie Ernährung, Prävention oder Salutogenese, also Gesunderhaltung, komplett ausgespart wurden.

Erwogen Sie deshalb den Studienabbruch?
Es kam etwas zweites Wichtiges dazu: Die Arbeitsbedingungen der Ärzte schockierten mich. Sie hatten schrecklich wenig Zeit für die Patienten, arbeiteten unter hohem Druck und hatten gigantische Präsenzzeiten. Ich realisierte: Wenn ich in diesem System Karriere machen wollte, war das sicher nicht gesund für mich und vermutlich auch nicht für die, um deren Gesundheit ich mich kümmern wollte. Als ich noch unschlüssig war, ob ich jetzt Jammern oder einfach das Studium abbrechen sollte, hatte ich eine dritte Idee: das Studium abschliessen und dann etwas Eigenes aufbauen, das meinen Vorstellungen besser entsprach. Was das sein könnte, wusste ich noch nicht, aber diese Perspektive motivierte mich dazu, als erste meines Jahrgangs zu promovieren und zusätzlich an einer anderen Uni noch traditionelle indische Medizin zu studieren. Ich hatte schon viele Jahre Erfahrung mit Yoga, auch als Lehrerin, und interessierte mich auch deshalb für diese Richtung. Nach Abschluss der Studien wollte ich dann doch die Arbeitswelt etwas kennenlernen und arbeitete in einem tollen Team im Kopfwehzentrum Hirslanden Zürich.

Aber eigentlich zog es Sie in die Selbstständigkeit.
Ja, ich hatte schon Vorträge gehalten und ein Beratungsangebot für Yoga-Lehrer aufgebaut und entschied mich nach kurzer Angestellten-Tätigkeit, ganz auf das Eigene zu setzen. Ich war in einer guten Ausgangslage und entsprechend zuversichtlich, aber ein wenig seltsam fühlte es sich schon an, die Tür zur traditionellen Arbeitswelt einfach so zuzuschlagen.

Warum haben Sie sich für die riskante Variante statt den gut dotierten Job entschieden?

Das entspricht meinem Naturell. Ich will beseelt sein von dem, was ich tue, und damit viel bewegen können – etwas zu tun, was einfach OK ist, reicht mir nicht. Wertvoll war auch, dass mein Umfeld mich in meinem Vorhaben bestärkt hat: Meine Eltern sind beide selbstständig, mein damaliger Partner und heutiger Mann ist es auch, und in meinem Netzwerk in Zürich verfolgen viele eigene Projekte statt einen Job zu verrichten, der sie nicht wirklich erfüllt. Ich hatte das Glück, ohne Durststrecke starten zu können. Schon früh konnte ich mich gar nicht vor Anfragen retten, sodass ich andauernd ein Dutzend Ideen mit mir herumtrug, für deren Umsetzung mir die Zeit fehlte. Dass es finanziell von Anfang an gut lief, gab mir Vertrauen und Ruhe. Mir war es wichtig, möglichst unabhängig zu starten. Anfang 2017 kam unsere Tochter zur Welt, und weil ich vieles online und ortsunabhängig anbiete, kann ich gut auf die Bedürfnisse der Familie achten und meine Zeit recht flexibel einteilen.

Wie sieht ihr Portfolio heute aus?

Gestartet habe ich mit individuellen Gesundheitsberatungen zu den Themen Ernährung, Bewegung, Yoga und Entspannung. Dabei geht es mir ganz simpel darum, Menschen beim Bestreben zu unterstützen, ihr Leben gesünder zu gestalten – Kranke genauso wie Gesunde. Zusätzlich biete ich Schulungen und Workshops für Unternehmen an. Ich halte regelmässig öffentliche Vorträge im Auftrag von zum Beispiel Migros/Alnatura, biete Weiterbildungen für Naturärzte und Yogaschulen an, blogge und betreibe einen Podcast mit 24’000 Hörerinnen und Hörern pro Monat. So teile ich mit viel Herzblut mein Wissen über ganzheitliche Medizin, Ernährung, Yoga und Gesundheit, immer in der Überzeugung, dass Gesundheit viel mehr ist als Abwesenheit von Krankheit.

24’000 Podcast-Hörer, namhafte Kunden nach kurzer Zeit, ein gut laufendes Online-Business… waren Sie immer schon eine gute Selbstvermarkterin?

Nein, überhaupt nicht, das war ein intensiver Prozess. Zu Beginn musste ich mich überwinden, irgendwo eine kleine Foto auf der Website aufzuschalten, es brauchte viele Schritte bis zum heutigen Auftritt. Allein hätte ich das nicht geschafft. Als ich mich einmal intensiver damit auseinandersetzte, was Life Coachs und Business Coachs eigentlich machen, und begann, selber mit Coachs zusammenzuarbeiten, häuften sich die Aha-Erlebnisse und Quantensprünge. Das ist einer der sehr schönen Nebeneffekte der Selbstständigkeit: Man entkommt sich selber nicht, die Arbeit hält dir immer wieder unerbittlich einen Spiegel hin und fordert dich auf, zu lernen und zu wachsen.

Verdienen Sie im zweiten Jahr Ihrer Selbstständigkeit schon ähnlich gut wie Sie als angestellte Ärztin verdienen würden?

Mein Lohn ist sogar schon weitaus besser als er in einer Angestellten-Position wäre, aber vor allem ist der Freiheitsgrad viel höher: Ich kann mich selber sein, muss keine Rolle spielen und keine Maske tragen, kann mein Kernanliegen so umsetzen, wie es mir sinnvoll erscheint. Das ist für mich viel wichtiger als möglichst rasch viel Geld zu verdienen. Nun habe ich zwei Mitarbeiterinnen angestellt, um in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern mehr bewegen zu können. Entsprechend werde ich in nächster Zeit viel über Führung und Strukturierung der Zusammenarbeit lernen. Und ich gönne mir den Luxus, auch Zeit in nicht rentable Dinge zu investieren, schreibe derzeit gerade an meinem ersten Buch. Es gibt noch viel zu tun, denn sehr viele Menschen haben wenig Ahnung, wie sie gesund bleiben können – und die Ärzte können sie dabei in den bestehenden Strukturen nur bedingt unterstützen.

Welche Erkenntnis über ein gesundes Leben ist viel zu wenig verbreitet Ihrer Ansicht nach?

Leider dominiert vielerorts die Haltung, dass die Ärzte uns heilen sollen, indem sie uns etwas geben, was die Schmerzen vertreibt. Andersherum nehmen Themen wie Ernährung & Prävention immer noch ein sehr geringen Anteil im Medizinstudium ein, so dass viele Ärzte hier zu wenig Kompetenzen aus der Grundausbildung haben. Meine Haltung ist: Gesundheit ist das höchste Gut, aber kein Konsumgut. Niemand kann dich per se gesund machen, die Verantwortung trägt zu einem grossen Teil jeder selber. Gesundheit darf durchaus Spass machen und auch einfach sein. Wir sollten aber akzeptieren, dass es eine Verbindung gibt zwischen Körper, Geist und Seele, und es deshalb oft nicht damit getan ist, etwas gegen die Symptome zu schlucken. Manchmal braucht es schon eine Veränderung der Lebensweise, um eine Besserung zu erwirken.

Kontakt und Information:

www.in-good-health.com oder hallo@in-good-health.com

 

« Zur Übersicht

8 Kommentare zu “«Gesundheit ist das höchste Gut, aber kein Konsumgut»”

  1. Marco De Micheli, hrmbooks.ch sagt:

    Einen solchen Innovationsgeist finde ich ganz einfach toll. Vor allem wenn man in einem so wichtigen Bereich wie der Prävention und einem ganzheitlichen Gesundheitsverständnis neue Wege geht. Schön, wenn dann jemand wie Sie, Frau Scharfenberg auch noch Erfolg hat. Sie verdienen ihn!

  2. Carolina sagt:

    Ich meine zu verstehen, was Frau S umtreibt und dass sie Gesundheit (und Krankheit) unter ganzheitlichen Aspekten betrachtet – grundsätzlich bin ich damit einverstanden. Aber findet auch hier nicht wieder eine Polarisierung statt? Ich denke immer, dass der wirkliche Luxus bei uns ist, dass wir die Freiheit haben, selber zu wählen, wie wir unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit bzw auch unsere Krankheiten angehen – Kombinationstherapien, Schul-/Komplementär-/Präventivmedizin oder auch, wenn es funktioniert, ‘nur’ Symptombehandlung.

  3. Hanspeter Fischer sagt:

    Für Menschen, die sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinander setzen, nichts Neues.
    Trotzdem Gratulation.

  4. Thomas sagt:

    “Als ich noch unschlüssig war, ob ich jetzt Jammern oder einfach das Studium abbrechen sollte, hatte ich eine dritte Idee: das Studium abschliessen und dann etwas Eigenes aufbauen, das meinen Vorstellungen besser entsprach” – ein Schlüsselsatz, von dem ich hoffe, dass ihn sich viele zu Herzen nehmen. Statt gängiger Opferhaltung, jammern, sich unterordnen und vom Vorgespurten steuern lassen: lernen, selbstständig weiterdenken und entsprechend gestalten. Hach, wie wird die Welt einmal anders aussehen, wenn das Schule macht!

  5. Michael sagt:

    Warum haben den wohl so viele Menschen die Ansicht, das der Arzt ihnen irgendwelche Pillen und Heilmittelchen zur Kurrierung unser Zipperlein verschreiben soll ? Weil anders von der Krankenkasse garnicht gern gesehen und nicht bezahlt wird ! Welche KK beteiligt sich denn an alternativen Heilmethoden beispielsweise ? Homöopathie ist ganzlich raus, Thaimassagen auch. Oder Akupunktur.
    Seit ich mit meinen Wehwechen zu diesen Behandlungsmethoden gewechselt bin, zahle ich zwar mehr, aber sie helfen mir deutlich besser. Und ich stopfe auf alle Fälle nicht so viel Chemie in mich herein.

  6. Rolf Rothacher sagt:

    Vorbeugung und richtige Lebensweise sind zwar schön und gut. Wenn aber eine Gesellschaft HUNDERTTAUSENDE VON FRANKEN in eine Arztausbildung steckt und dann bloss DAS zurück erhält, dann läuft etwas grundsätzlich schief.
    Die Leute werden immer wieder krank werden, egal, wie sie auch leben. Sie brechen sich auch ab und zu die Knochen oder leiden an Verschleiss-Erscheinungen. Dass eine ausgebildete Ärztin sich dem verweigert und stattdessen lieber ihr “Beratungsding” macht, ist zwar legitim, jedoch für die Gesellschaft eine grosse Geldverschwendung.

  7. Claudine sagt:

    Herr Rothacher Sie haben Recht. Die Ausbildung zur Ärztin ist sehr hoch und die Frage durchaus berechtigt.
    Was wir nicht wissen ist, wieviel bringt Frau Schwarzenberg der Bevölkerung, wenn sie diesen Weg wählt? Wer an ihre Art zu heilen resp. Prävention zu leisten glaubt, wie ich auch, der kann das nur gut heissen. Auch bei alternativen Methoden ist eine gute Ausbildung wichtig. Wenn sie sich gänzlich von der Medizin abgewandt hätte, wär das schon eine Diskussion wert. ich finde es sehr gut, gibt es Ärzte, die das hinterfragen. Mein Hausarzt konnte mir nicht mal einen Kinesiologen angeben…

  8. Robert sagt:

    Interessanter Artikel. Habe auch Medizin studiert, konnte mich aber nie mit den Arbeitsbedingungen und Routine anfreunden und habe dann auf biomedizinische Forschung gewechselt.Ist auch abwechslungsreicher und interessanter.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.