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«Es gab nie eine bessere Zeit, um sich selbständig zu machen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 18. August 2018
Karin Sieber kümmert sich nach wie vor persönlich um den Feinschliff jedes Schlüsselbretts.

Karin Sieber kümmert sich nach wie vor persönlich um den Feinschliff jedes Schlüsselbretts.

Für viele Mütter, die länger keiner Erwerbsarbeit nachgehen, ist der Wiedereinstieg schwierig. Karin Sieber-Graf hat den Sprung ins kalte Wasser gewagt und eine Firma gegründet. Ihr Schlüsselbrett, das sie zuerst nur für den Eigengebrauch gefertigt hatte, verkaufte sich bald bestens und wurde mit internationalen Designpreisen ausgezeichnet.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Sieber, wie wird man von einer Hausfrau und Mutter zu einer Unternehmerin mit preisgekröntem Designprodukt?
KARIN SIEBER-GRAF: Ich bin mit 22 Jahren Mutter geworden. Meinen Beruf im Aussendienst einer Papeterie konnte ich nicht in Teilzeit ausüben – aber ehrlich gesagt hatte ich auch kein Bedürfnis danach. Ich war sehr erfüllt von der Mutterrolle und der Arbeit zu Hause. Wer kann schon im Erwachsenenalter stundenlang Lego spielen, Streifzüge durch den Wald unternehmen und schöne Dinge basteln, ohne dass sich andere Sorgen machen? Ich erlebte mit meinen beiden Söhnen eine Art zweite Kindheit und genoss dies in vollen Zügen. Als wir vor 18 Jahren unser Haus bauten, fand ich keine befriedigende Lösung für die Schlüsselaufbewahrung. Deshalb nahm ich die Sache selber in die Hand und bastelte ein einfaches System mit einer Aluschiene, die mit zwei Filzschichten ausgekleidet wurde. Die Aluschiene wurde an der Wand befestigt, die Schlüssel liessen sich einfach zwischen die Filzschichten stecken und waren dort leicht zu finden und zu behändigen.

Dachten Sie schon bei der Produktion für den Eigenbedarf, dass Ihnen damit ein Wurf gelungen sein könnte?
Nein, ich stellte zwar ein paar weitere Schlüsselbretter her für Freunde und Bekannte, die sich das wünschten, aber weitergehende Pläne hatte ich damals nicht. Ein paar Jahre später, als beide Söhne zur Schule gingen, merkte ich: Es wird Zeit, etwas Neues zu finden, unabhängig etwas Eigenständiges aufzubauen. So fasste ich vor fünf Jahren den Entschluss, eine Firma zu gründen und das Schlüsselbrett auf den Markt zu bringen. Das war die beste Ausbildung, die ich mir denken kann: Ich machte mich schlau über die Produktion erster Kleinserien, Patentschutz, fand eine Bild- und Textsprache für mein Produkt, erstellte eine Website, kaufte Material ein, besuchte erste Designmessen, wo ich spürte, wie potenzielle Kunden auf das Produkt reagierten.

Wie wurde Ihre Innovation aufgenommen?
Die ersten drei Tage dachte ich, der Webshop funktioniere nicht, weil da gar nichts passierte, aber seither ging es kontinuierlich aufwärts. Schön ist, dass die Kunden mein Schlüsselbrett nicht nur zweckmässig finden, sondern auch Freude haben, dass es formschön ist und sie es individuell an ihre Bedürfnisse anpassen können. So wurden in den vergangenen vier Jahren viele Kunden zu treuen Fans, die in ihrem Umfeld dafür werben und mich damit tatkräftig unterstützen.

Karin Siebers Erfindung sorgt für Ordnung im Schlüsselchaos.

Karin Siebers Erfindung sorgt für Ordnung im Schlüsselchaos.

Stimmt es, dass Sie bei jedem einzelnen Ihrer Schlüsselbretter selber Hand anlegen?
Ja, lange Zeit tätigte ich alle Arbeitsschritte eigenhändig. Natürlich auch, um anfänglich hohe Kosten möglichst klein zu halten. Heute wird das Aluminium professionell in einem feinmechanischen Fachbetrieb hier im Rheintal gefertigt. Die aufwendige Handarbeit des Feinschleifens kann mir bisher niemand abnehmen – und das ist auch ganz gut so. Ich will mein Schlüsselbrett auch nicht in Massenproduktion extern fertigen lassen. Lieber halte ich es in eigenen Händen, schätze jeden der zwölf Arbeitsschritte, kann mit den Teillieferanten aus der Region persönlich über Weiterentwicklungen und Kundenbedürfnisse reden. So bleibt das Produkt lebendig. Inzwischen gibt es 24 Filzfarben für das Schlüsselbrett zur Auswahl, durch Zusatzelemente können auch Sonnenbrillen aufbewahrt, Foulards und Schuhlöffel aufgehängt oder Reagenzgläser für Duftessenzen angebracht werden.

Änderte sich für Sie etwas durch den Gewinn zweier Designpreise, darunter der bekannte Red-Dot-Award?
Ich bewarb mich 2015 vor allem darum, um vom professionellen Feedback der 40 international erfahrenen Design-Juroren zu profitieren. Dass ich diese Auszeichnung gewann, war für mich selbst eine Überraschung. Der Preis sorgte für viel Aufschwung im Vertrieb, und die öffentliche Wahrnehmung hat sich verändert. Es gab auch schon Anfragen von grossen Unternehmen für Designlizenzen, aber ich geniesse meine Unabhängigkeit und möchte das derzeit nicht aus den Händen geben. Meine Ambition ist durch die Anerkennung sicher gewachsen: Ich arbeite darauf hin, dass mein Schlüsselbrett ein Designklassiker wird. Jetzt rückt auch die Expansion ins Ausland näher, ich wurde dieses Jahr vom Königlichen Generalkonsulat Dänemark zu einer Messe nach Herning eingeladen und konnte an vier Tagen auf der Plattform «Nordic Design Community 2018» Kontakte mit Händlern aus ganz Skandinavien knüpfen.

Möchten Sie auch ein Vorbild sein für andere Frauen, die sich noch nicht gewagt haben, ihre Ideen umzusetzen?
Klar ist für mich: Es gab nie eine bessere Zeit, um sich selbstständig zu machen. Viele Dinge, die man früher beherrschen oder teuer einkaufen musste, kann man sich heute selber beibringen oder über gute Netzwerke leichter in Erfahrung bringen. Wer sich traut, andere zu fragen und um Hilfe zu bitten, stellt fest, dass erfahrene Unternehmer sehr gerne weiterhelfen. Eine eigene Website zu machen, eine Marke zu entwickeln, die Verpackung zu gestalten – all diese Dinge sind tolle Gelegenheiten, sich selber besser kennen zu lernen, seinen eigenen Stil zu schärfen. Aber man wird auch mit sich selber konfrontiert. Mir wurde in der Selbstständigkeit nochmals bewusst, wie kompromisslos und perfektionistisch ich bin. Was das Produkt betrifft, ist das sehr hilfreich. Wenn ich aber künftig noch stärker andere ermutigen will, ihre Ideen umzusetzen, sollte ich da etwas nachsichtiger mit mir werden.

Kontakt und Information: www.schluesselbrett.ch oder info@schluesselbrett.ch


Dienstagabend: 4. Berufungs-Forum in Bern

«Suche keinen Job – (Er)finde deine Aufgabe»: Unter diesem Motto steht das 4. Berufungs-Forum, das am Dienstag 3. Juli ab 18 Uhr im Impact Hub Bern stattfindet. Es bietet die Gelegenheit, aus erster Hand von Unternehmern zu lernen, Projektideen mit erfahrenen Coachs zu diskutieren und andere kennen zu lernen, die mehr als nur einen Job machen wollen. Information und Anmeldung unter www.beruf-berufung.ch/forum

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