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«Wenn man zu sehr leidet, ist kein Schmerzensgeld hoch genug»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 2. Juni 2018
Ramun Hofmann lässt sich von seiner Neugier und dem Spieltrieb leiten.

Ramun Hofmann lässt sich von seiner Neugier und dem Spieltrieb leiten.

Der Berner IT-Unternehmer Ramun Hofmann gab seinen Kaderjob bei der Swisscom auf, um mit Kunden schneller und unkomplizierter Probleme lösen zu können. Von seinen 30 Angestellten erwartet er Neugier und Verspieltheit statt Perfektionismus. Kommende Woche will er im Auftrag des Swiss Economic Forums Jugendliche fürs Unternehmertum begeistern.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Hofmann, Sie veranstalten im Rahmen des Swiss Economic Forums kommende Woche ein Summer Camp für den Unternehmernachwuchs. Was wollen Sie den 30 Jugendlichen da vermitteln?

RAMUN HOFMANN: Meine wichtigste Botschaft ist: Es gibt nicht nur die glamourösen, kapitalintensiven Start-up-Geschichten, die man aus den Medien kennt. Unternehmerisch agieren heisst, neugierig sein, Dinge ausprobieren, testen, verbessern – kurz: pragmatisch vorgehen statt perfektionistisch. Wir wollen die 16- bis 22-jährigen Teilnehmer ermutigen, indem wir sie aus der Komfortzone herausholen. Sie sollen einerseits lernen, welche Werkzeuge und Methoden dabei helfen, Ideen weiterzuentwickeln und mit anderen zu teilen. Ebenso wichtig ist, dass die Teilnehmenden etwas über sich lernen, verstehen, wie sie in einer Gruppe funktionieren, welche Rolle ihnen entspricht. Nicht immer ist der mit dem grössten Fachwissen auch der beste Chef. Und schliesslich ermöglichen wir den jungen Leuten einen direkten Austausch mit den Chefs bekannter Unternehmen. So wird hoffentlich beim einen oder anderen der unternehmerische Funke gezündet.

Sie waren in dieser Hinsicht eher ein Spätzünder und gründeten erst nach einem Studium an der ETH Lausanne und nach sechs Jahren bei der Swisscom Ihr eigenes Unternehmen 89grad.

Seit acht Jahren bin ich ausschliesslich als Unternehmer tätig, aber eine eigene Firma hatte ich schon vorher gegründet – als Kontrast zum trockenen Studium. Ich war ernüchtert, wie theorielastig der damals neu lancierte Studiengang zum Ingenieur für Kommunikationssysteme ausgestaltet war. So schaltete ich schon nach zwei Jahren ein Zwischenjahr für den Militärdienst ein und gründete eine Firma für Webdesign. Es dauerte nicht lange, da hatte ich einen riesigen Auftrag an Land gezogen: die Website für Roche Holland zu realisieren. Während meiner Masterarbeit über Sensornetzwerke arbeitete ich bei Swisscom und blieb dann dort hängen. Nach einer Reorganisation konnte ich ein kleines Team übernehmen, wo wir uns mit der Kommunikation von Maschinen befassten, heute bekannt unter dem Stichwort «Internet of Things». Über eine weitere Station übernahm ich schliesslich die Verantwortung für ein 25-köpfiges Team, das sich mit der Frage beschäftigte, wie sich die technologische Innovation auf die Kunden auswirkt, etwa, wie wir künftig arbeiten und kommunizieren werden.

Sie waren also flott unterwegs auf der Karriereleiter.

Ja – mit einigen unschönen Nebeneffekten. Plötzlich war ich hauptsächlich damit beschäftigt, mich um die Sorgen meiner Mitarbeiter zu kümmern und bei meinen Vorgesetzten zu lobbyieren, um Projekte bewilligt zu bekommen. Ich hatte kaum mehr mit Projektarbeit oder Kunden zu tun und tat mich zunehmend schwer damit, wie lange es in einer so grossen Organisation dauerte, bis etwas umgesetzt werden konnte. Ein Beispiel: Als das Thema Smartphone-Apps aufkam, konnte man bei Apple Lizenzen für 150 Franken kaufen. Ich wollte nicht warten, bis das intern bewilligt wurde, sondern kaufte über meine private Kreditkarte eine Lizenz und jemand aus meinem Team entwickelte übers Wochenende die erste Swisscom-App. Die Geschäftseinheit, die dafür zuständig war, brauchte ganze sieben Monate, bis sie mit einer vergleichbaren App herauskam.

Und Sie entschieden sich dann, dass Ihnen Freiheit wichtiger ist als ein garantiertes hohes Einkommen?

Wenn man zu sehr leidet, ist kein Schmerzensgeld hoch genug. Ich begann, exzessiv Sport zu treiben, fünfmal pro Woche, aber mit der Zeit genügte das nicht mehr als Ventil. Schliesslich litt ich immer öfter unter Migräneanfällen und begriff, dass es Zeit war, die Dinge selber in die Hand zu nehmen. Mein Kollege Florian Baumgartner und ich entschieden uns, die interessante Arbeit ausserhalb des Konzerns weiterzuführen. Wir gaben uns ein Jahr Zeit, verzichteten auf einen ausgeklügelten Businessplan und stürzten uns direkt in Kundenprojekte. Mit dem Firmennamen 89grad signalisierten wir, dass wir keine Standardsachen machen, also nicht einfach rechte Winkel bauen, sondern immer wieder vom Kundenbedürfnis ausgehen. Zudem taucht der Name im Telefonbuch weit vorne auf und die 89 Grad entsprechen der idealen Brühtemperatur für den Espresso, wie ich nachträglich erfuhr.

Sie sind in der Software-Entwicklung, aber auch in der Hardware-Produktion und im 3-D-Druck tätig. Müsste man sich nicht spezialisieren als kleiner Anbieter?

Dafür bin ich schlicht zu neugierig und zu verspielt. Ich habe schon im Kindergartenalter mit dem Elektronik-Experimentierkasten gespielt statt mit den Zwergen und Holzklötzen. Und als wir den ersten Amiga-500-Computer gekauft hatten, studierte mein Vater immer noch die Bedienungsanleitung, als ich schon mit der Maus und den Disketten hantierte. Als die Apps aufkamen, stellten wir mal zum Spass eine rudimentäre Tennis-App in den Apple-Store und staunten, wenn jemand in Australien oder Kanada sie runterlud. Eines Tages kam dann eine Rüge von Apple, der Begriff «Grand Slam» sei geschützt, plus via Anwalt eine Schadenersatzforderung über 50’000 Dollar, die wir zum Glück abwenden konnten. Für mich ist der spielerische Ansatz extrem wichtig, auch bei der Auswahl der Mitarbeiter. Ich stelle eher jemanden an, der für seinen Vater eine App programmiert hat, damit dieser aus seiner DVD-Sammlung auf Knopfdruck alle romantischen Liebesfilme rausfiltern kann, als einen, der bis in alle Tiefen Code schreiben kann.

Aber die Kunden wollen doch mit Fachleuten zu tun haben.
Die Kunden brauchen in erster Linie jemanden, der ihnen hilft, herauszufinden, was sie wirklich wollen. Ideen und Fachspezialisten gibt es viele, die entscheidende Frage ist oft, welche Probleme rasch mit überschaubarem Aufwand gelöst werden können. Deswegen entwickeln wir in allen Projekten rasch Prototypen, um beim Kunden zu testen, ob sich die Idee bewährt. So können wir schon nach zwei, drei Wochen Dinge verbessern, während andere nach sechs Monaten mit einem ausgeklügelten Produkt auf den Markt kommen, das keiner will. Als Stromer 2012 das E-Bike-Modell ST2 auf den Markt brachte, wusste die Firma zwar, dass die Vernetzung mit dem Smartphone viele neue Möglichkeiten eröffnete, aber sie hatte keine klare Vorstellung, was sie nun damit anfangen sollte. Wir halfen, einen Hardware-Lieferanten auszuwählen und eine einfache Software zu entwickeln. In einem zweiten Schritt ging es darum, zu verstehen, wie sich das Geschäftsmodell durch die Technologie verändern würde. Wie änderte sich die Beziehung zu den Händlern, wenn die Kundendaten via Smartphone direkt bei Stromer landeten? Welche anderen Akteure sollten wie ins Ökosystem eingebunden werden? Es ist wichtig, die Tragweite solcher Veränderungen früh zu erkennen.

Wenn Sie Experimente und Innovation so sehr mögen: Warum sind Sie nach wie vor als Bataillonskommandant in der Schweizer Armee tätig?
Vier Wochen Abwesenheit pro Jahr sind zwar viel für einen Unternehmer, aber diese Absenzen helfen mir, regelmässig auf Distanz zum Tagesgeschäft zu gehen, mehr zu delegieren, besser vorauszudenken. Generell habe ich im Militär viel über Führung gelernt. Dass ich in jungen Jahren eine Kompanie mit 150 Leuten führte, erleichterte es den Swisscom-Verantwortlichen, mir ein fünfköpfiges Team anzuvertrauen. Später wuchs die Führungsspanne. Ein Bataillon von 700 Leuten kann man nicht mit Befehl und Kontrolle führen, sondern nur über persönliche Überzeugung und klare Ziele. In meinem Unternehmen mit 30 Angestellten handhabe ich das ähnlich. Zudem gefällt mir die bunte Mischung aus Menschen verschiedenster Herkunft und mit sehr unterschiedlichem Bildungsstand im Militär. Und man kann auch in der Armee einiges bewegen. Ich habe generell ein Flair für unkonventionelle Ansätze. Das zeigt sich auch darin, dass ich bei der Hochzeit den Namen meiner Frau angenommen habe – nur, weil etwas schon immer so war, muss es ja nicht auf ewig so bleiben.

Information und Kontakt: ramun.hofmann@89grad.ch oder www.89grad.ch

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2 Kommentare zu “«Wenn man zu sehr leidet, ist kein Schmerzensgeld hoch genug»”

  1. […] (adsbygoogle = window.adsbygoogle || []).push({}); Source link […]

  2. Werner K. Rüegger sagt:

    Äusserst inspirierend!