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«Ich lasse mich treiben und geniesse die Intensität des Lebens»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 28. April 2018
Deborah Stotz lernt in Ghana eine ganz andere Arbeitswelt kennen.

Deborah Stotz lernt in Ghana eine ganz andere Arbeitswelt kennen.

Vor einem halben Jahr hat Deborah Stotz ihren Lebensmittelpunkt von Bern nach Accra in Ghana verlegt. Dort hat die 34-Jährige rasch gemerkt, dass sie mit Planung und Kontrolle wenig erreicht. Obwohl alles lauter und chaotischer ist als in der Schweiz, fühlt sie sich wohl in der 2-Millionen-Stadt und denkt nicht an die Rückkehr.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Stotz, warum haben Sie vor einem halben Jahr die Zelte in der Schweiz abgebrochen und sich in Ghana niedergelassen?

DEBORAH STOTZ: Das hat zum einen private Gründe: Zwei gute Freundinnen arbeiten seit längerem in Westafrika, und als ich sie vor etwas mehr als zwei Jahren besuchte, lernte ich in Ghana meinen heutigen Partner kennen. Aber ich hatte auch beruflich Lust auf etwas Neues. Es ist etwas anderes, ob man bei einem grossen Schweizer Lebensmittelhersteller Forschungsprojekte leitet oder ob man am Ursprung der Wertschöpfungskette anpackt und mithilft, die Arbeitsbedingungen in den Entwicklungsländern zu verbessern.

Sie hatten Internationale Beziehungen studiert und beim Bundesamt für Landwirtschaft Handelsverträge ausgehandelt, bevor Sie im Industriesektor tätig waren. Hatten Sie keine Bedenken, diese Karriere auf Eis zu legen?

Ich habe die Entscheidung über ein Jahr mit mir herumgetragen. Mein Leben in der Schweiz war sehr komfortabel, aber das Interesse flachte mit der Zeit ab, die Intensität auch. So entschied ich mich schliesslich für ein Zwischenjahr mit offenem Ausgang – ich hätte jederzeit zurückkehren und mir hier wieder einen Job suchen können.

Danach sieht es nun nicht mehr aus.

Nun, ein halbes Jahr nach meiner Abreise fühle ich mich sehr wohl in Ghana und habe deshalb nicht vor, so bald zurückzukehren. Aber für mich war es wichtig, das offenzulassen. Zuerst versuchte ich, von der Schweiz aus alle Hebel in Bewegung zu setzen, einen Job zu finden schon vor der Abreise, um Sicherheit zu haben. Erst als ich mich entspannte und plante, erst einmal zu reisen und mich weiterzubilden, erhielt ich kurz vor der Abreise einen kleinen Beratungsauftrag, der mir das Ankommen in Accra erleichterte. Und schliesslich fand ich in Ghana eine interessante Arbeit bei einem Unternehmen, das regionale Früchte verarbeitet und exportiert.

Wie unterscheidet sich das Leben in Accra von jenem im Bern?

Das Leben in der Stadt ist sehr intensiv, lärmig, wild. So etwas wie Spazieren oder schnell in den Supermarkt kennt man hier nicht, man fährt für alle Aktivitäten irgendwohin und muss hellwach sein im Auto. Am Samstag treffen wir uns vor Sonnenaufgang, um in den Hügeln Sport zu machen, danach ist es zu heiss. Die Arbeitswelt in dieser 2-Millionen-Stadt ist teilweise sehr modern, es gibt Co-Working-Büros, wo junge, gut ausgebildete Leute tausend Ideen verfolgen. Aber das ist nur der kleine Teil. Die Mehrheit der Bevölkerung arbeitet körperlich hart, viele ohne Vertrag, ohne Sozialversicherung, nach ein paar Wochen oder Monaten braucht sie der Arbeitgeber nicht mehr, und sie müssen etwas Neues suchen. Für Firmen ist das ganz praktisch, auch international tätige Unternehmen profitieren davon, aber die Menschen haben wenig Sicherheit. Die Grenzen zwischen der formellen und der informellen Arbeitswelt sind fliessend.

Und gesprochen wird Englisch?

Accra ist ein Schmelztiegel, wo viele Kulturen auf engem Raum leben. Englisch ist die wichtigste der rund 40 Sprachen, die hier gesprochen werden, viele behelfen sich mit einer vereinfachten Version, einem Pidgin-Englisch. Auf dem Land dagegen werden lokale Idiome gesprochen. An meinem Arbeitsplatz rund 60 Kilometer nordwestlich von Accra reden wir Englisch, aber wenn ich meine Kollegen aus der Fabrik treffe, komme ich mit Englisch nicht immer ans Ziel. Deshalb will ich jetzt die Lokalsprache Twi lernen.

Sie sind bei einer Firma in Ghana mit Hauptsitz in der Schweiz angestellt. Welche Aufgabe haben Sie dort?

Wir sind ein Produktionsbetrieb, der getrocknete Mango, Ananas und Kokosnuss exportiert. Zunächst werden die Früchte gereinigt, geschält, geschnitten, dann getrocknet. Meine Aufgabe ist einerseits, neue Absatzmärkte zu finden nebst den Schwerpunkten Europa und USA. Dann wollen wir einen grösseren Teil der Wertschöpfung hier im Produktionsland behalten, sprich mehr hier verpacken und neue verarbeitete Produkte wie Früchteriegel entwickeln. Zudem fallen bei unserer Produktion viele Nebenprodukte an wie Mangopulpe oder zu kleine Kokosstücke. Bei der Verwertung dieser Produkte können wir noch zulegen.

Wie eng arbeitet Ihr Arbeitgeber mit den Bauern zusammen, welche die Früchte anbauen und ernten?

Wir pflegen eine sehr enge Beziehung mit den Produzenten. Die grosse Mehrheit unserer Früchte wird in Ghana oder sogar in der Nähe unseres Produktionsstandortes beschafft, wir kennen also die Arbeitsbedingungen gut. Die Bauern können hier nicht wie in der Schweiz auf staatliche Unterstützung und Beratung zählen, daher helfen wir bei der Anbauplanung, stellen Produktionsmittel wie Dünger und Pflanzmaterial zur Verfügung oder unterstützen die Lieferanten auch durch Vorfinanzierung und Ausbildung. Dies alles mit dem Ziel, ihren Ertrag und somit auch ihr Einkommen zu erhöhen. Nur wenn es den Produzenten und ihren Familien finanziell gut geht, kann eine nachhaltige Beschaffung sichergestellt werden – insofern sitzen wir hier alle im gleichen Boot, die 1000 Angestellten im Produktionsbetrieb und die mehr als 1000 Bauern, die für uns produzieren.

Wie unterscheidet sich die Arbeitskultur von jener in der Schweiz?

Es macht hier wenig Sinn, für nächsten Donnerstag um 15 Uhr ein Meeting anzukündigen. Planung wird in Ghana weniger grossgeschrieben als in der Schweiz: Wenn etwas ansteht, setzt man sich kurzfristig zusammen und entscheidet unkompliziert. In dieser Hinsicht musste ich mich neu kalibrieren. Man gibt etwas Kontrolle ab, improvisiert mehr und staunt, wie viel möglich wird, wenn man das Momentum nutzen kann.

Wie sehen Ihre beruflichen Pläne aus?

Im Moment lerne ich hier sehr viel über die Produktion und will dazu beitragen, dass es in unserer Wertschöpfungskette keine Blackbox gibt, dass die Kunden also leicht sehen, wer wo welche Arbeit zum Produkt beisteuert. Ich habe mich insofern etwas von der Kultur hier anstecken lassen, als ich derzeit keine Pläne schmiede. Ich lasse mich treiben, geniesse die Intensität des Lebens und die vielen Lernfelder und zerbreche mir nicht den Kopf, was als Nächstes kommt.

Information und Kontakt:

dstotz@bluewin.ch oder www.hpwfnd.com

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2 Kommentare zu “«Ich lasse mich treiben und geniesse die Intensität des Lebens»”

  1. Tofa Tula sagt:

    Super Artikel. Erweitert den Horizont und zeigt, dass das Leben interessanter und intensiver werden kann, wenn nicht alles bis ins letzte Detail kalkulierbar ist. Ein gewisser Verlust an Komfort kann durchaus eine Bereicherung sein.

  2. Felix Erni sagt:

    Guten Tag Deborah,
    herzliche Gratulation für den Artikel im ALPHA des TA, Kompliment.
    Ich war auch in Ghana und konnte mit Lieferaten Kontakt pflegen sowie auch Geschäfte abwickeln. nun suche ich Victor Peasah von der Pioneer farm, pqf in Accra Ghana. diese Firma ist wohl noch als Exporteuer aufgeführt aber ich kann keine email senden. ich möchte gerne mit Victor wieder Kontakt aufnehmen, ein alter Freund von mir. Er war lange Zeit in Atlanta, Amerika, hatte eine Frau und einen Sohn.
    Kennst Du die Gbr. Marwan und Ali von Farmex Ltd
    Für Deine Hilfe danke ich Dir im Voraus.
    Gruss Felix