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Wie indische Spezialitäten direkt auf Schweizer Teller kommen

Mathias Morgenthaler am Samstag den 21. April 2018
Tobias Joos will mit transparenten Sammelbestellungen die Gestze des Handels brechen. Foto: Mathyas Kurmann

Tobias Joos will «die Gesetze des Handels brechen». Foto: Mathyas Kurmann

Im Lebensmittelhandel diktieren die grossen Akteure die Preise, für die Produzenten bleibt oft nicht mehr viel übrig. Tobias Joos will das ändern. Dank seinem Projekt Crowdcontainer können Schweizer Kunden direkt in Indien, Italien oder Peru einkaufen und sich mit Kleinproduzenten austauschen. Die Kosten sind transparent aufgeschlüsselt.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Joos, Sie haben in Genf Internationale Beziehungen studiert und später Nachdiplomstudien in Management und Entwicklungszusammenarbeit angehängt. Warum sind Sie heute, mit 34 Jahren, als Kleinunternehmer tätig?

TOBIAS JOOS: Ich habe mich schon früh für die grossen Zusammenhänge, sprich: volkswirtschaftliche Fragen interessiert. Allerdings ist mir auch früh aufgefallen, dass die Wirtschaftsgeschichte sich in vielem nicht an die ökonomische Theorie hält, ihr sogar widerspricht. Ich erinnere mich gut, wie ein indischer Professor uns an der Universität Genf aufzeigte, was der Handel für einen Einfluss auf die einzelnen Akteure hat und warum das Gefälle zwischen Industriestaaten und Schwellenländern so gross werden konnte. Während dieser Vorlesung reifte mein Entschluss, nach der Uni nicht bei einer grossen Organisation anzuheuern, sondern etwas Konkretes im kleinen Rahmen zu tun. Allerdings fand ich zunächst keine solche Stelle, denn man kann ja nicht viel, wenn man von der Uni kommt, ausser auf hoher Flughöhe zu denken.

Sie kamen schliesslich bei den Wirtschaftsprüfern von Ernst & Young unter.

Genau, ich begann dort im Jahr 2008 und durfte mithelfen, die Finanzkrise zu analysieren. Wir hatten einen Audit-Auftrag der UBS, intellektuell konnte ich mich gut entfalten, menschlich weniger. Aber ich holte mir das betriebswirtschaftliche Rüstzeug für eine spätere Tätigkeit im Handel. Ich war sehr beeindruckt von Ursula Brunner, der Mitgründerin der Bewegung der Bananenfrauen, die später zur Gebana AG wurde. Sie zeigte, wie man mit einem wirtschaftlichen Ansatz gegen ausbeuterische Strukturen in einer Branche ankämpfen und einen fairen Handel etablieren konnte. So war ich glücklich, nach drei Jahren eine Aufgabe bei Pakka zu übernehmen, einem Unternehmen, das Cashewkerne für den Detailhandel direkt aus Indien importierte. Durch diese Tätigkeit lernte ich viele Produzenten in Südindien kennen und war begeistert von der Vielfalt der Mischkulturen, die diese Kleinbauern unterhielten.

Dennoch blieben Sie nur vier Jahre bei Pakka.

Die Arbeit war interessant. Wir verfolgten das Ziel, die Produktepalette auszuweiten, auch Kokosnussprodukte an den Detailhandel zu verkaufen. Ich realisierte aber bald, wie viel von der geschmacklichen Qualität und der Einzigartigkeit der Produkte auf der Strecke blieb, wenn man es ins Supermarktregal schaffen wollte. Der Detailhandel verlangt tiefe Preise, eine hohe Standardisierung und permanente Verfügbarkeit. Das Kokosöl wird desodorisiert, gebleicht und raffiniert, damit es zum Beispiel einer Schokolade beigemischt werden kann. Bei Gewürzen werden zum Teil die ätherischen Öle abgepresst und für Kosmetika verwendet, weshalb Curry oder Kurkuma nicht mehr nach viel riechen hier in der Schweiz. Und viele Detailhandelsvertreter verfolgen den Ansatz, ihren Lieferanten immer mehr vorzuschreiben, wie sie zu produzieren haben. Da reifte bei mir die Idee heran, die Kleinbauern mit ihren wunderbaren Produkten direkt mit Schweizer Konsumenten zu verbinden.

Klingt nach einem schwierigen und ineffizienten Unterfangen. Wie packten Sie das an?

Ankunft des ersten Containers auf der Hardturmbrache. Foto: Mathyas Kurmann

Ankunft des ersten Containers auf der Hardturmbrache. Foto: Mathyas Kurmann

Ich besuchte während einer sechsmonatigen Reise mit meiner Freundin viele Bauern in Südindien und lernte fantastische Menschen und Produkte kennen. Rund 6000 Kleinbauern im Bundesstaat Kerala sind in einer Kooperative organisiert und beliefern Handelskunden und lokale Bioläden. Ihr Ziel ist es, die Diversität zu erhalten, was der Natur zugute kommt und vor Ernteausfällen schützt. Ende 2015 fragte ich die Bauern, ob sie mir zusichern, einen Container in die Schweiz zu schicken, wenn ich hier 500 Kunden für sie finde. Sie sagten begeistert zu. Im März 2016 starteten wir die Crowdfunding-Kampagne, die 500 Bestellungen für total 84’000 Franken einbrachte; im Juni kam der erste Container in Zürich an, viele Kunden holten ihre Lebensmittel persönlich auf der Stadionbrache Hardturm ab.

 Inzwischen läuft schon die Bestellung für den sechsten Container. Inwiefern brechen Sie mit Ihrem Angebot die Regeln des Handels, wie Sie auf der Internetseite versprechen?

Erstens bringen wir jene besonders charaktervollen Produkte, die es nie ins Supermarkt-Regal schaffen würden, zu den Kunden. Zweitens gibt es bei unserem Geschäftsmodell keinerlei Spekulation: Wir gehen bei der Preisfestlegung von den Bedürfnissen der Produzenten aus und rechnen die Kosten für Verarbeitung, Logistik und unseren Anteil dazu. Der Kunde bezahlt im Voraus, wir bündeln die Bestellungen und kaufen das Bestellte ein, sobald eine Container-Menge erreicht ist. Die Kostenstruktur ist komplett transparent. Bei jedem Produkt kann der Kunde sehen, wer wie viel bekommt. Bei unbearbeiteten Produkten gehen rund 60 Prozent an die Produzenten, wir zahlen in vielen Fällen das Doppelte oder Dreifache des Weltmarktpreises. Spekulation und Intransparenz sowie Discountpreise gehen immer auf Kosten des schwächsten Glieds in der Wertschöpfungskette, sprich des Produzenten. Wir stellen ihn ins Zentrum und suchen Konsumenten, die zu fairen Bedingungen und mit Wertschätzung einkaufen wollen.

Heute bieten Sie nicht nur Cashewkerne, Kokosöl, Gewürze und Reis aus Indien, sondern auch Zitronen, Olivenöl und Tomaten aus Italien und Kaffee aus Peru an. Werden Sie Ihrer Strategie damit nicht untreu?

Transparenz auf dem Tomatenfeld: Pietro und Basheer ernten alte Tomatensorten für die KundInnen von Crowd Container. Foto: Valdibella

Transparenz auf dem Tomatenfeld: Pietro und Basheer ernten alte Tomatensorten für die Kunden von Crowd Container. Foto: Valdibella

Wir verfolgen keinen Entwicklungshilfe-Ansatz, sondern wollen hochwertige Produkte direkt vom Feld auf den Tisch bringen und Kleinbauern mit den Kunden verbinden. Auch bei Tomaten oder Olivenöl aus Italien ist Transparenz dringend nötig. Unsere Kunden können sich direkt via Facebook mit den Kleinbauern in Indien oder Italien austauschen oder sie vor Ort besuchen. Wer sich diese Mühe macht, wird auch verstehen, dass es kein besonders toller Deal ist, eine Büchse gehackte Tomaten für 55 Rappen zu kaufen. Lebensmittel sind wahnsinnig billig geworden in den letzten Jahren und nur die Wenigsten verstehen die Mechanismen dahinter.

Sie haben kürzlich eine AG gegründet und nebst Schweizer Investoren auch ihre indischen Partner beteiligt. Können Sie von Crowdcontainer leben?

Die letzten 18 Monate habe ich auf sehr kleinem Fuss gelebt und mein Einkommen hauptsächlich mit einigen Beratungsmandaten und Velokurierfahrten erzielt. Ich bin zuversichtlich, dass wir weiter wachsen können, wir haben vermutlich noch nicht ein Prozent der Schweizer Kundenbasis erreicht – der Aufbau ist eine Knochenarbeit, die viel Geduld erfordert. Ich freue mich, dass wir das Projekt ab Juni zu viert vorantreiben können. Ein solches Start-up aufzubauen, ist anstrengend, denn mit jedem zusätzlichen Kunden wächst die Verantwortung und die Menge an Problemen, die man rasch lösen muss, nimmt zu. Aber es ist extrem befriedigend zu sehen, wie stolz die Produzenten sind, dass ihre Produkte hier in der Schweiz so geschätzt werden.

Information und Kontakt: tobias@crowdcontainer.ch oder www.crowdcontainer.ch

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2 Kommentare zu “Wie indische Spezialitäten direkt auf Schweizer Teller kommen”

  1. Jürg Schmid sagt:

    Eine sehr erfreuliche Initiative, die Unterstützung verdient. Sie verstärkt die Bestrebungen, wie sie auch die Claro-Organisation vertritt. Wer auf rasche Lieferung angewiesen ist, kann sich in den vielen Claro-und Drittwelt-Läden in der Schweiz sofort eindecken ohne auf die Lieferung zu warten.

  2. Dr. Karin Wesser sagt:

    sehr gut. Ich wuensche ihm und seinen Freunden/Kollegen viel Erfolg, und dass sie sich auch gegen die aggressiven Grossverteiler durchsetzen koennen.