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«Meditieren sollte so normal werden wie Zähneputzen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 7. April 2018
Richard Davidson, Erforscher und Promotor der regelmässigen Meditation.

Richard Davidson, Erforscher und Promotor der regelmässigen Meditation.

Zu Beginn seiner Karriere untersuchte Richard Davidson, Professor für Psychiatrie und Psychologie an der Universität Wisconsin-Madison, neuronale Ursachen von Angststörungen. Seit einem Treffen mit dem Dalai Lama konzentriert er sich auf die Frage, wie Menschen ihre Verfassung und ihr Verhalten durch Meditation verbessern können.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Davidson, Sie sind weltberühmt geworden durch Ihre Forschungen über den Einfluss von Meditation auf das menschliche Gehirn und sein Verhalten. Meditieren Sie selber täglich?

RICHARD DAVIDSON: Ja, ich meditiere jeden Morgen – mindestens eine halbe Stunde lang, manchmal auch bis zu 90 Minuten, je nachdem, wo ich bin und welche Termine anstehen. Ich bin sehr beschäftigt, erhalte viele Einladungen und Anfragen, umso wichtiger ist die Meditation für mich. Es geht ja nicht darum, den Kopf zu leeren, wie manchmal geschrieben wird, sondern darum, die Gedanken zur Ruhe zu bringen. In der Meditation fällt alles an seinen Platz zurück, der Geist wird wieder frisch und aufmerksam, das Herz wärmt sich und man verbindet sich mit der Welt, die uns umgibt. Meditation erlaubt empathische Anteilnahme. Kein Mitleid, das uns schwächt, sondern Mitgefühl, auf englisch: «compassion».

Wie sind Sie als Neurowissenschaftler auf die Meditation aufmerksam geworden?

Mich hat von jungen Jahren an die Frage beschäftigt, warum einige Menschen sehr verletzlich sind und andere enorm widerstandsfähig. Die Wissenschaft hat sich lange Zeit stark auf die negative Abweichung von der Norm konzentriert. Meine erste Begegnung mit dem Dalai Lama im Jahr 1992 war für mich ein Schlüsselmoment. Er sagte zu mir: «Du brauchst die Instrumente der modernen Neurowissenschaft, um Angststörungen und Depressionen zu erforschen. Warum nutzt du diese Werkzeuge nicht, um positive Qualitäten wie Güte und Mitgefühl zu untersuchen?» Ich hatte keine Antwort auf diese Frage, und so wurde sie zum Weckruf und Leitstern für mich. Ein naheliegender nächster Schritt war, das Gehirn von Menschen zu untersuchen, die seit Jahrzehnten regelmässig meditieren. So begannen wir unsere Arbeit mit tibetischen Mönchen.

Welche Erkenntnisse konnten Sie daraus gewinnen?

Zum einen verändern sich manche Gehirnareale während des Meditierens, was wenig überraschend war. Darüber hinaus zeigten die Kernspintomografieaufnahmen aber auch, dass Menschen mit ausgedehnter Meditationserfahrung anders auf negative Impulse von aussen reagieren als solche ohne Meditationserfahrung. Sie taten sich wesentlich leichter mit der Emotionsregulierung und legten ein wesentlich empathischeres Verhalten an den Tag.

Was folgerten Sie daraus?

Die Befunde waren dramatisch und brachten mich zum Schluss: Unser Gehirn ist formbar, wenn wir es trainieren. Wohlbefinden ist kein zufälliger Zustand, sondern eine Fähigkeit, die wir uns aneignen können. Wir können uns also beibringen, glücklich, widerstandsfähig, empathisch und in Balance zu sein.

Die Meditations- und Achtsamkeitsforschung boomt, es gibt aber auch kritische Stimmen, die monieren, der Befund vieler Studien hänge massgeblich davon ab, ob der Studienautor selber als Meditationslehrer involviert sei. Sprich: Die begeisterten Forscher finden die gewünschten Resultate.

Es ist gut, dass kritisch hingeschaut wird. Die Disziplin ist jung, wir haben es also mit jungem Datenmaterial zu tun. Wir wissen heute, dass Meditation kurz- und langfristig unser Gehirn verändert – diese Erkenntnis ist mit über 100 Studien sehr solide abgesichert; wie genau das geschieht, verstehen wir erst allmählich. Darin liegt ein immenses Potenzial, für die Therapie von Krankheiten, für die Arbeit mit aggressiven Jugendlichen, für unsere Gesellschaft, die das Ego und den Besitz so stark gewichtet und in der es so dramatisch an Güte und Mitgefühl mangelt. Ich will meine verbleibende Lebenszeit ganz dafür einsetzen, das Wissen in diesem Bereich zu vertiefen und in die Welt zu bringen. Allein wäre das eine «mission impossible», zum Glück unterstützen mich über 100 Mitarbeiter hier am Centre for Healthy Minds.

Kommenden Dienstag nehmen Sie in Bern an einer Tagung mit Wissenschaftlern und Wirtschaftsleuten teil. Welche Botschaft bringen Sie mit?

Ich werde berichten, was ich in den letzten 40 Jahren darüber gelernt habe, wie Meditation positive Eigenschaften stärken, Leiden lindern und das Krankheitsrisiko mindern kann. Darüber hinaus wünsche ich mir einen Austausch zur Frage, wie wir dieses Wissen teilen und Meditation im Alltag vieler Menschen verankern können. Ich war mehrmals Gast am World Economic Forum, aber das reicht nicht aus, um etwas zu verändern. Wir arbeiten intensiv an digitalen Angeboten, die es erlauben, objektive Messgrössen für unseren Geisteszustand aufs Handy zu bringen – kombiniert mit Meditationsübungen. Es ist wichtig, die Meditationspraxis vermehrt am Arbeitsplatz und in Schulen zu verankern. In Mexiko haben wir ein gigantisches Projekt mit 60’000 Lehrern gestartet. Letztlich geht es darum, dass Meditation als Grundlage für Wohlbefinden so selbstverständlich wird wie Zähneputzen. Das eine ist körperliche Hygiene, das andere Hygiene für den Geist.

Sie arbeiten bis heute eng mit dem Dalai Lama zusammen. Sind Sie damit auch einer religiösen oder politischen Mission verpflichtet?

Ich stehe in einer engen persönlichen Beziehung zu ihm, sehe ihn mehrmals jährlich und empfange bis heute viel Inspiration von ihm. Aber unsere wissenschaftliche Arbeit und deren Verbreitung hat weder religiöse noch politische Komponenten. Wir verfolgen einen durch und durch säkularisierten Ansatz und wollen einen Beitrag leisten zum Aufblühen der Gesellschaft und des Planeten.

Information und Kontakt: centerhealthyminds.org

 

Tagung in Bern

Kommenden Dienstag, 10. April, findet in Niederwangen bei Bern die Tagung «Die Wissenschaft der Achtsamkeit» statt, wo Richard Davidson zum Thema «Well-being is a skill» referiert und an einer Podiumsdiskussion mit Experten aus dem Gesundheits- und Bildungswesen sowie der Wirtschaft teilnimmt. Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt und wird simultan auf Deutsch übersetzt. Details dazu unter www.landguet.ch/richard-davidson

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3 Kommentare zu “«Meditieren sollte so normal werden wie Zähneputzen»”

  1. MIchael Studer sagt:

    Die effizienteste Art von Mediation ist meiner Meinung nach in der Schwerelosigkeit zu bewerkstelligen. Die Schwerkraft braucht ca. 80% der Hirnaktivität (hauptsächlich “tierische” Gehirne) sowie des Nervensystems permanent! In einem Floating Tank schwebt man schwerelos in 30%igem Salzwasser alleine und auf Wunsch auch in Dunkelheit. Diese Technik gibts schon seit über 50 Jahren und beweist wie viele andere Forschungen, dass der Mensch erst anfängt zu funktionieren, wenn dieser sich in die innere Ruhe begibt. DIE QUELLE IST INNEN!

  2. Trudi hagi sagt:

    Ich meditiere erst seit 2 Monaten bin 77 Jahre alt und es ist fantastisch

  3. Star sagt:

    Darf ich Sie fragen wie – oder nach welcher Anleitung Sie meditieren?