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Wie die Einbürgerungsprüfung zum unternehmerischen Sprungbrett wurde

Mathias Morgenthaler am Samstag den 17. März 2018
Hadi Barkat wurde mit Helvetiq zum erfolgreichen Verleger und Spiele-Entwickler. Foto: Dorian Rollin

Hadi Barkat wurde mit Helvetiq zum erfolgreichen Verleger und Spielentwickler. Foto: Dorian Rollin

Hadi Barkat ging schon in jungen Jahren eigene Wege: Als 17-Jähriger kam er ohne Familie nach Lausanne, um an der ETH zu studieren. Nach Tätigkeiten in der Finanz- und Risikokapitalbranche beantragte er den Schweizer Pass und fällte noch während der Prüfungsvorbereitung eine folgenschwere unternehmerische Entscheidung.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Barkat, Sie haben während des Studiums in Lausanne Technologien für die Finanzindustrie entwickelt und waren als Spezialist für Risikokapital tätig. Wie kamen Sie vor zehn Jahren auf die seltsame Idee, einen Verlag zu gründen?

Hadi Barkat: Hätte ich es primär darauf angelegt, reich zu werden, wäre ich tatsächlich besser in diesen Berufsfeldern in unmittelbarer Nähe des Geldes geblieben. Aber reich werden ist nicht besonders spannend, das merke ich immer wieder im Gespräch mit guten Kollegen, die diesen Weg gegangen sind. Einer sagte mir kürzlich: «Wenn du die erste Million erreicht hast, willst du 10 Millionen erreichen. Und wenn du das geschafft hast, peilst du 100 Millionen an.» Diesem Effekt entkommen nur die wenigsten, deshalb gibt es so viel Unzufriedenheit unter den Erfolgreichen und Vermögenden. Ich habe früh gemerkt, dass ich meiner Kreativität folgen muss, um glücklich zu sein. Deswegen lehnte ich nach dem Studium einige lukrative Jobangebote etwa von Banken aus London ab und suchte nach unternehmerischen Herausforderungen.

Stammen Sie aus einer Unternehmerfamilie?

Nein, die meisten Familienmitglieder sind Ärzte – das ist in Algerien, wo ich meine Kindheit verbracht habe, ein privilegierter Beruf. Ich habe mich mit 17 Jahren von meiner Familie verabschiedet und bin in die Schweiz gekommen, um an der ETH in Lausanne Mathematik, Computerwissenschaften und Technologiemanagement zu studieren. Ich kannte die Schweiz von Ferien, einmal hatte ich ein Tennisturnier in Villars beim Vater des ehemaligen Schweizer Tennisprofis George Bastl gespielt. Seit ich als Jugendlicher die ETH besucht hatte, war es mein Traum, dort zu studieren – und wenn ich etwas wirklich will, mache ich alles, um es zu erreichen.

Deshalb waren Sie auch verrückt genug, später einen Verlag zu gründen, obwohl die Branche in der Krise ist?

In diesem Fall hatte ich keine Idee, sondern ein Problem – und Probleme führen oft zu den besten Lösungen, weil sie uns zwingen, kreativ zu sein und neue Wege zu suchen. Ich hatte damals ein Einbürgerungsgesuch gestellt, da ich mich sehr für Politik und gesellschaftliche Fragen interessierte und selber auch mitreden wollte. In Lausanne bestand die Einbürgerungsprüfung aus einem mündlichen Interview, man musste über unglaublich viel Detailwissen verfügen, um all die Fragen beantworten zu können. Schon für mich als Akademiker war das eine Herausforderung, und während der Vorbereitung fragte ich mich, wie andere das schaffen. Als ich im Wartesaal sass und auf meinen Termin wartete, kam ich mit anderen ins Gespräch,. Alle sagten, es sei extrem schwierig gewesen, sich vorzubereiten, weil man sich die Antworten in staubtrockenen Büchern zusammensuchen müsse. Das war die Geburtsstunde meiner Verlegerkarriere: In diesem Moment dachte ich, es müsste doch einen spielerischen Weg geben, dieses Wissen zu vermitteln.

Und kurz darauf lancierten Sie Ihr Spiel Helvetiq.

Genau. Ich erinnerte mich, wie ich im Studium viel Theorie über Verhandlungsstrategien gelernt hatte, das Thema aber erst richtig erfasste, als wir die Sache in einem Spiel konkretisierten, wo drei Parteien in zwei Gewässern fischen und sich arrangieren mussten. So besuchte ich nach der Einbürgerungsbefragung Spielerfinder und entwickelte mit zwei Freunden ein eigenes Spiel über die Schweiz: Es enthält ein Quiz über die Schweiz, das nicht nur für Einbürgerungswillige eine Herausforderung ist, und ein Politikspiel, wo die Teilnehmer es durch gute Strategien bis in den Bundesrat schaffen können. Ende Oktober 2008 kamen die ersten 3000 Exemplare meines Spiels in der Romandie auf den Markt. Ende November, als ich mit meiner Freundin in Island in den Ferien war, erhielt ich diverse Anrufe, das Spiel sei praktisch ausverkauft, es brauche vor Weihnachten eine Neuauflage und bald eine deutsche, italienische und englische Version.

Warum haben Sie Ihre Idee nicht unter dem Dach eines etablierten Verlags realisiert?

Ehrlich gesagt, hatten wir nicht die Zeit und auch nicht die Geduld, Profis davon zu überzeugen, dass unsere Idee ein Erfolg wird. Also machten wir es selber mit überschaubarem Risiko: Ich schoss rund 35’000 Franken ein, unser Risiko war vielleicht doppelt so hoch. Es ist extrem befriedigend zu sehen, dass es sich gelohnt hat, mutig zu sein und einen eigenen Weg zu suchen. Heute sind wir ein neunköpfiges, internationales und interdisziplinäres Verlagsteam mit Standorten in Basel und Lausanne. Das Spiel Helvetiq hat sich weit über 35’000-mal verkauft, und auch andere Spiele und Bücher erreichten fünfstellige Auflagezahlen und Kunden in 15 Ländern. Für mich ist es eine Genugtuung, dass wir das aus eigener Kraft realisieren konnten. Ich kenne einige Beispiele von Start-ups, die früh drei oder fünf Millionen Franken Fremdkapital aufnehmen konnten, damit aber kein nachhaltiges Wachstum erzielten. Aber bei allem Erfolg sollte man eines als Unternehmer nie vergessen: Glückliche Zufälle spielen eine entscheidende Rolle. Viele Dinge wären nie möglich geworden ohne eine zufällige Begegnung oder Inspiration zur richtigen Zeit.

Wollen Sie auch die nächsten Jahre als Verleger tätig sein?

Die Zusammenarbeit im kleinen Team und der Dialog mit unseren Autoren und Erfindern ist enorm spannend. Oft entscheiden wir intuitiv und arbeiten auch mit Buchautoren zusammen, die keine Schreibprofis sind, aber viel erlebten und zu erzählen haben. Solange ich hier so viele Traumprojekte verwirklichen und erfolgreich gegen so viele ungeschriebene Branchengesetze verstossen kann, sehe ich keinen Grund, etwas anderes zu tun. Aber es ist gut möglich, dass ich mich in 10 oder 15 Jahren nochmals der Wissenschaft zuwenden werde. Mein Aufenthalt in Boston hat mich in dieser Hinsicht inspiriert. Der Wissensdurst auch unter Senioren und die Qualität der universitären Lehre waren eindrücklich. Ich will mir auch diese Neugier bewahren und womöglich später in einem Themenfeld nochmals in die Tiefe gehen. Aber zunächst gilt die volle Aufmerksamkeit den nächsten unternehmerischen Projekten. Eines davon ist die Feier unseres zehnten Geburtstags: Wir fahren mit dem ganzen Team für zehn Tage nach Polen und setzen uns mit der Zukunft der Spielentwicklung auseinander.

Information und Kontakt:

hadi@helvetiq.ch oder www.helvetiq.com

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3 Kommentare zu “Wie die Einbürgerungsprüfung zum unternehmerischen Sprungbrett wurde”

  1. Fredy sagt:

    Lieber ein Welt-Kastenstaat ohne Grenzkontrollen als bünzliges Schweizermachertum. Der demokratische Nationalstaat gehört auf den Misthaufen der Historie. Es gibt noch viel zu tun für den subversiven Helvetique-Unternehmer.

  2. Sandra Kuederli sagt:

    @ Fredy. Nein. Der Nationalstaat hat den Wohlstand erschaffen, durch den Rahmen, den er bildet. Mitsamt dem “bünzligen” Schweizertum. Sorry, mit Sozialhilfe erschleichen, Staatsjöbli, wo man Flohnerleben hat, das bringt die Schweiz nicht weiter.

  3. R.Todd sagt:

    Fredy, Ihre kommunistischen Ansicht ist die Vorlage der neuen Weltordnung, einige Personen beherrschen den Rest der Menschheit. Solch einen Umstand finden Sie super -wenn etwas auf den Misthaufen gehört sind es Ihre Ansichten/Ideologien und Sie selbst. Jeder Mensch hat seine persönlichen Rechte und die werden in einer Demokratie am Besten bewahrt, nicht in einer Rebublik und schon gar nicht in einer NWO (Weltstaat).