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«Vor sechs Jahren hatten wir einen Konkurrenten, heute über 40»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 10. März 2018
Céline Fallet: Vor sechs Jahren noch Studentin, heute Co-Geschäftsführerin von Wemakeit. Foto: Katharina Lütscher

Céline Fallet: Vor sechs Jahren noch Studentin, heute Co-Geschäftsführerin von Wemakeit. Foto: Katharina Lütscher

Als Céline Fallet 2012 ihre Bachelor-Arbeit über Schwarmfinanzierung schrieb, war das Thema in der Schweiz noch kaum bekannt. Heute muss sich die 30-jährige Co-Geschäftsführerin des Marktführers Wemakeit gegen viel Konkurrenz behaupten. Sie setzt grosse Hoffnungen ins Wachstum im Ausland und in digitale Währungen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Fallet, Sie haben sich vor sechs Jahren wissenschaftlich mit dem Thema Crowdfunding, also Schwarmfinanzierung, befasst. Dachten Sie damals, dass dieser Bereich so schnell wachsen wird?

CELINE FALLET: Zum Abschluss meiner Bachelorarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste untersuchte ich den Unterschied zwischen Mikrospenden und Crowdfunding. In den USA war Crowdfunding seit der Jahrtausendwende ein Thema, vor allem in der Musikindustrie. 2009 mit der Lancierung der Plattform Kickstarter wurde Crowdfunding international bekannt. Als ich das Phänomen 2012 untersuchte, wurde mir bewusst, welch enormes Potenzial diese Finanzierungsform hat. Sie füllte eine Lücke zwischen klassischem Risikokapital und Spenden. Viele Leute helfen durch kleine Beiträge einem Projekt zum Durchbruch. Sie tun etwas Gutes, werden Teil einer Bewegung und bekommen eine persönliche Belohnung. Das ist ein sehr attraktiver Mix.

Sie selber hatten kurz nach Abschluss Ihrer Bachelorarbeit einen Job in der Crowdfunding-Branche.

Ich lernte im Rahmen meiner Recherchen Johannes Gees kennen, der zu dieser Zeit mit Rea Eggli und Jürg Lehni die Schweizer Crowdfunding-Plattform Wemakeit gründete. Als gelernte Polygrafin mit abgeschlossenem Design-Studium hatte ich Übung darin, für komplexe Themen eine überzeugende Bildsprache zu entwickeln. So stiess ich unmittelbar nach der Gründung zu Wemakeit und entwickelte im Rahmen meiner Bachelorarbeit einen A3-Crowdfunding-Guide. Zudem sammelte ich erste praktische Erfahrungen mit Crowdfunding, indem ich mithalf, vier Bachelorarbeiten von Kolleginnen über Wemakeit zu finanzieren.

Wemakeit hat nach einer Startfinanzierung durch Pro Helvetia, Migros-Kulturprozent und die Ernst-Göhner-Stiftung im sechsten Jahr erstmals schwarze Zahlen geschrieben. Wie finanziert sich die Crowdfunding-Plattform?

Das Modell ist einfach und transparent: Initianten aus den Bereichen Food, Kultur, Gesellschaft, Landwirtschaft, Start-up oder Technologie präsentieren bei Wemakeit Projekte, die sie nicht aus eigener Kraft realisieren können. Sie legen die Höhe ihres Finanzierungsziels, die Dauer der Kampagne und die Gegenleistung für die Unterstützer fest. Wird der angepeilte Betrag in der vorgegebenen Zeit erreicht, erhalten die Projektinitianten 90 Prozent davon ausgezahlt. Sechs Prozent gehen als Servicegebühren an uns, 4 Prozent entfallen für Zahlungsgebühren. Eine zweite wichtige Einnahmequelle für uns sind Partnerschaften mit Unternehmen, Stiftungen oder Städten. Die Swisscom unterstützt zum Beispiel Musikprojekte, die Jubiläumsstiftung der Mobiliar Filmprojekte und die Gebert-Rüf-Stiftung wissenschaftliche Projekte. Insgesamt konnten in sechs Jahren fast 3000 Projekte erfolgreich finanziert werden mit einer Gesamtsumme von über 33 Millionen Franken.

Was passiert, wenn der angepeilte Betrag nicht ganz erreicht wird?

Dann geht das Geld zurück an die Unterstützer; für die Projektinitianten entstehen keine Kosten. Wir sind stolz darauf, dass wir mit einer Realisierungsquote von 65 Prozent weltweit zur Spitze gehören.

Weniger stolz dürften Sie sein, dass Sie eine Sammelaktion der No-Billag-Initianten erst aufschalteten und dann unter medialem Getöse wieder stoppten.

Wir sind grundsätzlich konfessionell und politisch neutral und stellen eine professionelle Infrastruktur für Crowdfunding zur Verfügung. Aber in diesem Fall war das Thema staatspolitisch so heikel, dass wir die Kampagne stoppten. Besser wäre gewesen, sie von Anfang an zurückzuweisen. Infolge einer äusserst kurzen Einreichefrist konnte die Kampagne leider nicht rechtzeitig geprüft werden.

Einige der erfolgreichsten Crowdfunding-Aktionen fanden nicht auf Ihrer Plattform statt. Wurmt es Sie, dass das Medienprojekt «Republik» ohne Wemakeit 3,4 Millionen Franken gesammelt hat?

Nein, das ist ein tolles Beispiel, das die Kraft dieser Finanzierungsform zeigt. Wir waren in Austausch mit den «Republik»-Machern und gönnen ihnen diesen Erfolg. Es zeigt aber auch, dass nicht jeder eine solche Kampagne auf eigene Faust durchziehen kann. Die Republik hatte ein grosses Team an Bord, engagierte eine professionelle Agentur und hatte zwei Jahre Vorlaufzeit. Zusätzlich mussten sie für ihr Geschäftsmodell eine eigene Plattform aufbauen. Das Beispiel zeigt sehr schön, was sich heutzutage bewegen lässt, wenn man durch gutes Marketing und starke Vernetzung eine eigene Community aufbauen kann. Die Kommunikation ist dabei extrem wichtig; es reicht nicht, ein Projekt online aufzuschalten und dann zu hoffen, dass es sich von selbst finanziert.

Inzwischen gibt es spezialisierte Crowdfunding-Plattformen, etwa «I believe in you» für Sportprojekte. Hat die Konkurrenz stark zugenommen?

Eindeutig. Vor sechs Jahren, als wir starteten, gab es in der Schweiz zwei Anbieter, heute sind es über 40. Wir sind dankbar für die Konkurrenz und tauschen uns mit ihr aus, denn das Ziel ist, den Markt gemeinsam zu entwickeln. In der Schweiz sind wir mit grossem Abstand Marktführer, im deutschsprachigen Raum der zweitgrösste Player nach Startnext; global ist Kickstarter mit rund 3 Milliarden Dollar Projektvolumen führend. Unser Fokus liegt aktuell stark auf der Schweiz, wir haben aber auch eine Aussenstelle in Wien, sind in Deutschland unterwegs und wollen im Ausland wachsen. Neue Technologien wie Kryptowährungen und Blockchain bieten zusätzliche Chancen. So wird es künftig möglich sein, als Initiant nicht nur Belohnungen für Unterstützer anzubieten, sondern eine eigene digitale Währung zu lancieren und die Unterstützer entsprechend zu beteiligen.

Welche Projekte aus sechs Jahren Wemakeit sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Spektakulär war sicher das Projekt von Donat Kaufmann, der sich über die politischen Kampagnen der SVP ärgerte und von über 12’000 Unterstützern gut 147’000 Franken erhielt, um die Titelseite der Gratiszeitung «20 Minuten» zu kaufen und dort für Transparenz in der Wahlkampffinanzierung zu sensibilisieren. Der Schriftsteller Tim Krohn sammelte 50’000 Franken für sein Buch «777 menschliche Gefühlsregungen» und bot den Unterstützern an, am Schreibprozess teilzuhaben und so Teil der Literatur zu werden. Interessant war auch das Projekt der Band «The Bianca Story», die gut 100’000 Franken für ihr neues Album sammelte und zu diesem Zweck ihr gesamtes Budget inklusive Löhnen offenlegte. Nachdem das Album finanziert war, boten sie es online gratis zum Download an. Der Kreis der Unterstützer kam in Genuss von Privilegien wie speziellen Konzertplätzen oder einem Nachtessen mit der Band. Eindrücklich war auch das Projekt des Flüchtlingschors in Zürich, der via Crowdfunding 24’000 Franken sammelte, um den Flüchtlingen die Anreise zu den Proben mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu finanzieren. Diese Beispiele zeigen, dass Crowdfunding weit mehr ist als ein blosses Finanzierungsvehikel. Noch vor wenigen Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, einen Musiker um ein Nachtessen zu bitten oder einen Schriftsteller darum, Teil seines nächsten Buchs zu werden.

Sie selber sind beruflich in sehr verschiedenen Projekten aktiv: als Kommunikationsleiterin der «Nacht der 1000 Fragen» in Biel, Leiterin des Backstage-Caterings am Gurtenfestival und freischaffende Designerin. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Die Geschäftsführung bei Wemakeit habe ich erst vor wenigen Wochen übernommen, da habe ich meine anderen Projekte entsprechend reduziert. Auf dem Gurten und in Biel werde ich aber auch in diesem Jahr aktiv sein. Das sind alles nicht bloss Jobs, sondern Herzensangelegenheiten; der Übergang zwischen Arbeit und privaten Interessen war bei mir immer fliessend. Ich engagiere mich dort, wo ich etwas bewegen kann in einem interessanten Feld mit spannenden Leuten.

Information und Kontakt:

celine.fallet@wemakeit.com oder www.wemakeit.com

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