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«Ich bin keine, die einfach schöne Geschichten erzählt»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 24. Februar 2018
Tanja Frieden wundert sich, wie viele Menschen ihr Leben auf Schmerzvermeidung ausrichten.

Tanja Frieden wundert sich, wie viele Menschen ihr Leben auf Schmerzvermeidung ausrichten.

Zwölf Jahre nach ihrem Olympiasieg in Turin ist die Thuner Snowboarderin Tanja Frieden eine gefragte Frau – nicht nur als Markenbotschafterin, sondern auch als Referentin und Coach von Führungskräften. Sie sei immer auch Unternehmerin gewesen, sagt die 42-Jährige, dadurch habe sie der Wirtschaft mehr zu bieten als Motivationsreden. Am meisten habe sie aus Schmerzen und Niederlagen gelernt.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Frieden, mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die Olympischen Spiele in Südkorea zwölf Jahre nach Ihrem Triumph in Turin?

TANJA FRIEDEN: Im Moment habe ich wenig Zeit, die Wettkämpfe zu verfolgen, es ist beruflich und privat sehr viel los. Die Zeit unmittelbar vor den Spielen hat mich fast stärker berührt: das Leiden mit den Snowboardern Iouri Podladtchikov und Dave Hablützel, die beide im Vorfeld schwer gestürzt sind und den Wettlauf gegen die Zeit knapp verloren haben. Da kamen bei mir Erinnerungen hoch an 2010, als ich kurz von den Spielen in Vancouver die Achillessehnen in beiden Beinen riss und deshalb nicht zur Titelverteidigung antreten konnte.

Sie traten damals noch vor der Eröffnung der Spiele unter Tränen vom Spitzensport zurück. Haben Sie in den letzten acht Jahren je unter Entzugserscheinungen gelitten?

Ich möchte auf keinen Fall zurück. Wenn ich die Boardercross-Wettkämpfe anschaue, greife ich mir manchmal an den Kopf und frage mich: «Warst du nicht ganz dicht, dir das anzutun?» Aber eine Sache vermisse ich tatsächlich: diese konsequente Ausrichtung auf das ultimative Ziel, hinter dem alles andere zurückstehen muss. Alles reduziert sich auf eine Aufgabe, du bist im Tunnel, es gibt keine Kompromisse, nur Siegen oder Scheitern. Aber ehrlich gesagt war es auch eine Erleichterung, nach 14 Jahren Spitzensport etwas weniger grenzwertig unterwegs zu sein. Die Luft ist sehr dünn, wenn du oben bist, und du schlägst hart auf, wenn du fällst.

Und doch tun sich viele Spitzensportler schwer mit dem Übergang in einen geordneten Berufsalltag, weil sie bald erkennen: Emotional reicht nichts mehr an das heran, was sie im Wettkampf erlebt haben.

Das ist so, aber das hat ja auch Vorteile – ich hätte diese emotionale Berg- und Talfahrt keine weiteren zehn Jahre mitmachen wollen. Aber es stimmt, wenn ich zu lange nur drinnen sitze, werde ich unruhig, dann rebelliert das Abenteurer-Gen in mir. Zum Glück gibt es so viele Möglichkeiten, die eigenen Grenzen auszuloten. Manchmal mache ich das nach wie vor auf dem Snowboard, oft aber auch bei der Arbeit mit Kunden. Wenn ich wie jetzt drei Tage lang ein Team begleite, versuche, jeden Einzelnen zu erfassen und die Gruppe besser zu machen, dann ist das für mich ähnlich belebend und beglückend wie der Sport. Und wie im Sport geht es beim Coaching darum, sich akribisch vorzubereiten, ein klares Ziel festzulegen und dann im Prozess bereit zu sein, alles loszulassen und intuitiv auf die Situation zu reagieren.

Sie coachen nicht nur Nachwuchsathleten und Spitzensportlerinnen, sondern vermehrt auch Führungskräfte und andere Berufsleute. Ist eine Goldmedaille von Olympischen Spielen hilfreich beim Bestreben, sich in der Wirtschaft Akzeptanz zu erarbeiten?

Eine Olympische Goldmedaille öffnet dir weltweit viele Türen. Unglaublich viele Menschen laden dich ein, hören auf dich, wollen etwas von dir. Die Schattenseite ist, dass man leicht schubladisiert wird, speziell als Vertreterin einer Fun-Sportart. Dazu kommt, dass Spitzensportler in der Schweiz kritischer gesehen werden als in anderen Ländern. Ich wurde mehrmals gefragt, was ich beruflich denn mache, ob ich auch etwas Richtiges könne. Auch die Medien zeigen vor allem eine Facette deiner Persönlichkeit – in meinem Fall die verrückte Abenteurerin. Da ist es wichtig, sich nicht in dieser öffentlichen Figur zu verlieren, sondern sich immer wieder zu hinterfragen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Fähigkeiten man verkörpert.

Sie waren Lehrerin, bevor Sie als Snowboarderin berühmt wurden.

Genau, ich gab jeweils im Sommer Schule, um mir den Winter auf dem Brett finanzieren zu können. Der Stoff war mir ziemlich egal, mir ging es immer primär darum, die jungen Menschen in Bewegung zu bringen, ihre Neugier zu schulen, ihre Begeisterung zu wecken. Das ist heute noch so. Ich wundere mich oft darüber, dass viele Menschen kein Ziel haben oder gedankenlos fremden Zielen hinterherrennen oder, wenn sie ein Ziel haben, pausenlos darüber reden, welche Hürden da alle im Weg stehen. Die meisten sind angetrieben durch Schmerzvermeidung, also eine «Weg von»-Bewegung, nur wenige folgen ihrer Sehnsucht, dem «Hin zu»-Impuls. Das beobachte ich auch in den Unternehmen. Wenn ich sehe, was da für Ziele vorgegeben werden, dann wundere ich mich nicht, dass die Leute so schwer in Bewegung kommen.

Sie sind also überzeugt, dass es Wirtschaftsleuten etwas bringt, Tanja Frieden als Coach für Persönlichkeitsentwicklung einzuladen?

Aber sicher – sofern sie bereit sind, sich aus der Komfortzone locken zu lassen. Ich bin keine, die einfach schöne Geschichten erzählt. Ich war schon in jungen Jahren Unternehmerin, sonst hätte ich mir meinen Traum gar nicht leisten können. Ich hatte 1999 schon Angestellte, die sich um meinen Internetauftritt und mein Marketing kümmerten. Und wenn ich Sponsoren für eine Zusammenarbeit gewann, profitierten beide Seiten. Ich fragte stets hartnäckig nach, wohin sich die Firma entwickeln will, wie wir ihr Profil schärfen können – bei Rugenbräu ging das so weit, dass wir gemeinsam die Positionierung und das Marketing für das Sportlergetränk Mountain Twister erarbeiteten. Ich bin eben nicht nur eine Abenteurerin, sondern auch eine akribische Krampferin.

Was hat Sie mehr geprägt: Ihre Siege oder Ihre Niederlagen?

Entscheidend war, was ich aus Schmerzen und Niederlagen gelernt habe. Erfolg bedeutet nicht, keine Probleme zu haben, stets zu gewinnen. Erfolgreich ist, wer es schafft, am Tag X am besten mit Störungen umzugehen. Man sollte deshalb nicht warten, bis keine Hindernisse mehr im Weg liegen, sondern sich darin schulen, sie zu überwinden. Ein Beispiel: Ich litt mit 16 Jahren unter epileptischen Anfällen. Ich brauchte eine sehr feine Körperwahrnehmung und grosse Disziplin, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Was ich dabei gelernt habe, ist mir danach x-fach zugutegekommen. Diese Fähigkeit, sich hohe Ziele zu stecken und sie trotz Hindernissen zu erreichen, schule ich gerne bei anderen. Das Schlimmste ist in meinen Augen nicht die Niederlage. Das Schlimmste ist, etwas Wichtiges gar nicht erst zu versuchen aus Angst, es könnte misslingen.

Kontakt und Information:

www.tanjafrieden.ch oder office@tanjafrieden.ch

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