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Der Ökonom, der für 10 Franken Schuhe auf Hochglanz poliert

Mathias Morgenthaler am Samstag den 11. November 2017
Als sein eigener Chef schätzt Claudio Bühlmann jeden verdienten Franken doppelt. Foto: Thilo Larsson

Als sein eigener Chef schätzt Claudio Bühlmann jeden verdienten Franken doppelt. Foto: Thilo Larsson

Nach seiner Tätigkeit als Finanzleiter und Unternehmensberater machte sich Claudio Bühlmann als Schuhputzer selbständig. Der 45-Jährige sieht das nicht als Abstieg. Er knüpft täglich spannende Kontakte und kommt morgens leichter aus dem Bett, seit er sein eigener Chef ist. Manche Kunden wundern sich über seinen ökonomischen Sachverstand.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Bühlmann, es gibt viele trendige und prestigeträchtige Berufe – Ihrer gehört eher nicht dazu. Wie reagieren die Leute, wenn Sie sagen, Sie seien Schuhputzer?

CLAUDIO BÜHLMANN: Die Meisten lachen und halten das für einen Witz. Und wenn ich dann sage, ich mache das wirklich professionell, sind sie erst einmal sprachlos. Mir macht das nichts aus. Nach diesem Überraschungsmoment entwickeln sich oft spannende Gespräche. Und das Wichtigste ist ohnehin meine Überzeugung, dass ich für mich den besten Beruf gefunden habe. Als Unternehmensberater oder Finanzleiter empfand ich nie eine vergleichbare Befriedigung.

Wie wurden Sie vom Betriebsökonom und Berater zum Schuhputzer?

Es begann mit einem Problem: Vor fünf Jahren war ich frustriert darüber, in welch schlechtem Zustand mein geliebter rot-brauner Derby-Schuh war: schmutzig, das Leder trocken, die Farbe stumpf. Ich wusste, dass da mit normalen Pflegeprodukten nichts mehr zu retten war. So begann ich, im Internet zu recherchieren, lernte eine hochwertige Schweizer Schuhpflegelinie mit Wachs und handgefertigten Bürsten kennen und staunte nicht schlecht, wie schön mein Schuh nach gründlicher Pflege wieder glänzte. So wurde ich erst zum Familienschuhputzer, dann brachten Freunde ihre liebsten Schuhe vorbei und vor einem Jahr entschied ich mich schliesslich, beruflich ganz auf diese Karte zu setzen. Inzwischen bin ich von Dienstag bis Donnerstag regelmässig im Hotel Allegro im Kursaal und am Freitag und Samstag im Eniline in Bern tätig.

Von was lebt ein Schuhputzer in einer Zeit, in der wir Schuhe kaum noch pflegen oder reparieren, weil das neue Modell so verlockend und günstig ist?

Es stimmt, die meisten Menschen werfen ihre Schuhe in den Abfall, wenn sie abgenutzt sind. Das hat aber auch mit einem Wissensmangel zu tun. Ich will hier ein Umdenken in Gang bringen und mithelfen, dass die Menschen wieder ein Auge für die Qualität und den Zustand ihrer Schuhe bekommen. In England, Frankreich und auch Deutschland hat das Handwerk des Schuhputzers eine höhere Akzeptanz. In Zürich und Genf gibt es dafür auch einen Markt, die Berner kommen erst allmählich auf den Geschmack, dafür gibt es hier sehr treue, dankbare Kunden.

Sie sind also nicht der einzige Schuhputzer in der Schweiz?

Ich weiss noch von drei weiteren, zwei davon sind in Zürich tätig – der eine am Flughafen – und einer in Genf, ein richtiger Künstler, der unglaubliche Dinge schafft mit Schuhen. Mein Mix ist aber einzigartig. Ich biete nicht nur mobil den kleinen Service an, die Reinigung vom Schmutz und das Wachsen plus Polieren, sondern auch die gründliche Reinigung mit neuem Aufbau der Farbe und wenn nötig Reparaturen. Da ich das Schuhmacherhandwerk nicht gelernt habe, arbeite ich bei Bedarf mit Spezialisten zusammen. Dazu gebe ich Kurse und lasse eine kleine Kollektion an Schuhen und Taschen in einer Manufaktur in der Toscana produzieren mit lokalem Leder.

Was kosten diese Schuhe und wie teuer waren die edelsten Schuhe, die Sie je geputzt haben?

Jene, die ich produzieren lasse, kosten zwischen 260 und 289 Franken – so bekommen alle einen fairen Anteil und der Kunde hat ein hochwertiges Produkt zu einem nicht überrissenen Preis. Unter dem Putztuch habe ich schon alle Varianten gehabt: Zu mir kommen Busfahrer, Strassenwischer, Politikerinnen und Konzernchefs. Da waren Schuhe dabei von 60 bis 3500 Franken. Man kann bis zu 6000 Euro ausgeben für ein Paar Schuhe, aber oft bezahlt man im obersten Segment mehr die Marke als die Qualität. Ein Schuhmacher und ich sind bei der Reparatur einmal auf Karton gestossen in einem dieser Luxusschuhe.

Was kostet die schnelle Reinigung?

10 Franken. Je nachdem, wie viel Zeit der Kunde hat und ob er reden will, dauert das zwischen 4 und 20 Minuten. Manchmal mache ich ähnliche Erfahrungen wie Coiffeure oder Fitnesstrainer: Die Kunden entspannen sich bei mir und lassen gerne etwas Druck ab, erzählen von ihren Sorgen. Und manche wundern sich, wenn sie aufgrund meiner Antworten realisieren, dass ich ihre Welt durchaus verstehe, mit ökonomischen Fragen vertraut bin.

Und was hält der Ökonom Bühlmann vom Stundenlohn und den Perspektiven des Schuhputzers Bühlmann?

Der Schuhputzer bei der Arbeit - manchmal wortlos, manchmal im persönlichen Austausch. Foto: Thilo Larsson

Der Schuhputzer bei der Arbeit – manchmal wortlos, manchmal im persönlichen Austausch. Foto: Thilo Larsson

Es ist klar, mit Putzen alleine käme ich nicht über die Runden. Aber beim Putzen ergeben sich Gespräche, entsteht eine Beziehung. Manchmal vertrauen mir Kunden dann 20 Paar Schuhe an für einen gründlichen Service. Oder buchen mich als Schuhputzer bei Events und Kongressen. Der Anfang war hart ohne gesichertes Einkommen, da war ich enorm dankbar für die Unterstützung meiner Partnerin. Nun spüre ich aber, wie alle Bereiche Fahrt aufnehmen und das Baby die ersten Schritte macht. Klar, finanziell musste ich zurückbuchstabieren, schätze im Gegenzug aber jeden verdienten Franken doppelt und dreifach. Für mich persönlich ist es so viel besser, Schuhputzer zu sein als Berater. Ich gehe mit Herzblut meinen Interessen nach und knüpfe jede Woche extrem spannende Kontakte. Sie glauben gar nicht, wer mich über LinkedIn alles anschreibt.

Denken Sie nicht manchmal, Sie könnten es einfacher haben, wenn Sie einen Job machen würden, der Ihren Qualifikationen entspricht?

Nein, keine Sekunde. Im Gegenteil, ich hatte schon in jungen Jahren Lust, etwas Eigenes aufzubauen, mein eigener Chef zu sein. Aber mir fehlten damals die Inhalte, das konkrete Projekt. Heute ist das eine extrem stimmige Geschichte, auch weil ich Schweizerisch-Italienischer Doppelbürger bin und so beide Welten zusammenbringen kann. Und ich finde es eindrücklich, wie viel man lernt in der Selbständigkeit – nicht nur über einen Markt, sondern auch über sich selber. Ich gehörte zu den Schülern, denen manche Lehrer sagten, was sie alles nicht können und nie schaffen werden. Da ist es schon eine Genugtuung, wenn man später die Verantwortung für ein eigenes Geschäft trägt. Seit dem Schritt in die Selbständigkeit muss ich mich am Montag auch nicht mehr überwinden, zur Arbeit zu gehen. Es geht sogar so weit, dass ich heute wenn nötig problemlos um 4 Uhr aus dem Bett komme, obwohl ich wirklich nie ein Frühaufsteher war.

Kontakt und Information:

info@swissshoecare.ch oder www.swissshoecare.ch

 

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4 Kommentare zu “Der Ökonom, der für 10 Franken Schuhe auf Hochglanz poliert”

  1. Rudolf sagt:

    Mein Grossvater und meine Mutter sagten uns immer: Wenn du schon was machst, mache es gut und richtig.
    Ob du Schuhputzer oder Bankdirektor bist. Das trifft hier wortwörtlich und in der Tat zu. Alle Ehre, Hr. Bühlmann.

  2. charles spirig sagt:

    das ist die richtige Einstellung!

  3. jane marple sagt:

    hab auch so einen spruch von meinem opa: «du kannst im übergwändli rumlaufen, aber schmutzige oder abgelatschte schuhe geht gar nicht!» ich staune immer wieder, wieviele männer mit abgelatschten schuhen UND anzug rumlaufen… ich finde es ganz toll, was dieser mann da macht. chapeau!

  4. Marco De Micheli hrmbooks.ch sagt:

    Vermutlich ein Job, der interessantere und bereichendere Einblicke in unser Leben gibt als die Analyse von Bilanz- und Erfolgsrechnungen.

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