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«Die meisten Manager kommen nicht aus dem Reaktionsmodus heraus»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 7. Oktober 2017
Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph mit einem Flair für Selbstinszenierung.

Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph mit einem Flair für Selbstinszenierung.

Wie bringt man vielbeschäftigte Manager zum vertieften Nachdenken? Der frühere Profisportler Anders Indset hat sich im Selbststudium zum Wirtschaftsphilosophen weitergebildet. Er lehrt Führungskräfte, wieder verletzlich und dadurch kreativ zu werden. Eine Stunde pro Woche fürs Nachdenken sei ein guter Anfang, sagt der Norweger. Dann gelte es, die Vorstellung vom authentischen Ich zu überwinden, sich nicht so wichtig zu nehmen und dorthin zu gehen, wo die Energie ist.

Interview: Mathias Morgenthaler


Herr Indset, Sie sind als Wirtschaftsphilosoph ein gefragter Referent. Ihr Ratschlag an Manager, sich wöchentlich eine Stunde Zeit zum Nachdenken zu nehmen, klingt aber erschreckend banal. Ist das eine neue Erkenntnis für Führungskräfte?

ANDERS INDSET: Einfache Erkenntnisse sind oft schwer umzusetzen. Die meisten Manager sind beseelt davon, Probleme zu lösen, Projekte voranzutreiben, Resultate zu erzielen, die Dinge im Griff zu haben – und durch diesen Aktivismus schaffen sie neue Probleme oder übersehen grosse Chancen. Die meisten Dinge sind aber zu kompliziert, als dass jemand sie managen könnte. Also geht es darum, sein Gehirn zu trainieren, neugierig zu sein, einen weiten Horizont zu haben, die richtigen Fragen zu stellen und alle Ressourcen anzuzapfen, die Antworten beisteuern können. Wer das akzeptiert, macht sich verletzbar, und diese Verletzbarkeit ist der Geburtsort jeglicher Kreativität. Aber Manager hassen dieses Gefühl, sie wollen weder verletzlich noch untätig sein und schon gar keine Gefühle zeigen.

Eine Stunde Nachdenken pro Woche bringt da die Wende zum Guten?

Eine Stunde pro Woche wäre ein Anfang. Wir wissen von Bill Gates, Warren Buffett und anderen einflussreichen Leaderfiguren, wie viel Zeit sie fürs Nachdenken, Lesen und Diskutieren aufwenden, obwohl sie weiss Gott viel zu tun hätten. Aber die meisten Manager sind pausenlos aktiv, wie dopamingesteuerte Junkies, die gar nicht mehr aus dem Reaktionsmodus herauskommen und deshalb eine geringere Aufmerksamkeitsspanne als ein Goldfisch haben. Und zum Ausgleich trainieren sie für einen Marathon, spulen auf dem Hometrainer Kilometer ab oder bauen im Fitnessstudio Muskeln auf, um sich stark zu fühlen, kurz: Sie investieren in ihren Panzer statt in ihren Geist. Da ist es ein grosser und wichtiger Schritt, sich erst einmal eine Stunde pro Woche fix zu blockieren, in dieser Zeit womöglich ein weisses Papier anzustarren, etwas Neues zu denken und sich den eigenen Ängsten zu stellen. Das ist im ersten Moment qualvoll, aber man kann die Freude am Nachdenken kultivieren.

Und Sie halten sich an den eigenen Ratschlag?

Bei mir ist es wesentlich mehr als eine Stunde pro Woche. Gestern machte ich den ganzen Tag nichts anderes, als in meiner Heimat in Norwegen in einer Hütte zu sitzen, ausführlich nachzudenken und an meinem neuen Buch über Quantenwirtschaft zu arbeiten. Zudem suche ich mir immer wieder Gesprächspartner, die keine Agenda haben. Dieser Austausch hilft dabei, meine Gedanken zu sortieren und Neuland zu erkunden. Auch bei meinen Referaten lege ich es nicht darauf an, mich wichtig zu machen oder recht zu haben, sondern ich denke laut nach beim Reden und hoffe, dass sich daraus weiterführende Gespräche ergeben. Ich sehe mich als Brückenbauer zwischen Philosophie und Wirtschaft. Die meisten Manager beschäftigen sich nicht mit philosophischen Fragen, und die meisten akademischen Philosophen drücken sich so kompliziert aus und verstehen so wenig von Politik und Wirtschaft, dass sie über ihren Zirkel hinaus wenig bewegen.

Sie selbst liefen nie Gefahr, im Elfenbeinturm der Wissenschaft zu verharren. Aktenkundig ist nur, dass Sie eine einjährige Ausbildung in Marketing in Oslo absolviert haben.

(Lacht) Das ist richtig, ich war ein sehr schneller Student und habe darauf verzichtet, zum Experten zu werden. Ich bin überzeugt, dass wir künftig weniger selbst ernannte Experten brauchen, diese Rolle können Algorithmen übernehmen. Aber wir brauchen Menschen, die vorausdenken und die wichtigen Fragen stellen. Ich ging nach Abschluss meiner Marketingausbildung als Profisportler nach Deutschland, gründete meine erste Firma und beteiligte mich an Start-ups. Ich habe viel investiert, viel Geld gemacht und auch sehr viel Geld verloren durch falsche Entscheidungen und Partnerschaften. Und eines Tages entschied ich mich, meine Anteile zu verkaufen, alles loszulassen und in die Philosophie einzutauchen. Mein einziges Ziel war, neugierig in den Tag zu starten und jeden Tag etwas Neues zu lernen durchs Nachdenken, Lesen, Schreiben oder Reden.

Hatten Sie einen Plan, wie Sie davon leben könnten?

Nein, zu Beginn nicht, ich war einfach elektrisiert von der Weisheit der alten Philosophen und empfand es als grosse Befreiung, nicht mehr unter Druck zu sein, sondern mich ganz meinem Streben nach Selbstentwicklung hinzugeben und daraus meine eigene Realität zu gestalten. In dem Moment, als ich mir erlaubte, nichts mehr werden zu müssen, spürte ich eine grosse Lust aufs Nachdenken und Gestalten.

Das klingt nach einem recht egoistischen Lebensentwurf.

Die Grenzen zwischen Egoismus und Altruismus sind fliessend. Wenn ich mit Hingabe meinen Interessen folge und andere beeinflusse, bewirke ich mehr Gutes, als wenn ich mich unter Druck verbiege. Voraussetzung dafür war allerdings eine Art Bewusstseinsrevolution: Indem ich mir bewusst machte, dass ich nicht existiere, entwickelte ich ein besseres Verständnis für meine Möglichkeiten. Wir haben zwar einen Körper und machen Erfahrungen, aber dieses Ich, das sich authentisch zu verhalten hat, das ist keine Realität, sondern ein Konstrukt. Wir nehmen uns in dieser Hinsicht viel zu wichtig und versuchen, unser Ego mit Anerkennung von aussen zu festigen. Es hilft beim Loslassen, wenn wir uns von diesem fixen Ich verabschieden und uns erlauben, dorthin zu gehen, wo die Energie ist. Dann stellt sich auch der Erfolg ein, nicht weil wir ihn mit Management herbeiführen könnten, sondern weil wir uns mit Leidenschaft und Liebe den richtigen Dingen widmen.

Spricht hier der Quantenphysik-Student?

Auf Mikroebene besteht die Materie aus Wellen, Partikel sind Wellen. Der Psychoanalytiker Jacques Lacan schreibt, das Ich sei vorrangig eine imaginäre Konstruktion, und er weist auf die Leere im Innersten hin, die mit Substanz gefüllt werden muss. Das gilt sowohl fürs Individuum als auch für Unternehmen. Beide müssen sich immer wieder die Frage stellen, was sie im Kern bewegt. Wir haben die Wahl, ob wir die Fassade stärken und die Kontrolle ausbauen oder uns konstruktiv mit der Leere und dem Chaos auseinandersetzen. Diese Frage ist umso dringlicher, als uns die Entwicklung der künstlichen Intelligenz mit der existenziellen Frage konfrontiert, was ein Mensch künftig noch ist und zu leisten vermag. Mutieren wir vom Homo sapiens zum Homo obsoletus, zum überflüssigen Wesen? Zum ersten Mal in der Geschichte übertragen wir essenzielle Entscheidungen an Algorithmen und schaffen Formen von Intelligenz, die unseren aktuellen Bewusstseinshorizont übersteigen, eine Art «Deus in machina». Und gleichzeitig laufen wir wie Ameisen den technologischen Verheissungen hinterher, die uns von Arbeit befreien sollten, uns aber abhängig machen wie Heroinsüchtige. Wir sollten die daraus resultierenden Entwicklungen nicht einfach dem Zufall oder den ökonomischen Interessen der Tech-Konzerne überlassen, sondern uns Zeit nehmen zum Nachdenken, Verstehen und Gestalten.

Sie selbst inszenieren sich auf Ihrer Website aufwendig mit zahlreichen Fotos, manche haben religiöse Züge, andere zeigen Sie als eine Art Rockstar der Philosophie. Sind Sie ein Messias oder ein Rebell?

Ich habe schon viele Etiketten erhalten, «Christus Kapitalismus», «Reinkarnation von Seneca» oder «Rock-’n’-Roll-Plato». Ich halte es mit Charles Bukowski für fatal, dass die intelligenten Menschen voller Zweifel und die Dummen voller Selbstvertrauen sind, und achte deshalb darauf, dass ich medientauglich genug bin, um Aufmerksamkeit zu erhalten und mit meinen Botschaften ein grosses Publikum zu erreichen. Ich gebe gern zu, dass ich diese Aufmerksamkeit auch geniesse, aber sie ist kein Selbstzweck, sondern ich nutze sie dazu, die Menschen zum Nachdenken anzustiften.

Kontakt und Information:

www.wirtschaftsphilosoph.com oder ai@wirtschaftsphilosoph.com

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Ein Kommentar zu “«Die meisten Manager kommen nicht aus dem Reaktionsmodus heraus»”

  1. Richard Scholl sagt:

    Betriebsleiter, neudeutsch Sii-iii- ou, denken jeden Tag mehr als eine Stunde…. an was wohl? An das Wohlergehen ihrer Firma. Oder kennen Sie einen Wirtschaftsphilosophen, der ein börsenkotiertes Unternehmen verlustlos führt?