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«Vielleicht ist unsere Arbeit eine Art Jahrhundertgrippe»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 30. September 2017
Dorothea Strauss wollte Astronautin werden, machte sich als Museumsdirektorin einen Namen und wechselte dann zur Mobiliar.

Dorothea Strauss: «Es gibt keine Versicherung gegen seelisches Unglück oder fehlende Ideen.»
© Franziska Rothenbuehler

Vor vier Jahren gab Dorothea Strauss die Leitung des Museums Haus Konstruktiv in Zürich ab und wechselte ins Führungsteam der Mobiliar. Dort hielten manche sie für eine «Grippe, die hoffentlich vorübergeht». Doch die 56-Jährige ist geblieben und wirbt hartnäckig dafür, die «Kunst als Trainingsfeld für die Zukunft» zu nutzen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Strauss, Sie wollten als Kind Astronautin werden, machten sich dann als Kunstkuratorin einen Namen und wechselten schliesslich vor vier Jahren ins Management der Mobiliar-Versicherung. Haben Sie Ihre Ziele verraten?

DOROTHEA STAUSS: Eine Kollegin aus einer Kulturinstitution fragte mich nach meinem Jobwechsel mit spöttischem Unterton: «Verkaufst du jetzt Policen?» Ich antwortete ihr nach kurzer Bedenkzeit: «Ja, genau…» Ich schliesse zwar keine Versicherungsverträge ab mit Kunden, bin aber als Leiterin der 2013 neu geschaffenen Abteilung für unternehmerisches und gesellschaftliches Engagement mitverantwortlich dafür, wie sich die Mobiliar erneuert, für welche Werte sie einsteht, wie fokussiert sie zum Thema Verantwortung agiert. Das soll einen Mehrwert schaffen. Ich bin nicht zur Mobiliar gekommen, um die bestehende Kunstsammlung zu betreuen und mich ein wenig philanthropisch zu betätigen. Meine heutigen Aufgaben stehen in direkter Verbindung zu meiner früheren Tätigkeit als Museumsdirektorin und Kuratorin: Ich habe schon damals mit meiner Arbeit ein gesellschaftliches Engagement verbunden.

Hatten Sie keine Bedenken, aus der Kunst in die Wirtschaft zu wechseln, wo letztlich doch das Geldverdienen im Zentrum steht?

Die Mobiliar ist seit über 190 Jahren genossenschaftlich verankert, sie ist ein dezentral organisiertes Unternehmen mit regionaler Intelligenz und mit einem ernsthaften Interesse an der Auseinandersetzung mit kulturellen Fragen. Das ist etwas ganz anderes, als wenn sich ein Unternehmen aus Prestigegründen mit seiner Kunstsammlung schmückt oder ein Gemälde für Zeitungsinserate nutzt. In der Auseinandersetzung mit Kunst entwickeln wir in der Mobiliar das Wissen, das uns befähigt, Antworten auf die Fragen der Zukunft zu finden. Wir lernen zum Beispiel einen konstruktiven Umgang mit Unsicherheit und Mehrdeutigkeit.

Haben Sie die Mobiliar-Manager mit solchen Sätzen für Ihre Tätigkeit zu gewinnen versucht?

Es ist tatsächlich so, dass mich zunächst vor allem die interne Überzeugungsarbeit interessierte. Ich galt bei manchen anfänglich als die Kunsttante, die hier sonderbare Dinge tut, die vermutlich teuer und vielleicht sogar imageschädigend sind. Ein Direktionskollege verglich mich sogar mit einer Grippe, die zwar im Moment mühsam ist, dann aber doch schnell vorübergeht. Er hat meine Hartnäckigkeit unterschätzt – das sieht er heute auch so. Vielleicht ist unsere Arbeit ja wirklich eine Art Jahrhundertgrippe, die das Immunsystem ins Rotieren bringt, den Organismus aber stärkt dadurch. Heute, nach vier Jahren, suchen jedenfalls viele Generalagenten und Kolleginnen das Gespräch mit mir, weil der Funke immer mehr überspringt, Kunst als ein Trainingsfeld für Zukunft zu nutzen. Denn Kunst lehrt uns, in grösseren Zusammenhängen zu denken.

Verdanken Sie Ihre Einstellung der offenen Haltung des kunstaffinen Mobiliar-Chefs Markus Hongler?

Unsere ersten Gespräche drehten sich darum, wie wichtig es für ein Unternehmen ist, nicht nur einen Businessplan für heute, sondern auch ein Bewusstsein für die Zukunft zu entwickeln. Daraus entstand die Vision für eine neue Abteilung «Corporate Social Responsibility», bei der Themen wie genossenschaftliche Tradition, Verantwortung, Kunst und Kreativität, Innovation und Forschung sowie Wissenstransfer eine zentrale Rolle spielen. Erst gegen Ende dieses Prozesses kam die Frage auf, ob ich eine solche Abteilung selber leiten möchte.

Sie genossen doch als Ausstellungsmacherin viel mehr Freiheiten.

Ich habe mich nie nur für Kunst interessiert, sondern immer für Projekte, die neue Räume öffnen und verschiedene Disziplinen ins Gespräch bringen – inklusive der kritischen Geister. In Zürich habe ich beispielsweise die Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum geleitet und dort den umstrittenen Hafenkran initiiert – solche Projekte sind deshalb relevant, weil sie über die Kunst hinaus als gesellschaftliche Katalysatoren funktionieren. Es gibt in unserer Gesellschaft so viele Silos, in denen sich lauter Spezialistinnen und Spezialisten austauschen. Mein Hauptanliegen ist, dass wir breiter über wichtige Fragen nachdenken, verschiedene Disziplinen besser verzahnen.

Das klingt plausibel. Und doch fragt man sich als Besucher der neuen Kunstausstellung im Mobiliar-Hauptsitz…

…ob das die Spielwiese der betriebseigenen Kuratorin ist? Die Ausstellungen gabs schon vorher, aber sie sind in den letzten vier Jahren gewachsen und intensiver geworden. Sie sind Teil eines grossen Vitalisierungsprogramms für die ganze Mobiliar. Manche Kollegen sagen vielleicht: «Ich möchte einfach in die Kantine zum Mittagessen und jetzt steht da diese Kunst im Weg.» Das ist genau in meinem Sinn. Wir schaffen damit eine Begegnungsplattform, wo sich verschiedenste Akteure treffen, Kolleginnen und Kollegen, Kunden, Wissenschaftlerinnen, Künstler, Politiker und Passanten. Manche mögen irritiert sein durch die Kunstwerke, aber im Grunde ruft die Kunst ihnen zu: «Mach mit, stell Fragen, lass dich herausfordern und spiegeln!» Wenn wir uns weiterentwickeln wollen, können wir uns nicht nur mit dem befassen, was wir kennen und im Griff haben.

Sie personifizieren also die Verunsicherung in einer auf Berechenbarkeit und Absicherung spezialisierten Organisation.

Ich habe hier die Lizenz zum konstruktiven Querdenken, ja. Versicherungen sind zwar unser Kerngeschäft, aber wir wissen alle: Es gibt keine Versicherung gegen seelisches Unglück, gegen fehlende Ideen, nicht gelebte Träume – für diese elementaren Fragestellungen haben wir keine Produkte. Machen wir also jene Dinge verlässlich, die wir versichern können, und leisten darüber hinaus einen Beitrag dazu, dass Menschen lebendig bleiben und sich weiterentwickeln. Es gibt so viel zu entdecken und zu lernen jenseits der Expertise. Der Kunst kommt dabei eine Sonderrolle zu. Künstler sind meines Erachtens die neuen Dokumentaristen: Sie übersetzen uns die Gegenwart auf besondere Weise.

Ist das nicht mühsam, stets zwischen den Fronten respektive Disziplinen unterwegs zu sein?

Nein, es ist im Gegenteil sehr belebend. Ich hatte schon immer ein grosses Interesse an den Schnittzonen der Disziplinen. Das ist auch Teil meiner Biografie. Ich komme aus einer Musikerfamilie, in der das Thema Musik genauso wichtig war wie zum Beispiel Quantenphysik oder Kunst. Zudem bin ich in ganz verschiedenen Ländern aufgewachsen. Ich war überall die Ausländerin, gehörte nirgends ganz dazu. Was damals oft schwierig war, empfand ich später als Stärke, als einen erweiterten Horizont. Mein Begriff von Heimat fusst eher auf Freundschaften, auf verschiedenen Orten und Themen. Bei der Mobiliar kann ich meine Interessen und Erfahrungen ideal in die Waagschale werfen: meine Liebe zur Mathematik ebenso wie die zum Projektmanagement, meine Interessen für die Kunst so sehr wie jene für die Forschung, meine Passion für Innovation in gleichem Mass wie meine Neugier auf Geschichten und Begegnungen. So stosse ich immer wieder in neue unbekannte Gebiete vor und führe verschiedene Wissensstränge zusammen.

Dann sind Sie heute eine Astronautin auf irdischer Expedition.

Ein schönes Bild. Ich erinnere mich sehr gut, wie ich als Kind im Fernsehen die Mondlandung sah. Wie verwegen war es, einen solchen Traum zu haben, und wie grossartig muss es gewesen sein, ihn umzusetzen! Mich treibt Neugier an, Überzeugung und Umsetzungslust. Ich habe auch nach dem Überzeugungsprinzip studiert, obwohl mir alle sagten, von so etwas Brotlosem wie Kunstgeschichte und Dokumentarfilm werde ich nie leben können. Ich war überzeugt, dass das funktioniert. Mich hat noch nie der leichte Weg interessiert, sondern ich habe immer den Wirkungsort gesucht, wo die Energie am grössten ist.

Kontakt und Information: dorothea.strauss@mobiliar.ch oder www.mobiliar.ch/engagement

 

Dorothea Strauss: Senkrechtstarterin und Grenzgängerin

Dorothea Strauss leitet seit 2013 die Abteilung für Corporate Social Responsibility (Unternehmerisches und gesellschaftliches Engagement der Mobiliar). Die 56-Jährige ist direkt Mobiliar-Chef Markus Hongler unterstellt und führt ein 12-köpfiges Team. In ihr Zuständigkeitsgebiet fallen die Forschungsprojekte an Hochschulen (z. B. Klimafolgen-Lab Universität Bern), Präventionsprojekte im Hochwasserschutz, die Kunstsparte inklusive der 1200 Werke umfassenden hauseigenen Sammlung, Innovations-Workshops für KMU und Non-Profit-Organisationen auf dem Schlossberg Thun sowie Projekte zum Thema Nachhaltigkeit. Strauss studierte Kunstgeschichte und Dokumentarfilm, wurde bereits mit 27 Jahren Museumsdirektorin (Museum gegenstandsfreier Kunst, Otterndorf) und leitete später unter anderem die Kunsthalle St. Gallen sowie das Museum Haus Konstruktiv in Zürich. Von 2006 bis 2009 war sie Gründungsvorsitzende der städtischen Arbeitsgruppe für Kunst im öffentlichen Raum in Zürich.

Die 8. Ausstellung in der Reihe Kunst & Nachhaltigkeit auf der Mobiliar-Direktion in Bern ist dem Thema «digital, real – wie die Kunst zwischen Welten surft» gewidmet. Sie ist bis zum 16. März 2018 während der Büroöffnungszeiten geöffnet und frei zugänglich. (mmw)

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3 Kommentare zu “«Vielleicht ist unsere Arbeit eine Art Jahrhundertgrippe»”

  1. Peter Huber sagt:

    Na dann Danke! Wenn man sie mal gehört hat, weiss man, dass alles sehr kompliziert wird.

  2. Thomas Schneebeli sagt:

    Schön zu sehen das es einigen Unternehmen gut geht und Angestellte in der Chefetage sich Veloturen und Kunstsammlungen hingeben können.

  3. Eva Pliem sagt:

    Genau das fehlt uns. Das Einlassen auf Unbekanntes. Festsitzende, angeblich Sicherheitgebende Strukturen aufbrechen, neue Räume finden. Nicht zuletzt im Kunstbereich. Es wird eingeteilt, Numeriert, Schubladisiert… Weniger Vor-Urteile, weniger Arroganz, mehr Neugierde, mehr Offenheit würde vielen von uns gut tun.