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«Dass eine Vision Realität wird, ist mehr wert als jeder Bonus»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 16. September 2017
Martijn Jegerings hat von Bern aus die eigene Bekleidungslinie Open Wear lanciert.

Martijn Jegerings hat von Bern aus die eigene Bekleidungslinie Open Wear lanciert. Foto: Adrian Moser

Oft hilft der Zufall bei Firmengründungen: So kam der Holländer Martijn Jegerings dank einer Begegnung auf dem Segelschiff nach Bern. Hier gründete er mit einem Geschäftspartner aus Jakarta eine Firma mit dem Ziel, hochwertige Ski- und Snowboardausrüstung zu produzieren, die halb so viel kostet wie die etablierten Markenartikel.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Jegerings, wie kommt ein Holländer dazu, in Bern eine Firma zu gründen, die Outdoor-Kleider fürs Skifahren und Snowboarden produziert?

MARTIJN JEGERINGS: Ich hatte das Glück, dass meine Eltern stets ein bis zwei Wochen Skiferien pro Jahr einplanten. Später, als Teenager, baute ich das auf vier bis fünf Wochen pro Jahr aus, da war ich wirklich angefressen. Dann lernte ich meine heutige Freundin, eine Schweizerin, kennen – nicht in den Bergen, sondern auf dem Segelschiff zwischen Panama und Kolumbien. Ich traf sie wieder, als ich mit einem Kollegen nach Laax kam zum Skifahren, überredete sie schliesslich, ihr Masterstudium in Amsterdam zu absolvieren. Doch dann fand sie eine Stelle in Bern, wir lebten in einer Fernbeziehung, was ziemlich mühsam war, bis ich mich vor zwei Jahren entschloss, den Lebensmittelpunkt nach Bern zu verlegen.

Wie kamen Sie auf die Idee, sich hier selbständig zu machen?

Auch daran hatte meine Freundin ihren Anteil, oder besser: ihr Vater. Er nahm mich mit auf eine Skitour zum Piz Vilan. Ich war da schon ziemlich schnell im Runterfahren, aber beim Aufstieg litt ich mangels Training und Erfahrung fürchterlich. Ich erklärte das Desaster mit meiner ungenügenden Ausrüstung und suchte dann ein Sportfachgeschäft auf, um mir leichte und atmungsaktive Tourenbekleidung zu kaufen. Die Preise waren allerdings derart hoch, dass ich das Geschäft ohne neue Ausrüstung, aber mit einer Business-Idee verliess: Es müsste bei schlanker Organisation doch möglich sein, hochwertige Skijacken und -hosen halb so teuer anzubieten.

Welches Geschäftsmodell schwebte Ihnen vor?

Ich kannte die Branche, da ich mehrere Jahre für Protest Sportswear im Marketing tätig gewesen war. Ich wusste, dass der Zwischenhandel sehr viel Geld kostete – bei grossen Marken gibt es einen Generalimporteur, der die Ware dann an den Fachhandel weiterverkauft, und die haben alle berechtigterweise eine recht grosse Marge. Meine Idee war, eine kleine, ökologisch nachhaltige Kollektion zu gestalten, sie in Asien fair zu produzieren und von Bern aus direkt über den Webshop zu vertreiben.

Wie fanden Sie die nötigen Fachleute?

Ich fand über meinen früheren Arbeitgeber meinen heutigen Geschäftspartner Chris Westen, einen holländischen Snowboarder, der für O’Neill eine Geschäftsstelle in Hong Kong eröffnet und sich später dort in der Textilproduktion selbständig gemacht hatte. Chris war sehr motiviert, die Marke mit mir aufzubauen, und so wurden wir Geschäftspartner, ohne uns je anders als über Skype unterhalten zu haben.

Design und Produktion einer Bekleidungslinie kosten viel Geld – wie haben Sie gestartet?

Wir konzentrierten uns zu Beginn auf ein Produkt, eine hochwertige dreilagige Skijacke, und starteten eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter. Wir hofften, so 15’000 Franken einzunehmen, schliesslich wurden es über 50’000. 200 Jacken waren dadurch schon finanziert, wir bestellten weitere 100 auf eigene Kosten – und waren schon Anfang Dezember letzten Jahres ausverkauft! Wir starteten in diesem Jahr eine zweite Kickstarter-Kampagne. Diesmal hatten wir unser Finanzierungsziel schon nach 192 Minuten erreicht, insgesamt kamen 91’000 Franken zusammen. Wir bieten nun Hosen, Isolationsjacken und Ski- und Snowboard-Jacken für Männer und Frauen an, alle fair produziert aus rezyklierten PET-Flaschen.

Und wie soll es nun weitergehen? Irgendwann haben sich Freunde und Familienmitglieder und deren Freunde alle eingedeckt und dann wird es zum Nachteil, dass sie keine Läden haben.

Wenn eine Marke ein klares Profil hat und die Produkte überzeugen, kann man dauerhaft wachsen über eine starke Community. Wir haben das analysiert: 70 Prozent der Bestellungen kamen von Kunden, die uns weder direkt noch indirekt kannten – die waren offensichtlich überzeugt von unserem Ansatz und den Produkten. Wir erhielten Bestellungen aus 25 Ländern, darunter Japan, Mexiko und Bermuda, was uns zolltechnisch vor einige Probleme gestellt hat. Nun konzentrieren wir uns erst einmal auf die Schweiz, den deutschsprachigen EU-Raum sowie Skandinavien und Holland. Inzwischen können wir uns einen halben Lohn auszuzahlen. Aber klar, mittelfristig brauchen wir Investoren, um grössere Mengen zu produzieren.

Es ist doch ein Nachteil, keinen Laden zu haben – gegenüber den Kunden, aber auch für Sie persönlich. Sie sitzen allein in Bern, Ihr Lager ist in Süddeutschland, ihr Geschäftspartner in Jakarta.

Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Wir lernen viel aus den Kundenfeedbacks und können so die Fehlbestellungen auf ein Minimum reduzieren. Und es ist auch denkbar, dass wir später eine Kooperation mit dem Fachhandel eingehen, um physisch präsenter zu sein – allerdings nach anderen Spielregeln als den bisher etablierten. Das selbständige Arbeiten geniesse ich. Ich kann Ideen umsetzen und brauche dafür kein grünes Licht von Vorgesetzten, sondern nur regelmässige Absprachen per Skype mit meinem Geschäftspartner. Zudem zählen wir auch die Kunden zu unserem Team. Wir heissen nicht nur Open Wear, sondern wir sind auch komplett offen: Jedes Kleidungsstück erhält eine Nummer und ist rückverfolgbar, unser Preisaufbau ist transparent inklusive unserem Lohn, unsere neuen Produkte entstehen im Dialog mit der Community. Da bin ich besser vernetzt als manch ein Konzernangestellter in seinem Grossraumbüro.

Aber dem Lohn, den Sie in einem Konzern verdienen könnten, trauern Sie manchmal nach?

Manchmal führen mich Freunde in Versuchung und rechnen mir vor, was ich bei ihrem Arbeitgeber verdienen könnte ohne Nachtschicht und Unsicherheit. Es ist gut, diese Option im Hinterkopf zu haben, aber vermutlich täte ich mich schwer in solchen Strukturen. Ich habe schon während des Studiums eine erste eigene Firma gegründet und seither liebe ich es, in aller Unsicherheit etwas Neues zu schaffen. Wenn eine Vision Realität wird, gibt das mehr Befriedigung als jeder Bonus. Zudem ist Open Wear ein ausgezeichnetes Alibi, weiterhin viel Zeit in den Bergen zu verbringen – wir Gründer müssen unsere Produkte ja ausgiebig testen.

Kontakt und Information: martijn@open-wear.com oder www.open-wear.com

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2 Kommentare zu “«Dass eine Vision Realität wird, ist mehr wert als jeder Bonus»”

  1. Lori Ott sagt:

    “Fair produziert in Asien” – haha, ganz schlechter Witz. Wie wäre es mit fair produziert in der Schweiz, oder meinetwegen auch in Holland?

  2. Stefan Flück sagt:

    Schön von dir zu lesen, Martijn! Transparente Löhne sind übrigens auch bei uns ein Thema. Ein Austausch dazu wäre mal spannend. So läuft das bei uns: https://www.appentura.ch/startup-lohnsystem/

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