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Das süsse Geschäft der promovierten Philosophin

Mathias Morgenthaler am Samstag den 2. September 2017
Keine Angst vor grossen Aufgaben: Sonja Dänzer brachte Dissertation, Start-up und Mutterrolle unter einen Hut. Foto: Luis Laugga

Keine Angst vor grossen Aufgaben: Sonja Dänzer brachte Dissertation, Start-up und Mutterrolle unter einen Hut. Foto: Luis Laugga

Ideale Bedingungen zum Start in die Selbständigkeit waren es nicht: Als Sonja Dänzer vor vier Jahren die erste vegane Bio-Glace der Schweiz lancierte, schrieb die alleinerziehende Mutter noch an ihrer Doktorarbeit. «In Krisensituationen wird viel Kraft freigesetzt», sagt die 38-jährige Gründerin von «The Green Fairy». Sie will mit ihrer Firma mithelfen, ein ökologisches Problem zu lösen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Dänzer, Sie haben Philosophie studiert und eine Doktorarbeit über fairen Handel geschrieben. Wie wurden Sie von der Akademikerin zur Glaceproduzentin?

SONJA DÄNZER: Es mag seltsam klingen, dass man einen Doktortitel in Philosophie erwirbt und dann ein Start-up aufbaut, aber für mich war das eine logische Entwicklung. Ich hatte nie einen Karriereplan, sondern liess mich immer von der Frage leiten, was mich interessiert und wo ich etwas verändern kann. Naheliegender wäre gewesen, eine akademische Karriere zu verfolgen, denn ich liebe das Unterrichten, doch die akademische Welt bot für mich als Mensch und speziell als alleinerziehende Mutter keine guten Perspektiven. Man muss sich einer Hackordnung unterwerfen, bereit sein, den Lebensmittelpunkt zu verlegen – und hat auch dann nur minimale Chancen auf eine Professur. Meine Passion ist, in Freiheit Ideen umzusetzen, die etwas verändern, und sehr verschiedene Dinge zu tun.

Mit der Gründung der Firma «The Green Fairy», die vegane Bio-Glace herstellt, haben Sie es sich aber richtig schwer gemacht.

Mir war bewusst, dass es schwierig wird, weil es grosse Konkurrenz und viele Auflagen gibt im Lebensmittelgeschäft; zudem kann man Tiefkühlware nicht über einen eigenen Webshop oder mit dem Velo vertreiben, sondern ist auf den Zwischenhandel angewiesen, was die Marge schmälert. Es war in vielfacher Hinsicht ein idealistisches Projekt. Ich unterrichtete seit vielen Jahren zum Thema Umweltschutz, hielt Vorträge über fairen Handel an Konsumethik-Tagungen und schilderte die verheerenden Auswirkungen unserer Konsumgewohnheiten. Die Argumente dafür, den Konsum von tierischen Nahrungsmitteln drastisch zu verringern, sind sehr stark. Um nur zwei zu nennen: eine deutliche Reduktion der Klimagas-Emissionen und ein massiv geringerer Verbrauch an natürlichen Ressourcen wie Wasser, Land und Energie. Das ist den meisten Menschen zwar bewusst, dennoch sind nur wenige bereit, sich vermehrt vegan zu ernähren.

Und dann dachten Sie sich: Mit Glace sollte man die Menschen zu vernünftigem Verhalten verführen können?

Viele assoziieren eine stärker pflanzenbasierte Ernährung mit Verzicht und Genussfeindlichkeit. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass dies ein Vorurteil ist, denn vegane Gerichte können extrem genussvoll sein. Um dies für andere erlebbar zu machen, beschloss ich, ein Genussprodukt par excellence wie Glace ohne tierische Produkte herzustellen. Es sollte kein Eis für Veganer werden, sondern für alle eine geschmackvolle und nachhaltige Alternative zur weit verbreiteten Rahmglace, geeignet auch für die 20 Prozent der Bevölkerung, die laktoseintolerant sind oder kein Gluten vertragen.

Reis- oder Soja-Milch aus Übersee haben nicht zwingend eine bessere Ökobilanz als Rahm aus Schweizer Kuhmilch.

Wir verwenden Reis- und Sojaprodukte, die in Bioqualität in Italien angebaut werden. Ich höre oft diesen Einwand, dass wegen der Sojamilch der Regenwald in Brasilien gerodet werde. Die Realität ist: 80 Prozent des dort angebauten Sojas werden für Tierfutter verwendet.

Woher nahmen Sie den Mut, als Philosophin und alleinerziehende Mutter eines kleinen Kinds eine Glaceproduktion zu starten?

Ich bin als Tochter eines Filmemachers in einer Künstlerfamilie aufgewachsen und habe dort früh vermittelt bekommen, wie wichtig es ist, beseelt zu sein von dem, was man tut. Und dann machte ich die Erfahrung, wie viel Kraft in Krisenmomenten freigesetzt werden kann. Nach der Trennung, als ich alleine für meinen einjährigen Sohn verantwortlich war, war es sehr hart. Ich kämpfte, auch finanziell, und beobachtete an mir selber, wie ich ein wenig in eine Opferhaltung rutschte und dachte: «Wenn ich mehr Unterstützung und bessere Startbedingungen hätte, dann würde ich…» Dann kam ich mit einem Unternehmer zusammen, der mich sehr ermutigte, zu tun, wovon ich träumte. Wir diskutierten eines Abends, was wir tun würden, wenn wir eine Million gewonnen hätten. Ich sagte, ich würde das Meiste spenden und etwas für mich behalten; er entgegnete: Er würde alles in ein unternehmerisches Projekt investieren, das dauerhaft Gutes bewirkt. In diesem Moment wurde bei mir ein Schalter umgelegt. Ich habe ein «Social Business» gestartet, das genau dies tut. Mein Kernanliegen ist, zur Lösung eines ökologischen Problems beizutragen. Damit das über längere Zeit gelingt, muss sich die Sache selber finanzieren. Aber es geht nicht in erster Linie ums Geld verdienen.

Wie gelangen die ersten Schritte?

Ich erprobte privat in meiner Küche die ersten Rezepte, lud später Bekannte zu einem Glace-Fest ein und fand schliesslich eine Bio-Bäckerei, deren Glacemaschine nicht ausgelastet war und die bereit war, in ihrem Liefernetzwerk auch meine Glace anzubieten. Es dauerte keine 4 Monate, bis ich mein erstes Sortiment im Laden hatte, obwohl ich parallel dazu noch meine Doktorarbeit abschloss. Wenn eine Sache mich packt, dann kann ich rund um die Uhr arbeiten. Es gab ja auch unglaublich viel zu tun: Von der Homepage über das Branding, das Produktdesign, die Rezeptur, die Verpackung bis zur Wahl der Vertriebspartner, dem Kampf mit den endlosen rechtlichen Vorschriften und der Finanzierung. Zum Glück half meine Mutter bei der Betreuung meines Sohns. Die ersten euphorischen Kundenrückmeldungen gaben mir zusätzliche Energie. Und ich fand bald Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die meine Vision teilten und meine Schwächen in Bereichen wie der Buchhaltung kompensierten.

Wie oft haben Sie in den vier Jahren ans Aufgeben gedacht?

Immer wieder. Ich wusste von meinem damaligen Partner, dass man auf Krisen gefasst sein muss, aber ich hätte nie für möglich gehalten, was alles schief gehen kann. Als wir erstmals in Solothurn bei «Mister Cool» produzierten, sah nach kurzer Zeit der ganze Raum aus wie in einem Horrorfilm – einfach mit Schokolade statt Blut an der Wand. Unsere Schokoladestückchen hatten wegen des hohen Kakaoanteils einen anderen Schmelzpunkt als handelsübliche Schokolade, wodurch die Maschine verstopfte und die Düsen in alle Richtungen feuerten. Bei der zweiten Produktion lief scheinbar alles gut, wir informierten gerade Kunden wie Tibits, die Ware werde nun geliefert – und dann kam der Anruf aus der Produktion, eine Maschine sei defekt gewesen und die ganze Produktion müsse wegen Verdachts auf Metallteile in der Glace zurückgerufen werden. Zwei solche Erlebnisse innerhalb von zwei Wochen können dich schon zweifeln lassen.

Trotz diesen Rückschlägen ist die Marke «The Green Fairy» nach vier Jahren in über 100 Bio-Läden, aber auch in Tibits-Restaurants und Coop-Megastores erhältlich. Haben Sie das Schlimmste hinter sich?

Es ist ein schönes Gefühl, dass sich meine Idee, die erste vegane Bio-Glace in der Schweiz zu produzieren, hat realisieren lassen. Darin sind Unternehmertum und Kunst verwandt: man erschafft etwas, wo vorher nichts war. Mit den 6 Tonnen, die wir 2016 verkauft haben, sind wir zufrieden. Aber haben wir es geschafft? Nein, es ist alles sehr fragil. 2017 war ein schwieriges Jahr, weil wir stets mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen hatten. Bei grossen Marken im Regal zu stehen, ist gut fürs Image, aber schlecht für die Marge – zudem haben die grossen Schweizer Detailhändler nun unter eigener Marke veganes Eis lanciert. Ich könnte also auch sagen: Das Ziel ist erreicht, uns braucht es nicht mehr. Aber es gibt noch viel zu tun. So haben wir neben den sechs Sorten Becherglace auch zwei gesunde Eissorten für Kinder lanciert, die zu 80 Prozent aus Fruchtpüree bestehen. Und wir möchten noch vermehrt mit Restaurants in Schwimmbädern kooperieren. Zudem habe ich einige Anfragen aus dem Ausland, vor allem aus Paris, erhalten, so dass die Frage im Raum steht, ob wir dort eine Produktion oder Vertriebspartnerschaft aufbauen. Sicher ist, dass wir diesen Winter mehr vorproduzieren werden, um nicht permanent hinterherzurennen.

Und Sie selber können inzwischen davon leben?

Ich zahle mir 2500 Franken Lohn pro Monat aus. Das ist ok für mich, denn ich mache gerne verschiedene Sachen. Neben meiner Firma bin auch noch im Managementtraining engagiert. Ich hoffe, dass es nun etwas weniger akute Probleme geben wird und ich mich dadurch mehr um die Weiterentwicklung des Geschäfts und meine anderen Standbeine kümmern kann. Aber Murphy’s Law wird sicher weiterhin zuschlagen.

Kontakt und Information:

sonja.daenzer@thegreenfairy.ch

www.thegreenfairy.ch

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Ein Kommentar zu “Das süsse Geschäft der promovierten Philosophin”

  1. Schmid S. sagt:

    Warum Dextrose und Mais-Glukose als Inhaltsstoffe?

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