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«Am meisten lernen wir durch Fehler und Spielen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 12. August 2017
Bastiaan van Rooden tat seiner FIrma Gutes, indem er als Chef abdankte.

Bastiaan van Rooden tat seiner FIrma Gutes, indem er als Chef abdankte.

Wie werden wir in Zukunft arbeiten und welche Unternehmen sind dem Untergang geweiht? Bastiaan van Rooden, Gründer der Berner Produktdesign-Firma Nothing, wünscht sich mehr Verspieltheit und Fehlertoleranz bei der Arbeit. Und weniger Chefs, die ihre Mitarbeiter durch ihre Visionen und Strategien in der Entfaltung behindern.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr van Rooden, alle sprechen von Arbeit 4.0 und New Work – ändert sich wirklich gerade Grundlegendes in der Arbeitswelt oder sind das einfach neue Etiketten für bekannte Dinge?

BASTIAAN VAN ROODEN: Beides ist richtig: Es ändert sich Fundamentales und es gibt Trittbrettfahrer, welche die Verunsicherung ausnutzen, indem sie sich als Experten anpreisen. Dabei ist es unmöglich, Experte für die neue Arbeitswelt zu sein. Man kann diese Entwicklung weder planen noch steuern, sondern nur mitgestalten nach dem Prinzip Versuch-und-Irrtum. Lange Zeit begnügten sich Unternehmen damit, alle paar Jahre eine Reorganisation durchzuführen. Heute aber sind die fortschrittlichen Unternehmen in einer permanenten Reorganisation, die von der Basis angetrieben wird.

Die einzelnen Angestellten an der Basis geben den Takt der Reorganisationen vor?

In klassischen Unternehmen war es die Chefetage, die versuchte, die Zukunft zu antizipieren und eine passende Strategie durchzusetzen. Dieser hierarchische Ansatz ist zu träge. Relevant sind heute bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr die Visionen und grossen Würfe von Leaderfiguren, sondern dass jeder Einzelne sich als wichtiger Teil eines sinnvollen Ganzen einbringen kann. Vermeintliche Visionen wie die Verdoppelung der Belegschaft oder das Erreichen von 30 Prozent Wachstum sind rein quantitative Ziele, eine Vision sollte aber eine Qualität beschreiben. Wir dürfen nicht vergessen, dass Wachstum auch schädlich und zerstörerisch sein kann. Viele Firmen erreichen ihre Finanzziele, indem sie Probleme bewirtschaften statt sie zu lösen.

Was heisst das konkret?

Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob ein Pharmaunternehmen möglichst viele teure Medikamente verkaufen oder bestimmte Krankheiten aus der Welt schaffen will. Warum ist die Outdoor-Marke Patagonia erfolgreich? Die KundInnen wissen, wofür sie steht. Und die Firma selber ruft dazu auf, möglichst wenig von ihren Produkten zu kaufen, damit der ökologische Fussabdruck überschaubar bleibt.

Das ist doch einfach gutes Marketing. Und die Erwartung an Pharmaunternehmen, selbstlos Krankheiten aus der Welt zu schaffen, ohne an den eigenen Profit zu denken, ist ziemlich naiv.

Vielleicht ist es naiver zu glauben, die alten Modelle würden weiterhin funktionieren. Viele Branchen werden radikal verändert, heute sind Businessmodelle schnell schon wieder überholt. Erinnern wir uns, was in der Musikbranche passiert ist: Die etablierten Player wurden innert weniger Jahre von branchenfremden Konkurrenten mit überzeugenderem Angebot verdrängt. Gleiches widerfuhr der Hotellerie mit AirBnB oder dem Transportwesen durch Uber und selbstfahrende Fahrzeuge.. Auch andere Branchen stehen unter Druck. Ich hatte kürzlich einen Unfall und war erstaunt, wie schlecht das Gesundheitssystem arbeitet – es fehlt an Kundenorientierung und am Blick für das Gesamte. Das sind ideale Startbedingungen für bessere Gesundheitsdienstleister wie das holländische Unternehmen Buurtzorg.

Was machen die?

Sie stellen konsequent den Menschen ins Zentrum und nicht die eigenen bürokratischen Strukturen und Abläufe. Sie arbeiten trotz 10’000 Angestellten in dezentraler Selbstorganisation. Keine Einheit ist grösser als 12 Personen, gearbeitet wird nach dem Prinzip der Nachbarschaftshilfe, sprich mit ambulanten Pflegefachkräften, die sich ganz auf die Arbeit konzentrieren können, die sie gerne machen. Kleine Organisationen mit einem solchem Ansatz können den etablierten Branchengrössen sehr schnell das Wasser abgraben.

Aber wenn man Schulabgänger fragt, wo sie am liebsten arbeiten möchten, dann nennen diese meistens die grossen Konzerne und nicht irgendwelche Start-ups.

Wir sollten aufhören, unsere berufliche Entwicklung an bestimmte Ausbildungen oder Unternehmen zu ketten. Viele, die in grossen Unternehmen Karriere machen, zahlen dafür einen hohen Preis in Form von permanenten Machtkämpfen, Stresserkrankungen oder Sinnkrisen. In einer kleinen, flexiblen Organisation lässt sich viel besser entdecken, wie vielfältig die Arbeitswelt ist. Zudem können die Zukunft des Unternehmens und der eigene Beruf mitgestaltet werden. Es braucht deshalb für Wissensarbeiter kein exaktes Stellenprofil. Ein Talent kann immer etwas beitragen, wenn eine Firma offen dafür ist. Jeder Mensch bringt mehr mit als Fachwissen. Das Motto sollte sein: Wir wollen etwas verändern – wie machst du mit?

Sie können das Fachwissen doch nicht pauschal für überflüssig erklären – nicht nur die Ärztin und der Pilot, sondern auch viele andere Berufsleute brauchen jede Menge davon.

Das stimmt, aber gerade für Wissensarbeiter wie die Ärztin oder den Piloten wird es immer mehr matchentscheidend sein, wie gut sie sich mit künstlicher Intelligenz arrangieren und wie schnell sie dazulernen. Deshalb sagte der amerikanische Psychologe Herbert Gerjuoy: «Die Analphabeten des 21. Jahrhunderts werden nicht die sein, die nicht lesen und schreiben können, sondern jene, die nicht lernen, verlernen und neu lernen können.» Es geht im Kern nicht um Arbeit, sondern um Neugier, Lernen, Entwickeln, Verändern. Und damit auch um den Umgang mit Fehlern. Ein Problem der heutigen Arbeitswelt ist, dass diese Angst vor Fehlern regiert und Verantwortung deshalb an Hochspezialisierte delegiert wird. Niemand macht mehr Fehler als Kinder, und niemand lernt schneller als ein Kind. Ich lerne auch mit 42 Jahren durch Fehler und Spielen mehr als durch Erfolge.

Deshalb stellen Sie sich auf Ihrer Website als Weltraumkapitän Spot vor?

Ja, jeder bei uns hat einen Avatar. So machen wir den spielerischen Charakter deutlich und schaffen Raum für Fehlertoleranz. Unsere Daseinsberechtigung ist es, digitale Produkte zu schaffen, die für Menschen eine Bedeutung haben und einfach zu bedienen sind. Wir bewegen uns dabei an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine und tun schon deshalb gut daran, uns mit Robotern auseinanderzusetzen.

Sie haben in Bern Kunstvermittlung studiert und sich die Ausbildung mit Informatikdienstleistungen finanziert. Was haben Sie Wichtiges gelernt seit der Firmengründung?

Ich hatte schon immer eine Hierarchie-Aversion, das ist vermutlich meinen holländischen Genen zu verdanken. Doch im Ernst: Es fehlt die Nachhaltigkeit, wenn die Impulse zur Entwicklung zu sehr auf den Chef beschränkt sind. Wo jeder Mitarbeiter befähigt ist, kann jeder Verantwortung übernehmen. Der Übergang von hierarchischen Systemen zur netzwerkartigen Selbstorganisation ist ein Paradigmenwechsel, ähnlich folgenschwer wie die industrielle Revolution. Ich unterschrieb vergangenen November, dass ich Vieles nicht mehr entscheide und die Führung via unserer Verfassung auf das Team verteile.

Und wird uns in absehbarer Zeit die Arbeit ausgehen infolge der Digitalisierung?

Ich sehe es anders: Wir dürfen neu festlegen, was Arbeit ist. Ist es nicht ein Glücksfall, dass uns Maschinen und Algorithmen immer mehr repetitive Arbeit abnehmen? Das gibt uns die Freiheit, Vollzeitbeschäftigung zum Beispiel als 20-Stunden-Woche zu definieren. Die restliche Zeit können wir uns um unsere Kinder und andere Aufgaben der Gesellschaft kümmern. Es ist absurd, dass mein Arbeitskollege und ich die Wirtschaft nur dann fördern, wenn wir je das Kind des anderen betreuen würden statt unser eigenes. Ich befürworte angesichts der Umwälzungen infolge der Digitalisierung auch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Es würde uns erlauben, wesentlich produktiver, ausgeglichener – ja menschlicher zu leben.

Information und Kontakt:

spot@nothing.ch oder www.nothing.ch

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2 Kommentare zu “«Am meisten lernen wir durch Fehler und Spielen»”

  1. Maggie Tschumi, Shiatsu Praktikerin sagt:

    Mehr solche Beispiele, dass praktische Kreativität von Jedermann gefragt und. möglich sein kann.

  2. Angela B. Nussbaumer sagt:

    Der Mann spricht mir aus dem Herzen. Fakt ist leider, dass seine Erfahrungen und sein Wissen keinen interessieren, der am Hebel sitzt, damit er abkassieren kann. Wie die meisten der “Führungskräfte” und Entscheidungsträger.
    “S’Hämmli nöcher als de Tschoope”-Mentalität.

    Danke Herr Morgenthaler. Ich schätze Ihre Interviews sehr.Die sind immer lesenswert.

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