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«Die Evolution hat kein Interesse daran, dass wir älter werden als 25»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 22. Juli 2017
Werner Kieser verlor wegen eines Fehlers seinen Job und machte sich selbständig.

Werner Kieser verlor wegen eines Fehlers seinen Job und machte sich selbständig.

Werner Kieser hatte keinen Masterplan und keine betriebswirtschaftliche Ausbildung, als er vor 50 Jahren den Grundstein für Kieser Training legte. Was ihn vorantrieb, waren seine Neugier und seine Enttäuschungen. «Ich verdanke das Meiste meinen Fehlern», sagt der 77-Jährige, der als Kind Schwingerkönig werden wollte.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Kieser, 50 Jahre nach der Gründung haben Sie Kieser Training auf Anfang Jahr verkauft. Wie schwer fällt das Loslassen?

WERNER KIESER: Im dritten Anlauf fällt es etwas leichter als beim ersten Versuch. Es ist nicht einfach, das eigene Lebenswerk in fremde Hände zu geben. Deshalb war schon die Suche nach einem Geschäftsführer schwierig. Zwei sind gekommen und mussten wieder gehen. Michael Antonopoulos, der per Anfang Jahr Miteigentümer wurde, kennt die Gruppe seit zwölf Jahren. Er war Finanzchef und sprang vor sieben Jahren ein, als der CEO gehen musste. Aus dem Provisorium wurde eine dauerhafte Lösung. Er kennt und versteht das Produkt und weiss, dass das Erfolgsgeheimnis von Kieser darin besteht, viele unsinnige Trends nicht mitzumachen. Wir können hier keine Akademiker brauchen, die sich mit den neusten Management-Marotten verwirklichen wollen.

Sie hatten Tischler gelernt und als Eisenleger auf dem Bau gearbeitet, bevor Sie 1966 das erste Studio eröffneten. Hätten Sie sich nicht eine solide betriebswirtschaftliche Ausbildung gewünscht?

Nein, ich habe aus meinen Fehlern gelernt – das ist die beste Ausbildung überhaupt. Eigentlich habe ich fast nur Fehler gemacht, aber da ich mutig und neugierig war, haben mich diese Fehler weitergebracht. Machen wir uns doch nichts vor: Die meisten Entscheidungen in Unternehmen sind zufällig richtig oder zufällig falsch. Ich weiss bis heute nicht genau, warum ich Erfolg hatte. Aber ich bin mir bewusst, wie viel ich meinen Fehlern verdanke. Gewissheit gibt es nur im Scheitern, das hat schon Karl Popper erkannt.

Wie sind Sie gescheitert?

Der junge Werner Kieser beim Boxen.

Der junge Werner Kieser beim Boxen.

Permanent über 70 Jahre lang. Das begann damit, dass ich zu klein und zu schmächtig war, um Schwingerkönig zu werden, wie ich mir das als kleiner Bub im Aargauischen Bergdietikon erträumt hatte. Mein Turnlehrer schickte mich deshalb zu den Boxern, weil dort in Gewichtsklassen gekämpft wurde. Für mich war das ein Dämpfer, aber schliesslich fand ich, Boxweltmeister zu werden, sei auch kein schlechtes Ziel. Dann zog ich mir vor den Schweizer Meisterschaften im Training eine Rippenfellquetschung zu. Der Arzt verschrieb mir Schonung für ein halbes Jahr. Ramon, ein spanischer Boxkollege, protestierte und sagte mir, ich solle anfangen, mit Gewichten zu trainieren. Meine Verletzung heilte extrem schnell. Heute wissen wir, dass Krafttraining die anabolen Prozesse, also die Wachstums- und Heilungsprozesse, beschleunigt. Damals, Ende der Fünfzigerjahre, gab es kaum Literatur zu diesem Thema und selbst im Magglingen sagte man mir, Krafttraining sei kein Thema. Die meisten Trainer stellten sich auf den Standpunkt, Krafttraining mache langsam.

So wurden Sie zum Autodidakten?

Ja, ich suchte Literatur zum Thema und fand in Berlin Übersetzungen von russischen Arbeiten. Und ich studierte die Geschichte von Max Unger, der unter dem Pseudonym Lionel Strongfort um 1900 als stärkster Mann der Welt galt. Er konnte mit einem Arm eine 150-Kilo-Hantel hochheben und liess ein zwei Tonnen schweres Auto über seinen Körper fahren. Weil es damals keine Studios fürs Krafttraining gab, kaufte ich bei einem Alteisenhändler 4 Tonnen Stahl für 40 Rappen das Kilo und baute mir mit dem Elektroschweissgerät die ersten Maschinen. Dass ich wenig später ein erstes eigenes Studio im Kreis 4 von Zürich eröffnete, hatte ich einem weiteren Flop zu verdanken. Ich verdiente in dieser Zeit meinen Lebensunterhalt als Verkäufer in einem Waffengeschäft. Von Waffen hatte ich keine Ahnung, aber ich lernte rasch das Verkäuferhandwerk. Bis mir eines Tages der Fehler unterlief, dem spanischen König seine Jagdmunition per Nachnahme zu schicken. Das kostete mich den Job und führte dazu, dass ich ganz auf die Karte Krafttraining setzte.

Sie schreiben etwas verklärend im Rückblick, das Jahr 1967 habe der Welt das Farbfernsehen und das Krafttraining nach der Kieser-Methode gebracht. Dabei ging es zu Beginn nur schleppend voran.

Ja, das ist so. Ich weiss bis heute nicht, warum der Wind plötzlich drehte und alle Leute fit werden wollten. Vielleicht lag es an der Berichterstattung über die Mondlandung und das Training der Astronauten. Jedenfalls kamen plötzlich so viele Kunden, dass ich mit dem Rücken zur Wand stand. 1972 eröffnete der John Valentine Fitness Club in Zürich, mit Sprudelbad, Sauna und Solarium. Da sah ich mit meiner Alteisenbude ziemlich alt aus, also boten wir all den Schnickschnack auch an – mit dem Effekt, dass die Kunden mehrheitlich herumlagen und kaum noch trainierten. Da entschied ich mich, all die Wellness-Sachen wieder rauszuwerfen. Das kostete mich einen Drittel der Kundenbasis, aber mir war es bedeutend wohler so. Es dauerte ziemlich lange, bis dieser puritanische Ansatz mehrheitsfähig wurde. Die ersten 10 Jahre habe ich eher fürs Geschäft gelebt als vom Geschäft.

Und dann wurde der nüchterne, auf Gesundheit ausgerichtete Ansatz plötzlich zum Selbstläufer?

Die Fitnessbranche erfindet sich permanent neu und propagiert halbjährlich irgendwelche Trends. Die Gesetze der Physiologie und der Biomechanik sind aber sehr stabil. Da braucht es eine philosophische Haltung, die aufrichtig ist und sich auf die Essenz besinnt. Bei Kieser steht die Idee im Zentrum, das Geschäft ist immer nur ein Vehikel dieser Idee, kein Selbstzweck. Bildhaft gesprochen: Wir sind die Astronomen in einem Heer von Astrologen. Kieser hat früh eine eigene Forschungsabteilung betrieben, um den eigenen Ansatz zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Wir konzentrierten uns strikt auf den Gesundheitsaspekt und sprechen die Kunden an, die bereit sind, zwei Mal pro Woche eine halbe Stunde lang in aller Nüchternheit etwas für ihr Wohlbefinden zu tun, im Klartext: kurz, aber intensiv zu trainieren. Realistisch betrachtet hat die Evolution kein Interesse daran, dass wir älter werden als 25, das ist unser Ablaufdatum. Danach sind wir aus genetischer Sicht überflüssig. Also müssen wir etwas tun, damit die Muskeln nicht schwinden und die Knochen sich nicht auflösen.

Teil 2 des Interviews erscheint in einer Woche an dieser Stelle.

Kontakt und Information: www.kieser-training.ch

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