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«Kurz vor einer Aufführung schreit alles in mir nach Flucht»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 25. Februar 2017
Schauspielerin Doris Schefer liebt ihren Beruf trotz schwieriger Arbeitsbedingungen.

Schauspielerin Doris Schefer liebt ihren Beruf trotz schwieriger Arbeitsbedingungen.

Vom Rampenlicht auf der Bühne hat Doris Schefer in jungen Jahren nicht geträumt, doch ihr Interesse für die grossen Fragen des Lebens brachte sie zum Theater und später zum Film. So überwindet die 38-jährige Schauspielerin stets von Neuem ihre Schüchternheit, um durch die Verkörperung einer Figur ihr Publikum zu bewegen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Schefer, warum sind Sie Schauspielerin geworden?

DORIS SCHEFER: Es begann damit, dass ich gegen Ende der Sekundarschule unbedingt in der Theatergruppe der Kantonsschule mitspielen wollte. Anfänglich ging es mir gar nicht so sehr um die Bühne, sondern um die interessanten Leute. Alle, die anderes im Kopf hatten als Schulnoten, Disco und Sport, trafen sich in der Theatergruppe und machten sich Gedanken über den Menschen, die Gesellschaft, über Beziehungen. So nahm ich, obwohl ich als Kind sehr schüchtern war, allen Mut zusammen und fragte, begleitet von zwei Schulfreundinnen, den Deutschlehrer an, ob wir dort mitmachen dürften.

Und im Rückblick war das eine Entscheidung fürs Leben.

Ja, möglicherweise schon. Ich brauchte aber relativ lange um zu begreifen, dass Schauspiel ein Beruf ist. Mein erster Berufswunsch war Wolfsforscherin, was die Berufsberaterin mit Blick fürs Machbare in Richtung Hundecoiffeuse hin abwandelte. In der Folge mied ich Berufsberatungen, erwog vorübergehend ein Psychologie- oder Jura-Studium und fand schliesslich heraus, dass man auch hauptberuflich Theater spielen konnte, wenn man mutig war und Glück hatte.

Eltern verwerfen normalerweise die Hände, wenn ein Mädchen sagt, es wolle Schauspielerin werden.

Damit hatte ich auch gerechnet, jedenfalls bei meinem Vater. Wir hatten zeitweise eine recht schwierige Beziehung mit vielen Reibungsflächen. Er war als Bauführer tätig und hatte wenig Bezug zu Literatur und Theater. Umso erstaunter war ich, dass er mich meinen Weg suchen liess und mir später nach einer Aufführung sogar einen Brief schrieb, er habe nun erlebt, wie sehr ich in meinem Element sei bei dem, was ich tue. Auch meine Mutter schenkte mir viel Vertrauen, wir hatten einzig den Deal, dass ich mir etwas Neues suchen würde, wenn es nach zwei Jahren noch nicht geklappt hätte mit der Aufnahme an einer Schauspielschule.

Und dann ging alles leichter als gedacht.

Ja. Mir war klar, dass ich raus wollte aus der Schweiz, um akzentfreies Deutsch zu lernen, aber auch um den Horizont zu erweitern – im Appenzell ist der nächste Hügel ja nie weit. Und dann klappte es in Rostock gleich im ersten Anlauf und ich erhielt einen der elf begehrten Studienplätze, um die sich in meinem Jahrgang 1000 Kandidaten beworben hatten.

Wie erlebten Sie die Ausbildung?

Es begann extrem intensiv mit einem zweiwöchigen Kurs zur Ensemblebildung, im dem wir ganz auf uns selber und die Gruppe zurückgeworfen waren und keinen Kontakt zur Aussenwelt unterhalten durften. In dieser Zeit lernt man viele verborgene Winkel seiner Seelen kennen, und das ist nicht immer leicht. Aber ich habe es nie so empfunden, dass wir als Persönlichkeit gebrochen worden wären, um danach besser formbar zu sein, wie man das manchmal hört. Es war eine sehr strenge Schule, von der wir menschlich und handwerklich enorm profitiert haben. Schwierig ist, dass man im Prinzip Elefantenhaut benötigen würde und gleichzeitig sehr durchlässig sein sollte. Aber man lernt sehr viel über sich in der Auseinandersetzung mit den Figuren, die man verkörpert.

Nach der Ausbildung klappte es gleich mit einer Festanstellung am Theater in Lübeck.

Ja, da hatte ich nochmals Glück, aber da lernte ich auch die Schattenseiten des Berufs kennen. Ich durfte wunderbare Rollen spielen, aber der Spielplan wurde von Jahr zu Jahr umfassender, das Ensemble kleiner, ökonomische Überlegungen wurden stärker gewichtet als die Kunst. Ich lebte nur noch in der Theaterwelt, erfuhr jeweils am Nachmittag, was am nächsten Tag auf dem Programm stand. So wurde ich allmählich leer im Kopf. Ich stellte auf der Bühne zwar das intensive Leben dar, hatte selber aber keine Zeit mehr für Reflexion, Vertiefung, Kontakte mit Nicht-Theater-Leuten. So kündigte ich 2008 nach 5 Jahren diese Festanstellung und hörte von allen Seiten, das sei unverantwortlich und ich werde es bereuen. Mir war klar, dass es ein Wagnis war, aber ich wollte mir meinen Beruf nicht kaputt machen lassen.

In dieser Zeit haben Sie das Medium Film entdeckt.

Das war wirklich eine Entdeckung für mich. In unserer klassischen Theater-Ausbildung war der Film kein Thema. Während der Dreharbeiten zum Film «Tag am Meer», dem Erstling des Schweizer Drehbuchautors und Regisseurs Moritz Gerber, wurde mir bewusst, wie direkt und ehrlich dieses Medium ist. Während man die Dinge im Theater überhöht darstellen muss, damit die Emotionen auch in der 17. Reihe ankommen, erfasst die Filmkamera jede kleine Bewegung in deinem Gesicht.

Sie spielten später auch unter der Regie von Sabine Boss im Schweizer Film «Der Verdacht» und kürzlich im Krimi «Der Bestatter». Wie gut lässt es sich leben als Freie Schauspielerin?

Ich empfand es als Befreiung, nicht mehr täglich in einem Theaterensemble auf der Bühne stehen zu müssen, aber ich bezahlte einen hohen Preis für diese Freiheit. Die letzten Jahre lebte ich in Berlin – nicht nur, weil das eine tolle Stadt ist, sondern auch, weil man dort mit 800 bis 1000 Euro pro Monat über die Runden kommen kann. Der Markt für Schauspieler ist brutal in Deutschland. Es gibt für jede Rolle Dutzende, oft Hunderte von Kandidaten und kaum Kulturförderung in der freien Szene, also spielen die meisten fast umsonst oder komplett gratis in der Hoffnung auf den baldigen Durchbruch oder einfach aus Liebe zu ihrem Beruf. Zudem bekommst du mit über dreissig meistens keine Chance mehr im Film, wenn du dir bis dann keinen Namen gemacht hast.

Sie werden im nächsten Jahr 40 und sind seit einem Jahr Mutter einer Tochter. Können Sie sich den Beruf überhaupt noch leisten?

Dank der Unterrichtstätigkeit und der tiefen Lebenskosten in Berlin geht die Rechnung knapp auf. Mein Partner lebt und arbeitet als Schauspieler und Drehbuchautor in Zürich, das gibt mir einen zusätzlichen Rückhalt. Rein ökonomisch betrachtet müsste ich mir einen anderen Beruf oder wenigstens ein zweites Standbein suchen. Aber ich liebe diesen Beruf und möchte ihm noch viel mehr meiner Zeit widmen. Es gibt noch so viele Frauengeschichten, die ich gerne erzählen würde, so viele Figuren zu verkörpern, um ein Publikum zu bewegen. So sage ich mir: Lieber mit weniger Geld auskommen und viel erleben, als sich finanziell absichern und an emotionaler Unterernährung leiden.

Ist Ihnen die Schauspielerei auch deshalb wo wichtig, weil Sie Ihnen ermöglicht, Ihre Schüchternheit zu überwinden?

Von meinem Naturell her bin ich tatsächlich eher der «Lonely Wulf» – daher vielleicht der frühe Berufswunsch Wolfsforscherin. Der Beruf der Schauspielerin fordert mich immer wieder dazu auf, mich zu exponieren und meiner Angst zu stellen. Kurz vor Beginn einer Aufführung oder eines Drehs schreit alles in mir nach Flucht, doch wenn ich mich dann überwunden habe und dort stehe trotz aller Verletzlichkeit, spüre ich eine enorme Intensität und Kraft.

Information und Kontakt:
doris.schefer@gmx.de

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