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«Ich finde es wunderbar, dass der Zufall hier mitreden darf»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 12. November 2016
Regula Tanner, Gastgeberin im Büchercafé «Das Leseglück». Foto: David Schweizer

Regula Tanner, Gastgeberin im Büchercafé «Das Leseglück». Foto: David Schweizer

In der Schulzeit träumte Regula Tanner davon, Schriftstellerin zu werden. Ihr Traum hat sich bis heute nicht erfüllt, ohne Folgen blieb er aber nicht. Über das journalistische Schreiben fand die gelernte Kindergärtnerin zu ihrer heutigen Passion. Im Büchercafé «Das Leseglück» bietet sie nicht nur literarische Entdeckungen an, sondern auch Kaffee, Kuchen und Kurse in kreativem Schreiben.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Tanner, Sie führen seit 2 Jahren ein eigenes Büchercafé und amten dort als Buchhändlerin, Schreibcoach, Kuchenbäckerin und Gastgeberin. Hat sich damit ein lange gehegter Traum erfüllt für Sie?

REGULA TANNER: In meiner Jugend gab es ein Bild, das mich berauschte und beseelte: Ich sah mich als Schriftstellerin in einem Haus in Italien sitzen und an einem Roman schreiben. Schon vor dem Schuleintritt brachte ich mir Lesen und Schreiben bei. Später erfand ich eigene Geschichten und schrieb mit einer Kollegin im Wechsel an einem Fortsetzungskrimi mit Figuren aus unserer Schule. Ich hatte enormen Spass am Schreiben, aber keine Ahnung, wie ich daraus einen Beruf machen könnte. So tröstete ich mich damit, dass das etwas für später sei.

Sie besuchten nach der Schule das Seminar und wurden Kindergärtnerin. Trat das Schreiben dabei in den Hintergrund?

Nein. Ich mochte meine Arbeit sehr, aber richtig in meinem Element war ich, wenn ich schreiben konnte. Ich verfasste Theaterstücke für den Kindergarten und merkte beim Schreiben der Elternbriefe, wie ich mich beherrschen musste, nicht zu ausschweifend zu berichten. Nach einigen Jahren im Beruf beschloss ich, es sei nun an der Zeit, meiner Passion zu folgen. Ich nahm ein Jahr Urlaub und stieg bei der «Berner Zeitung» in den Lokaljournalismus ein. Der Anfang war ernüchternd unspektakulär. Eine erste Gemeindeversammlung in Kiesen dauerte vier Stunden und musste in 20 Zeilen abgehandelt sein. Nach und nach tastete ich mich an anspruchsvollere Formen heran, durfte grössere Portraits und Reportagen schreiben und kam meinem Traum vom literarischen Schreiben immer näher.

Aber ganz getraut haben Sie der Sache nicht?

Ich hatte nicht den Mut und nicht die Energie, ganz auf diese Karte zu setzen. Das hing auch mit der Geburt unseres Sohnes zusammen, da haben sich die Prioritäten verschoben; fünf Jahre später kam unsere Tochter zur Welt. Der freie Journalismus liess sich gut mit der Mutterrolle vereinbaren. Anfang 2010 nahm eine Idee Gestalt an, die schon einige Zeit in meinem Kopf herumgegeistert hatte. Ich sollte ein Portrait schreiben über den Gastronomen Oskar Marti, besser bekannt als «Chrüter-Oski», der sein vielfach ausgezeichnetes Restaurant Moospinte aufgab, um fortan Wirte bei der Optimierung ihres Angebots zu beraten. Um das Gespräch nicht im Ungefähren zu belassen, fragte ich ihn, was er mir raten würde, wenn ich unter dem Namen «Lesen & Schreiben» ein Café eröffnen möchte. Nach dem Gespräch war ich so beseelt von der Idee, dass ich sogleich recherchierte, wie ich mir rasch das Buchhändler-Handwerk aneignen konnte.

Sie nahmen die Ausbildung für Quereinsteiger sogleich in Angriff und machten das eigene Büchercafé zum Thema Ihrer Abschlussarbeit. Es dauerte aber weitere drei Jahre, bis Sie das «Leseglück» eröffneten.

Meine Kinder brauchten mich damals noch stärker als heute. Und ich brauchte Zeit für den Schritt von der Theorie in die Praxis. Ich begann mit einem mobilen Büchercafé, veranstaltete Leseabende in Restaurants und Hotels. Und ich wurde an einem selber organisierten Bücherflohmarkt derart mit Büchern überhäuft, dass ich danach wusste: Ich werde in meinem Büchercafé Second-Hand-Bücher anbieten. Die Kunden sollen ihre gelesenen Bücher mit gutem Gefühl bei mir abgeben statt fortwerfen, und sie sollen am gleichen Ort Neues entdecken und günstig kaufen können. Ich hatte ein klares Konzept, aber noch nicht den Mut, es in die Tat umzusetzen.

Was gab den Ausschlag, dass Sie es dann doch wagten?

Es kamen zwei Dinge zusammen. 2013 hatte ich eine Festanstellung angenommen, war Redaktorin des neuen Tamedia-Titels «Natura» geworden. Das aufwendig lancierte Magazin wurde wenig später, noch vor dem Druck der zweiten Ausgabe, wieder eingestellt. In der gleichen Zeit verstarb überraschend meine Mutter. Als ich sie am Totenbett besuchte, dachte ich: «Eines Tages liegst auch du so da und hast vor lauter Angst und Pflichtgefühl deine Träume nicht realisiert.» Ich entschloss mich, es zumindest zu versuchen, die Pläne nicht länger hinauszuschieben.

Seit zwei Jahren betreiben Sie nun Ihr eigenes Büchercafé in Steffisburg bei Thun. Hat sich die Befürchtung, Sie könnten mit einem solchen Angebot «in der Provinz» einen schweren Stand haben, bewahrheitet?

Glücklicherweise nicht. Das «Leseglück» ist nicht nur in Steffisburg und Thun gut aufgenommen worden, es kommen auch regelmässig neugierige Gäste aus Bern, Basel oder Zürich. Für mich ist es beglückend, hier etwas Eigenes ganz nach meinen Vorstellungen gestalten zu können. Die beiden Hauptpfeiler sind Bücher und Kaffee mit selbst gebackenem Kuchen. Das Angebot hat sich in den zwei Jahren aber stark erweitert. Ich veranstalte Lesungen, gebe Schreibkurse, publiziere Buchtipps, führe ein Sortiment an Accessoires mit Bezug zum Buch und veranstalte seit letztem Jahr sogar literarische Reisen in Zusammenarbeit mit der Thuner Verkehrsbetriebe STI AG. Manche Dinge entwickeln sich ganz anders als die Leute voraussagen. Viele sagten mir, einen Kurs für kreatives Schreiben werde niemand besuchen in Steffisburg. Ich versuchte es trotzdem und erhielt so viele Anmeldungen, dass ich gleich 6 Kurse durchführen konnte.

Was für literarische Reisen organisieren Sie?

Letztes Jahr reisten wir ins Allgäu und begaben uns auf die Spuren der Alpenkrimis. Nun waren wir Ende letzter Woche in Freiburg im Breisgau und in der Pfalz, besuchten die wunderbare Buchhandlung zum Wetzstein und eine exklusive Lesung der bekannten deutschen Krimiautorin Ingrid Noll. Unser Reisecar war mit 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern praktisch bis auf den letzten Platz gefüllt. Unterwegs las ich aus verschiedenen Büchern vor, die zum Reisethema passten.

Da Sie im «Leseglück» auf Second-Hand-Bücher setzen, haben Sie kein fixes Sortiment und sind davon abhängig, welche Bücher die Leute vorbeibringen. Ist das kein Nachteil?

Wer ein ganz bestimmtes Buch sucht oder automatische Vorschläge erhalten möchte, die sich an seinen Präferenzen orientieren, wird in Buchhandlungen und in Online-Shops fündig. Ich finde es wunderbar, dass bei mir der Zufall ein Wörtchen mitreden darf. Meine Botschaft an die Kunden lautet: «Du findest hier nicht jedes Buch, aber die richtigen Bücher finden dich.» Ein 80-jähriger Mann hatte vor einiger Zeit sogar ein ganz spezielles Glückserlebnis. Er fand in meinen Regalen seinen eigenen Gedichtband von Pablo Neruda wieder, den er vor langer Zeit jemandem ausgeliehen und dann nicht wieder zurückbekommen hatte. Im Übrigen kommen die Menschen nicht nur wegen der Bücher ins Leseglück. Viele schätzen es, dass sie hier verweilen und mit anderen ins Gespräch kommen können. So gesehen ist das «Leseglück» auch ein kleiner Beitrag gegen die Einsamkeit, die gerade ältere Menschen so oft heimsucht.

Und Ihr Traum vom Haus im Süden und vom literarischen Schreiben, lebt der weiter?

Ja, das Bild aus meiner frühen Jugend ist noch immer lebendig. Vielleicht wage ich mich tatsächlich eines Tages noch an einen Roman. Im Moment bin ich aber glücklich in meinem kleinen Reich hier. Und in diesem Zusammenhang begleitet mich seit einiger Zeit ein anderes Bild: Ich würde gerne einen alten VW-Bus zum «Leseglück»-Bus umfunktionieren und Bücher dorthin bringen, wo Menschen wenig zu lesen und keine Angebote in der Nähe haben.

Kontakt und Information:

www.das-leseglueck.ch oder info@das-leseglueck.ch

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