Beruf + Berufung ist umgezogen. Neu finden Sie die wöchentlich erscheinenden Interviews hier. Viel Lesevergnügen!
Logo

«Ich sehe die Stärken und störe mich nicht an den Defiziten»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 24. September 2016
Joel Keller, Recycling-Unternehmer mit sozialer Mission.

Joel Keller, Recycling-Unternehmer mit sozialer Mission.

Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen finden oft keine Stelle – viele potenzielle Arbeitgeber scheuen den Mehraufwand. Nicht so die Keller Recycling AG in Hinwil (ZH), wo 8 von 32 Angestellten ein Handicap aufweisen. Der 33-jährige Patron Joel Keller sagt, die ganze Belegschaft profitiere von der Durchmischung. Er findet, jede Firma sollte «jemanden einstellen, der es sonst schwer hat».

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Keller, Sie führen ein Unternehmen mit 32 Angestellten – 8 davon haben eine körperliche oder psychische Beeinträchtigung. Hatten Sie schon immer ein Herz für Benachteiligte?

JOEL KELLER: Vermutlich liegt das bei uns in den Genen. Mein Grossvater, der Firmengründer, machte den Anfang. Er ermunterte einen Jungen mit Down-Syndrom, den sonst alle im Dorf links liegen liessen, beim Kehrichttransport mit anzupacken. So gab er ihm eine Aufgabe und eine Funktion in der Gesellschaft. Mein Vater setzte die Tradition fort. Er brachte immer wieder sozial Benachteiligte an unseren Mittagstisch oder gab ihnen einen Aushilfejob. Ich merkte schon in der Schulzeit, dass ich es schlecht ertrug, wenn jemand ausgegrenzt wurde. Wenn einer allein auf dem Pausenplatz stand, ging ich zu ihm und redete mit ihm.

Sie wären vermutlich Sozialarbeiter geworden, wenn Sie nicht in einer Unternehmerfamilie zur Welt gekommen wären.

Es war überhaupt nicht klar, dass ich ins elterliche Unternehmen einsteige. Ich sah bei meinem Vater, was es heisst, eine solche Firma zu führen, wie viel er arbeitete und wie oft er unterwegs war. Also sagte ich ihm, er solle nicht mit mir rechnen. Ich absolvierte eine Detailhandellehre in einem Sportgeschäft, studierte dann in Basel Energie- und Umwelttechnik und arbeitete schliesslich bei meinem Cousin in einer Handelsfirma. Als dann die Abfallentsorgungsaufträge im Submissionsverfahren neu ausgeschrieben wurden, merkte ich, stiess mein Vater als Handwerker an seine Grenzen. Ich griff ihm ein wenig unter die Arme und übernahm schliesslich die Geschäftsleitung.

Die Firma ist in den letzten Jahren stark gewachsen, der Personalbestand stieg von 6 auf 32 Mitarbeiter. Was haben Sie besser gemacht?

(Lacht) Mein Bruder und ich haben die Telefonanrufe entgegengenommen, die vorher ins Leere geklingelt haben. Die ganze Wertstoffentsorgung und –aufbereitung ist ein Wachstumsmarkt. Früher verarbeiteten wir, was die Leute vorbeibrachten, heute gehen wir aktiv auf die Privat- und Gewerbekunden zu. Durch das schnelle Wachstum brauchten wir mehr Personal, und mir wurde rasch klar, dass sich die Handarbeit, die bei uns anfällt, gut eignet für die Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen in den Arbeitsmarkt. Wir haben zum Beispiel Aluminium- und Blechdosen lange Zeit nicht getrennt. Wenn das nun ein Mitarbeiter mit Autismus-Erkrankung bei uns macht, erzielen wir einen besseren Abnahmepreis und können so seinen Lohn finanzieren.

Viele Arbeitgeber würden jemanden, der vor Jahren ein Burnout hatte, nicht einstellen aus Angst vor Komplikationen. Sie beschäftigen Mitarbeiter mit kognitiven Beeinträchtigungen sowie Autismus-, Asperger-, Borderline- und Down-Syndrom-Diagnosen. Macht das den Arbeitsalltag nicht enorm kompliziert?

Es ist sicherlich ein Zusatzaufwand in der Führung. Aber für mich überwiegt das Positive. All diese Mitarbeiter haben Stärken, und sie sind enorm dankbar, wenn sie diese im Arbeitsmarkt einsetzen können. Das Gefühl, nur geduldet und nicht gebraucht zu werden, nagt enorm am Selbstwertgefühl, treibt viele in die Depression oder Alkoholabhängigkeit. Ich bin in jedem Fall pragmatisch vorgegangen, wenn mich Stiftungen oder Vereine angefragt haben, ob ich für jemanden eine Stelle habe. Ich sagte: «Kommt vorbei, wir schauen es uns zusammen an, probieren es einen Tag oder eine Woche und schauen dann weiter.» In acht von zehn Fällen gelang so die Integration, durch gegenseitiges Kennenlernen und Klären der Erwartungen. Davon profitieren übrigens alle. Bei uns muss kein Mitarbeiter einen Kurs für Sozialkompetenz besuchen. Wir lernen im Alltag, worauf es ankommt in gemischten Teams.

Was haben Sie als Chef konkret gelernt?

Klarer zu kommunizieren. Wenn ich einem so genannt normalen Mitarbeiter einen unverständlichen Auftrag gebe, geht der raus, denkt sich seine Sache und macht, was ihm richtig erscheint. Der Autist mit Asperger bleibt einfach sitzen. Er will glasklare Ansagen und regelmässiges Feedback, sonst rührt er sich nicht oder kommt eines Tages nicht mehr zur Arbeit. Das ist alles sehr ungefiltert und direkt und davon kann ich nur profitieren.

Raubt es nicht auch viel Zeit?

Doch, es bedeutet Mehraufwand, ohne Frage. Einmal, als ich mit dem Tagesgeschäft stark im Rückstand war, kam ich extra morgens um 4 Uhr in den Betrieb, um in Ruhe arbeiten zu können. Um 5 Uhr stand der autistische Mitarbeiter im Büro, ziemlich aufgelöst, weil ihn sein Chef am Vortag etwas brüsk kritisiert hatte. Es brauchte dann ein mehrstündiges Gespräch, um ihn zu beruhigen. Zum Glück kann ich da auf die Unterstützung von Job-Coaches der IV-Stelle zählen. Auch beim Lohn teilen wir uns in die Verantwortung. Einen Teil steuern wir als Arbeitgeber bei, einen Teil trägt die IV. Verstehen Sie mich richtig, ich will die Situation nicht verklären, ich will nur sagen: Wenn wir mit 32 Angestellten 8 Mitarbeiter mit Beeinträchtigungen beschäftigen können, sollte jedes KMU mindestens einen solchen Arbeitsplatz schaffen können.

Warum tun es andere Firmen nicht?

Das Argument ist meistens, dass das in der jeweiligen Branche nicht möglich sei. Ich glaube, es ist primär eine Frage des Menschenbildes und der Angst vor dem Unbekannten. Wir wissen aus Studien, dass jeder vierte Erwerbstätige psychisch angeschlagen ist, aber die Firmen tun so, als wäre eine psychische Erkrankung eine singuläre Katastrophe. Alle müssen so tun, als wären sie makellos, der Anpassungsdruck ist enorm. Ich habe ein anderes Menschenbild, ich sehe die Stärken der Menschen und störe mich nicht an Besonderheiten und Defiziten. Unser Asperger-Mitarbeiter ist körperlich extrem stark und ausdauernd, das ist sehr wertvoll für uns. Und bei einer Mitarbeiterin in der Buchhaltung hatte ich keine Ahnung, dass sie eigentlich vollständig krankgeschrieben war. Sie bewarb sich für 20 bis 30 Stunden Buchhaltung pro Monat, was die IV erlaubte und für uns perfekt passte. Erst als wir den This-Priis, den kantonalen Arbeitgeber-Award für die Integration von Menschen mit Handicap, erhielten, sagte sie mir, sie leide am Goldenhar-Syndrom und höre auf einem Ohr nichts.

Ermutigen Sie aktiv andere Arbeitgeber, Ihrem Beispiel zu folgen?

Ja, ich halte viele Vorträge, an Unternehmertagungen, im Gewerbeverein, in Fachkreisen. Und immer lautet meine Botschaft: Es können nicht allen nur starke Pferde im Stall haben – und es ist auch nicht gesund für das Unternehmen. Jede Firma sollte jemanden einstellen, der es sonst schwer hat. Viele fürchten um ihr Image, weil psychisch kranke Mitarbeiter manchmal unberechenbar reagieren und weil man ihnen ja nicht ein Schild anheften kann mit der Aufschrift «Achtung: psychische Beeinträchtigung». Auch wir hatten ein paar brenzlige Situationen mit Kunden, aber die positiven Effekte überwiegen eindeutig. Wir erhalten viele Komplimente von Stammkunden für unser gesellschaftliches Engagement. Das sollte nicht das Motiv für das Engagement sein, aber es ist ein schöner Nebeneffekt. Ich bin überzeugt, dass viele Arbeitgeber mehr unternehmen würden, wenn sie wüssten wie. Ich kann ihnen nur raten: Nicht zu viele Fragen erörtern, sondern handeln und einen Versuch wagen!

Kontakt und Information: joel.keller@keller-recycling.ch oder www.keller-recycling.ch

« Zur Übersicht

14 Kommentare zu “«Ich sehe die Stärken und störe mich nicht an den Defiziten»”

  1. joost Oerlemans sagt:

    Hut ab!

  2. Roli Scheurer sagt:

    Ein schönes Besipeil an Menschlichkeit in dieser immer kälter werdenden, normierten Hochleistungs- & Wachstumsgesellschaft: Danke sehr!

  3. Ralf Schrader sagt:

    @Roli Scheurer

    Und … wird es etwas bewirken in der kälter werdenden Gesellschaft?

    Nein, wird es nicht. Diese Einzelbeispiele sind eher schädlich, weil sie etwas imaginieren, was es nicht mehr gibt: Menschlichkeit am Arbeitsplatz.

  4. Monika sagt:

    Ok. Das ist ein hartes Urteil. Wie machen Sie es denn? Bringen Sie Menschlichkeit an den Arbeitsplatz? Dann wäre da schon mal einer….

  5. Daniel Reimann sagt:

    Wenn alle nichts tun, weil einzelne nichts erreichen, dann wird auch weniger als nichts geschehen! Es wird noch negativer. Wenn alle ein wenig tun, dann wird es nicht sofort super und palimpalim! Aber immer noch viel besser. Super Sache! Und sowas braucht Mut.

  6. Eberli Dolma sagt:

    Grüezi Herr Keller
    Mit grosser Intetesse habe ich den Bericht gelesen. Einfach ein grosses Dankeschön für Ihr Engagement mit viel Mitgefühl, Herz, Geduld und Kraft! Einen solchen Chef kann man sich nur wünschen….übrigens, nicht nur Mitarbeiter sollten einen Sozialkompetenz-Kurs besuchen, sondern auch die “obere Etage”…..
    Ich hoffe, dass Ihr Interview einige ” andere Chef’s” dazu ermutigt&inspiriert!
    Weiterhin Ihnen&Ihrem Team alles Gute
    D.E.

  7. Hans Peter sagt:

    Asperger arbeiten in der Regel so gut wie ein Roboter. Diese laecherliche 9 Pause zum Kaeffele brauchen die nicht, Mittag wird schnell ein Sandwich runtergeschluckt, innert 5 min wieder bereit zum arbeiten….Hut ab an alle Aspis!

  8. Viktoria Kämmler sagt:

    Bravo, vor so viel Mut, Menschlichkeit und Engagement verneige ich mich! Hoffentlich fallen Ihre Vorträge auf fruchtbaren Boden!

  9. Martina sagt:

    Wenn ich das Engagement von Herrn Keller vergleiche mit den meisten Arbeitgebern die nicht mal mehr Leute 45+ einstellen oder solche durch “Reorganisation” rausschmeissen ist das wahrlich eine Heldentat. Ja dazu braucht es Mut aber ich denke in erster Linie Herz und Menschenverstand. Leider verfügen die wenigsten Chefs über genau diese (Sozial)Kompetenzen bzw. haben diese ersetzt durch Dollarzeichen in den Augen.

    Danke Herr Keller und dem Tagesanzeiger für den Bericht….Bitte mehr davon…

  10. Corinne sagt:

    Wunderbar dass es Menschen gibt die noch mit dem Herzen entscheiden und auch Benachteiligten eine Chance geben.
    Ich wünsche mir dass ganz viele Unternehmer ihn als Vorbild nehmen und in der Gesellschaft Menschlickeit endlich einen höheren Stellenwert bekommt als Reichtum und Profit. Chapeau Herr Keller !

  11. Sieber sagt:

    Solche Chefs sollte es Mehr geben Wo so eine Soziale ader haben und nicht solche die einem das Leben Schwer machen da wäre auch mal die Politik gefordert

  12. Kusi sagt:

    Sensationell. Ich mag Unternehmer wie Sie. Wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.

  13. René Allemann sagt:

    Chapeau! So sollte/könnte es sein!

  14. Grischababy sagt:

    Alles erdenklich Gute für so ein Chef! Menschlichkeit ist Heute Mangelware! Hut ab,und viel Erfolg in der Firma.
    Mit besten Grüssen !!