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«Ich habe mich im letzten Jahr in die Freiheit verliebt»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 18. Juni 2016
1000 handgeschriebene Exemplare hat die Postkartenschreiberin in den letzten 18 Monaten verschickt. Foto: Jan-Frederic Struwe

1000 handgeschriebene Exemplare in 18 Monaten: Postkartenschreiberin Sabine Rieker. Foto: Jan-Frederic Struwe

Was für andere bestenfalls eine Urlaubsbeschäftigung ist, hat Sabine Rieker zu ihrem Beruf gemacht: Die 30-Jährige schreibt Postkarten, von Hand und im Auftrag. Auf die Frage, ob sie davon leben könne, antwortet die Germanistin: «Wichtiger ist: Ich lebe dafür!» Sie habe sich selber eine Art bedingungsloses Grundeinkommen geschaffen und werde reich beschenkt – von Kunden und vom Leben.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Rieker, Sie sind Postkartenschreiberin von Beruf. Wie ist es dazu gekommen?

SABINE RIEKER: Die Postkartenschreiberin, das klingt wie eine Romanfigur oder ein Filmtitel, oder? Ich mag das, ich lebe meine Geschichte, bevor ich sie aufschreiben oder verfilmen kann. Meine Auftraggeber sind Menschen, die mir etwas dafür geben, dass ich ihnen selbst oder anderen Karten schreibe; von Hand und persönlich. Das ist eine sehr emotionale Angelegenheit in Zeiten der Mail-, Kurznachrichten- und Social-Media-Kommunikation.

Sie haben Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Standen da nicht andere Berufsoptionen im Vordergrund nach Studienabschluss?

Während des Studiums arbeitete ich in einem Werkzeugvertrieb. Ich sortierte Schrauben, half im Büro aus, lernte die kaufmännische Welt kennen, was eine gute Ergänzung zum Studium war. In den letzten Semestern wechselte ich als studentische Hilfskraft zur Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). Nach meinem Studienabschluss nahm ich das Angebot an, dort als Assistentin des Chefs anzufangen. Ein Mitsegler wies mich darauf hin, dass der Job nicht viel mit meinem Studium zu tun habe. Zudem hatte ich Sehnsucht nach Hamburg. So unternahm ich einen spontanen Wochenendtrip gen Norden, lernte in Hamburg die Texterschmiede kennen, kündigte meine Assistenzstelle und zog für ein Jahr in die Hansestadt, um mich dort zur Werbetexterin ausbilden zu lassen.

Wie kam die Germanistin in der Agenturwelt zurecht?

Das duale Konzept gefiel mir: Abends hatte ich Theorieunterricht, und tagsüber machte ich zwei sechsmonatige Praktika in den Agenturen BBDO Proximity und Scholz & Friends. Ich war total blauäugig in die Werbung gegangen und merkte schnell, dass Kreativität auf Knopfdruck nichts für mich ist. Im zweiten Praktikum brach ich schliesslich kurz vor einer Deadline in Tränen aus und sagte dem Agenturchef: «Ich hasse die Werbung!» Dadurch stand ich erneut ohne Perspektive da und sah, wie mein Kontostand gegen null ging. Zum Glück konnte ich zurück zur DPG in den Bereich Tagungsorganisation, um bei einem geregelten Einkommen herauszufinden, was ich wirklich will. Parallel dazu kristallisierte sich im Rahmen einer Gesprächstherapie heraus: Schreiben ist mein Ding.

Wie kamen Sie auf die Idee mit den Postkarten?

Die Idee kam eher auf mich zu. Mir gefielen die Naturaufnahmen, die im Wartezimmer meines Therapeuten hingen. In der vorletzten Sitzung sagte er mir, es gebe Postkartenversionen davon, ich dürfe mir eine aussuchen. Zur letzten Sitzung schenkte ich ihm ein kleines Bucay-Büchlein und seine Postkarte mit einem handschriftlichen Dank für seine Arbeit. Ich war überrascht, wie sehr ihn diese kleine Geste rührte. Im Sommer davor hatte ich mir vier Wochen Urlaub gegönnt, um Abstand von allem zu gewinnen und der Frage nachzugehen, was ich tun möchte und könnte, wenn Geld keine Rolle spielen würde. Die Antwort lautete: Postkartenverkäuferin wollte ich werden. Kurz darauf kündigte ich. Das war ein sehr befreiendes Gefühl, aber auch ungewohnt, weil ich niemandem darüber Auskunft geben konnte, was ich fortan tun würde.

Wie kamen Sie zurecht ohne Job und Struktur?

Ich hatte Angst davor, den Halt zu verlieren. Deshalb stand ich jeden Tag um Punkt 8 Uhr bei meinem Lieblingscafé auf der Matte. Während dreier Monate jobbte ich Teilzeit in der Buchhandlung Böttger, verkaufte nebst Büchern auch Postkarten, aber es war nicht meine Welt, nicht mein Eigenes. So war ich bald wieder auf mich zurückgeworfen, sass von früh bis spät im Café Lieblich in Bonn und schrieb viele Postkarten. Der Besitzer Boris fand das rührend und spendierte mir Cappuccino, der Künstler Pablo gab mir einen Text in Auftrag. Schliesslich sagten beide, sie möchten ein Postkartenabo bei mir abschliessen. Die Sache sprach sich rasch herum, sodass immer mehr Menschen Interesse daran fanden.

Kunden, die einmal pro Monat oder Woche von Ihnen handschriftliche Post möchten und dafür bezahlen?

Genau. Seit letztem Herbst schreibe ich auch Postkarten für die Bonner Segelschule Lord Nelson, bei der ich unterrichte. Dort erhalten jetzt alle Mitsegler im Anschluss an die Segelwoche in Koudum zur Erinnerung eine individuelle Fotocollagenkarte mit einem Text von mir. So ergab sich eines nach dem anderen. Pablo organisierte in Bonn eine erste Postkartenlesung für mich. Das gefiel mir so gut, dass ich auch in meiner Stuttgarter WG Karten vorlas. Weil ich die Motive immer selber aussuche, prägen sich mir die Namen einiger Postkartenproduzenten ein; ich begann, ihnen eine ihrer Postkarten mit Dankesworten zu schicken. Viele bedankten sich dafür, indem sie mir päckchenweise neue Karten schickten. Schliesslich eröffnete ich einen Facebook- und Instagram-Account für die Postkartenschreiberin, sodass nun fast täglich neue Reaktionen und Anfragen eintreffen.

Das klingt alles wunderbar – aber verdienen Sie Geld damit?

Ich sehe mich in der Entwicklungsphase und habe noch kein klares Geschäftsmodell – auch deshalb nicht, weil ich es mehr als Leidenschaft denn als Beruf betrachte. Ich bin in den letzten Monaten enorm oft eingeladen worden – zuletzt von Postkartengestalterin Martina Issler für fünf Tage nach Zürich in ihr Bildreich. Die Schweiz hat an diesem Wochenende über das bedingungslose Grundeinkommen abgestimmt; ich habe das für mich über weite Strecken schon umgesetzt. Manche Kunden laden mich einfach zu einem Essen oder auf einen Cappuccino ein, andere bezahlen mit Geld, wieder andere bieten mir eine Woche Urlaub in ihrem Ferienhaus in Spanien oder offerieren mir einen Aufenthalt in Berlin.

Aber davon leben können Sie nicht?

Ich lebe eher dafür als davon im Moment, und das scheint mir auch wichtiger zu sein. Die Abos reichen noch nicht aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, aber man sollte nicht alles auf Franken und Euro reduzieren. Ich fühle mich bei dem, was ich tue, in meinem Element, teile ein Stückchen von meinem Leben mit jemandem und erhalte sehr viel zurück im Gegenzug. In den letzten 18 Monaten habe ich so über 1000 Postkarten geschrieben.

Ist das nun ein befristetes Projekt oder Ihr Beruf?

Es ist nicht einfach ein Projekt, sondern zu meiner Lebensart geworden. Ich habe mich im letzten Jahr sehr in die Freiheit verliebt und könnte vermutlich nicht mehr zurück in einen Angestelltenjob. Wie ich diese Freiheit in Zukunft genau gestalte, weiss ich noch nicht – das macht es so spannend. Im Moment bin ich glücklich damit, als Postkartenschreiberin und Segellehrerin unterwegs zu sein.

Kontakt und Information:

www.facebook.com/DiePostkartenschreiberin

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