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«Er bat mich, das Problem zu lösen – koste es, was es wolle»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 25. April 2015
Silvia Hagen, IT-Beraterin und Netzwerk-Expertin. Foto: Angela Straub.

Silvia Hagen, IT-Beraterin und Netzwerk-Expertin. Foto: Angela Straub.

Nach einer A-Matur und Jobs in der Musikindustrie wechselte Silvia Hagen in die Informatik. Anfänglich hatte sie als Exotin gegen Vorurteile zu kämpfen, doch heute ist sie als IT-Beraterin und Referentin international erfolgreich. Nun will sie sich «von den Bits und Bytes» wegbewegen und mithelfen, dass in Unternehmen vermehrt nachhaltig und abteilungsübergreifend gearbeitet wird.

Interview:
Mathias Morgenthaler

Frau Hagen, Sie sind als Netzwerkspezialistin und IT-Beraterin in einer Männerdomäne tätig – haben Sie oft gegen Vorurteile zu kämpfen?

SILVIA HAGEN: Zu Beginn war das so. Beim ersten Kurs, den ich gab, schimpfte ein Teilnehmer, seine Firma zahle viel Geld, damit er hier etwas lerne, er möchte wissen, was mich als Frau legitimiere, ihn zu unterrichten. Wir einigten uns darauf, dass wir am Ende des Kurses Bilanz ziehen – das Echo fiel dann sehr positiv aus. Heute empfinde ich es eher als Vorteil, eine Exotin zu sein. Erstens ist an IT-Kongressen die Damentoilette immer frei, zweitens geniesse ich mehr Freiheiten als meine männlichen Kollegen. Zwischen Männern kommt es eher zu Rivalität und Machtspielen, als Frau kann ich die manchmal sehr ernsten Männerrunden etwas auflockern.

Wie sind Sie nach einer A-Matur mit Latein und Griechisch zur IT-Expertin geworden?

Ich bin zweisprachig aufgewachsen und habe dadurch früh erfahren, wie stark die Sprache unser Bewusstsein prägt. Wer Französisch spricht, hat einen anderen Blick auf die Welt als jemand, der Deutsch spricht. Das heisst auch: Es gibt nicht die eine Wahrheit, die unabhängig vom Betrachter gültig ist – je nach Perspektive ist die Welt eine andere. Die Auseinandersetzung mit dem Reichtum alter Sprachen hat diese Leidenschaft vertieft. So lernte ich früh, die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, was mir später in der Beratung sehr zugute kam. Für erfolgreiche IT-Projekte ist es wesentlich, eine ganzheitliche Betrachtung zu haben und unterschiedlichste Perspektiven integrieren zu können.

Hatten Sie einen Traumberuf?

Nach der Matur entschied ich mich gegen ein Studium, weil ich mich mehr in die Breite als in die Tiefe entwickeln wollte. Ich absolvierte die Handelsschule und wollte möglichst bald selbstständig und selbstbestimmt arbeiten. Eigentlich war mein Plan, einen Plattenladen zu eröffnen, aber ganz ohne Branchenkenntnis wäre das schwierig geworden. So fällte ich während einer Griechenlandreise den Entschluss, einen Job in einer Schallplattenfirma zu suchen – und im Flugzeug von Athen nach Zürich fand ich prompt die entsprechende Stellenanzeige in der Zeitung. Zwar ärgerte sich der Chef, dass ich ihn anrufe, statt brav meine Unterlagen zu schicken, aber ich bekam die Stelle und übernahm zwei Jahre später die Leitung eines führenden Tonstudios.

Wie kamen Sie mit der Informatik in Berührung?

Nach sechs Jahren verabschiedete ich mich aus der Musikbranche. Als Mutter einer kleinen Tochter suchte ich einen Job, der kompatibel war mit der Kinderbetreuung. In unserer Gemeinde, die aus mehreren verstreuten Ortschaften besteht, lief Anfang der Neunzigerjahre ein IT-Projekt, das die Durchführung einer dezentralen Gemeindeversammlung ermöglichen sollte. Ich erhielt einen Administrationsjob an der Schnittstelle zwischen Bevölkerung, Gemeindeverwaltung und den externen Netzwerkspezialisten. Nach dem ersten Administrations-Workshop dachte ich: Ich bin zu dumm, um mir all die Informatikkenntnisse anzueignen. Dann begriff ich: Der Kursleiter war zwar ein versierter Experte, aber ein schlechter Vermittler. Und bald dachte ich: Vielleicht kann ich das besser. Nach Abschluss dieses kommunalen Projekts bildete mich Ascom Elcoma zur Novell-Trainerin aus. Das war die Grundlage für meine spätere erfolgreiche Tätigkeit als Trainerin und Buchautorin.

Die Informationstechnologie ist in den letzten 20 Jahren so wichtig geworden, dass IT-Pannen ganze Geschäftsfelder lahmlegen. Wie gehen Sie vor, wenn Sie als Troubleshooterin in ein Unternehmen gerufen werden?

Wichtig ist, am Anfang möglichst viele Informationen aufzunehmen und keinerlei Schlüsse zu ziehen. Alle hätten gern eine rasche Erklärung, aber Netzwerkpannen haben oft mehrere Ursachen, und es kann daher schädlich sein, den ersten Erklärungsansatz wie einen Strohhalm zu packen und nur diese eine Spur zu verfolgen. Wenn ich dagegen sehr viele Informationen und Meinungen gesammelt habe und meine Intuition konsultiere, kristallisiert sich die Lösung meistens auf natürliche Weise heraus. Systemische Zusammenhänge versteht man nur, wenn man das Gesamte aus einer nicht analytischen Perspektive betrachtet.

Was heisst das: die Intuition konsultieren?

Eines Tages rief mich der Chef eines Finanzdienstleisters an. Er war in Nöten, weil zeitkritische Daten nur mit grosser Verzögerung flossen. Er bat mich, das Problem zu lösen – koste es, was es wolle. Zwei Stunden später sass ich mit 40 IT-Leuten dieser Firma in einem Raum und spürte intuitiv, dass wir externes Wissen brauchten, um weiterzukommen. Ich ging mein Kontaktnetz durch und überlegte, wessen Präsenz hier etwas bewirken könnte. Da ich die Problemursache noch nicht eingrenzen konnte, war diese Entscheidung nicht rein rational zu fällen. Meine Intuition riet mir, einen Experten aus England anzurufen, den ich allerdings nur flüchtig kannte – eine Wahl, die ich nicht logisch begründen konnte. Er hatte zufällig Zeit. Drei Tage später hatten wir dank seinem Input das Problem gelöst – das Wagnis hatte sich ausbezahlt.

Sie haben sich weltweit einen Namen gemacht als Fachbuchautorin und Referentin im Bereich Internet-Protokoll IPv6 und beraten Unternehmen in Sachen Netzwerk- und Applikationsperformance. Inzwischen sind Sie längst keine Generalistin mehr, sondern eine hochqualifizierte Spezialistin.

IPv6 klingt zwar nach Fachchinesisch, aber es ist ein Fachgebiet, das für uns alle relevant ist. Jedes Gerät, das aufs Internet zugreifen will, braucht eine eigene Adresse. Beim heute verbreiteten Standard IPv4 gibt es schlicht keine freien Adressen mehr. Deshalb ist die Entwicklung und Einführung der Datenautobahn IPv6 die Grundlage für jedes weitere Wachstum im Internet: für Smart Cities, Telemedizin und das viel zitierte «Internet der Dinge», die zunehmende Computerisierung unseres Alltags. Mein Antrieb ist nicht, die beste Expertin in IPv6 zu sein. Wichtig ist mir die zielgruppengerechte Aufarbeitung und Vermittlung des Wissens. Und das setzt eine ganzheitliche Perspektive voraus, die alle Schnittstellen berücksichtigt, eine generalistische Kompetenz.

Wie viel erfahren Sie als IT-Beraterin über die Verfassung eines Unternehmens?

Wenn ich sehe, wie ein Unternehmen mit der IT umgeht, erkenne ich, wo die Schmerzpunkte der Organisation sind. Die Probleme, die sich akut bei der IT zeigen, sind ein Ausdruck der ganzen Firmenkultur. Ein Hauptproblem ist, dass viele Projekte extrem kurzfristig geplant und durchgepeitscht werden. Und dass sie viel zu starr an Excel-Tabellen und Hierarchiestufen geknüpft sind. Ich kenne Unternehmen, in denen regelmässig so viele Budgets erstellt werden, dass kaum mehr jemand wirklich arbeitet. Wir wissen eigentlich alle, dass sich die komplexe Realität selten an die Zahlen in den Excel-Tabellen und die Organigramme der Firmen hält, aber vielerorts fehlt es am Vertrauen, Prozesse anzustossen, die nicht im Voraus auf Stunden und Franken eingegrenzt werden können, sondern Raum für Kreativität schaffen. Die Kosten für Burn-outs – in der Schweiz 19 Milliarden Franken pro Jahr – und für verpasste Chancen tauchen in keiner Statistik auf und sind deshalb leicht zu ignorieren.

Sehen Sie darin Ihre künftige Aufgabe?

Ich bewege mich allmählich weg von den Bits und Bytes in Richtung Coaching von Organisationen. Wenn ich abteilungsübergreifende Projekte begleite, bin ich eine Brückenbauerin und Schnittstellen-Managerin, welche die Manager ermutigt, agiler zu werden und mehr Unsicherheit auszuhalten. Unternehmen wie Baloise, CSS oder SRF arbeiten erfolgreich mit agilen Methoden in der IT. Das setzt viel Mut voraus, denn wenn man das alte Fahrwasser verlässt, findet man sich erst einmal in unbekannten Gewässern wieder und erkennt erst allmählich die Strukturen und Spielregeln. Aber diesen Preis müssen wir zahlen, wenn wir uns weiterentwickeln wollen. Es ist allemal besser, als sich an fiktive Jahrespläne und Excel-Tabellen zu klammern.

Kann man es sich als Beraterin leisten, die Auftraggeber vor den Kopf zu stossen?

Gute Manager wachsen an solchen Herausforderungen. Aber Sie haben schon recht, ich bin für einige eine Provokation. In den Unternehmen, in denen ich in jungen Jahren tätig war, sagten die Chefs früher oder später zu mir: «Wenn wir deine Ideen umsetzen würden, wären wir in ein paar Monaten bankrott.» Mit 30 Jahren machte ich mich selbstständig, um herauszufinden, ob meine nicht alltäglichen Methoden wirklich so realitätsfremd sind. Ich habe seither in vielen Fällen Lösungen gefunden, wo andere Experten mit ihrem Latein am Ende waren. Das heisst aber nicht, dass es für die involvierten Manager immer ein Vergnügen war, mit mir zu arbeiten. Das gewohnte Terrain zu verlassen und eine neue Perspektive zu gewinnen, ist immer eine Herausforderung.

Kontakt und Information:

www.sunny.ch oder silvia.hagen@sunny.ch

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9 Kommentare zu “«Er bat mich, das Problem zu lösen – koste es, was es wolle»”

  1. Marco Bless sagt:

    Aus der Musikindustrie mit einer Matura in die Informatik und jetzt “international erfolgreich”?
    Einem Mann würde dieselbe Qualifikation nicht einmal fürs Vorstellungsgespräch reichen.

  2. Fridolin Meyer sagt:

    Ich kann die Aussagen von Frau Hagen nur bestätigen. Sich von Bits und Bytes lösen zu können (mir fiel es nicht leicht); mit Blickwinkel abteilungsübergreifend und/oder interdisziplinär. Das ist auch eine Bereicherung für sich selbst – und auch gut für das Unternehmen. Apropos Intuition: Bei schweren ‘Troubleshooting’-Fällen unter Zeitdruck – hilft manchmal nur (noch) das …

  3. Fridolin Meyer sagt:

    @Marco Bless: Darf ich fragen – was Sie für Qualifikationen haben. Bitte auch aus der Praxis. Danke schön.

  4. Silvia Hagen sagt:

    @Marco Bless: Wie mein Lebenslauf zeigt, habe ich meinen Weg gemacht, indem ich mich aus traditionellen Systemen herausgelöst habe und mit meinen Ueberzeugungen experimentiert habe. Seither hat sich aber viel bewegt. Ob jemand mit solchen Qualifikationen also einen Vorstellungstermin erhält, kommt aufs Unternehmen an. Es ist möglich, dass ein nach alter Tradition geführtes Unternehmen (Macht- und Kontrollsystem) nur Menschen mit genormten Lebensläufen berücksichtigt. Man weiss jedoch heutzutage breit abgestützt von Forschung und Einsatz, dass Menschen die kreativ sind, sich häufig nicht einfach in klassische enge Strukturen einbinden lassen. Und selbst wenn sie es tun, darin auch nicht den Rahmen ihre Talente zum Ausdruck zu bringen. Neuere Firmenstrukturen delegieren viel mehr Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit in die Teams und nehmen in unterschiedlichen Ausprägungen Abstand von einer reinen Kontrollkultur. Oder suchen sogar gezielt Menschen mit sogenannt “gebrochenen Lebensläufen”.
    Das nennt man auch “Diversity Management” und hat zum Ziel, die individuellen Unterschiede von Mitarbeitern zu fördern und die soziale Vielfalt der Menschen konstruktiv zu nutzen. Ein bekannter Proponent dafür ist Dr. Nils Jent, der, selbst körperlich schwer behindert, im Institut für Führung und Personalmanagment an der Universität St. Gallen das Diversity Center aufgebaut hat. – Mein Votum: Mut zur Intuition und Mut zur Individualität 🙂 In diesem Sinne einen schönen Sonntag, Silvia Hagen

  5. Silvia Hagen sagt:

    @Fridolin Meyer: Ja leider sind wir Menschen häufig so angelegt, dass wir nur unter Druck bereit sind, unsere traditionellen Trampelpfade zu verlassen und mutig Neues auszuprobieren. Die bekannte Krise die zur Wende führt. Wenn man das erkannt hat, kann man ja auch etwas experimentierfreudiger werden, bevor der Druck zu stark wird. Ganz meine Linie 🙂 Und wie Sie sagen, es ist sehr bereichernd – für alle Beteiligten.

  6. Mark sagt:

    Frau Hagen mag in verschiedenen Gebieten sehr kompetent und erfolgreich sein. Bezüglich Informatik hat sie sich in diesem Artikel gleich mehrfach disqualifiziert. Was hier geäussert wird, könnte man vielleicht in den – neu zu schaffenden – Bereich ‘Informatik-Esotherik’ einordnen. Die seröse Informatik leidet stark unter diesem Phänomen, dass es sehr schwierig ist, echte Kompetenz von vermeintlicher oder vorgemachter zu unterscheiden.
    Und, ja, Herr F. Meyer, ich habe sehr hohe Qualifikationen in Informatik und Informatik-Management. Sie würden staunen. Aber es geht ja hier nicht um meine Qualifikationen.

  7. mario sagt:

    @Mark oder Marco ? Ja die Dame hat recht! Bei ihrem Kommentar habe ich den Eindruck sie sin einfach nur neidisch.
    Ich habe so viel Jahre IT auf dem Buckel wie sie wahrscheinlich nicht mal seit der Geburt haben.
    Durch die vielen “Informatiker” wird der Job immer langweiliger.
    Viele machen Bla Bla Bla der Rest geht nasch Indien, da denen Powerpoint Bubis die hands On Praxis fehlt!

  8. Hugo Knüsel sagt:

    Ich würde die Tätigkeit von Frau Hagen eher als “Mediation und Gruppentherapie für dysfunktionale Organisationen” bezeichnen. In diesem Kontext sind technische Probleme selten das eigentliche Problem und wenn dann hätte ich so meine leisen Zweifel, ob der quereinsteigende “Generalist” da selber viel Konstruktives dazu beitragen könnte, dazu ist das Fachgebiet schlicht zu breit. Viele der Probleme entstehen daraus, dass die IT in vielen Unternehmen, allen blumigen Management Beteuerungen zum Trotz, immer noch ein kümmerliches Nischendasein fristet, etwa auf der gleichen Stufe wie der Hausdienst, und oft dazu passend auch mit entsprechendem Führungspersonal mit originellen Lebensläufen bestückt wird.

  9. Fridolin Meyer sagt:

    Vielen Dank Frau Hagen – für Ihre Antwort. An Erfahrung im IT-Bereich mangelt es mir jedenfalls nicht. Mit langer Praxis auf verschiedenen Systemen und in div. Branchen. Schwerpunkt: Grosssysteme; also mit Mainframes. Bereits in den 80-ern sprach man von einer “Software-Krise”. Und danach sind viele Systeme historisch immer mehr gewachsen. (Wir sprachen manchmal von “hysterisch gewachsen”). Mit den üblichen Problemen. D.h. die Komplexität nahm zu. Und der ständige Wechsel im Denken “top-down’ – ‘bottom-up’ – bei grossen Projekten – kann auch stressen …