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«Die wichtigste Lektion habe ich von Bill Clinton erhalten»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 7. Februar 2015
Carsten Rath, Grand Hotelier ohne Sterne. Foto: Sebastian Brüll.

Carsten Rath, Grand Hotelier ohne Sterne. Foto: Sebastian Brüll.

Carsten Rath hat in Peking, London, Berlin, Kapstadt und Naples in den nobelsten Fünfsternhotels gearbeitet. Nun eröffnet der 48-jährige Deutsche in Zürich ein eigenes Hotel. Dank ungezwungener Atmosphäre und preiswertem Champagner sollen die Gäste ins Kameha Grand strömen. Rath kümmert sich um jedes Detail, denn der frühere Tennisspieler hasst es zu verlieren.

Interview:
Mathias Morgenthaler

Herr Rath, Sie eröffnen in drei Wochen Ihr erstes Hotel in der Schweiz. Warum haben Sie sich für ein Hotel im Glattpark in Zürich entschieden? Es gäbe attraktivere Adressen für ein Luxushotel.

CARSTEN RATH: Salopp gesagt: Seegrundstücke standen gerade keine zum Verkauf. Zudem wollen wir hier kein Baur au Lac betreiben, kein Luxushotel im klassischen Sinne, sondern ein modernes Lifestylehotel. Dafür ist der Glattpark ideal. Hier entsteht eine neue Stadt, das vermutlich grösste und spannendste Businessentwicklungsprojekt in ganz Europa. An einem Ort, an dem so viel Neues geschaffen wird und an dem sich so namhafte Unternehmen ansiedeln, herrscht eine ganz andere Stimmung als an einer arrivierten Adresse. Im Übrigen ist die Lage gut: Der Flughafen liegt keine zwei Kilometer entfernt, die Innenstadt sechs Kilometer.

Das bedeutet auch: Die etablierte Konkurrenz ist nicht weit entfernt. Zürich hat bereits vier Fünfsternhotels. Wie wollen Sie da Ihre 245 Zimmer füllen?

Eines vorweg: Wir sind kein Fünfsternhotel, wir haben gar keine Sterne. Ich finde es unpassend, sich selber als Fünfsternhaus zu bezeichnen – die Klassifizierung soll bitteschön der Gast vornehmen.

Bei einem Investitionsvolumen von über 100 Millionen Franken und Zimmerpreisen von bis zu 1220 Franken pro Nacht darf man Ihr Hotel doch dem Luxussegment zurechnen.

Das ist der Preis für eine der elf Themensuiten – der durchschnittliche Zimmerpreis liegt bei rund 290 Franken. Wir reden nicht von Luxus, denn Luxus ist für jeden Menschen etwas anderes. Für mich ist der grösste Luxus, Zeit mit den wichtigsten Menschen in meinem Leben verbringen zu können. Das kann ich nicht im Hotel buchen. Für andere ist ein Porsche der Inbegriff von Luxus. Ich mag den Begriff der Grand Hotellerie, er steht für ein Lebensgefühl. Deshalb heisst unser Hotel Kameha Grand. Es soll nicht ausschliesslich der Fünfsternklientel vorbehalten sein, ich möchte auch Exoten, Künstler, Leute von nebenan als meine Gäste. Früher war es in der Grand Hotellerie üblich, den guten Künstlern das Essen für den halben Preis anzubieten und das Bett umsonst, weil sie Stimmung in ein Haus brachten. Diese Haltung ist mir sympathisch – ich will um keinen Preis einen abgeschotteten Luxustempel.

Was heisst denn Grand Hotellerie in Ihrem Fall?

Wir haben keinen Aufwand gescheut, einen schönen Rahmen zu bieten, in dem sich unsere Gäste wohl fühlen. Die

Kameha Grand Zürich, das etwas andere Luxushotel im Glattpark.

Kameha Grand Zürich, das etwas andere Luxushotel im Glattpark.

Mischung aus Design und Funktionalität ist hier wichtig. Es gibt zum Beispiel kein Empfangsdesk, hinter dem sich unser Personal verschanzt, sondern frei stehende Inseln. In der Lobbybar wird ein DJ Musik auflegen, die Restaurants sind so gestaltet, dass die Gäste miteinander ins Gespräch kommen. Ich war in vielen Luxushotels zu Gast, und die schlimmste Krankheit, die in manchen Häusern grassiert, ist die Steifheit und herablassende Behandlung der Gäste. Professionalität ohne Herzlichkeit ist nichts anderes als Arroganz.

Wie wollen Sie das verhindern? In einem teuren Hotel wird nie die gleiche Stimmung herrschen wie in einer Berghütte.

Eine persönliche, liebenswürdige Atmosphäre lässt sich herstellen, wenn man das Personal sorgfältig auswählt und schult. Und dann gibt es noch ein besonderes Hilfsmittel: Champagner macht bekanntlich gute Laune und lockert die Zunge. Er wird wenig konsumiert, weil die Flasche in den meisten Hotels zwischen 150 und 300 Franken kostet. Wir werden den Champagner für deutlich unter 100 Franken anbieten.

Welche Kundschaft wollen Sie ansprechen: Geschäftsreisende, Eventveranstalter, Privatreisende?

Der Hauptfokus in den Zimmern liegt auf den Geschäftsreisenden, die für Kongresse und Meetings bei uns gut aufgehoben sind. Donnerstag, Freitag und Samstag kommen Privatveranstaltungen dazu, Hochzeits- und Geburtstagsfeste. Und fürs Wochenende möchten wir auch Privatreisende gewinnen. Wo ich die herbekomme, weiss ich auch noch nicht. (lacht) Wichtig sind uns die Schweizer Gäste – vor allem in der Gastronomie.

Sie haben als Hotelier in den besten Häusern auf allen Erdteilen gearbeitet. Wie sind Sie als Teenager mit der Hotellerie in Berührung gekommen?

Für mich gab es in jungen Jahren nur ein Thema: Tennis. Tennis war mein Leben, Michael Stich, der spätere Wimbledon-Sieger, ist einer meiner besten Freunde. Die Zeit, als ich meine ersten Juniorenturniere gewann und Ausrüsterverträge erhielt, war die glücklichste und sorgloseste Zeit meines Lebens. Statt zur Schule zu gehen, gab ich Tennisunterricht, baute eine Tennisschule auf. Dann erlitt ich innert kurzer Zeit einen Bänderriss, einen Leistenbruch und einen Bandscheibenvorfall – und hatte plötzlich viel Zeit, aber keine Perspektive. Wegen eines Mädchens, das an einer Tennisbar arbeitete, begann ich schliesslich mit Kellnern. Mein Vater nahm mir das sehr übel. Für ihn war der Kellner auf der untersten Stufe, weniger prestigeträchtig als etwa der Friseur.

Sie wussten damals schon, dass Sie später ein Hotel leiten würden?

Nein, ich hatte keinen Plan und mangels vorzeigbarer Schulnoten auch wenig Optionen. Aber der Antrieb, durch harte Arbeit erfolgreich zu werden, war sehr ausgeprägt. Ich war nie gut darin, Zweiter zu werden – das olympische Motto «Dabei sein ist alles» hat mich immer zur Weissglut getrieben. Aber es war hart, ganz unten anzufangen. Als Tennistalent hatte ich ein gewisses Ansehen genossen und eine erste Ahnung vom Glamour erhalten, als Kellner musste ich schweigen und dienen. Zum Glück ging es steil bergauf. Nach eineinhalb Jahren als Réceptionist im Hotel Kempinski in Frankfurt erhielt ich eine Stelle als Front-Office-Manager in Johannesburg. Um genau zu sein: Ich erhielt den Vertrag. Als ich in Südafrika ankam, war der alte Direktor, mit dem ich den Vertrag abgeschlossen hatte, seit zwei Tagen nicht mehr im Amt, sein Nachfolger wollte mich umgehend wieder nach Hause schicken.

Wie haben Sie es geschafft, den Job trotzdem zu bekommen?

Es war ein sehr prägender Moment für mich. Als ich diesem abweisenden neuen Direktor gegenüberstand, hatte ich erst einmal grosse Angst. Ich fürchtete, wieder nach Deutschland reisen, bei meinen Eltern einziehen und in die Bundeswehr einrücken zu müssen. Diese Existenzangst hat mich seither nie mehr verlassen – sie ist noch heute der Stachel, der mich jeden Tag antreibt. Entscheidend war, dass die Angst mich nicht lähmte. Das verdanke ich wohl dem Tennis. Als der Direktor mich wegschicken wollte, war das wie wenn der Gegner Matchball hat. Du weisst, du hast jetzt einen einzigen Aufschlag, um im Match zu bleiben. Ich traf diesen Aufschlag und gewann – und es gibt nichts Grösseres, als zu gewinnen. Konkret bot ich dem Direktor an, einen Monat gratis für ihn zu arbeiten, um ihn von meinem Engagement zu überzeugen; dieser Vorschlag hat mich gerettet. Er stellte mich ein und half mir über viele Jahre bei meiner Karriere.

Warum leidet jemand, der an den besten Adressen in Peking, London, Berlin, Kapstadt und Naples gewirkt hat und diverse Auszeichnungen erhalten hat, mit 48 Jahren noch unter Existenzangst?

Erfolg ist eine Verpflichtung, kein Ruhekissen. Was du in der Vergangenheit erreicht hast, gibt dir keine Sicherheit für die Zukunft. Es gehört zu meinem Naturell, dass ich nicht locker lassen kann, dass ich ein Perfektionist bin, angetrieben von latenter Unzufriedenheit. Für mich geht es immer um alles – das gilt nicht nur für das unternehmerische Risiko, das ich eingehe, sondern für jedes Detail. Das Allerwichtigste in unserer Branche hat mir allerdings kein Hotelier beigebracht, sondern ein Politiker: Bill Clinton, der im Mai 1998 anlässlich eines Staatsbesuchs im Adlon Berlin zu Gast war.

Was haben Sie von Clinton gelernt?

Die 5-Sekunden-Regel, die ich später zum Grundprinzip meiner Service-Philosophie erhob. Bill Clinton nahm sich nach dem Bankett die Zeit, jedem Abteilungsleiter des Hotels persönlich mit Handschlag zu danken. Während der fünf Sekunden, in der er meine Hand drückte, mich mit Namen ansprach und mir für die Leistung des ganzen Teams gratulierte, hatte ich den Eindruck, ich sei der einzige Mensch auf der Welt, der für Clinton wichtig ist. Dieser kurze Moment ungeteilter Aufmerksamkeit und herzlicher Verbundenheit hat mich tief beeindruckt.

Sie haben 2008 ein eigenes Unternehmen gegründet und später in Bonn mit viel Erfolg ein erstes Kameha-Grand-Hotel betrieben. Geniessen Sie die unternehmerische Freiheit?

Die Selbstständigkeit hilft nicht gerade dabei, meine Existenzangst zu lindern. Als Manager riskiert man höchstens den Job und bekommt noch eine Abfindung, wenn man gehen muss. Für den Unternehmer geht es jeden Tag ums Ganze. Die Mittel sind begrenzt, wir sind nur zwei Mann, welche das Unternehmen tragen, der Architekt und Unternehmer Peter Mettler und ich. Mein Ziel ist es, so viel Spielraum zu haben, dass wir gemeinsam interessante Projekte aus eigener Kraft realisieren können. Was mich am stärksten antreibt, ist der Wunsch nach einem Maximum an Freiheit. Ich würde nicht sagen, dass ich es schon geschafft habe, dass ich mich gänzlich frei fühle. Aber ich komme der Freiheit jeden Tag ein Stück näher.

Kontakt und Information:

www.lieblingsplatz.com oder carsten.rath@lheg.com

Das Buch: Carsten Rath: Sex bitte nur in der Suite. Aus dem Leben eines Grand Hoteliers. Herder-Verlag 2015.

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3 Kommentare zu “«Die wichtigste Lektion habe ich von Bill Clinton erhalten»”

  1. petrus dietschi sagt:

    ich lebe seit meiner Pension, im Grossraum malaga,bin über den Artikel sehr beeindruckt.
    ich wünsche dem Herrn rath viel glück und gutes gelingen,gäbe es nur mehr von dieser sorte mensch!
    gruss aus dem süden,wo solche unternehmertypen fehlen.
    petrus,dietschi,

  2. Eigentlich schade dass es oft Mitmenschen gibt die aus niederen Beweggründen jemanden keine Chance geben der offensichtlich bereit ist Grosses zu leisten.
    Elite sollte eigentlich von Elite eingestellt werden.
    mbG MW

  3. Marie- Louise McDonald sagt:

    Genau so ein Hotel brauchen wir in der Schweiz!

    Ich wünsche Herrn Rath sehr viel Erfolg und werde das nächste Mal wenn ich mit meiner Familie in die Schweiz fliege, bei Ihnen die Zimmer für ein paar Tage reservieren.

    Ich bin normalerweise in einem 5 Sterne Hotel, war das letzte mal im Dolder, wo es meiner Tochter und mir nicht gefallen hat.
    Es war unpersönlich und steif was leider in all den 5 Sterne Hotels der Fall ist.

    Good luck und freundliche Grüsse von einer Heimwehschweizerin,

    Marie- Louise McDonald

    Newport Beach, Kalifornien