Logo

Wenn der Steuerberater sein Flair für Naturfotografie entdeckt

Mathias Morgenthaler am Samstag den 10. Januar 2015
Martin Cordsmeier, Gründer von millionways.

Martin Cordsmeier, Gründer von Millionways.

«Wer sagt denn, dass die Arbeitswelt so organisiert sein muss, dass wir 40 Jahre lang darauf reduziert werden, was wir in formalen Ausbildungen gelernt und schon anderswo angewendet haben?», fragt Martin Cordsmeier. Der 30-jährige Hamburger will hier Gegensteuer geben und auch den Ideen von 9- oder 90-Jährigen zum Durchbruch verhelfen – durch gezielte Vernetzung motivierter Mitstreiter.

Interview:
Mathias Morgenthaler

Herr Cordsmeier, Sie haben die Stiftung Millionways gegründet, um Menschen miteinander zu vernetzen, die gemeinsam Projekte realisieren können. Wie funktioniert das konkret?

MARTIN CORDSMEIER: Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Eine Frau, die ihren Job in der Gepäckabfertigung bei einer Fluggesellschaft verloren hatte, träumte davon, eine spezielle Kindertagesbetreuung zu entwickeln. Sie investierte zwei Jahre lang viel Zeit und Herzblut in ihr Projekt, aber da sie keine Ahnung von Businessplänen hatte, wirkte das Ganze auf Nichteingeweihte wenig professionell. Wir waren beeindruckt vom Engagement und der Leidenschaft dieser Frau und vernetzten sie deshalb mit einem Designer und einem Betriebswirtschafter, die beide eine Affinität zum Thema hatten. Das Dreierteam ist nun daran, das Projekt zu realisieren. Es ist gut möglich, dass sich Millionways später finanziell beteiligt.

Was unterscheidet Sie von einer Personalvermittlung?

Wir vermitteln niemanden an ein Unternehmen, sondern wir bringen Menschen zusammen, die gemeinsam etwas realisieren wollen und deren Fähigkeiten sich gut ergänzen. Dafür brauchen wir erstens ein grosses Netzwerk und müssen zweitens die Kompetenzen und Interessen aller Netzwerkmitglieder genau kennen. Wir führen derzeit 70 bis 120 Interviews pro Woche. Obwohl wir bis jetzt kaum in der Öffentlichkeit präsent waren, ist die Nachfrage immens – offensichtlich sehnen sich viele Menschen danach, etwas Sinnvolles und Persönliches tun zu können, statt sich irgendwo in ein Jobprofil zu zwängen. Durch unsere Vernetzungsarbeit sind in den letzten Monaten rund 30 Projekte entstanden.

Wie führen Sie die Interviews?

Natürlich erfassen auch wir, was jemand beruflich schon gemacht hat und offensichtlich kann. Darüber hinaus erfragen wir aber gezielt auch die Eigenschaften, Träume und Ziele der Interviewpartner. So werden viele Substantive und Adjektive erfasst, und wir können anhand von Schlagworten einen ersten Abgleich machen, wenn wir jemanden suchen für ein Projekt. Die Endauswahl geschieht immer individuell, nie automatisch. Oft ist es wichtig, im Interview sehr hartnäckig nachzufragen, was jemanden wirklich bewegt, weil sich viele nicht trauen, über ihr Fachgebiet hinauszudenken.

Woran denken Sie konkret?

Als wir einen Steuerberater nach seinen Talenten fragten, kamen erst wenig überraschende Antworten wie «Bilanzen schreiben» oder «Zahlen interpretieren». Nach längerem Nachfragen erinnerte sich der scheinbar nüchterne Finanzprofi, wie er als Kind mit dem Mähdrescher durch ein Feld gefahren war. Es stellte sich heraus, dass er in der freien Natur jedes Mal aufblühte – etwa wenn er in der Freizeit mit der Fotokamera unterwegs war. Unsere Frage, ob wir ihn ansprechen dürften für ein Fotoprojekt, wiegelte er sofort ab: Er sei ein Anfänger, die Ausrüstung amateurhaft, er habe keine Ausbildung. Wir erfassten seine Passion trotzdem im System. Und als einige Zeit später ein Elektronikkonzern eines seiner Fotos für die Illustration einer Werbekampagne auswählte und ihm dafür 20’000 Euro Honorar zahlte, war das für den Steuerberater ein Schlüsselmoment. Es signalisierte ihm, dass er nicht festgelegt war auf den einst eingeschlagenen Berufsweg.

Eine schöne Geschichte – aber vermutlich doch ein Einzelfall.

Genau dafür setzen mein Team und ich uns mit ganzer Kraft ein: dass dies kein Einzelfall bleibt, dass Menschen vermehrt dem folgen können, was sie bewegt, und damit auch Geld verdienen. Das mag naiv oder weltfremd wirken, aber wer sagt denn, dass die Arbeitswelt so organisiert sein muss, dass wir 40 Jahre lang darauf reduziert werden, was wir in formalen Ausbildungen gelernt und schon anderswo angewendet haben? Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir uns in so engen Strukturen bewegen; sie erzeugen Angst und Druck und hemmen Inspiration und Innovation.

Was meinen Sie mit engen Strukturen?

Damit meine ich zum Beispiel, dass die meisten Unternehmen Quereinsteigern keine Chance geben. Und dass sie alles schubladisieren. Warum soll nicht ein 9-Jähriger eine bahnbrechende Idee haben? Oder ein 90-Jähriger? Oder ein Autist? Wir haben einen 9-Jährigen mit einer sehr interessanten Geschäftsidee mit einem Betriebswirtschafter vernetzt, der einen guten Draht zu Kindern hat und den entsprechenden Markt kennt. Ich bin überzeugt, dass dadurch einer Idee, die sonst niemand ernst genommen hätte, zum Durchbruch verholfen wird. Leider kann ich noch keine Details nennen, die Sache ist noch vertraulich. Oder das Projekt eines Autisten, der sich ein Computerspiel ausgedacht hat, aber für die Entwicklung Leute braucht, die planen und strukturieren können. Oder im Bereich Senioren: Wir haben die Bewohner eines Altenheims in Hamburg, die gern etwas Sinnvolles machen würden, mit einem Kreativen zusammengebracht. Sie stellen nun unter dem Label «Senior Made» Spielzeuge für ältere Leute her – wir suchen gerade noch einen starken Vertriebspartner dafür. Es gibt so viele Möglichkeiten.

In der Schule lernen wir aber weiterhin: Man sollte überall gute Noten haben und dann eine sichere Stelle finden.

Genau – mit dem Effekt, dass jene, die keine guten Noten nach Hause bringen und keine weiterführenden Schulen besuchen, das Gefühl haben, der Zug sei für sie abgefahren. Deswegen engagieren wir uns im Projekt Teach First Deutschland, das Hauptschüler in Kontakt bringt mit Berufsleuten aus verschiedensten Feldern. Einer unserer Botschafter ist Peter Maffay, der von sich selber sagt: Auch ein Rumäne ohne Deutschkenntnisse kann es schaffen, wenn er seinen Weg geht. Es ist eindrücklich, wie aufmerksam Jugendliche zuhören, die sonst alles verweigern und sich mit Gewalt Luft verschaffen, wenn sie von Vorbildern lernen und selber zu Botschaftern werden können.

Welche Ziele verfolgen Sie mittelfristig mit Millionways?

Wir wollen ein Netzwerk schaffen, in dem es wirklich in erster Linie um den Menschen geht. Das klingt pathetisch, aber das gibt es noch nicht. Es geht uns darum, Projekte zu entwickeln, die nicht vom Profitstreben angetrieben sind, sondern von den Bedürfnissen der Gesellschaft und der einzelnen Individuen ausgehen. Wir wollen nicht mit Dogmatismus die heutige Arbeitswelt bekämpfen, sondern sie verändern, indem wir zu einem Umdenken in der Gesellschaft und der Bildung beitragen. Das übergeordnete Ziel ist, dass sich Menschen nicht bei der Arbeit quälen müssen, damit Unternehmen ihren Profit maximieren, sondern dass sie ihre Talente in den Dienst einer grösseren Sache stellen und damit Geld verdienen können.

Kontakt und Information:

www.millionways.org oder Tel. 0049 (0)40 20 93 222 0

Teil 1 des Interviews ist vor einer Woche an dieser Stelle erschienen.

« Zur Übersicht

3 Kommentare zu “Wenn der Steuerberater sein Flair für Naturfotografie entdeckt”

  1. Anton Schneider sagt:

    Es geht “nur” ums Geldverdienen. Millionways wird keinerlei Verantwortung übernehmen und für die Vermittlung eine Provision einstreichen. Das allein ist nichts verwerfliches – verwerflich ist, dass ein “einfaches” simples Businessmodell als grosse Idee gepriesen wird und geradezu altruistische Motivation vorgegeben wird. “UBER”, “Arnb” etc. – alle stellen die Freiheit der Individuen, das “Sharen” und damit das Wohl des Einzelnen und die Vorteile für die Gesellschaft in der Vordergrund.
    Ich kann die Sendung “Panaroma” von ARD vom letzten Donnerstag sehr empfehlen.
    Die Idee Millionways ist nur ein weiteres gutes Beispiel.

  2. I. Mayer sagt:

    Immer dieses Gemecker in den Kommentaren, ohne das überhaupt gelesen zu haben… hier kostet das ganze Vernetzen alles ja nichts, das ist eine gemeinnützige Stiftung und das IST altruistisch. Im Gegenteil, man bekommt sogar noch Förderung. Steht alles auf der Homepage und im Artikel. Ich war beim Lesen ganz begeistert und berührt, weil ich soetwas vor 20 Jahren selber dringend gebraucht hätte

  3. sepp z. sagt:

    mayer, so gratis und altruistisch ist das nicht.
    gewinne werden sehr wohl erwirtschaftet.
    “Die Stiftung ist alleinige Eigentümerin der millionways AG und erhält somit auch alle Gewinne.”
    und gratis ists auch nicht
    “Sobald eines dieser Unternehmen erfolgreich wird und Gewinne macht, fließt ein Teil der Gewinne zurück an millionways”
    nachzulesen auf der homepage der holding.
    gemeinnützige stiftung könnte dann bedeuten: bezahlt keine steuern. was für amazon recht ist, wird für andere billig sein.