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«Die Unterwasserwelt ist zu meinem Zuhause geworden»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 22. November 2014

Sein erster Tauchgang endete frühzeitig, weil ein Hecht ihn in die Flucht trieb. Doch Uli Kunz tauchte immer wieder in die Unterwasserwelt, studierte Meeresbiologie und wurde Forschungstaucher. Die Bilder, die der 39-Jährige aus dem Höhlenlabyrinth von Yucatán oder von seinen Begegnungen mit Walhaien an die Erdoberfläche mitbringt, schenken dem Betrachter Zugang zu einer unbekannten Welt.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Kunz, Sie sind mit 9 Jahren zum ersten Mal getaucht, haben mit 14 den Tauchschein gemacht – über die Berufswahl mussten Sie sich vermutlich nie den Kopf zerbrechen.

ULI KUNZ: Auch für mich galt: Aller Anfang ist schwer. Beim ersten Tauchversuch im Bodensee hat mich ein harmloser Hecht in die Flucht getrieben. Die Neugier war aber grösser als die Angst, also stieg ich bald wieder ins Wasser. Mein Vater hat mich in dieser Hinsicht geprägt. Er war Biologielehrer und ein Abenteurertyp, der mich in meinem Gefühl bestärkte, dass es unglaublich viel zu entdecken gibt auf dieser Welt. Meine Mutter stand meiner Taucherleidenschaft kritischer gegenüber. Sie warnte davor, dass mich Haie angreifen oder riesige Oktopusse in die Tiefe ziehen könnten.

Sie dürfte in den letzten 20 Jahren viel gelitten haben…

Ich begann ja zunächst ein Medizinstudium und wechselte dann zu Meeresbiologie, weil ich nicht nur einen Organismus, sondern ein ganzes Spektrum kennen lernen wollte. Dafür zog ich von Freiburg nach Kiel, weil das die beste Adresse für

Uli Kunz, Meeresbiologe und Forschungstaucher.

Uli Kunz, Meeresbiologe und Forschungstaucher.

Meeresbiologen ist. Parallel dazu absolvierte ich die Ausbildung zum Forschungstaucher und konnte bald erste Expeditionen begleiten. Der Anfang war gleich eine schöne Herausforderung: In der Arktis sind wir bei null Grad unter Eis getaucht. Zuvor hatte ich schiessen gelernt, um mich im Notfall und im allerletzten Moment gegen Eisbären verteidigen zu können.

Sie sind danach immer wieder in sehr kalten Gewässern getaucht. Wie hält der Körper das aus, und warum ist es so reizvoll?

Wir benutzen dafür spezielle Trockentauchanzüge, die den Körper gut vor der Kälte schützen. Einzig die Hände und das Gesicht sind exponiert. Ich tauche sehr gerne im Kaltwasser, weil man da in eine Welt eintaucht, über die wir sehr wenig wissen. Vom Schiff aus sieht man nur die graue Oberfläche oder Eis und denkt, in diesen Zonen gebe es keine Vegetation. Aber unter Wasser taucht man in eine Wunderwelt voller Farben ein.

Hatte Ihre Mutter denn recht, wenn sie das Tauchen für gefährlich hielt? Erleben Sie ähnlich heikle Situationen wie ein Extrembergsteiger?

Nein, es gibt weder Steinschlag noch Lawinen unter Wasser und auch keine Absturzgefahr. Wenn etwas passiert – wenn etwa ein Schlauch platzt oder es in einer Höhle wegen aufgewirbelten Sediments stockdunkel wird – kann man ruhig nach eingeübten Szenarien reagieren. Alles liegt in deiner Verantwortung. Deshalb habe ich auch in den dunkelsten Höhlen, in die wir zwei Kilometer hineingetaucht sind, keine Angst; auf der Autobahn dagegen manchmal schon. Da bin ich machtlos, wenn ein Lenker unter Drogeneinfluss mit 200 Stundenkilometern in mich reinknallt.

Das Verhalten von Haifischen und anderen Unterwassertieren können Sie auch nicht kontrollieren.

Das ist richtig, aber ich habe mich in all den Tauchgängen noch nie bedroht gefühlt. Haie und Robben sind zwar teilweise sehr neugierig, sie zwicken dich auch mal in ein Bein oder einen Arm, aber das sind keine Angriffe. Beim Tauchen mit Walhaien bin ich mal von einem Tier über den Haufen geschwommen worden. Natürlich ist das eindrücklich, wenn so ein 10-Tonnen-Koloss in dich reinschwimmt. Aber auch das war keine Attacke, ich war ihm einfach im Weg. Am gefährlichsten sind interessanterweise die Kleintiere. Immer wieder bringen sich Taucher oder Schnorchler in Lebensgefahr, wenn sie Kegelschnecken oder Steinfische anfassen und ihr Gift in den Körper gelangt. Nein, ich empfinde keine Angst, eher eine kindliche Aufregung vor jedem Tauchgang, gepaart mit hoher Konzentration.

Wie verändert sich die Wahrnehmung unter Wasser?

Die Sinneswahrnehmung ist extrem eingeschränkt. Man schwebt in der Horizontalen in einem dreidimensionalen Raum – allein dies macht einen grossen Unterschied zum Leben an der Erdoberfläche. Weil das Reden wegfällt, ist die Kommunikation sehr knapp, sie läuft über wenige Handzeichen und den Blick. Eindrücklich ist die Geräuschkulisse, weil der Schall viel schneller übertragen wird. Einmal hatte ich beim Tauchen in der Ostsee das Gefühl, gleich ramme mich die Fähre, weil ich das Schiffschraubengeräusch so unglaublich laut hörte. An der Wasseroberfläche sah ich, dass sie noch über einen Kilometer von mir entfernt war. Viel interessanter ist es natürlich, den Tieren zuzuhören. Ich erinnere mich an einen Tauchgang vor Churchill in Kanada. Es war unfassbar, was die Beluga-Wale dort für ein Konzert veranstalteten, eine Mischung aus Schnattern, Zirpen und Trällern.

In der Öffentlichkeit sind Sie nicht nur wegen Ihrer Erforschung der Unterwasserwelt bekannt, sondern auch wegen der spektakulären Fotos, die Sie mit Ihrem Team auch in dunkelsten Höhlen schiessen. Gibt es da nie einen Zielkonflikt zwischen dem Forscher und dem Fotografen?

Die beiden Aspekte ergänzen sich gut. Bei den Expeditionen in die Kalksteinhöhlen auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán, wo die Hochkultur der Maya auf- und wieder unterging , stand zunächst das wissenschaftliche Arbeiten im Vordergrund. Es ging um archäologische Fragestellungen, um die Datierung von Knochen, die Dokumentation von Fundstellen. In einer ersten Phase liess ich die Kameras an Land, sie wären uns nur im Weg gewesen. Dann tauchten wir erneut in die Höhlen, um diese fantastische Unterwasserwelt fotografisch festzuhalten und das Interesse der Öffentlichkeit zu gewinnen. Und schliesslich entstand mit einer grossen Crew der 3-D-Kinofilm «Die Höhlen der Toten», der mehrere Monate in den deutschen Kinos lief und die geheimnisvollen Tropfsteinhöhlen all jenen zugänglich machte, die nicht selber durch die Unterwelt tauchen können.

Gibt es unter den vielen spektakulären Fotografien eine, auf die Sie besonders stolz sind?

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Kategorien. Manche Fotos muss man akribisch planen, man braucht viel Material und gutes Teamwork. In der Unterwelt von Yucatán waren wir teilweise vier Stunden unterwegs, um drei bis vier Bilder zu realisieren. Die andere Kategorie sind die Glücksfälle – wobei man sich das Glück immer verdienen muss. So war ich während fünf Wochen mit Forschern vor der Nordseeinsel Helgoland am Tauchen mit dem Ziel, mehr zu erfahren über das Zusammenleben von Kegelrobben und Seehunden. Beide gehören sie zur Familie der Hundsrobben. Immer wieder hörten wir, dass die Kegelrobben nicht nur Fische, sondern auch Seehunde fressen. Ich war extrem neugierig, ob wir diesem ungewöhnlichen Frassverhalten auf die Spur kommen.

Und da hatten Sie Glück?

Ja, ich konnte die ersten Bilder machen, die zeigen, wie eine Kegelrobbe einen Seehund unter Wasser zerreisst. Das war ein eindrücklicher Moment, sind die Kegelrobben mit ihren 3 Meter Länge und 300 Kilo Gewicht doch das grösste Raubtier Deutschlands. Eine andere Kegelrobbe hatte es auf meine Kamera abgesehen, auch das gab einen schönen Schnappschuss.

Folgen Sie bei Ihrer Arbeit einfach Ihren Interessen oder sehen Sie darin einen übergeordneten Sinn?

Früher war ich ein Tagträumer, ich liess mich treiben von der Kraft der Begeisterung. Diese Kraft ist immer noch mein Hauptantrieb. Ich kann immer wieder neu in völlig unbekannte Welten eintauchen und durch meine Arbeit viele Menschen sensibilisieren für die Geheimnisse, aber auch die Gefährdung der Unterwasserwelt. Ich fühle mich vollkommen in meinem Element dort unten, es ist eine Art Zuhause geworden oder zumindest mein schönstes Büro. Die Ozeane sind mit Abstand der grösste Lebensraum unserer Erde, und wir wissen erstaunlich wenig darüber. Deswegen komme ich jedes Mal mit neuen Geschichten an die Wasseroberfläche zurück. Nun freue ich mich enorm darauf, in der Antarktis, wo ich seit vier Jahren als Reiseleiter unterwegs bin, die Unterwelt zu erforschen und durch die Kelpwälder zu tauchen.

Wälder?

Ja, man schwimmt dort buchstäblich durch Wälder. Es sind unheimlich nährstoffreiche Gewässer, in denen die Braunalgen mehrere Meter hoch werden und oben grosse Blätter ausbilden zur Fotosynthese. Vor Südafrika bin ich durch einen Wald aus 15 Meter hohen Pflanzen getaucht, über dir die sich wiegenden Blätter, neben dir Haie und Fischschwärme, das ist etwas vom Erhabensten, was ich je erlebt habe – ein Waldspaziergang in der Horizontalen.

Sie klingen wie jemand, der sehr glücklich ist bei dem, was er macht.

Das ist so, aber es gibt wie bei allem Sonnen- und Schattenseiten. Man kann nicht ein Leben lang so tauchen, in zehn Jahren wird mein Körper das nicht mehr mitmachen. Und wenn man sieben oder acht Monate pro Jahr unterwegs ist, kann man keine Familie gründen. Ich möchte nicht auf Dauer ein Getriebener sein, sondern wünsche mir in den nächsten Jahren etwas mehr Ruhe und Beständigkeit. Aber ich werde immer wieder ins Wasser, in diesen weitgehend fremden Lebensraum zurückkehren. Dort unten ist man so klein und unbedeutend und kommt erst gar nicht auf die Idee, man könnte die Dinge managen und im Griff haben. Da gibt es nichts anderes als Hingabe an den Moment und Vertrauen. Das ist eine sehr wohltuende Erfahrung.

Kontakt und Information:

www.uli-kunz.com

Termine der Vortragsreihe von Uli Kunz in der Schweiz:

https://www.explora.ch/programm/tiefenrausch

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