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Der Pfarrer, der Modehändler wurde und Seelsorger blieb

Mathias Morgenthaler am Freitag den 18. Februar 2011
Johnson Eliezer-Jensen

Johnson Eliezer-Jensen

Mit 50 stieg Pfarrer Johnson Eliezer-Jensen von der Kanzel herab, um mit seiner Frau Kleider und Schuhe zu verkaufen. In seine Boutiquen in Bern und Zürich kommen auch Menschen zur Seelsorge, die nie einen Fuss in eine Kirche gesetzt hätten. «Es ist entscheidend, welchen Geschichten wir Macht über unser Leben geben», sagt der Unternehmer.  Interview als PDF-Datei  Herr Eliezer-Jensen, Sie haben als Theologe eine Blitzkarriere hingelegt, quittierten aber mit 50 den Kirchendienst. Ging alles zu schnell?
JOHNSON ELIEZER-JENSEN:
Wenn man jung ist, sieht man diese verlockende Leiter vor sich, an deren Ende Geld, Macht, Ansehen winken. Unweigerlich denkt man: «Da muss ich hoch!» Man investiert jahrelang alle erdenkliche Energie um aufzusteigen. Wenn man dann oben ist und alles erreicht hat, ist man seltsamerweise nicht glücklich, sondern man fühlt immer noch leer und fragt sich: «Ist das wirklich alles?» Und mit Schrecken stellt man fest: Da hinunter zu steigen, ist ziemlich schwierig. Man hat sich gewöhnt sich rasch an die Privilegien, die eine gut dotierte Stelle mit sich bringt.

Haben Sie dieses Gefühl der Leere selber erlebt?
Ja. Ich kam mit 20 Jahren aus Indien in die Schweiz und studierte in Bern Theologie. Ich musste mir alles hart erarbeiten. Ich wollte mir und den anderen beweisen, dass ich das kann. Mit 29 Jahren wurde ich Pfarrer in Langnau. Ich wurde schnell sehr populär. Die Medien schrieben vom «Super-Pfarrer». Bevor ich nach Sumiswald wechselte, wurde mir sogar das Präsidium des SC Langnau angeboten. Ich war jung und beliebt, aber menschlich unreif. Von aussen gesehen hatte ich es geschafft, aber ich war innerlich ruhelos, ohne Frieden.  

Als Pfarrer von Sumiswald gerieten Sie Ende der Neunzigerjahre in die Schlagzeilen, weil sie mit Ihrer Ex-Frau, Ihren Töchtern und Ihrer neuen Partnerin unter einem Dach lebten.
Rückblickend bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung. Sie hat einen reinigenden Prozess in mir ausgelöst. Ich kann die Geschichte meiner Reifung hier nicht in allen Einzelheiten erzählen. Deshalb nur so viel: Ich kam irgendwann zur Erkenntnis, dass die Defiziterfahrung zu den Grundbedingungen der menschlichen Existenz gehört. Mit konventionellem Erfolg lässt sich die Leere im Herz nicht vertreiben. Also stellt sich für uns alle die Frage: Was machen wir mit unserer unerfüllten Sehnsucht? Manche stürzen sich in eine Affäre, um sich wieder lebendig zu fühlen, andere legen sich beruflich noch mehr ins Zeug. Was wir wirklich brauchen wäre Frieden. Es gibt in der deutschen Sprache dieses wunderbare Verb «stillen»: die Mutter gibt dem Kind die Brust, damit es zur Stille kommt. Da wollen wir alle unbewusst oder bewusst hin.Wie finden wir als Erwachsene inneren Frieden, obwohl wir Mangelwesen sind?
Frieden und Transzendenz hängen zusammen. Ich erfahre es als sehr beruhigend zu wissen, dass es eine Güte und eine Liebe gibt, die mich meinen und die mich nicht vergessen; dass ich berufen bin zu einer Aufgabe in dieser Welt. Mein Leben hat dadurch ein Fundament und einen Zusammenhang. Das hilft mir, über mein Versagen und meine Mängel hinwegzusehen. Wer diese Berufung nicht empfindet, ist wohl anfälliger darauf, sich alles Glück und alle Bestätigung von einer Beziehung oder von der Arbeit zu erhoffen.

Wie haben Sie es geschafft, sich vom Bild des „Super-Pfarrers“ zu lösen und einen neuen Weg einzuschlagen?
Es ist entscheidend, welchen Geschichten wir Macht über unser Leben geben. Ich war als Jugendlicher von Geschichten fasziniert und als Theologe verliebte ich mich in die biblischen Geschichten.

An welche Geschichten denken Sie?
Als Pfarrer betete ich jeden Sonntag in der Kirche: «Unser tägliches Brot gib uns heute…» Ich sprach das Vaterunser als kirchlicher Beamter, der eine der sichersten Anstellungen in dieser Welt hatte. Ein mehr als gut versorgter Bürger, der wusste, dass es ihm an nichts fehlt. Und dann zog ich aus und diese Worte bekamen eine andere Qualität. Es war wie das Volk Israel in der Wüste. Es lernte in der Wüste den elementarsten Glauben: Ich werde nicht vergessen. Ich werde genug bekommen auch an diesem Ort des Mangels.

 Wo sehen Sie die Parallelen zu Ihrem Leben?
(Lacht) Wir wagten uns nach dem Start in Bern in die Wüste Zürich, wo die Konkurrenz enorm und der Neid grenzenlos sind. Im Ernst: Meine zweite Frau ist Dänin und Modedesignerin, sie hatte wenig Mittel und begann mit einem Shop-in-Shop Konzept in Bern. Ich versah anfänglich noch ein Teilzeitpensum als Pfarrer und half mit, so gut ich konnte. Unser Unternehmen stand mehrmals auf der Kippe – wir haben jeden erdenklichen Fehler gemacht. 20’000 Franken – das war alles, was wir hatten. Allein die Gestelle im Laden kosteten uns 3000 Franken. Für den Rest kauften wir Schuhe, ohne zu wissen, ob jemand sie kaufen wird. Die Schuhe trafen zum Glück voll ins Schwarze. Schliesslich gelang es mir nach mehreren Anläufen endlich, das Geld aus der 3. Säule zu beziehen. So folgte ein kleines Wunder auf das andere.

Haben Sie sich nie gefragt, ob es wirklich sinnvoller ist, skandinavische Designmode zu verkaufen statt Pfarrer zu sein?
Ich war immer ein Verkäufer! Wenn man den Glauben heute an den Mann oder die Frau bringen will, braucht man jede Menge Verkäufertalent. Meine Aufgabe hat sich nicht grundlegend verändert. Heute kommen Ware und Wort zusammen. Früher war es Weltanschauung und Wort und ich hatte eine Arbeitgeberin. Heute bin ich selbstständig, ein Seelsorger ohne Pfarrhaus und Kanzel. Die Seelsorge ist und bleibt meine erste Berufung. Die Menschen kommen hier in den Laden, dann ergibt sich oft ein Gespräch, das weit über das Kaufen und Verkaufen hinausgeht. Leute, die nie in die Kirche gehen, wenden sich mit ihren Fragen an mich oder vertrauen mir ihre Sorgen an. Es ist ein Traum, wie ich heute arbeiten kann.

 Leben Sie von dieser Art der Seelsorge?
(Lacht) Nein, mein täglich Brot bringt mir das nicht ein, die Gespräche sind ein Teil meines Dienstes für die Menschen. Ich staune über eines: Seit ich auf diesem Wege der Selbständigkeit bin, werde ich immer zu den richtigen Menschen geführt. Wir hatten ein Eingangsschild, das unangemessen war für einen Laden, der laut Einschätzung der Zeitschrift „Zürich kauft ein“ zu den 20 besten Adressen für Damen-Mode gehört. Wir wollten etwas Besseres in Auftrag geben, konnten uns aber nichts Teures leisten. Schliesslich stiessen wir auf einen Schriftenmaler, der ein wahrer Künstler ist. In vier Monaten hat er uns für wenig Geld mit grosser Hingabe ein Schild erschaffen, wie es in der ganzen Oberstadt kein vergleichbares gibt.

Kontakt und Information:
johnson.eliezer@c-p-h.ch
www.c-p-h.ch

 

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2 Kommentare zu “Der Pfarrer, der Modehändler wurde und Seelsorger blieb”

  1. Samuel sagt:

    Lieber Johnson

    So lese ich im Tagi von Dir!
    Würde mich freuen, wieder einmal von Dir zu hören.
    Hast Du die Andachten in Bern noch?

    Einen schönen Sonntag wünscht Dir, Samuel.

  2. Anh Toan sagt:

    Wir Menschen finden Frieden, wenn wir die Tatsache unserer eigenen Sterblichkeit akzeptieren, vielen hilft dabei der Glaube. Im Kern haben die Budhisten schon recht, wir finden Frieden, wenn wir lernen, uns von unseren Sehnsuechten und Wuenschen (als letzter Wunsch bleibt der Wunsch zu leben) zu befreien, nicht indem wir sie befriedigen, weil dann nur neue Sehnsuechte und Wuensche kommen. Fuer die Budhisten ist das Leben an sich aber negativ, auch die Christen reden vom Tod als Erloesung, wohl auch Juden und Moslems irgendwie. Ich liebe das Leben, zumindest aber kann ich noch lange genug tot sein. Denn hat nur teilweise recht: Oben zu sein macht zwar nicht gluecklich, es dahin geschafft zu haben, ist jedoch schon befriedigend. Aber hat man erreicht, was man erreichen wollte, muss man sich neue Ziele suchen, selbst wenn diese nichtig sind. Das Leben ist wie Lego: Hat man was tolles gebaut, muss man es zerstoeren, um was neues bauen zu koennen, weil dies verschafft uns Befriedigung, nicht das Betrachten des bereits Erreichten. Ob das, was wir erreichen wollen wichtig ist, spielt keine Rolle, das Erreichen des Ziels und das Erbringen der notwendigen Anstrengungen befriedigen uns, dafuer ist der Sport das beste Beispiel.