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«Lassen Sie sich von Ihrem Zukunfts-Ich beraten!»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 2. August 2014
Pero Mićić, Unternehmensberater.

Pero Mićić, Unternehmensberater.

Viele Menschen und Organisationen schaden sich wider besseres Wissen, weil sie die kurzfristige Befriedigung höher gewichten als langfristigen Erfolg. Unternehmensberater Pero Micic zeigt in seinem neuen Buch*, «wie wir uns täglich die Zukunft versauen» und wie man es vermeidet, in die Kurzfrist-Falle zu tappen. Der Experte unternimmt regelmässig eine Zeitreise ins Jahr 2067.

Interview:
Mathias Morgenthaler

Herr Mićić, es gibt hoffnungsvollere Buchtitel als den Ihres jüngsten Werks. Warum haben Sie ein Buch darüber geschrieben, «wie wir uns täglich die Zukunft versauen»?

PERO MICIC: Es gibt ja noch einen Zusatz zum Titel, die Aufforderung «Raus aus der Kurzfrist-Falle». Ich hielt es allerdings für notwendig, den Missstand ausführlich zu schildern, bevor ich Empfehlungen abgebe. Ich begleite seit 25 Jahren Führungskräfte und Unternehmer bei der Erarbeitung und Umsetzung von Zukunftsstrategien. Und immer wieder musste ich beobachten: Viele wüssten zwar, was richtigerweise zu tun wäre, tappen am Ende aber doch in die Kurzfrist-Falle. Wir fischen die Weltmeere leer. Wir holzen die Wälder weiter ab, obwohl die katastrophalen Folgen absehbar sind. Und die westlichen Staaten verschulden sich hemmungslos weiter, obwohl wir ausrechnen können, welche Bürde das für nachfolgende Generationen sein wird.

Sie erklären das damit, dass wir alle «zukunftsdumm» geboren werden. Man könnte auch sagen: Wir sind uns selber am nächsten, legen ein egoistisches Verhalten an den Tag.

Das gilt vielleicht für den Politiker, der ein offensichtlich katastrophales Rentensystem durchboxt, weil ihm das kurzfristig den Applaus der Bürger und somit die Wiederwahl bringt. Wenn allerdings Individuen zu viel essen, zu wenig Sport treiben oder die Altersvorsorge vernachlässigen, kann man das nicht mit Egoismus erklären. Sie schaden sich damit nur selber – allerdings erst mittel- bis langfristig. Sobald eine sofortige Befriedigung winkt, siegen Bequemlichkeit und Gier über Vernunft und Beharrlichkeit. Das hat damit zu tun, dass die Zukunft kaum eine Rolle spielte in der Zeit, in der unser Gehirn entstanden ist. Die Jäger und Sammler schlugen sich die Bäuche voll, wenn sich die Gelegenheit dazu bot, ansonsten vertrauten sie auf ihre Instinkte. Durch die Industrialisierung und spätestens mit der Digitalisierung ist die Welt im Prinzip zu komplex geworden für unser Gehirn. Der Mensch ist ein Kurzfrist-Tier mit fatalem Hang zur Kurzfrist-Orientierung. Wir sind Homo Praesens. Was uns kurzfristig glücklich macht, schadet uns aber in unserem späteren Leben oft massiv.

Wie schaffen wir es dennoch, vernünftig zu leben und uns so zu verhalten, dass wir langfristig gesund und erfolgreich sind? Das Fleisch ist bekanntlich schwach und der Wille zum Verzicht ebenfalls.

Es macht den Menschen einzigartig, dass er über die Zukunft nachdenken, sie sich vorstellen und aus ihr lernen kann, obwohl sie noch nicht stattgefunden hat. Allerdings ist es tatsächlich so, dass der Imperativ «Ich sollte..» – oder noch schlimmer: «Du solltest…» – normalerweise wenig Kraft hat und chancenlos ist gegen das emotionale «Ich will…». Der Mensch ist primär ein emotionsgesteuertes Gegenwartswesen. Er kann seine Willenskraft, die bei Geburt mehr oder weniger stark entwickelt ist, allerdings trainieren. Gerade weil uns heute so viele Möglichkeiten offenstehen, müssen wir uns ständig entscheiden – nicht nur für, sondern auch gegen viele Dinge. Es ist deshalb wichtiger als je, unsere Willenskraft zu schonen und nötigenfalls zu stärken oder gar zu erweitern.

Wie gelingt das am besten?

Die Vorstellungskraft spielt dabei eine Schlüsselrolle. Letztlich geht es um die Frage, was ich gewinne, wenn ich mich vernünftig verhalte und auf Instantbefriedigung verzichte zugunsten eines übergeordneten langfristigen Ziels. Je genauer sich jemand den erwünschten Zielzustand ausmalt, desto eher ist er in der Lage, sich rational statt emotional zu verhalten. Ich nenne dies das «Future Me». Machen Sie sich ein Bild davon, wie Sie in 10, 20 oder 30 Jahren sein wollen, was Sie nicht bedauern und wofür Sie sich nicht schämen wollen oder worauf Sie stolz sein wollen. Machen Sie sich ein ganz konkretes Bild davon, was Sie dereinst verkörpern wollen. Und fragen Sie sich bei jeder wichtigen Entscheidung, ob sie dadurch diesem Bild einen Schritt näher kommen. Lassen Sie sich von Ihrem Zukunfts-Ich beraten. Dadurch verändert sich Ihr Verhalten. Schon Friedrich Schiller wusste, dass der Geist sich den Körper schafft.

Man kennt solche Imaginationsübungen aus Seminaren, aber haben Sie das wirklich im Alltag verankert?

Ja, ich orientiere mich immer wieder am Jahr 2067 – nicht nur in meinen Referaten, auch im Alltag. Dann werde ich hoffentlich 100-jährig sein und ohne allzu viel Reue auf mein Leben zurückblicken können. Es ist wichtig, dass wir immer wieder die Anstrengung unternehmen, uns in groben Zügen unser ganzes Leben vor Augen zu führen. Wir führen ja fast alle To-Do-Listen für die dringlichen, aber meist nicht extrem wichtigen Dinge des Alltags. Ich habe für mich praktisch am gleichen Ort jene Dinge festgehalten, die für mein ganzes Leben wichtig sind. Ich nutze dafür eine Software, aber man kann sich das auch an den Badezimmerspiegel heften oder an die Wand im Wohnzimmer pinnen.

Reicht das, um das Alltagsverhalten zu verändern?

Es ist wie erwähnt entscheidend, wie gut sie sich den gewünschten Zustand vor Augen führen, ob Sie es schaffen, das Gefühl, das Sie sich davon erhoffen, vorwegzunehmen. Hilfreich sind dabei Mentoren und Vorbilder. Und Sie können Ihre Willenskraft erweitern, indem Sie Ihre Umgebung bewusst einrichten: Sie können sich ein Gemüseabonnement und automatische Zahlungen in die Altersvorsorge einrichten, während wichtigen Aufgaben Internet, Mails und Telefonleitungen ausschalten etc. Die Medien-, Waren- und Kommunikationsvielfalt sind eine natürliche Bedrohung für unsere Willenskraft. Entscheidend ist schliesslich, ob es uns gelingt, das Bild vom «Future Me» in ein «Future We» einzubringen. Es gibt nichts Kraftvolleres, als gemeinsam eine Vision zu entwickeln.

Haben Sie das immer so gesehen?

Nein. Ich wusste zunächst nur, dass ich mein eigener Chef werden wollte. Schon als Kind habe ich eine Faszination für Unternehmerfamilien entwickelt. So gründete ich noch vor dem Studium eine Firma und führte vier Angestellte. Eigentlich war ich viel zu jung, um Verantwortung für Personal zu tragen. Später, als Unternehmensberater, war ich zunächst Einzelkämpfer und baute dann allmählich das Team bis auf 20 Mitarbeiter aus. Erst die klar ausgestaltete Vision ermutigte mich dazu, aus der Komfortzone rauszugehen, einen erfahrenen Partner als Willenskraft-Erweiterung hereinzuholen und gute Mitarbeiter einzustellen. Das Unternehmen ist ein idealer Ort, um ein «Future We» herauszubilden, es sind aber auch Familie, Verein und Stadt nötig.

Das gelingt aber schlecht, wenn Firmen und ihre Chefs an Quartalszahlen gemessen werden. Gerade in der Unternehmenswelt fehlt es doch oft an Weitsicht und Geduld.

Wer die kurzfristige Optimierung misst und belohnt, muss in Kauf nehmen, dass die langfristigen Ziele aus den Augen geraten. Manch ein Familienunternehmen, das an die Börse ging, wurde dadurch vergiftet. Extreme Kurzfrist-Fokussierung gefährdet das langfristige Überleben. Ein Problem ist, dass viele Manager und auch Politiker nicht geradestehen müssen für die Konsequenzen ihrer Entscheidungen, weil sie dann längst weg sind. In vielen Familienunternehmen ist das Langfristdenken stärker verwurzelt, die Verweildauer ist höher. Diese Kontinuität stärkt die Identität, das «Future We» und damit die Motivation jedes Einzelnen. Wer sich mit Gleichgesinnten dauerhaft für eine sinnvolle Sache einsetzt, ist weniger versucht, sich ablenken zu lassen und in die Kurzfrist-Falle zu tappen.

Kontakt und Information:

www.micic.com

Das Buch:

Pero Mićić: Wie wir uns täglich die Zukunft versauen. Raus aus der Kurzfrist-Falle. Econ Verlag, Berlin 2014.

 

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7 Kommentare zu “«Lassen Sie sich von Ihrem Zukunfts-Ich beraten!»”

  1. Gerda sagt:

    Ergo, ist das Eichhörnchen welches ein Wintervorrat anlegt, viel intelligenter als der Durchscnittsmensch!

  2. Gerda sagt:

    Und Tiere und Naturvölker die nur so viel der Natur entnehmen als sie wirklich brauchen, sind viel weiter entwickelt als der moderner Mensch? Mir scheint die Begriffe “Fortschritt” und Wachstum” sind/ waren viel tödlicher ls welcher Krieg auch immer. Hoffentlich gibt es bald eine Periode wodrin die Menschen für 8 Jaher unfruchtbar sind/werden.

  3. Christian Heinzer sagt:

    Ist eines der zentralen Themen des Philosophie des 19. Jahrhundert. Hier vermeidet Micic die Tatsache, dass Menschensein im Spannungsfeld zwischen einem ethischen und einem ästhetische Lebensführung pendeln heisst. Siehe hierzu Sören Kierkegaard, Entweder-Oder. Micic‘s Thesen blenden ganz einfach den ästhetischen Aspekt aus. Sein Text wird dadurch trivial. Aber es verkauft sich besser. Mich dünkt, dass Kierkegaards These, wonach es keinen Plan gibt, der darüber in der Lage ist, Rechenschaft abzulegen, ob ein Lebensentwurf gut (und glücklich macht) oder schlecht ist.
    Daher die Verzweiflung als Grundvoraussetzung des Menschseins. Siehe auch Alber Camus in „Der Mythos des Sisyphos“. Also Taschenspielertrick, Herr Micic.

  4. Paul Rinderknecht-Kleti sagt:

    compris.

  5. Charlotte sagt:

    Carpe diem??? Oder Carpe Zukunft? Wie war das nochmal?

  6. Pero Micic sagt:

    Guten Tag Herr Heinzer, haben Sie das hier genannte Buch zum Thema gelesen? Wenn ja, wäre eine zweite Lesung empfehlenswert, denn Sie haben offenbar zentrale Passagen überlesen. Wenn nein, fragt man sich, wie Sie zu Ihrer selbstsicheren Erkenntnis kommen, dass ich einen bestimmten wesentlichen Gedanken ausblende, um dann zu Ihrem polemischen Urteil kommen.

  7. Martin Johansson sagt:

    Durch unseren Wohlstand und unsere Multi-Optionsgesellschaft mit dem konsekutiven Begehren, alle möglichen Optionen auch auszuleben geraten wir in eben dieses Dilemma zwischen jetzt und später. Es ist in der Gesellschaft ein deutlicher Wertewandel zu spüren, früher hatte man eher ein langfristiges Lebensziel, auf das hingearbeitet wurde, meistens Familie, eigenes Heim, Wohlstand im Alter. Heute wollen die Jungen schon alles haben, was man sich früher erst im Alter leistete. Schuldenmachen ist Trend, sowohl bei Staaten, bei CEOs wie auch beim einfachen Bürger. Dieser Wertewandel birgt Sprengstoff für die nachkommenden Generationen. Da ist es sicher gut, auf eine “vernünftige” Lebensplanung hinzuweisen. Andererseits frage ich mich auch immer wieder, wofür ich mich bei der Arbeit täglich abackere. Damit ich das Leben dann geniessen und dann so richtig auf den Putz hauen kann wenn ich alt, faltig und impotent bin, nicht mehr gut sehe und höre und jeden Tag mit Rheumaschmerzen aufstehe??