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«…als müsste ich mir jedes Bild aus den Rippen schneiden»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 5. April 2014
Daniel Svaton, Maler.

Daniel Svaton, Maler.

Daniel Svaton wollte Goldschmied werden – und wurde Zahntechniker, weil das in seiner Familie als sicherer Beruf galt. Danach pendelte er jahrzehntelang zwischen vernünftigem Broterwerb und künstlerischem Schaffen. In den letzten Jahren rückte die Malerei in den Vordergrund. Ein Gespräch über qualvolle Stunden vor der Leinwand und Begegnungen mit der heiteren Stille.

Interview:
Mathias Morgenthaler

Herr Svaton, wie sind Sie Maler geworden – haben Sie sich schon in jungen Jahren zum Künstler berufen gefühlt?

DANIEL SVATON: Nein, das war nicht von Anfang an klar. Mein beruflicher Werdegang war vielmehr ein Suchen, ein Pendeln zwischen Sicherheit und kreativem Schaffen.

Sie sind 1968 mit Ihren Eltern aus der damaligen Tschechoslowakei in die Schweiz gekommen. Hatte die Flucht einen Einfluss auf Ihre Berufswahl?

Wenn man Angst hat und seine Heimat verlässt, steht sicher die Existenzsicherung im Vordergrund und nicht die Selbstverwirklichung. Als die Frage im Raum stand, was ich werden sollte, meinte ein Freund meiner Eltern: «Etwas mit Zähnen wäre gut – Zähne werden immer ausfallen.» Ich wäre lieber Goldschmied geworden, zweifelte aber an meinem Talent. Also fing ich eine Lehre als Zahntechniker an.

Sie passten sich den Erwartungen Ihrer Eltern an?

Vielleicht hätte ich mich entschiedener dagegen aufgelehnt, wenn mein Vater nicht in der ersten Woche nach Beginn meiner Lehre gestorben wäre. So beschränkte sich meine Auflehnung darauf, dass ich die Lehre nach zwei Jahren unterbrach und auf einem biodynamischen Bauernhof im Emmental eine Landwirtschaftslehre anfing. Als Akt der Abgrenzung vom Elternhaus war das eine gute Sache, mein Ding war es allerdings nicht. Deshalb schloss ich dann doch die Zahntechniker-Lehre ab. Trotz Bestnote war mir klar, dass ich nicht auf diesem Beruf arbeiten wollte.

Schlug das Pendel nun in Richtung Kunst aus?

Ich bewarb mich für den Vorkurs an der Schule für Gestaltung in Basel, wurde aber nicht berücksichtigt. Als ich es kurz darauf knapp nicht ins Ensemble des Jugendtheaters in Basel schaffte, dachte ich: Jetzt reicht’s! Ich meldete mich ab, flog nach Neuseeland und fand dort sofort eine Stelle als Zahntechniker.

Das klingt mehr nach Flucht als nach Neustart.

Die Ernüchterung stellte sich jedenfalls rasch ein. Zurück in der Schweiz holte ich die Matura nach und begann ein Geschichtsstudium. Doch meine Fragen blieben. Wohin gehörte ich in dieser Welt? Was war meins? Was wollte und konnte ich?

Nach zwei Jahren an der Uni gab ich mir einen Ruck und versuchte es noch einmal mit dem Vorkurs, was dann auch geklappt hat. Während dieses Jahres machte ich viele gute Erfahrungen und konnte mich, was das Gestalten betrifft, so richtig ausprobieren. Tendenziell bewegte ich mich in Richtung freie Kunst. Der Mut, diesen eingeschlagenen Weg konsequent weiter zu gehen, fehlte mir aber zu dieser Zeit noch.

Sie wählten schliesslich eine Art Mittelweg zwischen Sicherheit und Kreativität, studierten Industriedesign in Offenbach und arbeiteten schon bald auf diesem Beruf.

Damals erlebte ich erstmals Wertschätzung für eine Tätigkeit, die mir auch am Herzen lag. Ich war Teil eines motivierten Teams und arbeitete an interessanten Projekten. Das war eine gute Zeit für mich. Der Liebe wegen kam ich dann nach Basel zurück. Wenn ich von Zeit zu Zeit an Kunstausstellungen ging, dachte ich manchmal: Ich möchte nicht einfach Kunst konsumieren, ich möchte etwas Eigenes schaffen. Aus diesem Impuls heraus absolvierte ich die Aufnahmeprüfung zur Zeichenlehrer-Ausbildung und wurde aufgenommen, wusste aber nicht, wie ich mir die vier Jahre hätte finanzieren können – zumal die Aussichten, danach eine Stelle zu bekommen, nicht besonders gut waren.

Das heisst, Sie rissen das Steuer nochmals herum und suchten die Job-Sicherheit?

Ja, ich fand eine Stelle als Produkt-Manager und Ausbildner in einem Startup, das Zahnimplantate herstellte. Allerdings herrschten in diesem jungen Unternehmen chaotische Zustände, ich war auf mich alleine gestellt, hätte die Konstrukteure beraten und gleichzeitig die Schulungsabteilung aufbauen sollen. In dieser Zeit begann ich – man könnte sagen, als eine Form der Psychohygiene – mit der Malerei. Während des Vorkurses hatte ich wohl Verschiedenes ausprobiert, mich aber nicht an grössere Formate gewagt. 2004 kaufte ich eine Leinwand, 150 auf 160 Zentimeter, und gab mir die Erlaubnis, so lange vor dieser Leinwand zu stehen, bis etwas passierte.

War es eine Befreiung?

Es hatte etwas Befreiendes, ja, denn es bedeutete für mich, zu mir zu stehen, auf meine Bedürfnisse zu achten. Gleichzeitig war ich unruhig, denn da war auch diese Stimme, die immer wieder fragte: Was soll das? Wozu soll das gut sein? Hast du nichts Nützliches zu tun? Es dauerte einige Zeit, bis die destruktive Stimme leiser wurde. Gleichwohl blieb es ein Ringen und fühlte sich an, als müsste ich mir jedes Bild aus den Rippen schneiden.

Was war so schmerzvoll daran?

Ich war in diesem Moment zurückgeworfen auf meine Ängste und Zweifel. Die Angst vor Kritik, vor dem Scheitern, die Befürchtung, zu wenig kreativ zu sein, die mich schon davon abgehalten hatte, den Beruf des Goldschmieds zu erlernen. Es gab aber auch die Momente, in denen diese dunklen Gefühle zurücktraten und ich den Eindruck hatte, Anschluss zu finden an etwas Grösseres. Dann entstand beim Malen etwas, was zwar unzweifelhaft von mir gefertigt worden war, mir aber nicht vertraut war, weil es meinen Horizont überstieg. Wenn ich lange genug vor der Leinwand ausharrte und das Zwiegespräch aushielt, passierte etwas, was mich berührte.

Wann gingen Sie damit erstmals an die Öffentlichkeit?

Zunächst liess ich niemanden in mein Atelier, dann öffnete ich die Tür einen Spalt breit, dann liess ich sie offen und 2006 organisierte ich eine erste Ausstellung. Erfreulicherweise bekam ich sehr viele positive Rückmeldungen und es war schön zu erleben, wie die Bilder, die mir persönlich am wichtigsten waren, auch die grösste Resonanz bei den Betrachtern weckten. Ich fühlte mich bestärkt in meinem Weg. Hauptberuflich arbeitete ich wieder als Industriedesigner, diesmal in Horn am Bodensee. Nach einigen Jahren beschloss ich, nicht länger zweigleisig zu fahren und mich für eine gewisse Zeit ganz auf die Malerei zu konzentrieren.

Ist es schwierig, sich im Kunstbetrieb zu behaupten?

Ich konnte in den letzten Jahren in einigen Galerien ausstellen. Der Aufwand, den man betreiben muss, um so weit zu kommen, ist aber beträchtlich.

Um was geht es Ihnen beim Malen?

Ich versuche in meinen Bildern einem flüchtigen Moment Ausdruck zu geben. Es ist für mich jener wertvolle Augenblick, in dem das ständige Geschwätz in meinem Kopf zur Ruhe kommt und eine heitere Stille sich ausbreitet. Ich fühle mich verbunden mit etwas Grösserem, in dem ich geborgen bin. Ich würde es einen spirituellen Moment nennen oder auch einfach einen Glücksmoment.

Sind das Ihre Gefühle beim Malen oder jene, die Sie beim Betrachter hervorrufen möchten?

Es ist in gewissem Sinne die Bedingung für mein Malen und gleichzeitig auch das, was ich beim Betrachter auslösen möchte. Ich brauche diese Abwesenheit von Geräuschen, die innere Stille, um malen zu können. Und ich wünsche mir, dass die Betrachtung meiner Bilder auch diese meditative Wirkung entfaltet.

Kontakt und Information:

info@danielsvaton.chwww.danielsvaton.ch

Aktuelle Ausstellung (noch bis 27. April): Galerie Lilian Andrée, Riehen www.galerie-lilianandree.ch

 

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2 Kommentare zu “«…als müsste ich mir jedes Bild aus den Rippen schneiden»”

  1. Irene feldmann sagt:

    Sehr schöner Bericht der den Kampf um die innere Freiheit wunderbar beschreibt. Viel erfolg und Freude hr. Svaton