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«Seither mache ich keine Frustkäufe nach Feierabend mehr»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 10. Februar 2011

Olivia Bosshart

Olivia Bosshart

Olivia Bossharts Karriere verlief nach Drehbuch: Wirtschaftsstudium, Doktortitel an der HSG, Unternehmensberatung, Kundenberatung in einer Privatbank. Dann stieg sie aus und begann das zu tun, was sie wirklich interessiert: Menschen vernetzen und Veranstaltungen organisieren. Auf Luxus, Status und Ferien verzichtet sie gerne, so lange sie jeden Tag neue Ideen umsetzen kann.

Frau Bosshart, geraten Sie in Verlegenheit, wenn jemand Sie nach Ihrem Beruf fragt?
OLIVIA BOSSHART: Allmählich hab ich es besser im Griff. Vor einiger Zeit sagte ich jeweils: «Hast du eine halbe Stunde Zeit? Dann erklär ichs dir!» Inzwischen bekomme ich es in drei Sätzen hin: Ich betreibe eine Veranstaltungsplattform für Zeitgeistthemen. Ich bin aber keine Eventmanagerin, sondern gehe die Sache von der Inhaltsseite an. Teilweise bespiele ich die Plattform selber, zu einem anderen Teil organisiere ich Podien, Paneldiskussionen, Referate und Debatten für andere. Dank eines grossen Verteilers und guter Kontakte kommen meistens viele Leute. (Hält inne) Ok, das waren vier Sätze.

Eine Frage ist trotzdem noch nicht beantwortet: Warum müht sich eine HSG-Ökonomin mit Doktortitel als Ein-Frau-Unternehmen damit ab, Anlässe zu organisieren?
Normalerweise rechtfertige ich mich auch sofort, wenn jemand auf der Visitenkarte den Doktortitel der Uni St. Gallen sieht. Damit die Leute nicht denken, ich sei ein Freak, sage ich: Früher habe ich bei Unternehmensberatungen und Banken gearbeitet; heute bevorzuge ich aber eine Arbeit, bei der ich einen Drittel verdiene, drei Mal so viel arbeite und zehn Mal mehr Befriedigung empfinde. Dann denken die Leute meistens: «Die hat gut reden, sicher ist sie reich von Haus aus.» Das trifft ganz und gar nicht zu. Ich finde nur, dass kein noch so hohes Salär einen eklatanten Mangel an Freude, Freiheit und Unabhängigkeit kompensiert.

War es so schlimm bei den Banken?
Wie stellen Sie sich das Klima vor in Unternehmen, wo wöchentlich in Ranglisten publiziert wird, wer wie gut gearbeitet, sprich: wie viel Geld hereingebracht hat? Für mich war das schrecklich. Am Ende war ich so weit, dass ich auf so absurde Gedanken kam wie: «Wenn du dich jetzt ohne Jacke draussen in den Regen stellst, wirst du mit ein wenig Glück krank. Oder du lässt dich von einem Auto anfahren…» Am Anfang wollte ich einiges bewegen. Das Problem ist: Wenn ich als Anlageberaterin eine etwas unkonventionelle Marketing-Idee hatte, musste ich einen Antrag stellen, dann ausführlich begründen, dann einen Budgetplan machen, dann x-fach alles verteidigen – und mit viel Glück konnte ich nach einem Jahr 20 Prozent davon umsetzen.

Dafür hat man Privilegien. Man trifft einflussreiche Leute, verwaltet Geld, kann sich selber etwas leisten.
Für mich fällt am meisten ins Gewicht, dass ich heute eine Idee, die mich mitten in der Nacht heimsucht, am nächsten Tag umsetzen kann. Bei der Bank ging ich oft mit ungutem Gefühl in die Kundengespräche. Erstens wollte ich jemanden nur beraten, wenn ich sicher war, dass ich wesentlich mehr wusste als der Kunde. Zweitens wollte ich seine Situation verstehen und nicht einfach nur Geld hereinholen. Ein Kollege sagte mir einmal: «Du bist so anständig, dass es fast schon anstrengend ist.» Als Beraterin und Bankerin fühlte ich mich mitunter wie eine Hochstaplerin, obwohl ich ja eine solide Ausbildung hatte. Jetzt knüpfe ich viel leichter Kontakte, weil ich ganz hinter dem stehen kann, was ich tue. Ich spreche heute mit grosser Lockerheit auch vermögende Menschen für eine Panel-Teilnahme an, um die ich als Bankerin einen grossen Bogen gemacht hätte.

Und dass Sie mit wesentlich weniger Geld auskommen müssen, hat sie nie gestört?

Es war nicht sehr schwierig, den Lebensstil anzupassen – manches ergibt sich von selber, weil man gar nicht mehr die Zeit hat, für Blödsinn viel Geld auszugeben. Seit ich selbständig bin, habe ich zum Beispiel keine Frustkäufe nach Feierabend mehr gemacht – aus dem einfachen Grund, dass es keinen Frust mehr gibt und eigentlich auch keinen Feierabend. Heute verzichte ich weitgehend auf Luxusgüter und leiste mir dafür den Luxus, in aller Freiheit einen Job zu machen, den es so noch gar nicht gibt.

Wie gross ist diese Freiheit, wenn Sie keinen Feierabend mehr haben?
Wenn man sich entscheidet, das zu tun, was einem am Herzen liegt, wachsen Arbeit und Freizeit zusammen. Ich kann zum Beispiel keine Zeitung lesen, ohne mir Themen oder Namen von interessanten Personen aufzuschreiben. Die Ideen sprudeln, auch in der Nacht oder beim Abendessen, das kann ich gar nicht ausschalten.

Können Sie wenigstens in den Ferien ein bisschen abschalten?
Ferien? Bis jetzt lag das nicht drin. Ich habe sie allerdings nicht vermisst, weil der Alltag so spannend war. (Überlegt) Ok, manchmal ist es auch anstrengend, alles selber am Laufen zu halten. Man ist nie fertig, hat immer zu wenig Zeit, darf sich keine Krankheit, kein arbeitsfreies Wochenende leisten. Manche Kollegen haben sich schon beklagt, dass ich sie am Wochenende anrufe, um Arbeitsdinge zu besprechen. Das passiert mir immer wieder, weil ich unter der Woche einfach keine Zeit finde. Ich bräuchte dreissig Stunden pro Tag. Hätte ich Geld, ich würde Zeit kaufen.

Wollen Sie so weiter rennen bis der Körper streikt?
Es ist eine Gratwanderung. Ein guter Anlass gibt mir unheimlich viel Energie. Es ist wunderbar, Leute zusammenzubringen und zu erleben, wie da etwas Neues entsteht. Manchmal gehe ich nach einer guten Veranstaltung spät nach Hause und finde keinen Schlaf, weil ich so beglückt bin. Aber natürlich bräuchte ich mal ein wenig Regeneration. Vermutlich muss mich jemand bremsen. Ich bin nicht besonders gut darin, mir Sorge zu tragen. Ich gehe gerne bis hart an die Grenzen, wenn ich etwas realisieren will, und ignoriere körperliche Störsignale. Ich muss lernen, haushälterischer mit den Kräften umzugehen. Dazu gehört auch, gewisse Dinge nicht mehr gratis zu machen. Natürlich gibt es immer wieder Leute, die von meinem Kontaktnetz, das über 6500 Adressen aus allen Gesellschaftsbereichen enthält, profitieren möchten. Aber das geht nur über gemeinsame Anlässe, und die brauchen wieder Zeit und Kapazität.

Spielen Sie manchmal mit dem Gedanken, wieder in ein Grossunternehmen zurückzukehren?
Nein, nie, ich frage mich eher, warum ich 40-jährig werden und vier Reorganisationen erleben musste, bis mir klar wurde, dass es auch in Beratungsfirmen und Banken keine Sicherheit gibt. Kurz vor meinem 40. Geburtstag gestand ich mir ein: Ich kann das unmöglich weitere 25 oder 27 Jahre machen. Daran hat sich nichts geändert. Ich übernehme gerne verschiedenste Mandate, aber ich möchte nie meine Seele verkaufen.

Kontakt und Information:
www.kion.ch

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3 Kommentare zu “«Seither mache ich keine Frustkäufe nach Feierabend mehr»”

  1. Eduard Van Langshe sagt:

    Kompliment an Frau Bosshart. Ich wünsche Ihnen weiterhin Erfolg und innere Zufriedenheit. Als ich den Bericht las so fragte ich mich das selbe, möchte ich nicht einfach die Weichen anders stellen!

  2. Jasmin_ist_eine_fremde_Pflanze_hier sagt:

    Es ist wirklich erstaunlich, was sich Mitarbeitende grosser Finanzinstitute gefallen lassen. Ein Nichtbanker, Herr Vasella hat es perfekt auf den Punkt gebracht.” Noch sind wir eine Demokratie”. Da kann man auch Angestellte zwingen, bei der Auslagerung ihrer eigenen Job’s mitzuarbeiten. Und eine Kündigung, mit der man notabene jederzeit rechnen muss wird als schwere persönliche Demütigung empfunden.

  3. Ich finde es toll, dass Sie den Mut hatten, aus dem Alltag auszubrechen. Auf die andere Seite ist es für mich erstaunlich, wie lange Sie gegen Ihre eigenen Überzeugungen einem Job nachgingen, der Ihnen kaum Freude bereitete. Folglich relativiert sich der Mut für den Ausstieg wohl wieder, da der Druck auszusteigen die Entscheidung sicherlich beschleunigte und vereinfachte. Geben Sie nur Acht auf sich, dass Sie sich nicht zu sehr in die neue Beschäftigung vertiefen (durchgearbeitete Wochenenden, lange Arbeitstage, wenig Ausgleich, etc.) und die Situation in einem Burnout endet. Natürlich ist es etwas anderes mit Begeisterung hinter der Arbeit zu stehen, als wenn permanent eine Demotivation die Stimmung dämpft – dennoch empfehle ich Ihnen – insbesondere über einen längeren Zeithorizont – einen Ausgleich (Ferien zum Beispiel :-)).
    Weiterhin viel Spass und Erfolg mit Ihrer neuen Tätigkeit!