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«Man muss nur noch die Tür öffnen, wenn das Glück anklopft»

Mathias Morgenthaler am Freitag den 28. Januar 2011
Gabriella Baumann-von Arx

Gabriella Baumann-von Arx

Sie hat weniger Erfahrung als die Konkurrenz, ist keine gute Chefin und verstösst Jahr für Jahr gegen das wichtigste Gesetz der Branche – und dennoch bringt die Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx einen Bestseller nach dem anderen in die Buchhandlungen. Gegen den Vorwurf, sie mache Boulevard, wehrt sie sich längst nicht mehr.

Interview als PDF-Datei 
Frau Baumann-von Arx, Sie lassen mit den Büchern, die bei Ihnen im Wörterseh-Verlag erscheinen, Jahr für Jahr die etablierten Buchverlage alt aussehen. Haben Sie schon früh davon geträumt, einmal Verlegerin zu werden?
GABRIELLA BAUMANN-VON ARX:
Ich habe als Jugendliche Bücher verschlungen und dachte trotzdem nie daran, selber welche zu schreiben oder gar zu verlegen. Nach der Lehre als Arztgehilfin arbeitete ich als Flight Attendant und lernte meinen späteren Mann Frank Baumann kennen – nicht über den Wolken, sondern auf dem Boden der Realität. Da es damals weder Handys noch Laptops gab, schrieb ich ihm von meinen Reisen oft Briefe. Eines Tages sagte er ganz dezidiert: «Gaby, du musst schreiben!»

Und Sie glaubten ihm und schrieben ein Buch über Nella Martinetti?
Ganz so schnell ging es nicht. Nach der Hochzeit und der Geburt unserer beiden Kinder begann ich, für «Annabelle» zu schreiben, später für die «SonntagsZeitung» und «Wir Eltern». Aber ich litt darunter, dass ich das Schreiben nicht von Grund auf gelernt hatte. Also holte ich das Deutsch-Diplom nach und besuchte Journalistenkurse.

Wie kamen Sie mit der Verlagsbranche in Kontakt?
Der Zytglogge-Verlag brachte die Kolumnen, die mein Mann und ich für die «Schweizer Familie» schrieben, in Buchform heraus. Im gleichen Verlag erschien mein Buch über Nella Martinetti. Dann ergab ein Projekt das nächste. Evelyne Binsack, die Bergsteigerin, fragte mich, ob ich ihr helfen könnte, ein Buch zu schreiben. Und eines Tages rief mich unser Sohn vor den Fernseher und sagte: «Schau mal, diese Frau hilft armen Kindern in Afrika.» Es war ein Dokumentarfilm über Lotti Latrous. Ich sah sie und wusste sofort: «Über diese Frau möchte ich ein Buch schreiben.»

Und was Sie sich in den Kopf setzen, gelingt dann auch?
Wenn das Bauchgefühl derart stark ist, dann bin ich schwer zu bremsen. Im dritten Anlauf klappte es – ich besuchte Lotti und begleitete sie bei der Arbeit. Ich fand es unglaublich, was diese Frau, die mit einem Nestlé-Direktor verheiratet ist und drei Kinder hat, in den Slums von Abidjan unter schwierigsten Bedingungen leistet. Das Buch wurde in den ersten drei Wochen 3000-mal verkauft. Und immer mehr Leser wollten von mir wissen: Wie geht es weiter? Hat die Mutter von Christ überlebt? Ist Emanuel nun an Aids gestorben? Und was sagt ihr Mann eigentlich dazu, dass Lotti Latrous die Familie alleine nach Kairo ziehen liess? Mir war klar: Es musste ein zweites Buch über Lotti auf den Markt kommen.

Wieder das Bauchgefühl? Oder einfach nüchternes Marketingkalkül?
Nüchtern kalkulieren ist garantiert nicht meine Stärke. Beim Werd Verlag fand man meine Idee verrückt. Der Verlag stand ohnehin im Umbruch und winkte ab. Als ich mit einer Lektorin erwog, es auf eigene Faust zu riskieren, landete ein Vogeldreck auf meinem Kopf. Wir lachten und ich wusste: Mehr Zeichen von oben kann ich nicht verlangen. Dann ergab sich alles auf wundersame Weise fast von selber. Ich fand die richtigen Fachleute und hatte das Glück, dass Lotti Latrous Anfang 2005 zur Schweizerin des Jahres gewählt wurde. So führten meine beiden Bücher über sie wochenlang die Bestseller-Liste an. Es hätte auch schief gehen können, denn es war verwegen bis tollkühn, vom zweiten Buch nach der hohen Startauflage von 10’000 Stück gleich 20’000 Stück nachzudrucken.

Der Poker ging auf und Sie waren plötzlich Verlegerin.
Eigentlich wollte ich weiterhin Bücher schreiben. Ich machte mich dann aber doch ein wenig schlau im Verlagsbusiness. Alle schärften mir ein, als Verlegerin müsse ich unbedingt ein Frühjahrs- und ein Herbstprogramm haben. Ich versuchte das und produzierte prompt die ersten Flops. Seither verstosse ich mit Vergnügen gegen das Branchengesetz und beschränke mich auf das Herbstprogramm. So habe ich genug Zeit und Energie für die Promotion im Herbst. Ein Buch ist wie ein Baby, man durchlebt Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Und freut sich riesig, wenn es dann von alleine laufen lernt.

Wie fanden Sie als unbekannte Verlegerin Autoren?
Oft hilft der Zufall mit – man muss dann nur noch die Tür öffnen, wenn das Glück anklopft. Susanna Schwager, die mit Abstand erfolgreichste Wörterseh-Autorin, nahm damals von sich aus mit mir Kontakt auf: Sie wollte mich eigentlich nur über meine Erfahrungen mit anderen Verlagen befragen. Wir redeten und redeten und am Ende wussten wir, dass wir gemeinsam etwas machen werden. So kam es zu den beiden Büchern «Das volle Leben», die sich bis heute 80’000-mal verkauft haben.

Andere namhafte Verlage sind glücklich, wenn sie von einem Titel 3000 Exemplare verkaufen. Was machen Sie besser?
Nichts. Oder vielleicht das: Ich verlege Lebensgeschichten, die Mut machen. Ein Chirurg krempelt sein Leben um und wird Lastwagenfahrer. Da denkt sich manch ein Leser: «Wenn der das schafft, kann ich meine kleinen Veränderungen auch anpacken.» Mein Verlagsmotto lautet: «Es ist sehr viel möglich, wenn man den Glauben an sich und die Machbarkeit der Dinge nicht verliert.»

In den Wörterseh-Büchern geht es um Sex, Fussball, Astrologie, Impotenz und Gewaltopfer. Machen die anderen Verlage zu intellektuelle Bücher?
(Lacht) Als mir zum ersten Mal jemand sagte, ich sei eine Boulevard-Verlegerin, war ich beleidigt. Röbi Koller half mir dann, das als Kompliment zu verstehen. «Du machst Boulevard, weil du Sachen verlegst, die die Menschen auf der Strasse interessieren». sagte er. Das hat etwas für sich. Ich bin einfach glücklich mit gluschtig geschriebenen und gut lektorierten Lebensgeschichten.

Vorher wechselten Sie Ihre Berufe im Zwei-Jahres-Rhythmus, jetzt sind sie seit sieben Jahren Verlegerin. Was ist das nächste Ziel?
Das wichtigste Ziel ist, klein zu bleiben. Ich weiss, was ich gut kann, darum weiss ich auch, dass ich keine gute Chefin bin. Mehr als einen Mitarbeiter kann ich unmöglich führen, denn ich setze auf meine Intuition und das Prinzip “das klappt dann schon“. Planen war für mich immer schon ein Fremdwort und ich habe noch bei keinem Buch eine Kalkulation gemacht. Ein Ziel wäre es, wieder mal ein Buch zu schreiben. Ich kompensiere das, indem ich lange Mails töggele – aber das ist auf Dauer wohl keine Lösung. Wieder einmal ein Buch selber schreiben, ja, das wäre schön.

Kontakt und Information:
baumannvonarx@woerterseh.ch

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3 Kommentare zu “«Man muss nur noch die Tür öffnen, wenn das Glück anklopft»”

  1. Felix sagt:

    Super Artikel über eine Frau, welche troz allem Erfolg auf dem Boden der Realität bleibt und nicht überheblich wird. Ja, “Geschichten die das Leben schreibt”, sind diejeingen, mit denen man (frau) sich am Besten identifizieren kann und welche das Herz berühren. Ich habe Gabriella Bauman-von Arx persönlich im Zusammenhang mit ihrem Buch “Ein Mann weint nicht” (Geschichte von Junior B. Manizao, Vize-Mister Schweiz) kennen gelernt. Ihre direkte und offene Art und ihr soziales Engagement snd erfrischend und nachahmenswert. Keep it up!!!

  2. Leo Hefner sagt:

    Hallo sehr geehrte Frau Baumann, da ich kurz vor der Vollendung meines 2.Buches stehe und erst heute diese,Ihre Seite gelesen habe, möchte ich Ihnen mein Kompliment aussprechen, daß eine mutige Frau wie Sie es sind Ihren, ich betone noch einmal “IHREN”Weg geht ohne sich an Anderen zu orientieren. Da ich mit meinem 1. Buch einen Verlag hatte, der nur gedruckt hat, aber weder auf Buchmessen geht, noch Lesungen organisiert, sowie auch sonst noch viel zu wünschen übrig läßt, suche ich für mein 2.Buch und ein nachfolgendes “EINSCHLAF-MÄRCHEN-BUCH” für Kinder, einen anderen Verlag.
    Auch ich bin ein Mensch der durch seine Äußerungen in Wort und Schrift kein Blatt vor den Mund nimmt, was natürlich auch nicht jedem passt.
    Es würde mich freuen von Ihnen zu hören.
    Mit kalten Winter-Grüßen vom “MAIN-WEIN-LAND” verbleibe ich Ihr Leo Hefner.

  3. Znuk sagt:

    Kompliment, an Frau, aber auch an den Herrn Baumann.

    Bei dem ganzen Auftritt, den sie über Jahre hinweg haben, kommt immer ein autentisches, ehrliches Gefühl rüber. Sowas fesselt und ist in der heutigen Zeit leider selten geworden. Etwas was halt leider andere Verlage und sowieso die Medien nicht bieten können, wo es einfach nur um Kohle geht.