Beruf + Berufung ist umgezogen. Neu finden Sie die wöchentlich erscheinenden Interviews hier. Viel Lesevergnügen!
Logo

«Wir machen hier täglich extrem viele Dinge falsch»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 9. Dezember 2010
Ralf Gehlen

Ralf Gehlen

«Teams funktionieren nur dann auf Dauer gut, wenn es ein Wertesystem gibt, das die Intelligenz der Teammitglieder nicht beleidigt», sagt Ralf Gehlen, Länderchef Schweiz bei Procter & Gamble. Gehlen ist stolz darauf, dass bei P&G der Frauenanteil im Kader über 40 Prozent beträgt und sich jeder vierte Angestellte in der Freizeit sozial engagiert.

Herr Gehlen, warum haben Sie sich vor knapp 20 Jahren entschieden, für ein so grosses Unternehmen wie Procter & Gamble zu arbeiten?
RALF GEHLEN: Ich lernte das Unternehmen gegen Ende meines Studiums anlässlich einer Fallstudie kennen – das gehört seit langem zur Rekrutierungsstrategie von Procter & Gamble. Damals lag der Mauerfall keine zwei Jahre zurück, also erhielt ich die Aufgabe, eine Strategie zu entwickeln, wie P&G den osteuropäischen Markt aufbauen könnte. Wir Studenten wurden in diesen zwei Tagen gegrillt: Es gab diverse Störmanöver, wir standen unter enormem Zeitdruck und mussten unsere Strategie vor erfahrenen Managern präsentieren. Mich hat das alles sehr aufgewühlt. Als sich der Personalverantwortliche am Ende nach meiner Adresse erkundigte, spürte ich Freude, aber auch ein wenig Angst.

Warum Angst?
Ich hatte schon vorher einiges über Procter & Gamble gehört. Manche sagten: «Das ist ein gigantisch grosses Unternehmen, da musst man knallhart sein.» Ich schaute mir die Angestellten deshalb genau an und überlegte: «Möchtest du mal so werden wie sie?» Zu meiner Überraschung ergaben sich rasch gute Kontakte zu sympathischen Mitarbeitern. Bei der Bewerbung staunte ich, wie schnell alles ablief: Drei Interviews an einem Tag, dann erhielt ich den Vertrag. Bei anderen Unternehmen wurde man wochenlang durch Bewerbungsmarathons geschleust.

Sie merkten also nicht, dass Sie in ein gigantisches Unternehmen mit weltweit 127’000 Mitarbeitern eintraten?
Nein. Die Firma ist sehr gross, aber die Geschäftseinheiten sind familiär und fokussiert. P&G setzt schon lange konsequent auf das Profit-Center-Prinzip. Das sorgt für kleine Teams, die sich einem Kunden, einer Marke, einem Projekt verpflichtet fühlen. Jeder und jede darf und soll sofort Verantwortung übernehmen – auch Praktikanten oder Studentinnen. Es gibt viel «Training on the Job» und eine systematische Feedback-Kultur.

Seit Anfang Jahr sind Sie Länderchef Schweiz für einen Konzern, der in unserem Land 3170 Mitarbeiter aus 70 Nationen beschäftigt. Kann man als Chef eines Gemischtwarenladens, unter dessen Dach sich so verschiedene Marken wie Pampers, Gillette, Meister Proper und Duracell tummeln, ein Team überhaupt auf eine gemeinsame Wertehaltung einschwören?
Man kann nicht nur, man muss sogar. Das Wertesystem ist allen Profitinteressen übergeordnet. Wir wollen das Leben der Konsumenten jeden Tag ein wenig besser machen – und dabei rücksichtsvoll mit allen Ressourcen umgehen.

Das klingt jetzt wie aus dem Werbeprospekt. Am Ende werden die Mitarbeiter doch daran gemessen, wie stark ihre Arbeit zu einem ordentlichen Gewinne beiträgt.
Procter & Gamble ist an der Wallstreet notiert – wir werden also nicht für warme Worte, sondern für harte Fakten bezahlt. Aber die Grundwerte, zu denen wir uns bekennen, sind für alle verbindlich. Teams funktionieren nur dann auf Dauer gut, wenn es ein Wertesystem gibt, das die Intelligenz der Teammitglieder nicht beleidigt. Wir setzen alles daran, dass die Angestellten bei uns mit Leidenschaft einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen können – wenn wir kein solches Umfeld bieten, bekommen wir nicht die erste, sondern die dritte Garde.

Was unterscheidet P&G denn konkret von anderen Betrieben dieser Grösse?
Manager werden hier nicht nur danach bewertet, wie sie das Geschäft vorantreiben, sondern auch danach, wie effektiv sie die Mitarbeiter fördern. Das führt dazu, dass jeder Angestellte sich gemäss seinen Stärken weiterentwickeln kann – unterstützt von Coaching- und Mentoring-Programmen. Besonders ist weiter, dass unser Frauenanteil auf Kaderebene bei 41 Prozent liegt. Das ist kein Zufall. Wir haben vor zehn Jahren erkannt, dass sich die Markenwelt stark in Richtung «Baby» und «Beauty» entwickelt. Da wäre man mit 10% Frauen im Kader schlecht aufgestellt. Und dann sind wir sehr aktiv in den Bereichen Nachhaltigkeit und soziales Engagement.

Wie äussert sich das?
Wir engagieren uns nicht nur für unsere Mitarbeiter und unsere Aktionäre, sondern auch in den Gemeinden, in denen wir leben und arbeiten. Wir leisten durch Spenden und Mitarbeit einen Beitrag zum Gelingen sozial ausgerichteter Projekte. Neu haben unsere Mitarbeiter die Möglichkeit, sich im Rahmen eines dreimonatigen Sabbaticals bei Unicef zu engagieren. P&G übernimmt die Kosten für die Sozialleistungen, die Reise und sonstige Spesen. Das ist für beide Seiten ein Gewinn. Nach einer solchen Auszeit kehren die Mitarbeiter voller Tatendrang an den Arbeitsplatz zurück. Und sie sind zusätzlich sensibilisiert für die Verantwortung, die wir gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt tragen. Ein Viertel unserer Mitarbeiter engagiert sich sozial.

Gerade Unternehmen, die sich auf starke Werte stützen, erwarten oft grenzenlosen Einsatz von den Angestellten. Darf sich ein P&G-Angestellter auch abgrenzen zugunsten seines Privatlebens?
Ja, das erwarten wir sogar. Wir achten auf Vorbilder, die nicht nur ihren Job gut machen, sondern auch das Privatleben und das Gemeinwesen ernst nehmen. Wir kommen den Angestellten mit Familie durch flexible Arbeitszeiten und moderne IT-Lösungen entgegen. Ich selber habe vier Kinder und arbeite oft einen Tag pro Woche von Zuhause aus. Dass man von überall Zugriff auf seine Dokumente und Kontakte hat, ist ein Vorteil, aber auch ein grosse Herausforderung. Umso wichtiger ist es, dass wir auf Pausen, körperliche Aktivitäten und gute Ernährung achten. 15-Stunden-Tage ohne Pause werden bei uns nicht belohnt. Mit einem breiten Angebot an Sportmöglichkeiten, Yoga, Massage und Physiotherapie unterstützen wir unsere Mitarbeiter in der Work-Life-Balance.

Als einen Ihrer Führungsschwerpunkte gaben Sie unlängst an: «Spass haben bei der Arbeit auch in schwierigen Situationen.» Das hört man eher selten von Chefs – wie bringen Sie den Spassfaktor ein?
Ich bin ein lebenslustiger, lebensbejahender Mensch und strahle das auch bei der Arbeit aus. Es ist wichtig, die Freude am Erfolg zu teilen, aber auch Dinge mit Humor zu nehmen, die nicht funktionieren. Über sich und die Firma lachen zu können, ist ein wichtiges Ventil. Wir machen hier täglich extrem viele Dinge falsch, aber wir machen noch viel mehr Dinge richtig. Entscheidend ist, dass die Quote stimmt und dass wir konstruktiv mit den Fehlern umgehen.

Kontakt und Information:
kaempfen.i@pg.com

« Zur Übersicht

Kommentarfunktion geschlossen.