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«Die wichtigen Erfahrungen habe ich in der Stille gemacht»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 27. November 2010

Matti Straub

Matti Straub

In 15 Jahren intensiver Arbeit hat Matti Straub als Unternehmer, Coach, Moderator und Berater viele Kunden weitergebracht. Der Erfolg, so schien es, gab ihm Recht – nur er selber traute der Sache nicht ganz. Nach einer neunmonatigen Auszeit kennt der 38-Jährige nun auch die Bedürfnisse seines wichtigsten Kunden.  Interview als PDF-Datei 

Herr Straub, Sie sind Coach, Helikopterpilot, Trainer, Talent Scout, Unternehmensberater, Gemeindeentwickler, Manager auf Zeit, Moderator, Firmenchef – ist das nicht furchtbar anstrengend, permanent auf so vielen Hochzeiten zu tanzen?
MATTI STRAUB: Ich kenne nichts anderes, ich habe mich schon immer in fünf bis sechs Berufsfeldern bewegt und fand die Abwechslung immer spannend. In der Vielfalt blühe ich erst richtig auf. Aber natürlich gab es immer wieder atemlose Momente – man hüpft hin und her zwischen ganz unterschiedlichen Biotopen und wechselt pausenlos die Rolle. Die Gefahr, sich zu verzetteln, ist gross. Deshalb habe ich mich jetzt neu organisiert, mehr nach dem Marktstandprinzip.

Nach was?
So wie ein Gemüsebauer nicht permanent alles im Angebot hat, konzentriere ich mich pro Halbjahr auf einen Schwerpunkt. Das Helikopter-Fliegen ist das einzige, was durchläuft, das ist ein Bubentraum von mir, deshalb will ich dieser Tätigkeit ein bis drei Tage pro Woche widmen. Ansonsten entlaste ich mich aber vom Anspruch, permanent alles anzubieten. Ich habe gemerkt, dass es mehr Zeit und Fokus braucht, um etwas gedeihen zu lassen.

Sie sind vor kurzem von einem neunmonatigen Sabbatical zurückgekehrt. Brauchten Sie die Auszeit, weil Sie sich müde gearbeitet hatten?
Ich habe 15 Jahre lang voller Enthusiasmus in sehr verschiedenen Feldern gearbeitet. Das Geschäft lief gut, die Kunden waren zufrieden, ich war immer auf Achse, aber irgendetwas stimmte nicht. Mir wurde bewusst: Bei meinen Kunden legte ich den Finger oft auf die wunden Punkte, ich half ihnen, sich klar zu werden, was sie brauchten, um mit gutem Gefühl erfolgreich zu sein. Doch wie sah das bei mir aus? Was brauchte ich? Bei mir selber schaute ich weniger genau hin. Deshalb entschied ich mich, das herauszufinden. Dafür braucht es Abstand, Ruhe, Zeit ohne Computer und Kollegen. Man kann nicht im gewohnten Umfeld bleiben und radikal alles hinterfragen.

Was haben Sie gemacht?
Ich lebte zuerst 2,5 Monate auf einem Bauernhof in Italien, wo ich täglich im Garten arbeitete und mich um den Hund kümmerte – manchmal war ich allerdings nicht ganz sicher, wer hier zu wem schaute. Am Anfang war es hart. Wenn man sich selber stark darüber definiert, was man für Kunden macht und welche Anerkennung man dafür erhält, fällt man erst einmal in ein Loch. Ich hatte immer das Gefühl, ich sei zwar ein Workaholic, aber einer mit sehr vielen Freiheiten. In der Abgeschiedenheit wurde mir bewusst, wie stark mein Selbstwertgefühl von den beruflichen Erfolgen abhing, wie nackt und wertlos ich mich fühlte ohne Rollen und Leistungsausweis. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an den neuen Alltag: ein bis zwei Stunden Tagebuch am Morgen, dann Olivenbäume schneiden, Jäten, Kochen, Kontrabass, E-Piano oder Alphorn spielen, ein wenig Sport – das alles hat mich sehr geerdet.

Und die Mails, den Computer haben Sie nicht vermisst?
Nur ganz zu Beginn. Bald merkte ich, wie gut es mir tut, offline zu sein, ganz in der analogen Welt. Körperliche Arbeit oder Bewegung unterstützt die Inspiration, der Computer hingegen dimmt meine Kreativität auf ein unerfreuliches Niveau hinunter. Seither brauche ich den Computer primär als Schreibmaschine, die ich nutze, wenn ich genau weiss, was ich schreiben will. Um Dinge zu erarbeiten, gehe ich lieber ins Atelier, in eine Werkstatt oder in die Natur.

Welche Fragen haben Sie durch die Auszeit begleitet?
Im Kern ging es immer wieder um die Frage: Was brauche ich? Daraus leitet sich ab, welchen Weg ich gehen will und mit wem. Das klingt furchtbar selbstbezogen und egoistisch, immerhin war ich ja privat und beruflich seit 15 Jahren fest liiert – es war daher ein Risiko, sich dieser Frage vorurteilsfrei zu stellen. Es war aber dringend notwendig, denn wer nicht nah bei sich und seinen Bedürfnissen ist, schöpft sein Potenzial nicht aus und kann auch anderen nie das Maximum geben.

Was machen Sie anders, seit Sie zurück sind?
Die Grundhaltung ist eine andere. Vor der Auszeit war ich unterwegs wie ein Eichhörnchen. Ich rannte oft durch die Gegend, um möglichst viele Nüsse zu sammeln, und pfiff oft und laut, damit mich die Umgebung auch wirklich wahrnahm. In der Auszeit wurde mir klar: Dieses emsige atemlose Sammeln entspricht gar nicht meiner Art. Ich bin eher der Steinbock-Typ, der oben den Überblick behält und die feinen Kräuter geniesst. Damit war auch klar: Ich muss nicht dauernd Lärm machen und allem nachrennen; wer Steinböcke sucht, weiss, wo er sie findet. Oder konkreter: Ich muss nicht pausenlos auf irgendwelchen Kanälen networken und kommunizieren vor lauter Angst, dass ich vergessen gehe – mir als Steinbock können Portale wie Xing oder Facebook egal sein. Wichtiger ist, dass ich mir Zeit für mich nehme und wählerisch bin in dem, was ich mache. Diese Erkenntis gab mir viel Ruhe.

Das klingt so simpel: Man geht 10 Wochen in ein Landhaus und kehrt mit einem veränderten Selbstbewusstsein zurück.
So einfach war es nicht. Ich kehrte nach knapp drei Monaten zu den Mitarbeitern ins Büro zurück. Bald merkte ich: Ich hatte über viele Dinge nachgedacht, ein paar Lektionen hatte ich gelernt, aber es war noch überhaupt nicht gefestigt. Nach ein, zwei Wochen wäre ich im alten Fahrwasser zurück gewesen. Zudem merkte ich, dass mein Team gut zurechtgekommen war ohne mich in der Zeit – als Chef bringt man ja nicht nur Projekte zum Laufen, manche Dinge blockiert man auch, ohne es zu merken. So konnte ich meine Auszeit mit gutem Gefühl um ein halbes Jahr verlängern.

Waren Sie immer allein unterwegs?
Nein, aber die wichtigen Erfahrungen habe ich alleine in der Stille gemacht. Ich begann die Auszeit mit einer indianischen Winterzeremonie in Dänemark und beendete sie mit einem „Vision Quest“, einer Visionssuche. Nach indianischer Tradition macht man das mit 18 Jahren am Übergang zum Erwachsen-Sein, ich habe halt 20 Jahre länger gebraucht. Ich sass fünf Tage lang mit einem Biwaksack und einem Zelt auf 2000 Metern Höhe am Rand eines Canyons. Jeden Morgen besuchte mich eine Medizinfrau und gab mir eine Aufgabe. Die meiste Zeit regnete und stürmte es – das war fantastisch. So wurde alles, was ich noch an Zweifeln und Ängsten mitschleppte, weggespült. Die wichtigen Dinge haben sich klar herauskristallisiert. Wir meinen ja immer, wir könnten mit dem Kopf sinnvolle Entscheidungen treffen. Das ist Blödsinn, der Kopf kann das gar nicht. Es kommt darauf an, dem Herz dafür mehr Raum zu geben.

Kontakt und Information
matti.straub@changels.ch

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7 Kommentare zu “«Die wichtigen Erfahrungen habe ich in der Stille gemacht»”

  1. étoile-filante sagt:

    ein eindrücklicher bericht!
    Es brauch mut, sich so offen zu zeigen und gleichzeitig macht es anderen mut, ihre lebensgewohnheiten zu überdenken und konsequenzen aus dem überdachten zu ziehen. Ob man das mit 18, 38 oder ….58 macht spielt keine rolle. Hauptsachen, man macht!
    Weiterhin eine gute kombination aus erfolg, spass und lebensweisheit wünscht, l’étoile-filante

  2. Roman Nufener sagt:

    Zitat: “…Ich muss nicht pausenlos auf irgendwelchen Kanälen networken und kommunizieren vor lauter Angst, dass ich vergessen gehe”; “…und pfiff oft und laut, damit mich die Umgebung auch wirklich wahrnahm.”; “mir als Steinbock können Portale wie Xing oder Facebook egal sein.” Aber offenbar nicht Zeitungen wie 20 Minuten?? Nach all dieser tiefschürfenden Selbsterkennniss muss er gleich wieder zur Presse rennen und lärm machen?? Und ich dachte, es ginge um das stille Sein des Steinbockes! Hier macht sich ein selbstverliebter Bock offenbar gleich selbst zum Gärtner – aber natürlich ganz still…

  3. Rolf Huber sagt:

    ein wirklicher indianer oder suchender, hängt seinen vision quest nicht an die grosse glocke….
    und unterwirft sein streben mutter natur und nicht dem heli fliegen…

  4. danke für den offenen bericht. klar scheint dieses interview auf den ersten blick sehr selbstverliebt und egoistisch. warum nach diesen selbsterfahrungen gleich wieder zur presse gehen? weil dabei doch alle etwas lernen können und diese erfahrungen uns selbst auch sehr nahe kommen, näher als man meint,ehrlich,oder?

  5. Anthony McPherson sagt:

    Die obige Bio ist eine PERSÖNLICHE Erfolgsgeschichte. Multi-Tasking als Lebensentwurf. Selbstverwirklichung bis ins letztmögliche Detail. Die Selbstfindung im Outback ist Teil des Programms. Getoppt nur durch ihre Verdoppelung (einfache Auszeit ist Mainstream). Und immer gilt: Olivenbäume und Musiktherapie machen sich besser. Kreativ-Malen? Und dann direkt zur Presse. Blog? Buchveröffentlichung? Die Erfahrungen aus der Selbstfindung vermarkten, und weiter gehts. Alles ist Projekt ist Programm. Und über allem: Was scheren mich Inhalte, Werte, Kollateralschäden – Hauptsache “Fun”.

    Es gibt zum Glück noch Menschen, welche weit weniger gesegnet und begabt und bemittelt sind, aber mehr für ihre Mitwelt tun. Die nicht auch das Letzte ihrem eigenen Lebensentwurf unterordnen. Die Veranwortung übernehmen für Mitmenschen – nicht für die eigene Bio (Immer diese Liebe zur Bio: “Alles ist Projekt ist…”). Die den Kopf hinhalten auch wenns richtig dreckig wird. Die Nachhaltigkeit und Bestimmung höher gewichten als Fun bis zum Erbrechen. Die, und das ist vermutlich die finale Gerechtigkeit, einen Nachruf erhalten. Als “Mitbürger mit wertvollem Verdienst an der Gesellschaft”.

  6. Werner Schulzer sagt:

    Den Bericht habe ich auch gerne gelesen und bei aller Faszination ist am Ende doch vorallem eins geblieben: Misstrauen. Herr McPherson hat das schön pointiert ausgedrückt: Muss denn alles Projekt sein? Muss uns denn neuerdings suggeriert werden, dass neben einem 24/7 Job in allen Bereichen, ständig auf Zack mit 150% Einsatz, genau zu diesem Programm auch ein Selbstfindungstripp nach Ethnokitsch-Vorbild gehört? Wann hören diese Stereotypen auf? Und wann werden sie von der Allgemeinheit (Du? Ich? die Medien? die Bürger?) nicht mehr zu universellen Idealen hochstilisiert?

  7. Gratuliere zum “Aussteigen”! nach 33 Jahren Selbstständigkeit (bin jetzt 57J ) und rund um die Uhr da sein, steige ich aus,,,ich will nicht mehr,,,ich hab genug,,,niemand begreifft mich,,,oder doch? ich steige aus,,, Danke für den Bericht.