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«Ich habe meine Biografie zu meinem Geschäftsmodell gemacht»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 29. Juni 2013
Waseem Hussain, Indienexperte

Waseem Hussain, Indienexperte


Zehn Jahre lang versuchte Waseem Hussain, als Angestellter in verschiedenen Berufen zu brillieren. Dann wurde ihm klar, dass sein Beruf in seiner Biografie bereits angelegt ist. Heute ist der 46-Jährige als Brückenbauer zwischen der Schweiz und Indien ein gefragter Mann. Er sieht viel Potenzial für Schweizer Firmen in Indien, aber auch einige Risiken für jene, die gerne jedes Wort für bare Münze nehmen.Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Hussain, Sie stammen von einer indischen Familie ab und sind als Einjähriger in die Schweiz gekommen. Sie sprechen Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Englisch, aber auch die indischen Sprachen Urdu und Hindi. Haben Sie dies immer als Bereicherung empfunden?

WASEEM HUSSAIN: Nein. Obwohl ich schon früh als Teenager den Schweizer Pass bekam, haderte ich mit meiner Identität. Ich dachte, ich sei weder ein richtiger Inder noch ein richtiger Schweizer. Mein Name war hier in der Schweiz nicht gerade hilfreich bei der Integration. Ich musste mir die Akzeptanz über Jahre erkämpfen. Immer wieder wurde ich von Mitschülern gefragt, warum wir keine Weihnachten feiern, warum wir Sari statt Jeans tragen, warum wir anders kochen und essen. So wuchs ich früh in meine heutige Berufsrolle hinein: ein Vermittler zwischen Kulturen.

Zunächst schlugen Sie aber eine ganz andere Richtung ein.

Von einer Richtung kann man eigentlich nicht reden, es war ein extremer Zickzack-Kurs. Ich arbeitete im Marketing, im Verkauf, als Software-Programmierer, in der grafischen Industrie und als Journalist – ich habe sehr viel ausprobiert auf der Suche nach meiner Berufung und war nirgends richtig wohl. Nach meinem dreissigsten Geburtstag begriff ich, dass ich mich nicht zwischen Indien und der Schweiz entscheiden musste und dass es eine Alternative gab zu meinem Bestreben, als Angestellter in einem Job zu brillieren: Ich machte meine Biografie zu meinem Geschäftsmodell, bot meine Dienste als Brückenbauer und Vermittler an. Das gab mir ein neues Selbstvertrauen und eröffnete mir ein Universum von Möglichkeiten.

Was bieten Sie konkret an?

Ich helfe Schweizer Unternehmen, in Indien dauerhaft erfolgreich zu sein. Viele Firmen gehen nach Indien, feiern erste Erfolge, kämpfen aber früher oder später mit Schwierigkeiten. Bei Geschäftsbeziehungen mit Indien läuft es ähnlich wie in Liebesbeziehungen: Zuerst, im Stadium der Verliebtheit, ist alles wunderbar, doch dann kommt die Ernüchterung und man beginnt, sich aneinander zu reiben. Es sind zwei sehr starke und sehr gegensätzliche Kulturen, die hier aufeinandertreffen. Ich werde gerufen, wenn die Beziehung gefährdet ist. Manchmal denke ich: Ich bin der Paartherapeut der Geschäftswelt.

Etwas nüchterner könnte man auch sagen: Sie helfen den Schweizer Betrieben, ihre Produktion und damit Arbeitsplätze nach Indien zu verlagern.

Es ist klar, die Produktionskosten sind in Indien 30 bis 60 Prozent tiefer als in der Schweiz, wobei die Einsparungen meistens geringer sind, wenn man die verdeckten Kosten durch Ausfälle, Verzögerungen, Konflikte etc. einkalkuliert. Ein zweiter Pluspunkt ist, dass sich viele Firmen in Indien einen gigantischen Absatzmarkt erschliessen können. Wir reden hier von eine Mittelschicht, die der Bevölkerung von ganz Europa entspricht. Kein Wunder, ist Indien etwa für den Winterthurer Textilmaschinenhersteller Rieter der zweitwichtigste Absatzmarkt. Bis jetzt sind rund 300 Schweizer Firmen in Indien vertreten – es werden zweifellos noch mehr werden, das Potenzial ist lange nicht ausgeschöpft.

Dass die Arbeitsplätze in Billiglohnländer abwandern, kümmert Sie gar nicht?

Wir müssen aufpassen mit diesem Heimatschutzreflex. Die Fakten liegen anders. Die Firmen, die ich berate, haben jene Kapazitäten, die sie in Indien aufbauen, in der Schweiz nicht abgebaut. Als die Credit Suisse 2005 in Indien Informatik-Dienste aufbaute, gab es einen grossen Aufschrei. Heute sind mehr IT-Leute in der Schweiz für die Credit Suisse tätig als zu Beginn dieser Auslagerung. Es ist aber eine Tatsache, dass man gewisse Tätigkeiten als internationaler Konzern nicht mehr sinnvoll von der Schweiz aus betreiben kann. Ich weiss von Angstellten, die sich ärgern, dass in vielen Tätigkeiten Englisch die dominierende Sprache ist. Erwarten wir denn allen Ernstes, dass die 400 Millionen qualifizierten Inder sich ein paar Millionen Schweizern anpassen? Inder lernen vom Kindergartenalter an mit viel Aufwand Englisch. Sie sind uns grammatikalisch klar überlegen. Das schürt natürlich Ängste, aber wir sollten der Wahrheit ins Auge blicken.

Wo sehen Sie die Chancen für Schweizer Unternehmen?

In den Bereichen Industriegüter, Konsumgüter, Luxusgüter und Landwirtschaft sehe ich ein enormes Potenzial. Ein Beispiel: In Bangalore wurde ein internationaler Flughafen gebaut. Das Know-how bezüglich Engineering und Betrieb kam aus der Schweiz vom Flughafen Zürich, der massgeblich am neuen Flughafen beteiligt war. Indien ist sehr interessiert an Swiss Engineering, unsere Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind wichtige Trümpfe bei öffentlichen Ausschreibungen. Dass Luxusgüter wie Swatch-, Hublot- oder Rolex-Uhren sehr gefragt sind bei der aufstrebenden Mittelschicht in Indien, ist ein offenes Geheimnis. Ein grosses Potenzial sehe ich bei Konsumgütern. Ich denke etwa an einen Schweizer Pasta-Hersteller mit hochwertigen Produkten. Bisher produziert er nur in der Schweiz, was die Produkte zu teuer macht für den Verkauf in Indien. Würde er den Sprung nach Indien wagen, hätte er Zugang zu über 200 Millionen potenziellen Konsumenten, die sich ein bisschen Luxus leisten können.

Was würde sich ändern, wenn das Freihandelsabkommen mit Indien unterzeichnet würde?

Das brächte den Schweizer Exporteuren gewichtige Vorteile, weil ihre Produkte plötzlich konkurrenzfähiger wären auf dem indischen Markt. Und natürlich hätten umgekehrt indische Firmen freien Zugang zu einem sehr kaufkräftigen Markt.

Sie betonen stark die Chancen. Man könnte fast meinen, es gebe keine Schwierigkeiten.

Natürlich gibt es die. Viele Unternehmer meinen, die Globalisierung habe alle kulturellen Differenzen wie mit magischer Hand weggewischt. Das ist eine Illusion. Nur weil wir alle Englisch reden und die Buchhaltung nach ähnlichen Standards führen, können wir noch lange nicht mit der Swiss nach Delhi oder Mumbai fliegen und dort nach Schweizer Gepflogenheiten Geschäfte machen. Wer so denkt, wird rasch auf die Welt kommen und merken, dass 1 + 1 nicht überall 2 ergibt. In Europa fokussieren wir sehr auf die Fakten und ordnen dem alle Wenn und Aber unter, der Inder denkt immer in vielen Wenn und Aber. Unser Logik-Verständnis stösst in Indien schnell an Grenzen, das zeigt sich schon beim Small Talk übers Wetter. Was für uns herrliches Wetter ist, empfindet der Inder als kühlen Wintertag.

Das klingt harmlos. Ärgerlicher sind Lieferverzögerungen und nicht eingehaltene Versprechen.

Ja, da gibt es in der Tat viele Missverständnisse und Probleme. Wir Schweizer nehmen ein Wort für bare Münze, meinen alles verbindlich, sehen kaum Interpretationsspielraum. Der Inder kommuniziert mehr in Absichten und in der Möglichkeitsform. Wenn wir ihn fragen: „Could you please provide us…?“, dann sagt der Inder – etwas überspitzt formuliert – „Yes“ und denkt: „Ich könnte das schon versuchen.“ Deswegen ist es so wichtig, dass Schweizer ihre Art der Kommunikation anpassen, ohne von den weltweit geschätzten Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit abzukommen.

Sie beraten auch Schweiz Tourismus. Indische Gäste sind für viele Schweizer Städte und Bergorte sehr wichtig geworden. Täuscht der Eindruck oder hat die Schweiz bei Indern zuletzt etwas an Popularität eingebüsst?

Die Schweiz hat es tatsächlich versäumt, den Indern den roten Teppich auszurollen. Wenn Bollywood-Filme noch vor fünf oder zehn Jahren an Schweizer Schauplätzen spielten, so werden sie heute oft in Tirol, Schottland oder Neuseeland gedreht, weil dort niemand Geld für Drehbewilligungen verlangt. Die kostenbewussten Inder achten sehr auf das Gesamtpaket und den besonderen Service – das ist eine grosse Herausforderung für die Schweizer Tourismusbranche.

In den vergangenen Monaten war Indien vor allem wegen Massenvergewaltigungen und anderen Übergriffen auf Europäer in den Schlagzeilen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Wir reiben uns in der Schweiz die Augen und nehmen in Indien mit Verwunderung etwas wahr, was es immer schon gab und überall gibt: Kriminalität, Raub, Diebstahl, Mord, Vergewaltigung. Lange wurden solche Dinge ausgeblendet, weil Indien übertrieben stark mit Mahatma Gandhi, Hermann Hesse, Dschungelbuch, Yoga und Ayurveda assoziiert wurde. Dieses friedliche Indien gibt es auch. Heute steht das Negative überproportional im Fokus, aber das ist sicher kein Zufall. Indien steht an einer wichtigen Wegscheide. Es ist der Beginn der Industrialisierung in diesem Land, es entstehen nicht nur viele neue Arbeitsplätze, sondern auch ein neuer Wohlstand und damit neue Ansprüche an die Verwaltung. Die Bevölkerung ist nicht länger bereit zu akzeptieren, dass ein paar Politiker in New Delhi etwas mauscheln an den Interessen des Volkes vorbei. Das führt zu Sicherheitsproblemen und gewaltsamen Konfrontationen zwischen dem alten und dem neuen Indien. Ich glaube aber nicht, dass für Schweizer Geschäftsleute ein erhöhtes Sicherheitsrisiko besteht.

Kontakt und Information:

www.marwas.chwaseem.hussain@marwas.ch

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6 Kommentare zu “«Ich habe meine Biografie zu meinem Geschäftsmodell gemacht»”

  1. Ruth Trefalt sagt:

    Danke, das ist ein super guter Artikel, der uns kurz und prägnant Indien bzw. eine andere Kultur – eigenltich verkörpert das Land ja viele Kulturen – näherbringt.

    Wenn Sie andere Artikel, Berichte und/oder Bücher geschrieben haben, wäre ich interessiert, dies zu erfahren.

    Herzliche Grüsse
    Ruth Trefalt

  2. Christian Fischbacher sagt:

    Tatsächlich sind die Kulturunterschiede gross. Als Informatiker habe ich täglicher mit Indern zu tun. Sie sind unglaublich freundlich, schon fast unterwürfig und versprechen einem alles, was man hören will. Geliefert wird dann aber mangelhafte Qualität.

  3. Armando sagt:

    Ich war schon 3x in Indien, nicht beruflich, nur auf längeren Reisen. Das erste Mal 1982, in den ersten Tagen Kulturschock, aber der legte sich. Herr Hussain beschönigt die Situation in Indien viel zu sehr. Sicher gibt es heute intelligente und gut ausgebildete Inder, doch die Situation der grossen Masse ist noch immer haarsträubend. Schuld daran ist das indische Kastensystem, ein sehr rassistisches System. Muslime sind z.b. Unreine bzw. Haritchan, Unberührbare.
    Indien steckt auch heute noch im tiefsten Mittelalter, trotz unbestreitbarer wirtschaftlicher Erfolge, eben wegen des hinduistischen, menschenfeindlichen Kastensystems. In Ahmenabad, dem Geburtsort Gandhis, habem wir mit eigenen Augen gesehen, wie Männer in einem Restaurant die abgenagten Pouletknochen den Bettlern vor dem Eingang vor die Füsse warfen, wie wenn sie Hunde wären. Eine Gesellschaft, die solches zulässt oder sogar noch fördert, ist im Mittelalter stecken geblieben. Da nützt alles Geschwätz von kulturellen Verschiedenheiten nichts. Und die Arroganz der oberen Kasten spiegelt sich in diesem Verhalten.
    Und Handeln will in Indien auch gelernt sein. Meist wird der 5- bis 10-fache Preis für eine Ware oder Leistung verlangt. Betrug an der Tagesordnung, jederzeit und überall.

  4. Charles Weissberg sagt:

    Als Textilkaufmann war ich fast mein ganzes Berufsleben um und in Indien beschäftigt.
    es ist richtig, es braucht viel Geduld um nachhaltig dort etwas zu bewegen. Aber es lässt sich viel bewegen. Das Qualitäts- und Terminverständnis waren früher ein grosses Problem in Indien. Später hat sich dies verbessert. Versprechen werden viel gemach, es wird nach Wunschvorstellungen gearbeitet….Management by wishfull thinking nannte ich es jeweils im Spass, aber natürlich kann dies frustrierend sein, wenn Termine nicht eingehalten werden und Qualität mangelhaft ist. Vorallem die blumig und fantasievoll ausgeführten Ausreden.
    Alles in allem habe ich aber immer wieder grosse Fortschritte über alle Jahre mit den Indischen Partnern und Mitarbeiter erzielt.
    Ich habe einige Jahre vor Ort gelebt und erst dann isind einem die mangelhaften Infrastrukturen jeden Tag so richtig bewusst worden. Dies gilt es zu beachten, wir leben in der CH Infrastrukturmässig im Paradies, dies ist in Schwellenländern noch lange nicht so.

    Frau Ruth Trefalt, gerne empfehle ich Ihnen mein Buch welches ich geschrieben habe: “Elefanten haben grosse Ohren”. Bei Amazon und ELibris nur online erhältlich, es wird Ihnen Spass beim Lesen bereiten. Natürlich gilt der Buchtipp für alle an diesem Thema interessierten Leser!

  5. Charles Weissberg sagt:

    Herr Armando, es ist richtig, dass ein gosses Nachholbedürfnis in vielen Belangen besteht. In Indien ist aber nur der/diejenige erfolgreich unterwegs, welcher eben die verschiedene Kultur als gegeben akzeptiert. Indien hat 1,25 Mia Menschen davon leben ein Grossteil in tiefster Armut. Der grösste Fehler sind die Vergleiche mit dem Westen anstellen zu wollen.
    In vieles sehe ich nach über 30 Jahren und 100erte von Reisen vor Ort, aber nicht als Tourist sondern im kontakt mit den örtlichen Industriebegebenheiten nicht rein. Slebst als ich da gelebt habe war vieles nicht zu verstehen. Müssen wir denn immer alles verstehen um erfolgreich zuarbeiten, die inder verstehen uns auch nicht immer, aber sie passen sich uns an, vielleicht müssen wir auch mehr Toleranz und Flexibilität an den Tag legen.
    Eines aber rate ich jeder/m Berufsreisenden nach indien, konsequent und hartnäckig seine Ziele zu verfolgen, und eben Brückenbauer zu sein, immer und ohne das Gefühl zu haben, es immer besser zu wissen.
    Ihre mittelalterlichen Erlebnisse könnte ich noch seitenlang ausschmücken aber auch dies gehört dazu zu verstehen, dass es einfacher ist 8 Mio als 1,25 Mia zu “managen” und vorallem die Infrasturen dafür aus- und weiter zu bauen. China hat Indien Infrastrukturmässig überholt. Noch ist Indien aber die grösste Demokratie der Welt und darf stolz auf vieles sein.
    Lesen Sie doch mein Buch, siehe oben.
    Grüsse Charles Weissberg

  6. Sasha Verma sagt:

    This article is interesting but and |I have just returned from India after a two month holiday. The problem in India is one of corruption going down from the ruling hierarchy down to the village policeman. WQhen you supply third rate food, third rate services and third rate education to the vast majority of Indians you have to be naive to expect anything better!
    I would ask readers to read “The White Tiger”a book by Aravind Adigo – winner of the ManBooker Prize 2008; this will indeed open your eyes to the manifold problems of population, caste and corruption.
    Sad to admit, but I have NO HOPE for India now , I can only see it imploding on itself as and when the common person realises that he has nothing left to loose but his imaginary chains.