Beruf + Berufung ist umgezogen. Neu finden Sie die wöchentlich erscheinenden Interviews hier. Viel Lesevergnügen!
Logo

Wenn die KV-Angestellte für einen Tag zur Bestatterin wird

Mathias Morgenthaler am Samstag den 17. November 2012
Sophie Everett, Unternehmerin

Sophie Everett, Unternehmerin

Wie wäre es, einen ganz anderen Beruf auszuüben? Seit zwei Jahren ermöglicht der Verein Jobtourist Einblicke in unbekannte Arbeitswelten. Mitgründerin Sophie Everett, die selber schon bei einem Tätowierer, einem Alphornbauer und einem Alpaka-Züchter geschnuppert hat, empfiehlt Berufsleuten, sich möglichst breit umzuschauen. Den Beruf fürs Leben gebe es heute nicht mehr. Download der PDF-Datei

Frau Everett, Sie betreiben eine Plattform für Jobtouristen. Ist ein Jobtourist einer, der hauptamtlich Ferien macht?

SOPHIE EVERETT: Nein, unser Angebot hat nur indirekt mit Urlaub zu tun – wir bieten höchstens Kurz-Urlaub vom Alltag. Jobtouristen sind Menschen, die entweder aus Spass und Neugier in eine andere Berufsrolle schlüpfen – einmal mit einem Stuntman von einem Kran springen, mit einem Fachmann ein Alphorn bauen oder mit einem Goldschmied ein Schmuckstück herstellen; oder sie spielen mit dem Gedanken an einen Stellenwechsel und möchten eine Art kurze Schnupperlehre absolvieren, indem sie erfahrenen Berufsleuten über die Schulter schauen und mit anpacken. Wenn man einen Beruf nur aus der Beschreibung in einem Bundesordner der örtlichen Berufsberatung kennenlernt, hat man normalerweise kein Gefühl dafür, ob der Beruf passen könnte. Im direkten Kontakt mit Berufsleuten hingegen kann man die Arbeit erleben und aus erster Hand alles Wichtige erfahren.

Sie haben das Jobtourist-Angebot vor knapp zwei Jahren lanciert. Wie kamen Sie auf die Idee?

Mein Mann und ich sassen in einem Restaurant und wunderten uns darüber, dass uns eine weisse Tomatensuppe serviert wurde, die erst noch wunderbar schmeckte. Mein Mann sagte, es wäre spannend, einmal hinter die Kulissen schauen und von diesem Koch lernen zu können. Beim Nachtessen philosophierten wir darüber, was für Berufe wir gerne einmal ausprobieren würden. Wir fragten auch die Kellnerin und einige Gäste, führten eine kleine Marktforschung durch. Am Ende des Abends war die Idee geboren, eine Plattform aufzubauen, die solche Einblicke in andere Arbeitswelten erlaubt. Mit einem gemeinsamen Freund schrieben wir einen Businessplan, er nahm dann die Programmierung der Website in Angriff.

Wie viele Angebote sind in den zwei Jahren zusammengekommen?

Wir können heute in der Schweiz, Deutschland und England rund 100 Jobtours in 60 verschiedenen Berufen anbieten. Natürlich eignen sich nicht alle Berufe. Bei einem Chirurgen oder einer Rega-Pilotin ist eine Begleitung durch Laien nicht möglich. Ich kenne viele Leute, die früher einen Traumberuf hatten, ihn dann aber nie ausgeübt haben. Für sie ist es ein Riesenerlebnis, wenn sie das wenigstens für kurze Zeit nachholen können.

Was war Ihr Traumberuf in der Kindheit?

(Lacht) Ehrlich gesagt wollte ich Kaiserin werden – wir haben halt zu oft die Sissi-Filme geschaut damals. Später dachte ich daran, Medizin zu studieren – eher wegen des Berufs meines Vaters als aus eigener Neigung. Ich stieg dann ziemlich planlos ins Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften ein. Zum Glück stellte sich heraus, dass die eingeschlagene Richtung stimmte für mich. Andere studieren ins Blaue hinaus und stehen gegen Ende des Studiums vor der Frage, ob sie einen Job antreten sollen, der sie nicht wirklich interessiert, oder etwas anderes machen, für das sie nicht ausgebildet sind. So oder so ist es gut, sich möglichst breit umzuschauen. Den Beruf fürs Leben gibt es heute nicht mehr, und wir werden künftig länger arbeiten.

Ist das nicht eine Luxuserscheinung, dass wir meinen, der Beruf müsse sinnstiftend und Teil der Selbstverwirklichung sein?

Da viele von uns acht Stunden und mehr pro Tag arbeiten, spricht einiges dafür, in dieser Zeit etwas Nützliches und Sinnvolles zu tun. Als 30-jährige Frau stelle ich mir diese Frage gerade sehr intensiv: Was gibt meinem Leben Sinn? Wo setze ich Prioritäten? Viele Freundinnen und Bekannte haben in letzter Zeit Kinder bekommen und sind sehr erfüllt davon. Es wird mir aber auch bewusst, dass ein Entscheid pro Familie für mich einschneidende Veränderungen im Berufsleben mit sich bringen würde. Bei meinen Freundinnen sehe ich, dass ihr Lohn gerade reicht, um die Krippenkosten zu finanzieren. Und sie bekommen zu hören, es sei nicht richtig, dass eine Mutter ein knapp einjähriges Kind in die Krippe bringt. Die alten Rollenbilder sind noch immer sehr präsent. Das spüren auch Väter, die ihr Pensum reduzieren und in der Firma oder in der Waschküche schräg angeschaut werden.

Sie sind im Moment Inhaberin einer PR- und Kommunikationsagentur in Thun und betreiben nebenbei das Portal Jobtourist. Hat Sie dieses Projekt nie auf die Idee gebracht, etwas ganz anderes zu machen?

Ich habe selber drei Jobtours absolviert – bei einem Tätowierer, einem Alphornbauer und einem Alpaka-Züchter. Ich habe sehr viel gelernt, aber auch festgestellt, dass ich in der Kommunikationsbranche momentan am richtigen Ort bin. Auch in meinem Beruf lerne ich verschiedenste Welten kennen; mal texte ich für einen Hotelier, mal für ein Altersheim, dann wieder begleite ich Startups oder entwerfe eine Visitenkarte für eine Frau, die Tierkommunikation anbietet.  Der Einblick in die Arbeit mit betagten Menschen hat mich bis jetzt am meisten berührt.

Wissen Sie von Kunden, die nach einer Jobtour bei Ihnen komplett umgesattelt haben?

Wir führen nicht Buch. Es gab aber eine jüngere Frau mit KV-Ausbildung, die sich sehr für den Bestatterberuf interessierte. Wenn sie ihren Wunsch äusserte, erntete sie nur schiefe Blicke. Wir fanden für sie einen Bestatter, den sie einen Tag lang begleiten konnte. Die Arbeit gefiel ihr enorm gut, sie war am Ende Feuer und Flamme für den Beruf. Ob sie jetzt umgestiegen ist, weiss ich nicht.

Wie geht es mit Jobtourist weiter?

Wir sind heute soweit, dass die Einnahmen unseren Aufwand decken, aber wir verdienen kein Geld damit. Jetzt braucht es den nächsten Schritt, damit aus dem funktionierenden Prototypen ein rentables Modell wird. Wir schauen uns derzeit nach passenden Leuten um, die unsere Plattform übernehmen und weiterentwickeln könnten. Da wir alle drei weiter in unseren angestammten Berufen tätig sind, stossen wir an unsere Grenzen.

Sie haben mit 30 Jahren bereits zwei Unternehmen gegründet. Was war die wichtigste Lektion?

Zwei Dinge fallen mir ein: Erstens ist Vernetzung extrem wichtig. Man findet viele Informationen und auch sehr persönliche Erfahrungsberichte, wenn man sich mal zwei, drei Tage Zeit nimmt, im Internet zu recherchieren. Dann sollte man unbedingt den persönlichen Kontakt zu anderen Startups und erfahrenen Unternehmern suchen. Sonst läuft man Gefahr, vor lauter Begeisterung unrealistische Ziele zu verfolgen. Und das Zweite: Weil man in der Startphase meistens sparen muss, geht man oft auf Kollegen zu und bittet sie um einen Gefallen. Es ist extrem wichtig, hier klar zu regeln, wie es mit der Entlöhnung aussieht und was man erwartet – der Freundschaft zuliebe.

Kontakt und Information:

www.jobtourist.net
info@jobtourist.net

« Zur Übersicht

13 Kommentare zu “Wenn die KV-Angestellte für einen Tag zur Bestatterin wird”

  1. Super Idee. Unbedingt weiter verfolgen und ausbauen. Toi toi toi.

  2. verena mayer sagt:

    die idee ist wirklich super und befreiend, wenn man bedenkt, dass personalverantwortliche lebensläufe immer noch nach starren und einseitigen raster beurteilen. aber bei einem blick auf die homepage kommt die grosse ernüchterung. die preise für diese “ausflüge” sind zum teil mehr als happig. das ist tatsächlich etwas für touristen und nicht für reisende.

  3. stephan schwan sagt:

    Spannende Sache, zeigt die Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten, nimmt das Gefühl vom Blockiertsein im Job, vermittelt das Gefühl von Freiheit und möglichem Neubeginn. Die Preise sind in Relation zu setzen zum Verdienstausfall, der mit dem Betreuen des Jobtouristen einhergeht und der Bereitstellung des Netzwerks, der Information, bzw. der eventuellen Vermittlung eines neuen Lebensgefühls. Alles Gute und viel Erfolg!

  4. Zora Schürch sagt:

    Was für ein super tolles Projekt! Phänomenal ist die Idee nicht nur am Nachtessenstisch geblieben, sondern wurde auch wirklich umgesetzt! Gratulation! Ein Schritt der sicherlich Mut gebraucht hat, umso schöner dass es sich nicht im Sand verlaufen hat sondern immer weiter ausgebaut werden konnte! Eine tolle Chance für jedermann der, sei es nur aus Interesse oder aus unzufriedenheit im Job, sich einen Einblick in eine andere Sparte ermöglichen will. Und dank den einfacheren Umschulungsmöglichkeiten und den vielen verschiedenen Ausbildungswegen die sich uns heutzutage bieten, kann man seinem Berufswunsch einfacher folgen! Zum Glück! Denn es ist für viele junge Leute sehr schwierig, bereits so früh genau zu wissen, was man später einmal machen will! Und für diejenigen, die sich vergriffen haben, bietet diese Platforn eine ausgezeichnete Lösung, den gemeinten Wunschjob auch einmal am eigenen Leib erfahren zu können. Sich vor Ort ein Bild zu machen und nicht nur in einem Gespräch zu hören, was zu einem passen könnte. Nur Schade ist da noch die Preisbarriere… Teilweise wirklich hohe Preise! Hoffentlich gibt es noch mehr unterstützung und hoffentlich bleibt das Projekt am Leben und kann noch vergrössert werden, was die Preise vielleicht noch ein wenig drücken könnte! Aber TOP Idee! Gratulation!!!

  5. Roland Strauss sagt:

    Tolle Frau! Hübsch, intelligent, verheiratet, sozial und ein Machertyp. Davon brauchen wir noch viel mehr und nicht so Giftzwerge wie Alice Schwarzer.

  6. Jacques Zimmer sagt:

    Die Idee ist nützlich, aber zum Geld verdienen wohl weniger geeignet. So etwas sollte eigentlich der Staat anbieten, im Rahmen der unentgeltlichen Berufsberatung. Oder sonst könnte ja auch jeder selber bei einem Arbeitgeber anrufen und fragen, ob er vielleicht mal gratis etwas in einem bestimmten Beruf schnuppern könnte.

  7. will williamson sagt:

    Der Idee kann man etwas abgewinnen. Aber 185 Stutz um einen Tag lang ein paar Bienli summen zu hören ist eigentlich doch ein happiger Preis.

  8. Andreas sagt:

    Naja, Idee ganz okay…, aber wer dann mal die vergoldeten Preise studiert, der merkt, es ist ein Runing Gag und nicht als ernstgemeinte Berufswahl- oder Unterstützung zu verstehen. 1500.- CHF für einen Tag Helikopter-Pilot schnuppern? Und erst noch zu zweit? Ich weiss nicht? Dann kann ich auch gleich einen Rundflug buchen? Oder 450.- für Confiseur? Fazit? EIN TEURER FERIENPASS!

  9. daniela zumsteg sagt:

    klar, die preise mögen auf den ersten blick hoch sein, und man fragt sich vielleicht, ob einem das wert ist. aber ich gebe hier zu bedenken, dass ein termin beim masseur / therapeut / coiffeur nicht viel weniger kostet und man evtl. längst nicht so viel persönlich davon profitieren kann wir von einem totalen perspektivenwechsel… von daher: ich glaube, gut eingesetzt und überlegt kann sich das durchaus rentieren.

  10. waltraud aouida sagt:

    Sieht man den heutigen Arbeitsmarkt und die starre Vorgehensweise des AMS (Arbeitsmarktservice), dann ist das die Idee überhaupt. Oft ist es erst möglich seine Vorliebe für eine Arbeit kennenzulernen, wenn man sie einfach selbst in die Hand nimmt. Ich glaube viele AL würden Gefallen an der Idee und Durchführung mitbringen. Die Frage ist, wer organisiert dies und wäre das Arbeitsamt überhaupt bereit, selbst so flexibel zu sein, um diese Idee in die Realität umzusetzen.

  11. Heinz HAGER sagt:

    Auf die Idee muss man erst mal kommen.Aber dann kann es eigentlich jeder selber machen.Es braucht nur etwas Ueberwindung in den jeweiligen Betrieben nachzufragen.Sicher bekommt man auch Absagen.Aber wenn ich meine Arbeitskraft gratis zur Verfügung stelle,ist die Chance gross,dass ich mitmachen darf.Von einem Tag bis zu einer Woche,einfach genial.Es bringt ja beiden Seiten etwas,den Firmen und dem Schnupperer.

  12. Lisa W. sagt:

    @Roland Strauss: Was hat jetzt Fr. Everett’s Aussehen und dass sie verheiratet ist ihrer Intelligenz zu tun? ? Wäre Fr. Everett hässlich und nicht verheiratet wäre ihre Idee und ihre Projekt weniger wert? So ein Blödsinn! Ich habe auch zwei Firmen bin sehr gutaussehend, verheiratet und habe sogar noch zwei Kinder (zu bieten)… Und hatte keine finanzielle Hilfen um mein Leben aufzubauen >:( Ich finde das Projekt gut und wie schon Hr. HAGER erwähnte – mit etwas Eigeninitiative aber sehr gut selber zu lösen! Beisst einem ja schliesslich niemand den Kopf ab, wenn man bei einer Firma nachfragt einen Schnuppertag absolvieren zu dürfen (und den Koch hätte man auch fragen können wie eine Tomatensuppe weiss wird – nämlich dadurch dass man sie durch eine Gazewindel passiert).

  13. lukas sagt:

    hübsche dame!