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«Reagan und Gorbatschow haben mit uns Weltgeschichte geschrieben»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 2. Juni 2012
Carole Hübscher

Carole Hübscher

So bekannt die Farbstifte aus dem Hause Caran d’Ache sind, wo wenig wusste man bisher über das traditionsreiche Unternehmen. Patron Jacques Hübscher gab in 30 Jahren an der Spitze nur ein einziges Interview. Nun übernimmt Carole Hübscher von ihrem Vater das Präsidium. Die 45-Jährige will offensiv kommunizieren, worin sich Caran d’Ache von der viel grösseren Konkurrenz unterscheidet.

Frau Hübscher, Ihr Vater war 30 Jahre lang der starke Mann bei Caran d’Ache. Wie viele Interviews hat er in dieser Zeit gegeben?

CAROLE HÜBSCHER: Mein Vater gab keine Interviews. Doch, einmal hat er eine Ausnahme gemacht. Das Resultat war für ihn enttäuschend, sodass er es danach wieder bleiben liess.

Nun übergibt Ihr 76-jähriger Vater Ihnen die Verantwortung – und Sie brechen gleich am ersten Tag an der Spitze mit der Familientradition der Verschwiegenheit. Haben Sie vor, alles anders zu machen als Ihr Vorgänger?

Nein, keineswegs. Wir sind zwei verschiedene Persönlichkeiten, haben eine ganz andere Laufbahn hinter uns. Auch die Welt hat sich verändert. Es reicht heute nicht mehr aus, qualitativ hochstehende Produkte herzustellen. Es ist ebenso wichtig, sich zu öffnen und Geschichten zu erzählen. Bei Caran d’Ache können wir auf eine wunderbare Tradition zurückblicken. Seit 1915 begleiten die Produkte Generationen jeden Alters. Pablo Picasso und viele andere Künstler haben mit unseren Produkten gezeichnet und gemalt, Reagan und Gorbatschow haben mit einem Caran-d’Ache-Füllfederhalter in Genf das Ende des Kalten Krieges besiegelt und so mit uns Weltgeschichte geschrieben. Wir müssen keine Marketing-Storys erfinden.

Nur weiss das kaum jemand. Es ist paradox: Das Unternehmen hat über Jahrzehnte kaum kommuniziert, und dennoch kennt jeder Schweizer die Marke Caran d’Ache.

Mein Vater hat die Tugenden Understatement und Diskretion ziemlich perfekt verkörpert. Ich will einen anderen Weg beschreiten, der Firma ein Gesicht geben. Vor einem Jahr haben wir hier in Genf eine eigene Boutique eröffnet. Zunächst hatten wir Bedenken, ob wir damit unsere Vertriebspartner vor den Kopf stossen. Nun hat sich gezeigt: Ihre Absatzzahlen sind nicht gesunken, sondern gestiegen. Es ist sehr wertvoll, wenn man den Kunden direkt erzählen kann, dass man auch einzelne Farbstifte einer Schachtel nachkaufen kann. Oder dass ein Kind nicht krank wird, wenn es von unserer Farbe isst, weil wir keine schädlichen Materialien verwenden. Oder dass wir auch 60-jährige Kugelschreiber gerne reparieren, weil wir wissen, dass Emotionen damit verbunden sind.

Was ist Ihre erste Erinnerung an Caran d’Ache?

Ich bin als Säugling quasi in diese bunte Suppe gefallen und fand das wunderbar. Zu Weihnachten erhielten meine Schwester und ich die grosse Farbstiftschachtel. Die Farbpalette erinnert mich heute noch an meine Kindheit, an Bonbons, an Kinderzeichnungen, an eine heile Welt. Sie glauben gar nicht, wie oft uns Kunden von Kindheitserinnerungen erzählen – durch unsere Produkte bleiben sie mit dieser Zeit verbunden.

War Ihnen immer klar, dass Sie die Familientradition einmal weiterführen werden?

Nein, da haben auch Zufälle mitgespielt. Nach der Hotelfachschule wollte ich nach New York. Unser Vertriebspartner in den USA bot mir für zwei Monate einen Job an, es wurden dann zwei Jahre daraus.

Danach übernahmen Sie die Verantwortung für die internationalen Verkäufe in Genf. Warum haben Sie den Familienbetrieb nach sechs Jahren wieder verlassen?

Es schadet nichts, wenn man sich anderswo die Sporen abverdient, statt einen Job zu übernehmen, der einem auf dem Silbertablett präsentiert wird. Deshalb ging ich zu Swatch, wo mich Nicolas Hayek mit der Frage begrüsste: «Sie wollen also hier das Uhrmacherhandwerk lernen, um dann Caran-d’Ache-Uhren zu lancieren?» Ich entgegnete ihm, es gebe schon längst Caran-d’Ache-Uhren und ich sei nicht gekommen, um Swatch zu kopieren. Von da an vertraute mir Hayek, ich übernahm das internationale Marketing für die Marke Calvin Klein. Vieles von dem, was ich heute über Marketing weiss, habe ich bei Swatch gelernt.

Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Ihr Vater Sie gewähren lässt? Immerhin bleibt er als Ehrenvorsitzender im Haus.

Zum Glück! Als Patron in einem Familienunternehmen ist man manchmal sehr alleine. Ich bin dankbar, dass ich von der Erfahrung meines Vaters profitieren kann. Und dass er das grosse Büro geräumt und mir überlassen hat, halte ich für ein gutes Zeichen. Er ist auch mit 76 Jahren noch ein leidenschaftlicher Golf- und Tennisspieler, das hilft ihm sicher beim Loslassen. Ich habe im Sinn, eine sehr aktive Präsidentin zu sein. Unsere Familie gehört zu den drei Haupteigentümern, wir haben anlagetechnisch also alle Eier im gleichen Korb. Ich werde hier einen 100-Prozent-Job machen und eng mit dem Generaldirektor zusammenarbeiten.

Caran d’Ache produziert nicht nur Erzeugnisse für den Künstler- und Zeichenbedarf, sondern auch Schreibgeräte fürs Büro und Luxusprodukte wie Lederwaren oder Kugelschreiber, die fünfstellige Frankenbeträge kosten können. Profitieren Sie da wie die Schweizer Uhrenhersteller von der steigenden Nachfrage nach Luxusgütern?

Leider nicht direkt, unser Experiment mit Uhren haben wir schon vor längerer Zeit eingestellt. Der Markt der Luxus-Schreibgeräte ist anders, komplizierter. Aber auch wir merken, dass Asien einen enormen Hunger nach Luxus hat. Wir erhalten regelmässig über unsere Boutiquen Spezialbestellungen von Kunden, die etwas noch nie Dagewesenes wollen.

Wie lange werden wir überhaupt noch von Hand schreiben? Tablets und Smartphones machen den Kugelschreiber ja fast überflüssig.

Da mache ich mir keine Sorgen. Ich kenne niemanden, der gerne ohne Stift in der Tasche aus dem Haus geht. Zudem geht es – wie bei Luxusuhren – nicht nur um Funktionalität. Ein besonderer Kugelschreiber oder Füllfederhalter ist ein Statussymbol, vergleichbar den Manschettenknöpfen, der Krawatte oder der Uhr. Gerade kürzlich traf ich einen Sammler zum Mittagessen, der seine 2000 Kugelschreiber verkaufen will. Seltene Objekte sind sehr begehrt.

Sie beschäftigen gut 300 Mitarbeiter, die 90 verschiedene Berufe erlernt haben, und betreiben zwei Forschungs- und Entwicklungszentren. Kann man Kugelschreiber und Künstlerfarben immer wieder neu erfinden?

Man kann nicht nur, man muss. Wir produzieren hier alles selber, es ist wirklich 100 Prozent Swiss Made – auch die Plastikschälchen, die als Behälter für Malfarben dienen, machen wir selber. Das hat den Vorteil, dass wir sehr flexibel, schnell und unabhängig sind. Wenn ein Künstler mit einem Anliegen zu uns kommt, können wir rasch etwas Neues ausprobieren. Wir haben das Sortiment in den letzten zehn Jahren stark ausgebaut. Wenn man den Verkaufsstellen nicht alle paar Wochen etwas Neues bietet, werden die eigenen Produkte nicht mehr gesehen. Auch deshalb stellen wir uns immer wieder der Herausforderung, neue Materialien zu verarbeiten, etwa Kugelschreiber aus Chinalack und Keramik oder spezielle Stifte für Pastellmalerei, für die wir zwei Jahre Forschungsaufwand brauchten.

Bekannte Marken wie Pelikan, Cartier oder Montblanc haben alleine nicht überlebt – schliessen Sie einen Zusammenschluss oder Verkauf des Unternehmens aus?

Caran d’Ache ist ein Familienunternehmen und will es auch bleiben. Natürlich haben die Konzerne Vorteile bei der Materialbeschaffung oder bei den Marketingkonditionen, aber wir sind ganz glücklich damit, langfristig planen zu können und nicht alle drei Monate neue Zahlen vorweisen zu müssen. In Sachen Qualität, sozialer Verantwortung und schonendem Umgang mit Ressourcen sind wir Pioniere – und diese Werte werden immer wichtiger. Zudem hängt die Schweizer Bevölkerung sehr an Caran d’Ache.

Haben Sie einen Exklusivvertrag mit den Schweizer Volksschulen?

Nein, wir stellen uns Jahr für Jahr einem harten Wettbewerb. Da Lehrer und Schüler seit Jahrzehnten die Qualität schätzen, spielt sich der Wettbewerb glücklicherweise nicht nur auf der Preisebene ab. Im Übrigen sind wir nicht um Welten teurer als die internationale Konkurrenz, aber das Swiss Made hat seinen Preis.

Stimmt es, dass Sie rund 100 Millionen Franken Umsatz erzielen im Jahr?

(lacht) Ich kommuniziere zwar offener als mein Vater, aber solche Zahlen kommentiere ich nicht.

Verraten Sie wenigstens, wie viele Bleistifte Sie pro Jahr herstellen?

Sie könnten mit unseren Bleistiften jeden Tag eine kleine Strasse von Genf nach Rom verlegen – das muss reichen als Anhaltspunkt.

 

Caran d’Ache – Schweizer Tradition, von Russland inspiriert

Der Anfang war schwierig: Die 1915 gegründete Firma «Fabrique de Crayons Ecridor» produzierte in Genf zwar hochwertige Bleistifte, florierte wirtschaftlich aber nicht. 1924 übernahm Arnold Schweitzer, ein Börsenmakler aus St. Gallen, das Unternehmen. Da Schweitzer ein Bewunderer des russisch-französischen Karikaturisten Emmanuel Poiré war, machte er dessen Pseudonym Caran d’Ache (von russisch «Karandasch» = Bleistift) zum neuen Firmennamen. Unter Schweitzer entwickelte Caran d’Ache erste Farbstifte zur Colorierung von Schwarzweissfotos, 1929 gelang dem Unternehmen mit der Entwicklung des ersten Minenhalters der Welt der internationale Durchbruch. Heute ist das Unternehmen mit Hauptsitz im Genfer Vorort Thônex in 90 Ländern im Fachhandel vertreten. In Deutschland, Frankreich und Japan betreibt Caran d’Ache Tochtergesellschaften. Der wichtigste Markt bleibt die Schweiz. Alle Caran-d’Ache-Produkte – Künstlerbedarf, Bürobedarf und Luxusartikel – werden ausschliesslich in der Schweiz produziert. Das Unternehmen beschäftigt insgesamt gut 300 Mitarbeiter und gehört im Wesentlichen den drei Genfer Familien Hübscher, Reiser und Christin. Umsatz- und Gewinnzahlen werden keine veröffentlicht. Carole Hübscher übernahm am 30. Mai das Verwaltungsratspräsidium von ihrem Vater Jacques Hübscher, der 52 Jahre im Unternehmen tätig war, die letzten 30 an der Spitze. Carole Hübscher ist seit 2002 im Verwaltungsrat. Zuvor war sie unter anderem für Swatch und eine Brandingagentur tätig. Die 45-Jährige ist verheiratet und hat drei Töchter. (mmw)

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14 Kommentare zu “«Reagan und Gorbatschow haben mit uns Weltgeschichte geschrieben»”

  1. Karin sagt:

    Interessanter Artikel! Schade, dass man ihn nur mit der Suchmaschine findet – wenn man direkt auf den Artikel auf der Hauptseite klickt, kommt eine Fehlermeldung: Seite nicht gefunden. Ich hoffe, Sie können dieses Problem baldmöglichst beheben.

  2. Paul Jenni sagt:

    Immer wieder grossartig, von Unternehmen zu lesen, die schlicht keine Lust haben, zum Spielball der Börsen zu werden. Caran d’Ache weiterhin viel Erfolg!

  3. Jean Louis Magron sagt:

    Caran d’Ache ist ein Erfolgs Produkt das mir und meine Kinder das Leben Tagtäglich erfreuen.
    Wir leben in Cabo San Lucas Mexiko und wünschen ihnen Madame Hubscher viel Erfolg, nur das Beste im Leben und viel Spass.

  4. Studer Sacha sagt:

    Ein swiss made Proukt mit dem ich aufgewachsen bin und ich (40) kaufe die Farbstiften heute noch, da sie nicht dauernd eine gebrochene Mine haben. Meine Kinder und ich koennen damit zeichnen und nicht nur spitzen. Ein gutes Produkt aus einer top schweizer Firma!
    PS: Hab mir auch einen Caran d’Ache Fuellfederhalter gekauft damit ich das schrieben nicht verlerne 😉
    (Wohnhaft in Australien)

  5. josef baumgartner sagt:

    Frau Hübscher, schön, dass es sie noch gibt, Unternehmer(innen), die nicht nur swissmade angeben sondern die produkte samt und sonders auch in der Schweiz herstellen, den Arbeitern einen fairen Lohn zahlen und nicht in Betracht ziehen, den billigsten Preis als ausschliessliches Kriterium nehmen. Schön, auch, dass es auch Kunden gibt, die nicht nur immer das billigste kaufen, sondern auch auf die Qulität schauen. Viel Erfolg in ihrem Unternehmen!

  6. Stefan Hunkeler sagt:

    Faszinierend, ich ziehe den Hut vor Carole Hübscher! Eine Firma mit 300 Mitarbeitern, exportorientiert, 100% swiss made und offensichtlich sehr erfolgreich – genial. Es ist erfreulich, dass Carole Hübscher sich nun auch nach “aussen” öffnet, denn ich glaube, die ganze Schweizer Industrie kann von Caran d’Ache viel lernen, wie im harten internationalen Wettbewerb gekämpft werden kann. Schade (oder eben zum Glück….) kann man keine Caran d’Ache-Aktien kaufen.

  7. Gil Stamberger sagt:

    Familienbetriebe – und sicher solche mit Qualitätsprodukten – formen die echte und reale Ekonomie. Nicht von der Börse abhängig zu sein ist von unschätzbarem Wert um langfristig zu arbeiten. Caran d’Ache, auch für mich eine Firma die ich beinahe von der Geburt an kenne, ist eines der vielen Vorbilder. Auch für die Mitarbeiter ist es meistens angenehmer in einem Familienbetrieb zu arbeiten; Stabilität, mehr als eine Nummer zu sein, persönlichere Kontakte, gehören zu den Vorteilen. Viel Erfolg im zweiten Jahrhundert Caran d’Ache!

  8. Hertgens Hans-Joachim sagt:

    Bravo, Bravo, Bravo! Familie Hübscher hat es vorgemacht: Konstanz und Engagement als Basis des Erolge. Ich bin auch einer derer, die voller Stolz, hier in Brasilien, seinen Caran D’Ache zückt und damit Dokumente signiert!t

  9. Tamborini sagt:

    Ich finde es sensationell, dass wir in der Schweiz zwei solche Firmen haben wie Caran d’Ache und Swatch. Wir können stolz sein. Herzliche Gratulationen

  10. Walter Scharnagl sagt:

    Habe vor 41 Jahren ein Silberset 925 Kugelschreiben und Füllfeder gekauft und schreibe immer noch begeistert damit.
    Von den vielen Buntstiften für meiner Kinder und Enkelkinder gar nicht zu reden.
    Vielen Dank an Familie Hübscher

  11. Ruedi Rohr sagt:

    Frau Hübscher, grüezi,
    Mich würde interessieren, ob die Farbstifte von Genf nach Rom längs oder quer zur Strasse hingelegt werden – immerhin ein Anhaltspunkt.
    Dafür verrate ich Ihnen – falls Sie es noch nicht wissen – dass “kara tasch” in türkisch auf deutsch “schwarzer Stein” also früher auch Bleistift heisst.
    Weiterhin viel Erfolg
    Ruedi Rohr

  12. will williamson sagt:

    Wenn Gorbatschow mit einem Caran d’ Ache Schreiber die Abkommen unterschrieben hat, müssen Hübschers aufpassen, dass man sie am Schluss nicht noch für die Auflösung der Sowjetunion verantwortlich macht. Der Schweiz wurde ja auch vorgeworfen, sie habe mit den Lieferungen an Nazideutschland den zweiten Weltkrieg verlängert.

  13. Sabinillas sagt:

    Sehr sympathisch! Doch nun werde ich ein Satz Caran d’Ache kaufen.

  14. Brunner sagt:

    Soldaten der Schweiz, die damals ,als Reagen und Gorbatschov sich in Genf getroffen haben,, aktive Dienst leisteten, bekamen einen Kugelschrieber von Caran d’Ache mit Gravur.